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StartseiteAus Religion und GesellschaftGottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident25.12.2019

200 Jahre "West-östlicher Divan"Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident

Johann Wolfgang von Goethe setzte sich in seinem Alterswerk "West-östlicher Diwan" intensiv mit dem Koran auseinander. Er bewunderte die unbedingte Ergebung in den Willen Gottes – und nahm sich viele dichterische Freiheiten.

Von Irene Dänzer-Vanotti

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In unterschiedlichen Farben sind einige Gingkoblätter vor einem dunklen Hintergrund aufgefächert. (imago/ Jan Merkle)
"Gingo biloba" heißt eines der bekanntesten Gedichte Goethes aus dem "West-östlichen Divan" (imago/ Jan Merkle)

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

Manfred Osten: "Er sagt es ja selber im West-östlichen Divan: Wenn Islam ‚gottergeben‘ heißt, leben und sterben wir alle im Islam."

Ulf Bästlein: "Wir wissen, dass Goethe die Bibel durchaus fast ganz präsent hatte. Und wir wissen, dass Hafis den Koran auswendig kannte. Was er eben an Hafis bewundert hat, das ist etwas, was er selbst auch kannte, das ist das Spiel mit diesen religiösen Chiffren, die er eben selbst ernst genommen hat."

Für den Dichter Johann Wolfgang von Goethe ist immer alles mit allem verbunden. Der Mensch, auch er selbst, ist stets im Austausch mit dem Göttlichen. Und auch die Religionen, die die Menschheit hervorgebracht hat, lassen sich aufeinander beziehen. Damit beschäftigt sich Goethe in seiner größten Gedichtsammlung, seinem Alterswerk: West-östlicher Divan.

Was er darin über den Islam und den Koran – aber auch über die Bibel, vor allem das Alte Testament, schreibt – ist bis heute gültig und kaum bekannt.

Reise durch Koran und Bibel

Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1819 veröffentlicht Goethe die Gedichte, die vom Werk des persischen Dichters Hafis inspiriert sind und dann dank der Gedichte für – und zum Teil von – seiner späten Liebe Marianne von Willemer eine Steigerung erfahren.

"Divan": den Titel übernimmt er von Hafis und schreibt ein Buch, das den Horizont erweitern will – den Horizont des eigenen Lebens, des Landes, der eigenen Religion. Sein Leitsatz ist:

Wer das Dichten will verstehen,
Muss ins Land der Dichtung gehen
Wer den Dichter will verstehen
Muss in Dichters Lande gehen.

Dass das Buch schwer zugänglich ist, erkennt Goethe selbst. Er verfasst deshalb 150 Seiten "Noten und Anmerkungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Divans". Sie sind eine geistige Reise durch den Koran und die Bibel.

In beiden sieht er Zeugnisse orientalischen Denkens, orientalischer Dichtung. Geradezu witzig schildert er etwa – aus dem Alten Testament - den Auszug der Israeliten aus Ägypten und rechnet akribisch nach, warum dieser keinesfalls 40 Jahre gedauert haben kann. Eine Geschichte Persiens und, wie nebenbei, der Welteroberung durch die Seefahrer fügt er hinzu.

Aber trotz dieser Erläuterungen ist der Divan ist kein Erfolg, nicht als er erscheint, nicht 100, nicht einmal 200 Jahre später, so Goethe-Forscher Manfred Osten:

"Dieses Buch lag noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit tausenden von Remittenden auf dem Dachboden bei Cotta. Und liegt dort im Geiste eigentlich immer noch."

Nicht zuletzt, weil selbst Goethe-Liebhaber die Gedichte und Texte für zu schwierig, für unverständlich halten. Das trifft aber längst nicht auf alle zu.

"Getretener Quark, wird breit nicht stark."

Auch diese Sentenz steht im West-östlichen Divan. Oder, poetischer, die Erkenntnis:

Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe:
Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden /…

Der Divan vereinigt Gedichte unterschiedlichen Tons, verschiedener Themen. Heiterkeit, Melancholie, Vordringen in die Sphären der Religion und schwärmerischer Liebe gehen ineinander über:

"Man schwebt zwischen Orient und Okzident, man schwebt zwischen Deutschland und Persien, zwischen Christentum und Islam, übrigens auch zwischen Poesie und Wissenschaft, durch die Noten, die noch angefügt sind."

Der Sänger und Germanist Ulf Bästlein:

"Ich glaube es ist ein Kosmos. Hugo von Hofmannsthal hat gesagt, es ist eine Bibel für ihn. Und wer würde sich anheischig machen zu sagen, ich habe die ganze Bibel verstanden oder gelesen. Nein, man schlägt es auf! Und Thomas Mann hat von einem "Zug in die Weltweite" gesprochen, finde ich sehr passend."

Im Dialog mit Hafis

Die Weltweite erschließt sich Goethe nach 1800 zunächst in Büchern. In den Orient ist er nie gereist. Er beschäftigt sich mit dem Werk des persischen Dichters und Mystikers Hafis.

1812 erscheint die erste vollständige Übersetzung von dessen Werken auf Deutsch.

Hafis ist um 1315 im persischen Schiras geboren. Hafis ist eigentlich kein Name sondern ein Ehrentitel für diejenigen, die den Koran auswendig können. Dass er das kann, rettet ihn immer wieder, denn seine Gedichte wirken im Persien des 14. Jahrhunderts durchaus anstößig, mehrmals entgeht er einem Todesurteil, einer Fatwa.

Der "West-östliche Divan" ist in zwölf Bücher eingeteilt. Das zweite ist das Buch Hafis.

Goethe gestaltet es weitgehend als Gespräch mit dem Dichter, der zeitlich und räumlich so fern, in Gedanken aber so nah ist, dass er ihn seinen Zwilling nennt.

Daher geben diese Gedichte auch eine Ahnung von Goethes eigener religiöser Identität. An Hafis gewandt schreibt er:

Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!
Das wollen sie Dir nicht zugestehn.

Ohne fromm zu sein, selig werden – das ist auch einer der Wesenszüge von Goethe selbst. Er lässt sich von keiner Weltanschauung vereinnahmen.

In seinem 82-jährigen Leben durchlebt er verschiedene Stadien der Religiosität. Bleibend ist aber, dass er im Betrachten, im Staunen über die Natur immer wieder das Göttliche, das Eins-sein, seine Seligkeit findet.

Im (berühmten) Religionsgespräch in seinem Drama "Faust" sagt dieser auf die Frage von Gretchen "Nun sag‘ wie hast Du’s mit der Religion?" über Gott:

Der Allumfasser,
Der Allererhalter,
Fasst und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Erfüll davon Dein Herz, so groß es ist,
und wenn Du dann in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie Du willst –
Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür. Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

Ein hinreißendes Bild dafür, dass das Zentrum des Göttlichen verdeckt ist. Der Anblick Gottes würde den Menschen nur blenden – ganz so wie der ungeschützte Blick in die Sonne blendet. Und die Sonne – wie alle Phänomene der Natur - hat für Goethe göttliche Qualität.

"Name ist Schall und Rauch,

Umnebelnd Himmelsglut."

Davon lässt sich der Sänger vieler Goethe-Vertonungen, Ulf Bästlein, inspirieren:

"Das fällt bei ihm ja immer in Eines: Gott und die Welt, Geist und Natur, Idee und Materie. Das sind Einheiten. Und deshalb, wenn man sich viel mit Goethe beschäftigt, verändert man den Blick auf die Welt!"

Achtsamkeit ist Leben

"Um das Göttliche in der Natur zu erkennen, muss man das Sehen lernen."

Sagt Manfred Osten. Er ist selbst ein Mensch mit einem weiten Radius, war Diplomat, ist Musiker und Goethe-Kenner. Goethes Haltung gegenüber der Natur findet er heute wieder modern.

Sie wird aber– kurioserweise – weniger mit europäischen oder gar orientalischen Traditionen in Verbindung gebracht als mit asiatischen, besonders mit dem Buddhismus. Manfred Osten weist darauf hin, Goethe habe -

"... ein Leben lang die Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit geübt /… /, was wir heute erst entdecken, dass die Achtsamkeit ein so hohes Gut ist. Das ist, was am Anfang steht, wenn man Goethes Verhältnis zum Göttlichen verstehen will, dass er sagt: Achtsamkeit ist das Leben!"

In seinem Buch "Goethe und das Glück" schildert Manfred Osten die Konsequenz des Dichters in seiner Haltung. Diese Haltung unterstellt Goethe auch Hafis.

"Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!"

Es geht Goethe in der Suche nach Nähe zu Hafis auch um die Lebenshaltung der Demut. Des Lebens Fluss ist vorbestimmt. Schon oft hat Goethe geschrieben, der Mensch müsse leben "nach dem Gesetz, wonach (er) angetreten". Im Divan gibt er geradezu eine Anweisung hierzu:

Prüft das Geschick dich, weiß es wohl warum:
Es wünscht Dich enthaltsam! Folge stumm.

Und diese dieses Sich-Fügen in das, was man für Gottes Willen hält, findet Goethe im Islam:

"Er sagt es ja selber im West-östlichen Divan: Wenn Islam ‚gottergeben‘ heißt, leben und sterben wir alle im Islam. Goethe war derjenige, der vor allen Dingen durch Spinoza der Ansicht ist, dass das, was in der Bibel steht, auch für uns zutrifft, nämlich der Determinismus. Ein naturfrommer Determinisimus."

Für Goethe ist der eigentliche Islam:

"Die unbedingte Ergebung in den Willen Gottes, die Überzeugung, dass niemand seinem einmal bestimmten Lose ausweichen könnte."

Diese Einstellung schränkt ihn aber nicht in seiner Freiheit ein. Im Gegenteil. Sie befreie ihn von Sorgen, sagt Manfred Osten:

"Und daraus resultiert für Goethe eine ungeheure Ermutigung im Dasein. "

Diese Möglichkeit, sich in sein Schicksal hineinfallen zu lassen, verbindet Goethe sogar mit einem geradezu überschwänglichen Lobpreis der Schöpfung:

Was machst Du an der Welt, sie ist schon gemacht.
Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht.
Dein Los ist gefallen verfolge die Weise,
Der Weg ist begonnen, vollende die Reise,
Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht,
Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.

(Divan, Buch der Sprüche)

Erstaunen und Verehren

Aber auch wenn er sich in Zustimmung zum Schicksal dem Islam nahe fühlt, liest Goethe den Koran bei weitem nicht gleichmütig:

"Er sagt, der Koran werfe eine dunkle Glaubenshülle über den Menschen."

Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck streng, furchtbar, stellenweis wahrhaft erhaben. /…/

Grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt. (Divan, Noten, Mahomet)

Er schätzt den Propheten Mohammed – im Stil seiner Zeit nennt er ihn Mahomet – weil er immer die Notwendigkeit des Glaubens auslotet. Dass er sich allerdings gegen jede Poesie wendet, verurteilt Goethe natürlich.

Die Strenge des Islam, und überhaupt eines religiösen Lebens, würdigt Goethe an einer Stelle, die in ihrer Eindeutigkeit erstaunt:

Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens.

Alle Epochen, in welchen der Glauben herrscht, unter welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen, in denen der Unglaube, in welcher Form es auch sein, einen kümmerlichen Sieg behauptet, /.../ verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag.

Selten urteilt er so entschieden. Die Aussage erklärt aber vielleicht, warum er das allumfassende Göttliche in der Welt sieht. Er schreibt das in Sätzen, die ganz ähnlich im Koran stehen:

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei von seinen hundert Namen
Dieser hochgelobet! Amen.

Gott im Atem

Gott ist für ihn aber nicht etwa nur in Orient und Okzident, sondern vor allem im Menschen, in der ursprünglichsten Lebensäußerung: Im Atem.

"Er ist ja derjenige, der es gewagt hat, Gott im Atmen zu erkennen, wo er im Grund anschließt an die persische Mystik. Wo es ja heißt: 'Im Atemholen sind zweierlei Gnaden – das sind ja Gnaden wohlbemerkt.'"

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.

"Und dann kommt das Erstaunliche: 'Du danke Gott…'"

Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.

Das Bild passt ganz in Goethes Wahrnehmung von der Welt. Er sieht überall Gegensätze am Werk, die sich beeinflussen, bedingen, zu einem Gemeinsamen streben, um voran zu kommen. Einatmen, ausatmen – das ist der erste Gegensatz, der Leben ermöglicht.

So wenig sich Goethe einer Glaubensrichtung, einer Konfession, gar einer verfassten Kirche zugehörig fühlt – er wurde protestantisch geboren, aber auch das spielt keine große Rolle – so sehr bewahrt er sich doch eine Freude am Glauben – aller Widrigkeiten zum Trotz.

In einem der ersten Gedichte des Divans bekennt er, er lebe ...

Trotz Verneinung, Hindrung, Raubens
Mit dem heitren Bild des Glaubens

Darin vor allem sieht er die Verbindung zum persischen Dichter Hafis.

Und so gleich ich Dir vollkommen!

Und eben nicht den religionsfernen Menschen seiner eigenen Umgebung, von denen er sagt, sie lebten im Überfluss, verhungerten in der Fülle. Manfred Osten:

"Das ist die Gegenwelt für Goethe gewesen, der Orient. Wir verhungern in der Fülle und er sah dort eben diese Gottergebenheit in Schicksal und dadurch eine Ermutigung auch der Jugend."

Verhungern in der Fülle? Das scheint ja eher ein Problem der Menschen heute zu sein, als der Vorfahren in der noch kargen Zeit vor 200 Jahren.

Buch der Liebe

Aber: Religion ist nicht alles! Der "West-östliche Divan" ist in gleicher Weise ein Buch der Liebe!

"Der Divan ist darüber hinaus ein ungeheurer Versuch, die Poesie der Liebe ins Zentrum zu rücken und damit die mystische Tradition der Liebe unmittelbar zu Gott aber auch zu den Menschen."

Durch eine glückliche Fügung ist dieser andere große Quellgrund, die große Leidenschaft und Liebe des Verhältnisses von Goethe zu Marianne von Willemer, getreten.

Goethe ist Mitte 60, als er nach langer Abwesenheit wieder einmal in seine Heimatstadt Frankfurt reist.

Dort begegnet er Marianne Jung, einer Ziehtochter seines Freundes Johann Jakob Willemer, später von Willemer. Marianne und Willemer heiraten bald. Sie wird später eine von Goethes großen Lieben. Dennoch verlässt er sie wieder, worüber sie nur schwer hinweg kommt.

Allerdings: Marianne ist die einzige Frau in seinem Leben, die ihm ebenbürtig dichtet. Sie tauschen – füreinander entflammt – schwelgerische Verse aus, nennen einander bei orientalischen Namen – er ist Hatem, sie Suleika.

Auch ihre Gedichte nimmt Goethe in den Divan auf. Ohne sie jedoch als Autorin zu nennen und sie selbst verschweigt ihren Beitrag Zeit ihres Lebens. Erst nach Mariannes Tod und 50 Jahre nach Erscheinen des Buches wird das Geheimnis gelüftet.

Seither weiß man, dass sie zum Beispiel dieses kurze Gedicht – ganz im Goethe-Ton - verfasste:

Die Liebe behandelt mich feindlich
Da will ich gern gestehn:
Ich singe mit schwerem Herzen.
Sieh doch einmal die Kerzen,
Sie leuchten, indem sie vergehen.

Das Gingko-Blatt

In einem der bekanntesten Gedichte des West-östlichen Divans vereint Goethe alle Themen, die ihn als 70-Jährigen beschäftigen:

Poesie und Prosa, Liebe und Selbstreflexion, die Anziehung von Ost und West. Es ist dem Gingko-Blatt gewidmet.

Ein Gingko-Baum in Heidelberg, unter dem er mit Marianne von Willemer stand, soll ihn dazu inspiriert haben:

Dieses Baumes Blatt der von Osten
Meinem Garten anvertraut
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie‘s den Wissenden erbaut.
Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei die sich erlesen
Dass man sie als Eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern
Dass ich Eins und doppelt bin?

Der West-östliche Divan. Gedichte, die einfach schön sind. Sentenzen, aus denen Goethes Frivolität und Witz hervorlugen.

Ein Buch, das in seinem Prosateil gut 3.000 Jahre Weltgeschichte erzählt. Ein Werk, das – bis heute - neuen Aufschluss über Islam und Koran gibt.

Zum Beispiel wendet sich Goethe der Tatsache zu, dass der Koran etwa 300 Jahre lang ausschließlich mündlich überliefert wurde.

Was Ost und West, Okzident und Orient einander verdanken, wo sie sich nah sind, wo sie sich voneinander unterscheiden, wo sie nur als Gegensätze verständlich werden – davon handelt der Divan.

Bis heute werde er zu wenig als Buch des Verstehens und der Verständigung genützt, beklagt der Diplomat Manfred Osten.

"Immer der Versuch, das Gemeinsame zu betonen in der Ambivalenz – das ist einer der ganz großen Dialogansätze, die Goethe uns anbietet."

Der Sänger und Germanist Ulf Bästlein schätzt an dem Werk seine Leichtigkeit:

"Es ist ein Alterswerk – das Heitere, das Leichte. Heinrich Heine hat über den Westöstlichen Divan gesagt, das sei eigentlich viel zu leicht und glücklich, um Deutsch zu sein! Und das ist, was mich absolut fasziniert. Das ist überhaupt nicht mehr gebunden-sein an einen Art von Dichtung oder von Versmaß oder ein Thema – das öffnet! Das ist einfach Horizonterweiterung!"

So weit wird der Horizont, dass er sogar das Unvereinbare vereinbart: Den Koran und den Wein.

Goethe verordnet sich selbst "Moslimenpflicht", um daran zu glauben, dass der Koran eine Offenbarung sei. Zweifelsfrei aber stellt er fest, dass eines der Ewigkeit angehöre: der Wein. In weltlichen Dingen verbittet sich Goethe Einschränkungen von jeder Religion. Hugo Wolf hat das Gedicht vertont, das Ulf Bästlein singt.

"Ob der Koran von Ewigkeit sei?

Darnach frag ich nicht!

Ob der Koran geschaffen sein?

Das weiß ich nicht!

Dass er das Buch er Bücher sei

Glaub ich aus Mosleminenpflicht

Dass aber der Wein von Ewigkeit sei,

daran zweifle ich nicht."

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