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StartseiteKultur heuteDie Wahrheit der Vielstimmigkeit30.03.2019

200 Jahre Theodor FontaneDie Wahrheit der Vielstimmigkeit

Theodor Fontane hätte vermutlich getwittert. Die Galionsfigur des literarischen Realismus im wilhelminischen Kaiserreich ist in der Jubiläumsausstellung in Neuruppin neu zu entdecken: Als gewiefter Medienmanager, passionierter Vielschreiber und akrobatischer Wortarrangeur.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Das Foto zeigt den Kopf der Bronzestaue von Theodor Fontane vor einer begrünten Baumkrone. (picture alliance / Jens Kalaene / dpa-Zentralbild / ZB)
Theodor Fontane als bronzenes Denkmal im Stadtzentrum von Neuruppin. (picture alliance / Jens Kalaene / dpa-Zentralbild / ZB)
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Die pure Lust am Plaudern und die Ordnung der Wirklichkeit mithilfe der Sprache, das sind zwei wichtige die Grundmotive in Theodor Fontanes vielfältigem Werk. Die Ausstellung legt deshalb den Schwerpunkt auf die Präsentation und die Analyse von Fontanes Texten und ihrer Entstehung. Dazu die Kuratorin der Ausstellung: "fontane 200/ Autor" Heike Gfrereis:

"Fontane war ja Theaterkritiker, Kunstkritiker, Militärberichterstatter, Reiseschriftsteller und eben spät dann auch Romanautor. Wie sieht der Schreibtisch von so jemandem aus, was hat er im Kopf?"

Das zentrale Kapitel der Schau heißt dementsprechend "Schreiben. Fontanes Kopf". In Glasvitrinen sind 52 Notizbücher des Vielschreibers und obsessiven Materialsammlers zu besichtigen. Es bleibt aber nicht bei der bloßen Präsentation von Autographen. Wie akrobatisch Fontane Szenen, Figuren und Handlungsverläufe collagierte, seine ausgeprägte Schreibökonomie, ist an den Exposés seiner Romane auf großflächigen Drucken abzulesen. An einem Medientisch blättert man in digital lesbaren Nachbildungen seiner zumeist kaum zu entziffernden Notizen und Zeichnungen. Es springt ins Auge: Fontane, dessen Romane eigentlich im Tempo einer gemütlichen Kutschfahrt erzählen, war ein Schnelldenker und Vielsprecher, meint Kuratorin Heike Gfrereis.

"Wenn man Fontane aber selber liest, sieht man genau diese Lust an Konversation, an Wortbildung, an Erzählen, an Plaudern. Das heißt, er ist tatsächlich auch einer, der ideal in Zeiten von Facebook, Twitter und Blogs ist, eben diese ganze Lust am Vielen Reden, am Diskurs. Und das andere sind seine Schreibtechniken. Wir kennen das ja vom Computer, das berüchtigte Cut-and-paste, findet sich eben bei Fontane auch schon."

Sprachspieler und Wortakrobat

Die Textanalyse und Werkgeschichte präsentiert die Schau vielfältig und überraschend lebendig: Das Kapitel "Mixen. Fontanes Wörter" zerlegt Sprache in kleinste poetische Einheiten und präsentiert Fontane-typische Wortkonstruktionen wie "Angstapparat", "Vortrefflichkeitsschablone" oder "Menschheits-beglückungsidee." Einen Raum weiter dann erhält man Einblick in Fontanes Lektüre und seine an den Textrand gekritzelten Anmerkungen. Ein Konversationslexikon und der so genannte Neuruppiner "Bilderbogen", auf dem Alltagszenen und Figuren abgebildet wurden, zeigen anschaulich die sprachlichen und inhaltlichen Quellen des Autors. Bei Fontane, das macht die Ausstellung klar, wird die Welt aus Sprache konstruiert, mit all ihrer Zweideutigkeit. Heike Gfrereis:

"Wenn man in der Sprache denkt, sieht man, was mit einem passiert. Man guckt die Welt einfach nochmal anders an, in der Regel mit einem Wort, das Fontane bezeichnet hat, nämlich mit "Heiteremdarüberstehen". Wer Spracharbeiter ist, wird eigentlich weniger aggressiv und fängt an, die Welt auch gelassener zu sehen."

Theodor Fontane war kein Sprach-Manipulierer, sondern vielmehr ein Sprachspieler, das zeigt die Ausstellung auch mittels der digitalen Literaturwissenschaft. Im Raum zum Hauptwerk "Effi Briest" wandelt der Besucher auf einem Bodenbelag mit den am häufigsten verwendeten Wörtern, die ein Computer aus dem Text gezählt hat. An einer Fensterscheibe sind die Satzzeichen der ersten drei Kapitel aus Effi Briest zu einem Strudel aus Anführungszeichen und Punkten angeordnet. Die Vielstimmigkeit der Romane, in denen Figuren zumeist in wörtlicher Rede Begebenheiten aus verschiedenen Perspektiven reflektieren, spiegelt auch die Idee der Ausstellung. An Medienportalen kommen Wissenschaftler und Autoren zu Wort, die Fontane je nach ihrer Façon lesen, und genau so hätte sich der Autor das wohl auch gewünscht – wollte er doch ausdrücklich keine "Lobkugeln in den Laib geschossen" bekommen und nannte augenzwinkernd die "Indifferenz" als seine hervorstechende Eigenschaft. Fontane wird in dieser Ausstellung sichtbar als Sprachkünstler, der nicht polarisiert, sondern vermittelt.

Frieden durch Sprache

"Da ist Fontane jemand, der Dinge nicht relativiert, um sie nichtig zu machen, sondern der deutlich macht: jedes Ding, das real ist, hat ganz unterschiedliche Perspektiven. Wir empfinden Sache ganz unterschiedlich. Genau diese Wahrheit des Gefühls kommt bei Fontane zur Realität dazu, aber nicht in manipulativer Absicht. Also von  daher würde ich ihn schon retten wollen vor den klassischen Fake News, wie wir sie von Trump kennen oder wirklich von Relotius, wo alles eines Effekts zuliebe manipuliert wird. Und Fontane hat ja auch immer so etwas wie eine Meta-Ebene dabei. Das heißt, er dekonstruiert auch immer sein eigenes Verfahren."

Als Autor verschrieb sich Fontane dem literarischen Realismus, als Journalist wiederrum verlieh er den faktischen Begebenheiten eine "Wahrheit des Gefühls". Die Jubiläumsschau präsentiert Fontane gekonnt als modernen Textarbeiter, der mittels Sprache Welten konstruiert, nicht um auszugrenzen, sondern um Vielstimmigkeit zuzulassen.

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