Archiv

25 Jahre Ötzi-Entdeckung"Ich stand nicht vor einem Toten, ich stand vor einem sehr interessanten Objekt"

Als deutsche Urlauber vor 25 Jahren in Südtirol die Gletschermumie Ötzi entdeckten, gehörte Bergsteiger Reinhold Messner zu den Ersten am Fundort. Ihm sei sofort klar gewesen, dass es sich nicht um einen Bergsteiger gehandelt habe, sagte Messner im Deutschlandfunk.

Reinhold Messner im Gespräch mit Christiane Kaess | 19.09.2016

Reinhold Messner
Bergsteiger Reinhold Messner. (Imago / Eibner)
"Ich stand nicht vor einem Toten, ich stand vor einem sehr interessanten Objekt", erinnerte sich der 72-Jährige im Deutschlandfunk. Am Fund der ältesten Mumie der Welt beteiligt gewesen zu sein, bezeichnete Messer als "großes Glück". Dadurch habe er die Gelegenheit erhalten, einen Eindruck vom Leben der Menschen in der Kupferzeit zu bekommen.
Erika Simon stolperte beinahe in den Ötztaler Alpen über die im Schmelzwasser liegende Leiche. Sie glaubte, einen erfrorenen Skitourengeher entdeckt zu haben. Sie und ihr Mann Helmut prägten sich den Fundort ein und benachrichtigten den Wirt einer nahe gelegenen Hütte. Wenige Tage darauf erfährt das Paar aus Nürnberg: Sie haben eine Mumie gefunden. Die Geschichte vom "Ötzi" geht um die Welt. Wissenschaftler betrachten ihn als Glücksfall, sprechen vom Jahrhundertfund: eine fast unversehrte, knapp 5.300 Jahre alte Mumie- älter als Pharao Tutanchamun.

Das Interview in voller Länge:
Christiane Kaess: Es war genau vor 25 Jahren, da entdeckte ein Ehepaar aus Nürnberg beim Wandern am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen auf 3210 Metern eine Leiche. Wie sich erst später herausstellte, war das ein sensationell historischer Fund. Wegen des außergewöhnlich milden Klimas am 19. September 1991 war der Gletscher so weit zurückgegangen, dass er den "Mann aus dem Eis" freigab. Als Ötzi ist er auch mittlerweile weltbekannt. Er ist die älteste Mumie der Welt, 5300 Jahre alt, und keine Mumie ist wohl so gut erforscht wie diese. Man weiß, dass der Mann Fußpilz hatte, Borreliose, eine Lactose-Intoleranz oder erhöhtes Cholesterin.
Einer der ersten, die am Fundort damals waren, ist der Extrembergsteiger und Buchautor Reinhold Messner. Ich habe ihn vor der Sendung gefragt, ob er uns den Moment beschreiben kann, als er an der Fundstelle ankam.
Reinhold Messner: Ja, das kann ich. Ich bin da noch im Nebel aufgestiegen von der Hütte, weil ich dort erfahren hatte, dass da oben ein Toter liegt. Vermutet wurde Zweiter Weltkrieg oder Bergsteiger aus den 50er-Jahren. Und als ich nun zu dieser Leiche kam, die immer noch im Eis festgefroren war, sahen wir sofort, das ist kein Bergsteiger, denn allein die Schuhe wiesen nicht auf einen Bergsteiger hin. Allerdings konnte ich jetzt nicht das Alter abschätzen, aber ich habe dann unmittelbar danach in Südtirol einige Ämter verständigt und gesagt, ich wünsche mir, dass da ein archäologisches Team hingeht, weil es sich vermutlich um Archäologie handelt. - Ich stand nicht vor einem Toten, das muss ich zugeben. Ich stand vor einem sehr interessanten Objekt.
Kaess: Und trotzdem, Herr Messner, ist es ja dann zu Schäden bei der Bergung gekommen. Sie haben es gerade schon angesprochen: Er ist mit Presslufthammer und Pickel da rausgeholt worden. Später ist der Mumie auch noch der Arm gebrochen worden, als man sie in einen Sarg legen wollte. Aber man hätte doch zu diesem Zeitpunkt schon erkennen können, dass es hier um einen ganz anderen Fund mit einer ganz anderen Bedeutung sich handelt. Warum ist das nicht passiert?
"Den Streit habe ich nicht provoziert, sondern ich habe ihn im Grunde gelöst"
Messner: Das war beim Gerichtsmediziner. Es ist ein Gerichtsmediziner gerufen worden. Das ist auch der Beweis dafür, dass man das nicht in die Archäologie gesteckt hat, sondern eher in die Verbrechensforschung. Und dieser Gerichtsmediziner war der Meinung, das kann nur ein Bergsteiger sein, und er hat gar nicht Acht gegeben. Professor Spindler, der erste Archäologe, der dann von diesem Befund Wind gekriegt hat, hat durch Zeitungsartikel, die durch meine Aussagen erschienen sind, angenommen, da könnte wirklich was dran sein, und er hat aufgrund meiner Aussagen gesagt, wenn der Messner sagt, das ist Archäologie, muss ich mich darum kümmern. Aber da war es schon zu spät, da war der Arm schon gebrochen, weil man diesen Toten oder diese Mumie ziemlich grob entsorgt hat, im Hubschrauber nach Österreich. Wobei das ja auch wieder ein Fehler war, denn er lag nicht auf österreichischem Boden, sondern auf Südtiroler Boden und damit auf italienischem Boden, denn Südtirol gehört zu Italien.
Kaess: Ja, genau. Und diesen Streit, den gab es ja dann danach, wo er genau liegt: entweder im österreichischen Bundesland Tirol oder in Italiens Provinz Südtirol. Italien hat gewonnen. Wie haben Sie diesen Streit erlebt damals?
Messner: Den Streit habe ich nicht provoziert, sondern ich habe ihn im Grunde gelöst, weil ich ja damals um die Grenze herumging, genau an der Grenze von Südtirol zu Österreich beziehungsweise zum Trentino oder zum Veneto, und das war eine politische Aktion. Das heißt, ich habe sozusagen mit Hans Kammerlander zusammen aus dem Land hinausgeschaut und in das Land hineingeschaut, um zu fragen, wer wir nun einmal sind, wir Südtiroler, und bei dieser Gelegenheit lag sozusagen der Ötzi auf dem Weg. Und weil wir von Grenzstein zu Grenzstein gegangen sind, konnten wir feststellen: Der liegt auf Südtiroler Boden, wenn auch die Wasserscheide in Österreich zu finden ist. Aber die Grenze verläuft nicht an der Wasserscheide, sondern von Stein zu Stein, und ich hatte sofort gesagt, bitte, Südtiroler, kümmert euch darum, das ist Südtiroler Verantwortung. Es geht ja in erster Linie um die Verantwortung. Dann gab es nur Häme dafür und dann musste man später die Grenze vermessen. Das hat man auch nur getan, weil ich darauf gedrängt habe, dass der auf Südtiroler Boden liegt. Dann gab es diesen Streit, auch mit den Findern gab es einen langen Streit, leider, aber inzwischen muss man sagen, ist dieser Ötzi bestens verwahrt. Das Museum ist eine Institution und es werden immer neue Erkenntnisse herausgefunden.
Kaess: Aber, Herr Messner, das Ehepaar, das den Ötzi entdeckt hat, die konnten doch auch die Fundstelle bezeugen. Warum ist das dann Ihr Verdienst?
"Es ist heute nachempfindbar, wie diese Menschen diese Bergkultur aufgebaut haben"
Messner: Die konnten die Fundstelle bezeugen, aber die konnten nicht sagen, dass er in Südtirol oder in Österreich liegt.
Kaess: Wie intensiv haben Sie den Prozess dann verfolgt, in dem die Forscher über das Leben von Ötzi viele Details herausgefunden haben?
Messner: Das war mein großes Glück, dass ich hier gleich am Beginn an der Fundstelle war, und damit haben natürlich die Wissenschaftler, vor allem Professor Spindler mit mir Kontakt aufgenommen, um Details zu erfragen, und ich hatte die Gelegenheit, mich kundig zu machen. Ich bin ja kein Archäologe, aber ich habe sehr viel gelernt und damit auch einen Einblick gekriegt vom Leben der Menschen in dieser sogenannten Kupferzeit hoch oben im Gebirge. Und es ist heute in vielen Details nachempfindbar, wie diese Menschen diese Bergkultur, die wir ja dann später übernommen haben, aufgebaut haben. Die haben ja richtig gelernt, im Gebirge zurechtzukommen. Und man muss natürlich auch wissen, dass damals die Steinböcke leichter zu jagen waren als heute. Heute mit Pfeil und Bogen wäre das relativ schwierig; damals waren die weniger scheu und diese Jäger, die haben sich gar nicht so schwergetan, auch mit Pfeil und Bogen einen Steinbock zu erschießen.
Kaess: Was bedeutet für Sie der Fund persönlich?
Messner: Ich bin glücklich, dass wir den Fund haben. Er gehört zur Kultur des Berges. Der Berg hat ja eine eigene Kultur hervorgebracht und dieser Ötzi ist unser ältester Zeuge und erzählt uns wahrscheinlich mehr als tausend Jahre vorher und tausend Jahre später. Sie wissen, dass jetzt ein Schuh aufgetaucht ist von einem ähnlichen Menschen, der allerdings 300 Jahre vorher gelebt hat, also noch älter war. Wir haben auf Sigmundskron - das ist das Zentrum meines Museums, das ich in Bozen geschaffen habe - eine Leiche gefunden, die etwa zwischen 7.000 und 8.000 Jahre alt ist. Allerdings war da nichts übrig, da waren nur die Knochen. Da kann man nichts herausgelesen. In diesem Fall haben wir jetzt die Ausrüstung, die Schuhe, Pfeil und Bogen, und diese Ausrüstungsgegenstände und auch dann die Zeichen, die dieser Mensch am Rücken hat, die wir noch nicht lesen können, das sind alles interessante Aussagen zu dieser Zeit und aus dieser Zeit.
Kaess: Also noch jede Menge zu erforschen - Reinhold Messner war das, Extrembergsteiger und Buchautor. Danke für das Gespräch, Herr Messner.
Messner: Danke schön!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.