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StartseiteKalenderblattChronist des eigenen Sterbens 26.01.2021

25. Todestag von Harold Brodkey Chronist des eigenen Sterbens

Die einen sehen in Harold Brodkey nicht zuletzt wegen seines opulenten Romans "Die flüchtige Seele" einen amerikanischen Marcel Proust, die anderen halten den New Yorker Schriftsteller für grandios überschätzt. Er protokollierte zuletzt das eigene Siechtum bis zu seinem Tod am 26. Januar 1996.

Von Almut Finck

Ein Farbfoto zeigt den spätherbstlichen Central Park in New York  mit den berühmten Apartmenthäusern "The San Remo" links) und "The Beresford" (picture alliance / Daniel Kalker )
Der Central Park in der New Yorker Upper Westside. In diesem Teil Manhattans lebte und starb der Schriftsteller Harold Brodkey (picture alliance / Daniel Kalker )
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Das dürfte einmalig sein, in der Geschichte der Literatur: Ein Autor ist für sein Buch schon berühmt, als es das noch gar nicht gibt. 30 Jahre lang, von 1958 bis 1988, arbeitet Harold Brodkey in New York an seinem zukünftigen Meisterwerk, kündigt alle paar Jahre das Opus Magnum an, lebt von Vorschüssen – und schreibt dann doch immer nur weiter an dem Monstermanuskript. Dabei haust er wie ein Eremit in seiner Wohnung an der Upper West Side in Manhattan, die Wände, wie einst bei Marcel Proust, korkgetäfelt. Kein Laut von außen soll ihn stören.

Die unablässige Re- und Dekonstruktion der Erinnerung

Schließlich lässt er los. "The Runaway Soul", auf Deutsch: "Die flüchtige Seele", erscheint, ein mehr als 1.300 Seiten langes Abtasten und Ausloten der Innen- und Außenwelt von Brodkeys Alter Ego Wiley Silenowicz. Autobiographische Momentaufnahmen, unter der Prämisse, dass Erinnerung nie greifbar ist, sondern ständig umgeschrieben und neu konstruiert werden muss.

Brodkey über sein Buch: "Ich wollte ein Buch schreiben, das man weglegen kann, wenn man sich ein Bier holen will. Auch dazu dient seine Struktur. Sie sagt dem Leser: dies ist ein Riesenhaufen von Informationen, ein Berg von Wörtern, der nur auf dem eigenen Hintergrund, mit eigenen Assoziationen zu verarbeiten ist. Und sprachlich? Findet sich einiges an waghalsigen Experimenten in diesem Roman, ein wenig habe ich schon in den Kurzgeschichten ausprobiert, doch so weit ging ich nie. Und selbst mir geht es so, dass ich nach einer Weile aus dem Buch aussteigen will."

Kindheit eines Ungeliebten

Harold Brodkey, geboren 1930 im Mittleren Westen der USA, verliert im Alter von 17 Monaten seine Mutter. Der Vater verkauft ihn für 350 Dollar an Verwandte, die ihn adoptieren. Es sind die Qualen dieser Kindheit eines Ungeliebten, die Brodkey in "Die flüchtige Seele", oft mit einem Hang zur Selbstzerfleischung, beschreibt: Wiley Silenowicz besitzt den Intelligenzquotienten eines Genies, ist aber unsicher, hässlich und verhaltensauffällig, dabei hilflos ausgesetzt einer übermächtigen Mutter, einem gewalttätigen Vater, einer sadistischen Schwester.

Einzufangen vermag er die Vergangenheit jedoch nicht, wie Brodkeys 2009 gestorbene Übersetzerin Angela Praesent erklärt: "Das Buch heißt ja nicht zu Unrecht: 'Die flüchtige Seele', und eine Ebene davon ist, dass er ein gedankenflüchtiger Mensch war, der die Abschweifung zum System gemacht hatte."

Ein schwindelerregend sprunghafter Erzähler 

Häufig wechselt die Erzählerperspektive, Stimmen lösen sich ab, Metaphern verschwimmen. So etwas wie eine Rahmenhandlung wird immer wieder gesprengt. Dazu Angela Praesent: "Die Sprünge von Harold Brodkey in einem Satz können so schwindelerregend sein, dass der Zeitsprung wirklich noch das geringste ist. Die Bilder ändern sich, Bewertungen ändern sich, ein Mensch, der am Anfang des Satzes bewundernswert war, ist in der Mitte des Satzes ein Dämon und am Ende des Satzes schier nicht mehr vorhanden." 

Brodkeys Direktheit hat viele Leser schockiert

Der Roman beginnt mit dem Tod von Wileys Adoptivvater in St. Louis. Verstörung und Trauer verarbeitet der 14-Jährige bei einem Bad im Missouri, einer Art meditativen Katharsis:

"Licht und Wolken und die Schatten auf dem Wasser. Die Vögel hoch oben, ihre Schreie und flitzenden Spiegelbilder. Der Junge, das Schilf, das Ufer, die Wahrheit, der Irrtum. All dies existiert hier im flügelreichen Flattern und Schnattern des Moments. Er fliegt ins Nirgendwo. Unbewegt bewegt er sich auf das Nichtsein zu. Auf Zeitpunkte, in denen ich stillstehe wie eine Grammophonnadel." 

Spiel mit geschlechtlicher Identität

Wileys quasi-philosophische Betrachtungen stehen neben drastischen Beschreibungen sexueller Selbsterkundung und Erfahrungen, die der Pubertierende macht. Brodkeys Direktheit hat viele Leser schockiert, ebenso sein Spiel mit geschlechtlicher Identität. Begriffe wie Hetero- und Homosexualität sind fließend bei ihm. Tatsächlich hat Brodkey, der zweimal verheiratet war, in den 1960er-Jahren homosexuelle Beziehungen geführt. Dabei zog er sich jene Krankheit zu, an der er am 26. Januar 1996 starb: die Immunschwäche Aids.

Posthum erschien ein Buch mit minutiösen Aufzeichnungen seines langen Dahinsiechens. Unveröffentlicht sind bis heute zahllose weitere Entwürfe zu Romanen und Geschichten, rund 60.000 Seiten.

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