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StartseiteKalenderblatt"Das Volkselend als Mutter aller Krankheiten"24.04.2021

200. Todestag des Sozialmediziners Johann Peter Frank"Das Volkselend als Mutter aller Krankheiten"

Sein Name ist weithin vergessen. Aber die Ideen des Mediziners Johann Peter Frank bilden wesentliche Säulen des modernen Sozialstaates. Kampf gegen Krankheiten hieß für ihn Kampf gegen Armut. Am 24. April 1821 starb der "Vater der Sozialhygiene" in Wien.

Von Andrea Westhoff

Johann Peter Frank auf einem Kupferstich um 1820 (picture alliance / akg-images )
Johann Peter Frank auf einem Kupferstich um 1820. Der deutsche Arzt gilt als Begründer eines sozialmedizinisch geprägten Gesundheitswesens (picture alliance / akg-images )
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Johann Peter Frank, der 1745 geborene Sohn eines Kaufmanns aus dem pfälzischen Rodalben, verbrachte lange Zeit seines Lebens im Umkreis europäischer Herrscher, stand nicht selten sogar an deren Bett: Er war zum Beispiel Leibarzt des Zaren Alexander I.; der österreichische Kaiser Joseph II. schätzte ihn ebenso als Berater wie Napoleon I. Doch Frank suchte die Nähe zur Macht nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern weil er schon als junger Arzt die Erfahrung gemacht hatte:

"Das Volkselend ist die Mutter aller Krankheiten. Viele davon können aber doch durch obrigkeitliche Vorsorge beseitigt werden."

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Hintergrund war, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts Infektionskrankheiten immer häufiger auftraten und sich in allen Bevölkerungsschichten ausbreiteten, erklärt der Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock:

"Dieses war eben nicht nur ein Problem, was in den Unterschichten präsent war, sondern: Man lebte in der gleichen Stadt zusammen. Man musste immer Angst haben, dass die Keime die Stadtgrenzen überspringen, und das gilt für Tuberkulose, das gilt aber genau auch für die großen Choleraepidemien, die wir in Hamburg und Wien und so weiter, und London, in diesen Jahrzehnten zu verzeichnen hatten, und das war dann der Beginn einer Bemühung um öffentliche Hygiene."

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"Hygiene" als Bemühen um gesunde Lebensverhältnisse.

Frank verstand "Hygiene" im antiken Sinne, wo sie einerseits die individuelle Körperpflege bezeichnete, aber auch das Bemühen um gesunde Lebensverhältnisse. Seine Vorstellungen legte er in dem sechsbändigen Werk "System einer vollständigen medicinischen Polizey" nieder – wobei der Begriff "Polizey" nicht die gleiche Bedeutung wie heute hat, so Rolf Rosenbrock:

"Sondern mehr im Sinne von policy, also Maßnahmenkatalog, zu verstehen ist, und der hat beschrieben, was der aufgeklärte absolutistische Staat tun muss, um seine Bürger zu schützen. Da war natürlich auch viel von Verhaltensregeln die Rede, aber da war auch schon von Stadthygiene die Rede und auch schon von Umwelt."

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Für ein Gesundheitswesen auf drei Säulen

So forderte Johann Peter Frank zum Beispiel mehr Grünanlagen in den Städten, Sportunterricht in Schulen und Pausen für Arbeiter; außerdem strenge Hygienevorschriften in Krankenhäusern, wo sich zu seiner Zeit ärmere Patienten oft ein Bett teilen mussten. Vor allem aber plädierte er für den Aufbau eines öffentlichen Gesundheitswesens, das auf drei Säulen ruhen sollte: 

"Nämlich erstens die Verpflegung bedürftiger Kranker, zweitens die Erziehung geschickter Ärzte und Wundärzte, drittens aber die Erweiterung der Heilwissenschaft ..."

Begründer der "Sozialhygiene"

In Wien, wo Frank unter Kaiser Joseph II. Direktor des Allgemeinen Krankenhauses war, konnte er einige seiner Pläne umsetzen. Aber er fand auch internationale Anerkennung: Als Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien und Professor an den Universitäten Göttingen, Wien, St. Petersburg und Pavia begründete er die "öffentliche Hygiene" als neuen Zweig der medizinischen Wissenschaft. Heute spricht man von "Sozialhygiene".

Die Kirchen und Aufklärer zum Gegner

Doch Frank hatte auch viele Gegner, die Kirche zum Beispiel, weil er – begeistert von den Ideen der Aufklärung – der christlichen Auffassung widersprach, dass Krankheiten von Gott gesandte Mahnungen oder Strafen seien.

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Die Aufklärer hingegen beschuldigten ihn, allzu sehr dem Obrigkeitsstaat nahezustehen. Mehrfach war er durch Intrigen und Verfolgung gezwungen, seine Wohn- und Arbeitsstelle zu wechseln.

Johann Peter Frank starb am 24. April 1821 im Alter von 76 Jahren in Wien. Dort hatte er in seinen letzten Jahren eine Poliklinik für Bedürftige betrieben und eine Privatpraxis, in der sich die höchsten Gesellschaftskreise und Prominente wie Beethoven und Haydn von ihm behandeln ließen.

Perversion der Sozialhygiene zur "Rassenhygiene"

Seine Grabstätte im Ehrenfeld des Wiener Zentralfriedhofs und Denkmäler an seinen zahlreichen Wirkungsstätten zeugen heute von der großen Verehrung für den deutschen Arzt und Sozialreformer. Allerdings war der in Deutschland lange Zeit fast völlig vergessen, sagt Gesundheutshistoriker Rolf Rosenstock:

"Natürlich ist das die große Tragödie in Deutschland, dass an die Stelle der Sozialhygiene durch die Nazis die Rassenhygiene gesetzt wurde. D.h. an die Stelle des Schutzes der Schwachen trat die Ideologie des Herrenmenschen, trat die selbsternannte Legitimation zum industrialisiert betriebenen Massenmord, und das war nun das ganze Gegenteil dessen, was mit Sozialhygiene gemeint war."

Erst seit den 1970er-Jahren wird wieder stärker daran erinnert, dass Johann Peter Franks Idee eines öffentlichen Gesundheitsdienstes eine wesentliche Säule des Sozialstaates ist – und ein unverzichtbares Mittel im Kampf gegen die immer noch gefährlichen Infektionskrankheiten.

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