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StartseiteBüchermarktJedi-Ritter der Kritik26.06.2021

1977 als Beginn der GegenwartJedi-Ritter der Kritik

Im Jahr 1977, so der Zürcher Historiker Philipp Sarasin, begann unsere Gegenwart, weil der Glaube an die Moderne verloren ging. Der Deutsche Herbst und Apple II, Menschenrechte und New Age, Disco, Punk und "Star Wars" läuteten eine neue Ära der Orientierungssuche ein.

Von Jörg Später

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Das Buchcover von Philipp Sarasin: „1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ vor einer Fotografie von der Beerdigung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer  (Buchcover Suhrkamp Verlag / Hintergrund picture alliance / AP | PETER HILLEBRECHT)
Das Jahr 1977 liest Philipp Sarasin als Zäsur: Hier die Beerdigung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 25.10.1977 (Buchcover Suhrkamp Verlag / Hintergrund picture alliance / AP | PETER HILLEBRECHT)
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1977 war ein Wendepunkt in der Geschichte, ein besonderes Jahr, eines, dem man ein eigenes Buch widmen sollte, der Beginn unserer Gegenwart! Diese Aussage überrascht auf den ersten Blick. Sicherlich, wer hat nicht den Deutschen Herbst vor Augen mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut und der Todesnacht der RAF-Terroristen in Stammheim.

Wettbewerb der Jahreszahlen

Manche erinnern sich auch noch an den Erdnussfarmer Jimmy Carter. Wer dabei war, wird auch den Beginn der Star Wars-Filme im Kino auf dieses Jahr datieren und natürlich "Saturday Night Fever" mit John Travolta. Aber sonst? Und was hat das mit unserer Gegenwart zu tun?

Zudem hat der Potsdamer Zeithistoriker Frank Bösch vor zwei Jahren ja gerade erst behauptet, "1979" habe die Welt von heute begonnen – mit Thatchers Neoliberalismus und der Islamischen Revolution im Iran. Andere Historiker verweisen auf 1973, als die internationale Währungsordnung von Bretton Woods zusammenbrach und die Ölkrise die wirtschaftliche Rezession beschleunigte. Es scheint einen Wettbewerb der Jahreszahlen zu geben. Warum nun 1977?

"1977 startete die RAF ihre ‚Offensive 77', wurde in Paris das Centre Pompidou eröffnet, in Kalifornien der Apple II lanciert – und das Internet erfunden. Was bedeuten diese merkwürdigen Gleichzeitigkeiten? Warum sprachen zur selben Zeit Jimmy Carter von den ‚human rights', Schwarze Aktivistinnen von ‚identity politics', Esoteriker von ‚New Age' und Architektinnen von ‚symbolischen Formen? Warum gleichzeitig Punk, Disco und Hip-Hop? Und warum sagte Michel Foucault 1977: ‚Wir müssen ganz von vorne beginnen'?"

Gewissheiten der Moderne

Das Internet und die Digitalisierung, Identitätspolitik und Esoterik und Foucault als Verweis für das Gefühl, in der Postmoderne zu leben – das sind gewichtige Elemente, die Sarasin anführt, um 1977 zu exponieren. Aber führt die Geschichte eines Jahres, das mit einer Zahl verbunden ist, nicht zu Zahlenmystik, die den Zufall und historische Kontingenz eliminiert, nach der immer auch alles anders kommen kann? Skepsis ist also geboten, wenn Ereignisse aus verschiedenen Kontexten in einen Zusammenhang gebracht werden.

Dennoch muss man, wenn man kein langweiliger positivistischer Chronist sein will, über Zusammenhänge von Gleichzeitigkeiten (und auch von Ungleichzeitigkeiten) nachdenken, wenn man etwas über den sogenannten "Zeitgeist" oder die "Lage der Zeit" oder schlicht: über "Geschichte" herausfinden will. Ansonsten würden wir uns ja ohne Sinn und Verstand in einem Chaos und Gewimmel von Begebenheiten bewegen. Ein bisschen Spirit und Spukgeschichten für Erwachsene können also durchaus klüger und sehender machen.

Maßgeblich für das Gelingen einer kohärenten Erzählung ist die überprüfbare und kritisierbare Argumentation, die sich unter anderem darauf stützt, welche Perspektive der Erzähler oder die Erzählerin einnimmt und welche Ereignisse denn nun ausgewählt worden sind. Sarasin begründet sein 1977er-Buch so:

"Im Fall des Jahres 1977 und mit Blick auf die westlichen Gesellschaften entsteht ein Bild von tiefgreifenden Verschiebungen, Veränderungen und Brüchen im Gefüge der Gegenwart. Die Gewissheiten der Moderne und der Glaube an die fortgesetzte ‚Modernisierung' durch sozialstaatliche Steuerung waren ebenso in eine tiefe Krise geraten wie der Glaube an die Revolution. Zeitgleich aber entstand eine neue technische Kultur, die personal und ‚vernetzt' sein sollte, während unruhige Geister begannen, jenseits der traditionellen Deutungsangebote von Massenmedien, Wissenschaft und konfessionalisierter Religion nach ‚Sinn' zu suchen."

Ankommen in der Postmoderne

Die 1970er-Jahre waren laut Sarasin ein Jahrzehnt der Verunsicherung. Ganz Europa wurde von einer Wirtschaftskrise erfasst, und doch stieg der Wohlstand: Immer größere Autos wurden angeschafft, endlich kam ein Farbfernseher ins Haus, dann eine Hi-Fi-Anlage und für die Mutter ein Geschirrspüler, ein Wäschetrockner und jede Menge Tupperware, die bis heute gehalten hat.

Globale Erschütterungen wie der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems von Bretton Woods oder die Entindustrialisierung der Kohl- und Stahlländer Westeuropas beendeten die Phase des Wohlfahrtskapitalismus, während die Wellnessgesellschaft im Westen gleichwohl prosperierte und die Institutionen des demokratischen Kapitalismus stabil wie Beton waren. Eher gingen diejenigen, die 1968 von Spätkapitalismus gesprochen hatten, im "roten Jahrzehnt" in marxistisch-leninistischen-maoistischen Sekten oder eben der RAF den dogmatischen Bach hinunter.

Dabei unterwanderte der antiautoritäre Impuls gleichwohl die westlichen Gesellschaften. Alles war unübersichtlich, instabil, komplex – die "neue Unübersichtlichkeit" eben, die Jürgen Habermas wenig später konstatierte. Am Ende der 1970er also sprach man über die Orientierungslosigkeit und fühlte man sich in der "Postmoderne" angekommen. Sarasin nennt dieses Empfinden einen "Strukturbruch".

Fünf Nekrologe und ein Inspirator

Wäre das Buch ein Film, so hätte Sarasin bereits einen kongenialen Soundtrack zusammengestellt. Pop und Apokalypse waren in den 1970ern ein Paar. Die Playlist reicht von "Gimme Shelter" der Stones über "The End" von den Doors bis zum "Road House Blues":

"Well, I woke up this morning
And I got myself a beer.
The future's uncertain
And the end is always near?"

Der Zürcher Historiker weist mit fünf Nekrologen auf fünf Lebenswege, die 1977 enden. Mit diesen fünf Personen – berühmte wie der Philosoph Ernst Bloch, bekannte wie der Wirtschaftsminister Ludwig Erhard oder hierzulande weniger oder unbekannte wie die Schriftstellerin Anaïs Nin und der Schriftsteller Jaques Prévert sowie die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Fannie Lou Hamer – werden Strukturelemente der sogenannten Moderne beleuchtet, die auf Allgemeinheit und Universalisierung angelegt sind und nun an ihr Ende gelangen.

Dabei sind es weniger die weltpolitischen Ereignisse als vielmehr die tiefen gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, wissenschaftlichen und technologischen Verschiebungen und Brüche in Westeuropa und Nordamerika, die Sarasin interessieren und die sich in seinen Augen im Jahr 1977 bündeln und verdichten. Der Autor macht einen Schnitt durch den Strom der Zeit, einen Querschnitt der Regelmäßigkeiten, um ein Standbild zu erzeugen. Sarasins Inspirator bei all dem ist Michel Foucault.

"Es gibt keine Machtbeziehung, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld etabliert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert."

Psychowellen und Sexualitätskonzepte

Foucault ist gleichzeitig ein wichtiger Akteur des Buches. Er wartet hinter jeder Ecke und schiebt sich immer wieder ins Bild. Um im 1977er-Bild zu bleiben: Foucault ist der Yedi-Ritter der kritischen Seite der Macht! Kein Wunder, denn Sarasin ist nicht nur "Wissens"-Historiker und Foucault-Koryphäe, sondern gilt als Experte für alles, was unter "Bio-Politik" gefasst wird, ein Begriff, der bekanntlich vom französischen Machttheoretiker stammt und Disziplinar-, Kontroll- und Herrschaftstechniken über Bevölkerungen und Menschen meint.

Mit diesem theoretischen Marschgepäck lassen sich Psychowellen, Sexualitätskonzepte, Drogenmärkte und Kulturmaschinen bestens beschreiben – die gesamte Software der transzendental obdachlosen, sinnsuchenden westlichen Überflussgesellschaft, die in den 1970er-Jahren im Zeichen des Wassermanns, von Gurus wie Bhagwan oder von Marktliberalen wie Milton Friedman standen, die den Markt schützen wollten wie Ökos die Natur. In der Krise oder besser: in Agonie stand aber vor allem die linksradikale Szene im "Herbst der Revolution":

"Ein Philosoph, Ernst Bloch, wurde zu Grabe getragen. Die um ihn trauerten, priesen ihn als Denker der Revolution und der nie erloschenen Hoffnung auf ein besseres, menschengerechteres Leben in einem künftigen Sozialismus. Wenige Wochen später, im Herbst, scheiterte der Versuch einer selbsterklärten revolutionären Avantgarde, der RAF, ihre inhaftierten Führungskader aus dem Gefängnis freizupressen. Es war mehr als nur das Scheitern einer kleinen Gruppe. Viele realisierten, dass der moderne Traum von der Revolution, wie auch der Verstorbene ihn nie aufgegeben hatte, ausgeträumt war."

1977 als Zäsur

Den Tod Ernst Blochs, des idealistischen Materialisten und einstigen Philosophen der Oktoberrevolution, den 3000 Studierende am Abend vor der Beerdigung mit einem Fackelzug durch Tübingen ehrten, als hätte es nie Nazis gegeben, verbindet Sarasin mit dem "Deutschen Herbst". Beides zusammen signalisiere das Ende des modernen Traumes von der Revolution, heißt es.

Tatsächlich markiert "1977" eine Zäsur, nämlich das Ende der Neuen Linken in Westdeutschland, wobei zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch wenige der "68er"- und SDS-Nachfahren noch an eine Revolution glaubten und die Hoffnung auf den Sozialismus ebenfalls im Schwinden begriffen war. Insofern folgt Sarasins Diagnose eines Strukturbruchs einer Binnenperspektive dieser deutschen und auch der französischen und italienischen Neuen Linken in der hochkapitalistischen Gesellschaft. Revolutionen gab es allerdings nach 1977 gleichwohl noch, sie waren allerdings nicht mehr – insofern hat Sarasin recht – mit der Urrevolution des modernen Europas, der Französischen, verbunden.

Rassismus und Sexismus als Realität

Das Ende dieser Tradition verdeutlicht Sarasin durch Kameraschwenks nach Italien zu den Eurokommunisten und nach Frankreich. Der "Rote Oktober", also die Vorstellung, die Französische Revolution gehe weiter zunächst durch die sowjetisch-bolschewistische und dann durch das globale 1968, verblasste – nicht nur durch das Fiasko des "bewaffneten Kampfes" der linksfühlenden Desperados, sondern durch Integration und Verwestlichung der Kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs. Statt der Revolution standen nun die Menschenrechte auf der Agenda:

"Die Geschichte der Moderne war eine Geschichte der ungelösten Spannung zwischen der Erfindung der Menschenrechte als dem Versprechen universeller Gleichheit und den schmutzigen Realitäten von Rassismus und Sexismus. Die Schwarze Frau, die von den Zwanziger- bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts im black belt lebte, wusste jedenfalls, wie schwierig es sein konnte, sich auf die Universalität des Rechts zu beziehen."

Sarasin zeigt, wie der Menschenrechtsdiskurs sich durchsetzte: einerseits durch Carters propagierte interventionistische Menschenrechtspolitik von oben, die natürlich verbunden war mit Machtinteressen, andererseits aber auch durch die beharrliche Arbeit von Amnesty International von unten.

Da bereits Identitätspolitik

Wer hier von Menschenrechten sprach, erhob das traumatisierte Opfer und den postideologischen Aktivisten zu den Idealfiguren der vorgestellten globalen Zivilgesellschaft. Und zugleich formierte sich die Identitätspolitik in jener Zeit, da ja nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze gesellschaftliche Gruppen unterdrückt, diskriminiert, verfolgt wurden. Zuvorderst Frauen, weshalb sich in Folge des Menschenrechts- und Opferdiskurses der Feminismus artikulieren und organisieren konnte, dem spezifisch weibliche Erfahrungen zugrunde lagen, nicht zuletzt Gewalterfahrungen. Der Begriff der ‚identity politics' stammt vom feministischen Combahee River Collective aus dem April 1977.

Aber auch die Vordenker der Neuen Rechten und heutigen Identitären orientierten sich in jenen Siebzigern neu und fanden um den französischen Intellektuellen Alain de Benoist ein Substitut für den nicht mehr legitimen Rasse-Begriff, nämlich "Kultur", um die Vorherrschaft der weißen Nationen, soziale Hierarchien und autoritäre Denkmuster zu verteidigen. Der Unterschied zwischen rechter und linker Identitätspolitik – auch das wird in diesem Buch deutlich – besteht freilich in der Frage, wie sie es mit der Gleichheit der Menschen halten: Die rechte will die Ungleichheit zementieren, die linke sich dagegen wehren (verliert aber meistens das bessere Ziel: die Aufhebung von Gruppenidentitäten aus den Augen).

"Es zeichnete sich mithin schon in dieser diskursiven Konstellation des Jahres 1977 ab, dass der politische Antagonismus zwischen einerseits der Anerkennung, andererseits der Leugnung von Gleichheit und Nichtterritorialität aller Menschen künftig zur entscheidenden Demarkationslinie zwischen ‚links' und ‚rechts' werden würde, zur Trennlinie, die den alten Klassengegensatz in dieser Rolle ablöst. An ihr würden sich künftig daher auch der Wunsch nach Befreiung und der Wille zur Macht scheiden."

Ein Trip ins New Age

Äußerst innovative Einblicke finden sich in den Kapiteln, die sich den Lebenswelten und Alltagskulturen widmen. "Die Reise zu sich selbst" heißt ein solcher Trip Advisor und führt uns ins New Age. Hier sieht man, wie sehr das politische Identitätsdenken geistige und spirituelle Unterströmungen hatte. Die neue Subjektivität, der Psychoboom, Esoterik und eine globalisierte Spiritualität schufen nicht nur neue Märkte, sondern auch Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, die mit Achtsamkeit gehegt und gepflegt wurden – bis heute.

"1977" besticht zudem mit faszinierenden Ausflügen ins kalifornische Sillicon Valley, mithin in die Gründerzeit des Personal Computers und des Internets – also dorthin, wo der westlichste Westen und der östlichste Osten sich trafen, wo sich die allerausgeklügelste Physik mit der östlichen Mystik vereinte wie Kathode und Anode, Yin und Yang, These und Antithese. Ganzheitlichkeit plus Authentizität plus Selbstverwirklichung hinzugenommen – und die wundersame Reise ins New Age, wo alles mit allem zusammenhängt, zeigt, wo so manches herkommt, was heute unsere Lebenswelt bestimmt, beseelt und verdinglicht. Eine solche Ich-Suche erlebte zum Beispiel der revolutionäre Hippie Jerry Rubin:

"In fünf Jahren, von 1971 bis 1975 habe ich jede Menge Erfahrungen gesammelt mit Erhard Seminar Training, Gestalttherapie, Bioenergie, Rolfing, Massage, Jogging, Gesundheitsnahrung, Tai Chi, Esalen, Hypnose, Modern Dance, Mediation, Silva Mind Control, Arica, Akupunktur, Sextherapie, Reich'sche Therapie – mit einem bunten Strauß von New Consciousness-Kursen. Ich stand um 7 Uhr morgens auf, joggte zwei Meilen, eilte dann vom Modern-Dance-Kurs zu den Tai-Chi-Übungen, gefolgt von einer Stunde Yoga und Schwimmen, um danach ein ‚organic meal' einzunehmen."

Sarasins Matrix

Sarasins Matrix seiner Geschichte von "1977" besteht aus den Elementen Revolution, Recht, Sex, Kultur und Markt. Sein Pendel schlägt immer dann an, wenn es um Kraftfelder der westlichen Moderne geht, deren Abgesang die postmodernen französischen Philosophen in jenen Jahren begonnen hatten anzustimmen. Mit einigem Recht, denn die großen Erzählungen, die Geschichtsphilosophien, die linearen Zeitvorstellungen verloren in diesen Jahren entscheidend an Legitimation, wahrscheinlich unwiderruflich.

Sarasin nennt dies "das Ende der modernen Allgemeinheiten". Die Revolutionsutopien der Neuen Linken zerbarsten – nicht allerdings woanders, etwa im Iran der Islamischen Revolution und in Nicaragua mit der sandinistischen Revolution 1979, von den Revolutionen im sowjetischen Machtbereich ab 1989 ganz zu schweigen.

Der Kapitalismus allerdings erlebte in jenen 1970ern tatsächlich einen Formwandel, der bis in die Gegenwart reicht: Neoliberalismus und Finanzkapitalismus sind hier die Stichworte, Marktradikalismus und Monetarismus. Denn darum geht es Sarasin ja gerade: um eine Vorgeschichte der Gegenwart.

Einlassen auf die Show

Wenn Geschichte aber eine Frage der Gegenwart an die Vergangenheit ist, hätte man das eine oder andere Thema gerne stärker exponiert gesehen: das Mensch-Natur-Verhältnis, die Ökologie und die Grenzen des Wachstums zum Beispiel oder die Fluchtbewegungen und Migrationssysteme, die schon damals den globalen Norden und erst recht den Süden beschäftigten.

Nun gut, eine kurze Geschichte über alles und jeden will man auch nicht unbedingt lesen. "1977" folgt keiner arkanen Zahlenmystik, weder Hokuspokus noch eine Verschwörung wird hier präsentiert. Es handelt sich um ein konventionelles und umsichtiges geschichtswissenschaftliches Buch über die 1970er-Jahre – mit bestimmten Verdichtungen, Flucht- oder Ausgangspunkten im oder um das Jahr 1977 herum, alles bezogen auf die westlichen Länder. Wahrscheinlich hätte man ein ähnliches Buch über 1975 und 1978 schreiben können – das über 1979 gibt es ja bereits.

Aber wenn man das Buch nicht mit so strengen Augen lesen will, dann ist es kein Fehler, sich einfach mal von Sarasins Verknüpfungen entführen zu lassen. Einem Zauberer schaut man ja auch nicht dauernd auf die Finger. Man wäre töricht, wenn man sich nicht auf die Show einließe – vor allem auf die gedankliche Möglichkeit, dass dieses Jahr 1977 doch irgendwie besonders, begnadet, verzaubert, mit einer Aura umweht war. Die Konzentration auf 1977 ist ein legitimes heuristisches Mittel in literarischer Absicht, um mittel- und längerfristige Entwicklungen auf den Punkt, oder besser: auf ein Jahr zu bringen.

Philipp Sarasin: "1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart"
Suhrkamp Verlag, Berlin. 502 Seiten, 32 Euro.

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