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StartseiteKultur heuteEin Museum für "Erlebnisgeschichte"14.06.2019

25 Jahre "Haus der Geschichte"Ein Museum für "Erlebnisgeschichte"

Das "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" war ein Lieblingsprojekt von Helmut Kohl. Es sei von Anfang an um ein Angebot gegangen, nicht um "ein Geschichtsbild, das von oben oktroyiert" wurde, sagte der ehemalige Stiftungspräsident Hermann Schäfer im Dlf über das Haus.

Hermann Schäfer im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Das "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in Bonn (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Kohls Wunschmuseum in Bonn will deutsche Geschichte erlebbar machen (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
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O-Ton Helmut Kohl: "Die Bundesrepublik Deutschland entstand im Schatten der Katastrophe. Sie hat inzwischen ihre eigene Geschichte. Wir wollen darauf hinwirken, dass möglichst bald in der Bundeshauptstadt Bonn eine Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945 entsteht, gewidmet der Geschichte unseres Staates und der geteilten Nation."

Staatlich verordnetes Bild des Landes?

Maja Ellmenreich: In seiner ersten Regierungserklärung schon, 1982, formulierte Helmut Kohl seine Pläne für ein Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Weitere zwölf Jahre allerdings sollte es noch dauern, bis am 14. Juni 1994 in Bonn, an der dann sogenannten Museumsmeile, dieses Haus für die deutsche Zeitgeschichte auch tatsächlich eröffnet wurde. Das nicht ohne Kritik aus der Opposition, die infrage stellte, ob eine staatlich finanzierte Einrichtung nicht vielleicht auch ein staatlich verordnetes Bild des Landes zeichnen würde.

Auf den Tag genau vor 25 Jahren hat Helmut Kohl das "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in Bonn eröffnet. Präsident der Stiftung war damals Hermann Schäfer, der insgesamt knapp 20 Jahre die Institution geleitet hat. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt: Was haben Sie damals den Kritikern geantwortet? Konnten Sie verhindern, dass die damalige Bundesrepublik sich selbst feiert?

Ort der Selbstbesinnung

Hermann Schäfer: Das war eine heiße Diskussion in den damaligen Jahren. Der "Historikerstreit" spielte eine große Rolle im Hintergrund. Und tatsächlich haben wir die Möglichkeit gehabt, Gott sei Dank, über mehrere Jahre auch in Werkstattausstellungen zu üben. Um erstens die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, wie wir unsere Ausstellung machen, und zweitens auch einen Stil zu finden für das Publikum, das in Bonn zu erwarten war. Und damals waren das vor allen Dingen Besucher des Bundestages. Von daher haben wir viel Erfahrung sammeln können in dieser Übungsphase bis zur Eröffnung. Da hat auch immer eine große Rolle gespielt, dass wir davon überzeugen wollten: Es geht nicht um Feiern, sondern es geht um Selbstbesinnung, und es geht um ein Angebot zur Interpretation der deutschen Geschichte. Und nicht ein Geschichtsbild, das von oben oktroyiert werden soll.

Ellmenreich: Sie haben gerade gesagt, dass die Gäste, die den Bundestag besucht haben, Ihr Zielpublikum waren. Also haben Sie sich schon an das politisch interessierte Publikum gerichtet und hatten nicht das Ziel, diejenigen zu belehren beziehungsweise überhaupt erst mal zu informieren, die mit Geschichte so gar nichts am Hut haben?

Museum für Alltagsmenschen

Schäfer: Das ist eine der Grundentscheidungen gewesen, dass wir uns an ein breites Publikum wenden wollen. Alltagsmenschen habe ich immer gerne gesagt, weil wir beispielsweise auch durch Befragungen bei diesen Besuchern des Bundestages festgestellt haben, dass sie ein extrem hohes Selbstbewusstsein hatten in Geschichtsinterpretation. Wenn unsereins als Historiker sagt: Ja, meine Geschichtskenntnisse beurteile ich 2-3, dann war für uns ganz erstaunlich zu sehen, dass die Aussage auf diese Befragungen immer die Erkenntnis brachte, dass die Gäste, die wir hatten, ihre Geschichtskenntnisse mit "sehr gut" bis "gut" beurteilten - also mit einem hohen Selbstbewusstsein in ihrer eigenen Geschichtsinterpretation versehen waren, egal welche Parteien da eine Rolle spielten.

Ellmenreich: Aber die Realität sah anders aus. Eine 1 hat man sich selbst gegeben, aber nicht wirklich viel gewusst?

Schäfer: Das ist richtig, und deswegen ist auch die Entscheidung, sich an Alltagsmenschen zu wenden, ganz richtig. Das bedeutet natürlich, die Geschichte einfach zu interpretieren, nicht kompliziert die Sachverhalte zu machen, sondern möglichst so runterzubrechen, dass ein einfaches Publikum sie versteht. Wenn heute Museen sagen, sie wenden sich an ein gebildetes Publikum, dann ist das für mich eine Etage zu hoch. Ich finde, man muss sich an ein einfaches Publikum, an Alltagsmenschen sich wenden.

Ellmenreich: Kommen wir noch mal zurück auf die ganz, ganz frühen Anfänge. Das war ja ein Herzensprojekt von Helmut Kohl, wie wir es auch gerade gehört haben. Gab es denn solche Versuche der Einflussnahme von Regierungsseite?

"Gerüst von Gremien"

Schäfer: Helmut Kohl hat uns absolut freie Hand gelassen. Wir waren allerdings eingebaut in ein Gerüst von Gremien. Es gibt kein Museum, glaube ich, in Deutschland, das mehr Gremien hat. Wir haben einen wissenschaftlichen Beirat, wir haben einen Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen, und wir haben ein Kuratorium, das sozusagen die Aufsicht über alles führt. Aber die Gremien, in der Art und Weise, wie sie dann miteinander und mit dem Direktor, dem Präsidenten, zusammenarbeiteten, haben sich wiederum gegenseitig austariert. Natürlich haben die Religionsgemeinschaften andere Aspekte im Vordergrund sehen wollen als der Bund der Vertriebenen oder beispielsweise die Arbeitgeber. Aber dadurch, dass sie in den Gremien miteinander ringen mussten über Geschichtsinterpretation, hat sich manches dann wieder neutralisiert zugunsten der Interpretation, die die Wissenschaftler uns gegeben haben.

Ellmenreich: Eindeutig war es eine Interpretation von westdeutscher Seite aus. Aber man wollte von Anfang an die Geschichte beider deutschen Staaten darstellen. Der Name lautete trotzdem von Anfang an "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland". Wie passte das zusammen? Also doch ein eindeutiger Westfokus?

Mauerfall verändert Museum

Schäfer: Und der geteilten Nation – das haben wir eben ja auch gehört. Das ist ganz wichtig, dass die geteilte Nation immer mitgedacht worden ist in diesem Konzept. Aber natürlich war für uns ein ganz großer Einschnitt, als die Wiedervereinigung stattfand, mit der '82 und auch '88 noch niemand wirklich gerechnet hat. Von daher gesehen, haben wir dann unser Konzept doch wesentlich verändert und auch die Chance ergriffen, die wir bekommen haben, viel mehr Exponate aus der ehemaligen DDR zu zeigen. Das bedeutet: Was vielleicht vorher, sagen wir mal, mit 20 Prozent an Fläche gedacht war für die geteilte Nation beziehungsweise DDR, ist dann hinterher zu etwa 40 Prozent geworden, und die Tatsache, dass wir dann in Leipzig noch später eine Außenstelle gründen konnten, hat das noch mehr verbessert, diese Interpretationssituation.

Ellmenreich: Die geschichtlichen Ereignisse, die zeitgeschichtlichen Ereignisse haben Sie quasi eingeholt. Sie haben es gerade schon beschrieben. Keine zwei Monate nach dem ersten Spatenstich in Bonn fiel die Mauer, also eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde durchaus realistisch. Warum hielt man trotzdem an Bonn als Museumsstandort fest, tief, tief im Westen?

Schäfer: Weil die Entscheidungen gefallen waren. Weil das Gebäude längst im Bau war. Weil dieser Standort nicht falsch geworden ist dadurch, dass die Wiedervereinigung sozusagen im Raume stand. Und vor allen Dingen auch, weil letztendlich die Bundesrepublik sich noch nicht entschieden hatte, ob eine Hauptstadt Bonn oder Hauptstadt Berlin stattfinden würde.

Ellmenreich: Eines Tages, und zwar nicht in allzu ferner Zukunft. Aber hatte man sich dann entschieden, und dann stand Berlin sozusagen als Hauptstadt im Mittelpunkt.

Schäfer: Da hatten wir dann aber längst eröffnet.

Ellmenreich: Und es wurden trotzdem Konsequenzen draus gezogen. Andere Standorte wurden im Laufe der Zeit hinzugefügt.

Netzwerk von Geschichtsorten

Schäfer: Das ist das Schöne, dass wir sozusagen jetzt ein Netzwerk Stiftung Haus der Geschichte haben, zu dem Leipzig zählt als Zeitgeschichtliches Forum, eine Kulturbrauerei, in der vor allen Dingen DDR-Design ausgestellt wird in Berlin. Und vor allen Dingen auch den "Tränenpalast" als einen ungeheuer wichtigen historischen Ort, der in der Mitte von Berlin praktisch die Teilung in besonders lebendiger Weise schildert.

Ellmenreich: Sie erwähnen jetzt den "Tränenpalast" und das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig – das bringt mich doch noch mal zurück an die Anfänge. Es gab ja in Ostberlin seit Anfang der 50er-Jahre das Museum für Deutsche Geschichte, sozusagen das DDR-Geschichtsmuseum. War das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auch geplant als so eine Art, wie soll ich sagen, Gegenmuseum, um auch noch mal auf der anderen Seite etwas dem entgegenzusetzen?

Schäfer: Als Gegenmuseum würde ich es nicht bezeichnen. Aber die Tatsache, dass in der DDR über ein solches Museum Zeitgeschichte interpretiert wurde, das ist schon ein Beispiel gewesen, das muss man einfach sagen. Das Museum war ein, wie Museumkollegen gesagt haben, "museum of influence", das auch beeinflussen sollte, ganz bewusst. Von daher gesehen, war das ein Beispiel tatsächlich, an dem man Maß nehmen konnte. Nur haben wir in der Interpretation unserer deutschen Geschichte nicht diese ideologischen Aspekte zu berücksichtigen, wie das in der DDR-Ideologie passierte.

Ellmenreich: Machen wir einen großen Sprung: 20 Jahre lang haben Sie die Institution geleitet, jetzt seit einiger Zeit nicht mehr. Trotzdem, wenn Sie zurückblicken und sicherlich die Geschehnisse im "Haus der Geschichte" in Bonn nahe begleitet haben und immer wieder dort gewesen sind: Ist das eine einzige Erfolgsgeschichte des "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland"?

Aura der Originale

Schäfer: Also an einem solchen Jubiläum würde man nicht über Misserfolge sprechen. Aber ich glaube schon, dass die Erfolge dominieren. Die Besucherzahlen sind stabil geblieben, der Stil des Hauses, der sich über 20 Jahre bewährt hat, ist fortgeschrieben worden, aber im Wesentlichen der gleiche geblieben. Die Tatsache – und das ist ein ganz wichtiger Aspekt –, dass man auch anderswo inzwischen die Gestaltungselemente, die wir damals neu eingeführt haben, übernommen hat:  Das ist noch wichtiger als die hohen Besucherzahlen, würde ich mal sagen.

Wenn ich mich erinnere an die Diskussion zwischen '87 und '94, über die Frage, wie man Geschichte ausstellt, da muss ich dann doch auch sagen, dass ich ganz viel gelernt habe mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: von der Interpretationsweise, wie das in englischen und amerikanischen Museen passierte, die viel offener und viel lebendiger mit dem Thema umgehen. Wir haben den Begriff "Erlebnisgeschichte" eingeführt, den noch keiner verwendete damals, der aber heute landauf, landab gerne verwendet wird. Wir haben eingeführt, dass nicht nur Exponate ausgestellt werden, sondern eine ganz starke Interpretation mit insgesamt über 100 Medienstationen passiert, um die wechselseitige Interpretation von Objekt und Medien miteinander auf die Besucher wirken zu lassen. Das ist eine ganz wesentliche Grundentscheidung gewesen, die also praktisch Allgemeingut geworden ist.

Ellmenreich: Die Medien auf der einen Seite, auf der anderen Seite die inzwischen eine Millionen Objekte, meistens oder viele Alltagsgegenstände, die anhand der einzelnen Geschichte die große Geschichte erzählen: Haben Sie sowas wie ein Lieblingsausstellungsstück?

Adenauers Mercedes und Salonwagen

Schäfer: Da müsste ich so viele nennen, dass die Sendezeit nicht ausreichen würde. Es gibt schon viele, über die ich sehr glücklich bin, ob das der "Adenauer 300" ist, den wir damals in Amerika geholt haben, oder ob das der Salonwagen der Bundeskanzler ist, aber auch viele, viele kleine Dinge, ob das Parteiabzeichen sind oder der Typ des Füllhalters, mit dem das Grundgesetz unterschrieben worden ist. Es gibt viele Dinge, die mir am Herzen liegen.

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