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StartseiteForschung aktuellEin Ende der Entdeckungen ist nicht in Sicht19.09.2016

25 Jahre Ötzi-ForschungEin Ende der Entdeckungen ist nicht in Sicht

Die inzwischen als "Ötzi" bekannte und rund 5.300 Jahre alte Gletschermumie ist wohl der am besten erforschte Leichnam der Welt. Seit 25 Jahren liefert er immer neue Erkenntnisse zum Leben in der Jungsteinzeit und zur Entwicklung der Menschheit. Und ein Ende ist nicht absehbar, denn die Forschungsmethoden entwickeln sich weiter, berichtet der Wissenschaftsjournalist Michael Stang.

Michael Stang im Gespräch mit Uli Blumenthal

Eine Nachbildung der Ötzi-Mumie im Archäologiemuseum in Bozen. Vor 5300 Jahren wurde Gletschermann "Ötzi" ermordet. (imago stock&people)
Eine Nachbildung der Ötzi-Mumie im Archäologiemuseum in Bozen. Vor 5300 Jahren wurde Gletschermann "Ötzi" ermordet. (imago stock&people)
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Uli Blumenthal: Das Silberjubiläum nehmen wir zum Anlass und wollen klären, ob der bestuntersuchteste Leichnam aller Zeiten noch Forschungspotential bietet. Wissenschaftsjournalist Michael Stang war für Forschung aktuell auch in Bozen bei Ötzi. Herr Stang, ist denn Ötzi nicht lange ausgeforscht?

Michael Stang: Nein und ein solcher Zeitpunkt ist auch noch nicht absehbar. In den vergangenen 25 Jahren wurden viele neue wissenschaftliche Methoden entwickelt, die 1991 noch nicht absehbar waren, etwa die Molekulargenetik oder Isotopenforschung. Daher ist es gut möglich, dass auch in den kommenden Jahren noch weitere und bessere Analyseverfahren entwickelt werden, mithilfe derer Fragen beantwortet werden können, an die heute noch kaum einer denkt. Natürlich ist jetzt Ötzis Herkunft über die mütterliche und väterliche Linie geklärt, man kennt seine Krankheiten, seinen Speiseplan und so weiter - hier wird es weniger Forschungsbedarf geben. Aber selbst aus dem Bereich Archäologie - der ja eigentlich als ausgeforscht galt - gibt es ständig neue Ergebnisse, erst im August hat Forschung aktuell an dieser Stelle über neue genetische Analysen berichtet, die die Herkunft von Ötzis Kleidung belegen.

Blumenthal: Was sind denn die großen, offenen Forschungsfragen, die die Wissenschaftler umtreibt?

"Es war tatsächlich ein heimtückischer Mord"

Stang: Das kann man nicht alles in einen Topf werfen, da die Forschungsdisziplinen sehr unterschiedlich sind. Und das macht den Fund ja auch so spannend, dass es eben nicht nur die Archäologie ist, sondern auch die Medizin und selbst Infektionsbiologen haben da genauso Forschungsinteressen wie Archäobotaniker, Hüttenkundler oder Forscher, die sich mit der Schwermetallbelastung des Körpers befassen.

Ab heute findet in Bozen ein dreitägiger Kongress statt, wo Forschungsfragen debattiert werden. Da wurden einige neue Erkenntnisse präsentiert, etwa dass das Kupfer von Ötzis Beilklinge nicht - wie bisher angenommen - aus dem Alpenraum stammt, sondern aus südtoskanischem Erz gewonnen wurde. Und er selbst war wahrscheinlich nicht in den Prozess der Metallverarbeitung eingebunden, wie es erhöhte Arsen- und Kupferwerte in seinen Haaren bislang vermuten ließen.

Die Gletschermumie Ötzi. (Südtiroler Archäologiemuseum/Marco Samadelli)Die Gletschermumie Ötzi ist nach wie vor ein wichtiger Forschungsgegenstand in unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen (Südtiroler Archäologiemuseum/Marco Samadelli)

Und dann wurde unter anderem - medienwirksam muss man auch sagen - der Tathergang mithilfe eines Profilers erforscht. Dieser legt die Vermutung nahe, das es tatsächlich ein heimtückischer Mord war, Ötzi wurde ja von hinten mit einem Pfeil angeschossen, woraufhin er an Ort und Stelle verblutete. Grund des Delikts sei wohl in einer persönlichen Konfliktsituation zu suchen, in einer vorangegangenen Auseinandersetzung - "ein Verhaltensmuster, wie es sich auch heute noch bei der großen Masse der Tötungsdelikte zeigt".

"Die Entdeckung von Ötzi ist ein Jahrhundertfund"

Blumenthal: Ötzi gilt ja als die am besten erhaltene Gletschermumie der Welt, der am gründlichsten untersuchte Leichnam und so weiter. Wenn man sich Interviews mit betreffenden Wissenschaftlern anhört, dann werden immer viele Superlative benutzt. Ist das wirklich angebracht?

Stang: Hier ist das tatsächlich so, dass man über einen Jahrhundertfund sprechen kann - Ötzi bietet auch 25 Jahre nach seiner Entdeckung reichlich Forschungsmaterial - und mit Jahr zu Jahr wird dieser Fund immer wichtiger. Der Fund ist so bedeutend, weil Ötzi plötzlich aus dem Leben gerissen wurde und dieser 5300 Jahre alte Schnappschuss gibt einmalige Einblicke in die späte Jungsteinzeit, frühe Kupferzeit: Weil Ötzi wohlhabend war, hat er viele in der Wissenschaft zuvor unbekannte und auch teure Dinge des damaligen Lebens bei sich gehabt und nicht nur Statussymbole, wie das bei viele Begräbnissen der Fall ist. Hier kann man also nicht von einem Schnellschuss oder Übertreibung sprechen, sondern wirklich von einem generationenübergreifenden Forschungsprojekt auf internationaler Ebene. Und Ötzi ist ja auch Motor oder Motivator für die Forschung und er hat auch für viele Forschungsmittel gesorgt.

Blumenthal: In welchen Bereichen flossen denn besonders viele Forschungsmittel?

Stang: Unterschiedlich, es kam auf jeden Fall viel Geld zusammen. 2007 wurde das EURAC-Institut für Mumien und den Iceman als weltweit erstes Forschungszentrum gegründet, bei dem ausschließlich die wissenschaftliche Arbeit an Mumien im Mittelpunkt steht. Und von dort aus werden mittlerweile alle Forschungsarbeiten koordiniert.

Die Erbgutanalysen waren sehr aufwändig, aber mit den Jahren und den immer besseren Methoden sind ja auch immer mehr Daten für immer weniger Geld zusammen gekommen. Wer heute Isotopenanalysen vom Zahnschmelz machen möchte, benötigt nicht mehr einen ganzen Zahn, sondern es reicht schon ein wenig Abrieb. Auch das muss man sagen, dass sich hier eine immer sensiblere Sichtweise durchsetzt.

Wenn man sich die Bilder der Bergung von 1991 ansieht, wo sogar ein Arm einfach gebrochen wurde, um Ötzi besser transportieren können oder die Hüfte aufgebrochen wurde, weil der Leichnam grobschlächtig aus dem Gletscher gerissen wurde - diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Heute beraten Ethik- und Forschungskommissionen vor jeder Untersuchung, ob diese sinnvoll ist, ob ein invasiver Eingriff tatsächlich notwendig ist oder ob es Alternativen gibt. Denn, das sei auch noch einmal gesagt - hier handelt es sich um den Leichnam eines Mannes, der brutal ermordet wurde und Respekt vor dem Toten steht da mittlerweile auch bei den Forschern auf der Agenda.

"Noch nie so viel Wissen um die Erhaltungsmethoden"

Blumenthal: Wie sieht Ötzi denn heute aus? Ist die Mumie noch gut erhalten, gibt es auch Spuren der Forschung oder kurz: Wird die Mumie der Forschung erhalten bleiben?

Stang: Die Erhaltung der Mumie war über viele Jahre hinweg ein kritisches Thema, weil Ötzi teilweise 60 Gramm pro Tag durch Verdunstung verloren hatte. Mittelwelle liegt die Verdunstungsrate bei unter zwei Gramm pro Tag, weil die Leiche in einem Raum mit einer Temperatur von minus 6,5 Grad Celsius mit einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent liegt. Dennoch muss der Körper mehrfach im Jahr eingesprüht werden, damit die Eischicht, die ihn so glänzend erscheinen lässt, bestehen bleibt.

Ötzi wurde mehrfach aufgetaut und dabei kommen natürlich auch Zersetzungsprozesse in Gang, die unterbunden werden müssen. Daher wurde auch diskutiert, ob die Luft nicht mit Sticksoff angereichert werden sollte, um Aktivitäten von aeroben Bakterien, die Sauerstoff benötigen, zu unterbinden. Ötzi sieht heute gut aus, es gab noch nie so viel Wissen um die Erhaltungsmethoden von Gletschermumien wie heute und das Jubiläum nun trägt sicher dazu bei, dass der Fluss an Forschungsmitteln nicht abreißt, denn es geht ja nicht nur darum, ein Tourismusmagnet zu sein, sondern weiter Forschung zu betreiben und die Vergangenheit besser zu verstehen.

Und wenn man sich die großen Paläogenetikstudien der vergangenen Jahre anschaut, da taucht der Mann aus dem Eis immer auf, denn das Komplettgenom eines Menschen, der vor 5300 Jahren gelebt hat, ist doch ein sehr großer Fund, der auch bei der Besiedlung Europas am Ende der Jungsteinzeit geholfen hat, wichtige Forschungsfragen zu beantworten.

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