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StartseiteKalenderblattJohann Heinrich Merck - Prototyp eines modernen Intellektuellen27.06.2016

225. Todestag von Goethes VerlegerJohann Heinrich Merck - Prototyp eines modernen Intellektuellen

Goethes Verleger Johann Heinrich Merck war ein brillanter Intellektueller, ein vielseitiger Schriftsteller und Naturforscher - und ein galliger Charakter voller Widerspruchsgeist. Den teuflischen Mephisto im "Faust" schuf Goethe nach Mercks Vorbild. Vor 225 Jahren nahm sich der Verleger in Darmstadt das Leben.

Von Christoph Schmitz-Scholemann

Der deutsche Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant Gustaf Gründgens als Mephisto in einer Szene von Goethes Faust II in einer von ihm im Jahr 1959 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszenierten Aufführung. (picture-alliance / dpa / Herold)
Gustaf Gründgens als Mephisto im Faust II in einer Aufführung von 1959 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Goethe schuf die Figur nach dem Vorbild seines Verlegers Johanna Heinrich Merck. (picture-alliance / dpa / Herold)

Als der 50-jährige Beamte Johann Heinrich Merck am 27. Juni 1791 mit einer Schusswunde in der Brust an seinem Schreibtisch tot aufgefunden wurde, verlor der Landgraf von Hessen-Darmstadt einen seiner fähigsten Berater - und Deutschland eine der ruhelosesten Gestalten seiner Literaturgeschichte.  

 "Er war lang und hager , hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin und wider ging, etwas Tigerartiges . Von Natur ein braver, edler Mann, hatte er sich gegen die Welt erbittert".

So schildert Goethe den zwiespältigen Charakter Mercks, nach dessen Vorbild er den verteufelt witzigen Mephisto im Faust-Drama schuf. Ulrike Leuschner, Leiterin der Forschungsstelle Johann Heinrich Merck in Darmstadt:

"Die beiden waren eng befreundet. Merck war acht Jahre älter als Goethe und hat den jungen Goethe an die Hand genommen. Goethe ist dafür sehr dankbar, äußert das auch in seinen Briefen sehr deutlich, wie gut das tut, dass Merck ihm in dieser Weise beisteht."

Es war Merck, der die Genialität des 20-jährigen Goethe erkannte, ihn zur Vollendung des Götz von Berlichingen antrieb und das Stück auch gleich drucken ließ. Kennengelernt hatten sich die beiden um 1770. Der am 11. April 1741 als Sohn eines Apothekers geborene Merck hatte sein gutbürgerliches Haus in Darmstadt für eine Gruppe junger Intellektueller und höherer Töchter geöffnet: die "Darmstädter Empfindsamkeit".

 "Man erging sich in der Natur, man spazierte im Wald, man machte kleine Bootsfahrten, man freute sich am Mond und an den Blumen und an den Bäumen."

Dieser hessische Ableger der europäischen Flower-Power-Bewegung des 18. Jahrhunderts liebte die Kunst; die jungen Menschen musizierten, reimten Ätherluft auf Rosenduft, sie schmachteten und weinten -  sogar der geborene Sarkastiker Johann Heinrich Merck dichtete Verse über die zauberhafte "Lila und ihr Lämmchen".   

 "Auf Rasen hingegossen
lag meine Lila da.
Und Wollust-Thränchen flossen,
als sie ihr Lämmchen sah."

Die "Empfindsamkeit" war nicht nur Tändelei. Sie markierte eine bewusste Abkehr von der Kälte und Sterilität der herrschenden Hofkultur. Und so entwickelten sich im Darmstädter Kreis auch stürmische Debatten über Philosophie und Literatur. Merck wurde Herausgeber einer Zeitschrift: Die "Frankfurter Gelehrten Anzeigen" machte er zu einem Forum, in dem Goethe, Herder und er selbst als "Polizeigediente des Literaturgerichts" darum wetteiferten, wer die respektlosesten Rezensionen und die witzigsten Verrisse zustande brächte. Merck wollte den "Staub von den Perücken der Kahlköpfe" fliegen sehen - auch wenn er sich selbst gern mit Perücke portraitieren ließ. 

 "Ich bezeichne ihn gern als Prototyp eines modernen Intellektuellen. Er hatte die Fähigkeit, die Gegenposition dialektisch mitzubedenken und zwischen den Zeilen die Aussagen zu unterlaufen."

Selbstmord aus vielerlei Gründen

Der Darmstädter Kreis indes zerstreute sich bald. Nur Merck, der früh geheiratet hatte und auf Familie hielt, blieb in Darmstadt. Viel Glück hatte er nicht. Fünf seiner Kinder sah er sterben. Einmal schrieb er:

"Ich behalte nun nichts übrig als einen armen Wurm von 13 Monaten, den ich beinahe nicht liebkosen mag, weil ich fürchte, er wird mir so gut aus der Tasche gespült wie alle die vorigen."

Immer wiederkehrenden depressiven Phasen zum Trotz arbeitete Merck weiter, nicht nur als Beamter. Er handelt mit Kunst, erforscht den Knochenbau der Elefanten, und er schreibt. Seinen Aussteigerroman, seine gallige Vers-Romanze über den Selbstmord und seine scharfsinnigen Essays, vor allem über die Kunstgeschichte, liest man auch heute mit Genuss. Im Frühling 1791 reist Merck frohgemut nach Paris. Im Auftrag des Landgrafen soll er die Revolutionäre ausspähen - und wird zum Entsetzen des Darmstädter Hofs ein begeisterter Jakobiner. Wenige Tage nach seiner Rückkehr schießt sich Johann Heinrich Merck eine Kugel in die Brust.

 "Mercks Freitod kann man sicher nicht monokausal sehen. Neben den politischen Verflechtungen gab es sicher auch körperliche, gesundheitliche Gründe. Der Autopsiebericht endet mit den Worten: 'Sein Herz war bis über die Mitte durch und durch aufgerissen.'"

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