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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWer den Marxismus in die Welt brachte22.01.2018

200. Geburtstag von Karl MarxWer den Marxismus in die Welt brachte

Karl Marx hat mit seinen Gedanken die Welt des 20. Jahrhunderts geprägt. Das hätte bei seinem Tod 1883 niemand erwartet. Kaum jemand hatte zu diesem Zeitpunkt seine sperrigen Schriften gelesen. Die Historikerin Christina Morina erzählt in "Die Erfindung des Marxismus", wie ein paar junge Menschen die Ideen von Marx verbreiteten.

Von Michael Kuhlmann

Der Philosoph Karl Marx (imago stock&people)
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Marx ist die Theorie - Murks ist die Praxis. So lautete ein schon in den Siebzigerjahren verbreitetes Bonmot. Historisch war das etwas schief - denn von jeher hatte Karl Marx bei seinen Ideen immer auch die politische und gesellschaftliche Praxis im Auge behalten. Christina Morina erinnert:

"Denken war für Marx immer auch eine Form des Handelns. Sich den Menschen auf diese Weise gottgleich als Ausgangs- und Endpunkt der Gesellschaftskritik vorzustellen, hieß 'radikal' sein. Diese Ansicht lag im Kern des Selbstverständnisses marxistischer Intellektueller. Und sie rechtfertigte damit auch die Verwandlung des Marxschen Namens in einen sowohl analytischen als auch programmatischen Begriff: Marxismus."

Vom bürgerlichen Idealisten zum marxistischen Revolutionär

Dazu beigetragen haben die Denker, die Christina Morina in ihrem Buch portraitiert. Sie wurden von Marx geprägt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Es sind neun an der Zahl: zunächst Eduard Bernstein und Karl Kautsky, zwei geistige Väter der SPD. Dann die Franzosen Jean Jaurès und Jules Guesde und der Österreicher Victor Adler. Eine zweite Gruppe kam aus Osteuropa: die Polin Rosa Luxemburg sowie die Russen Georgi Plechanow, Peter Struve und Lenin.

Alle neun stammten aus gutsituierten bürgerlichen, dabei politisch wachen und idealistisch geprägten Elternhäusern. Als junge Erwachsene entdeckten sie Marx. Die Autorin umschreibt das näher:

"Die Marx-Aneignung im Kontext der ersten politischen Erfahrungen der Protagonisten würde ich weder als Konversion bezeichnen, noch war sie das Ergebnis eines dezidierten Entschlusses. Eher erscheint sie als ein langwieriger intellektueller und emotionaler Approbationsprozess. Eine Art tertiäre Sozialisation."

Deshalb, so Morina, könne man die neun nur verstehen, wenn man ihre Lebenswelten unter die Lupe nehme: die Herkunft und Schule, die jugendlichen Leseerfahrungen. Dann die eigentliche Sozialisation und die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Und schließlich das Engagement - die Protagonisten verfochten gewissermaßen den Sozialismus in einer neuen Dimension.

"Sie glaubten, dass der Marxismus den Sozialismus aus der Ecke der Sozialkritik und damit aus der ideologischen Defensive auf das weite Feld der Gesellschaftspolitik und damit in die ideologische Offensive getrieben habe. Vom Notruf zum Programm, vom Formulieren der Sozialen Frage zu deren Lösung, vom Utopismus zum Realismus. Ein wichtiger Grund dafür, dass sich der Marxismus ab 1880 so rasant ausbreitete."

Vom Feldforscher bis zum Bücherwurm

Man kann die neun laut Christina Morina in unterschiedliche Kategorien einordnen - wohlgemerkt idealtypisch verstanden: Da ist erstens der Feldforscher. Er interessiert sich für das Leben der Menschen und beginnt sich dann zu engagieren. Wie Victor Adler, der als Armenarzt und Fabrikinspektor in Wien arbeitete und sich für Lebenserleichterungen der Arbeiter einsetzte. Gerade für Adler, auch für Jean Jaurès und Eduard Bernstein war der Marxismus weniger ein Dogma als ein moralisches Prinzip.

Zweitens gibt es den Abenteurer: Er will in Aktion treten, will die Menschen agitieren. Plechanow zum Beispiel - er wurde zum Pionier des Marxismus in Russland; und auch Lenin fiel mit in diese Kategorie.

Morinas dritter Idealtypus ist der Bücherwurm. Er lebt weit weg von den unterdrückten Arbeitern in Bibliotheken und Redaktionsstuben, entwickelt abstrakte Theoriegebäude. Auf Karl Kautsky traf dies zu, auch auf den liberal denkenden Marxisten Peter Struve und teilweise auf Luxemburg und Lenin.

Streit unter den jungen Marxisten

In vielen Details lagen die neun über Kreuz: Victor Adler etwa setzte auf den Parlamentarismus, Rosa Luxemburg auf Zusammenbruch und Revolution. Mit solchen Auseinandersetzungen und starren Zielsetzungen entfernte sich der Marxismus rapide von seinen einstigen Wurzeln in der westlichen Aufklärung. Die Autorin geht darauf nicht näher ein; auch nicht auf die Folgen starrsinnigen Festhaltens an einer Ideologie: Statt die Einwände von Zweiflern konstruktiv zu verarbeiten, schmorte ein Wladimir Iljitsch Lenin im eigenen Saft. Zu verlockend aber war wohl die Hoffnung, auf der Basis monolithischer Dogmen die Welt zu verändern. Denn:

"Dieser Ideenkorpus versprach sowohl eine realistische Partizipations- als auch eine plausible Machtperspektive. Dabei entsprach die relative Vagheit in Bezug auf die Strategie und Taktik der Ambivalenz der ihr zugrunde liegenden Revolutionsvorstellung. Beide Elemente trugen dazu bei, dass der Marxismus als eine Art blueprint in den verschiedensten Kontexten als Weltanschauung, Sozialwissenschaft und Politikentwurf adaptiert werden konnte."

Neun Lebenswege zum Marxismus

Christina Morina hat ein detailliertes geistig-biographisches Panorama dieser ersten Marxisten-Generation gezeichnet. Zwar sind deren politische Ideen bekannt. Morina zeigt jedoch im Detail, wie sich diese Ideen aus der individuellen Lektüre der Marx- und Engels-Texte und aus der Lebenserfahrung herausbildeten. Das Buch erklärt, warum die brillante Denkerin Rosa Luxemburg bei der Gründung der KPD 1919 auf verlorenem Posten stand - sie war mit dem aktionistischen Parteivolk niemals warmgeworden. Oder welche Motive Karl Kautsky und Eduard Bernstein getrieben hatten - deren eher reformorientierte Ideen in der SPD noch viele Jahre lang eine Rolle spielten. Und das Buch erläutert, warum Marx' Thesen bei den Protagonisten so begeisterten Anklang fanden. Morina skizziert:

"Erstens fungierte Marx als Entdecker, der auf wissenschaftlicher Grundlage den Schlüssel zur Lösung der Sozialen Frage gefunden hatte. Zweitens wurde er als Erleuchter der Besitzlosen gesehen, der einen hoffnungslos idealistischen Kampf in die politische Offensive gebracht hatte. Und drittens wirkte Marx als Erbauer: Er formulierte Emotionen auf eine Weise, wie es seinerzeit keiner vor ihm und vielleicht nur Engels mit und nach ihm konnte."

Ohne die Protagonisten des Buches freilich hätte sich der Marxismus so nicht verbreitet. Man muss dessen Geschichte nicht umschreiben; aber Christina Morinas Studie vermag umfassender zu erklären, auf welchem Wege diese neun zu Gedanken fanden, die die Welt eines ganzen Jahrhunderts geprägt haben.

Christina Morina: "Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte"
Siedler Verlag, 592 Seiten für 25 Euro.

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