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27.1.1979 - Vor 25 Jahren

Victoria Ocampo, Schriftstellerin, gestorben

London l934. Eine weiße Luxus-Limousine mit livriertem Chauffeur fährt an Virginia Woolfs Haus vor, aus der in aller Unschuld eine auffallend große, elegante, dunkelhaarige Frau steigt. Eine "üppige Schönheit" wird die sie erwartende Schriftstellerin notieren und sich über die eigene Anfälligkeit gegenüber dem Glamour des Reichtums lustig machen. Victoria Ocampo jedoch, die "superbe Argentine", wie Malraux sie nannte, realisierte kaum, wie oft ihr Reichtum ihrem Ruf als bedeutendste "femme des lettres" ihres Landes im Weg stand. Bis dahin, dass noch heute keiner ihrer zehn Bände "Testimonios", "Zeugnisse", diese wunderbar leichten, noch immer taufrischen, zwischen Kulturkritik und Autobiographie angesiedelten literarischen Essays ins Deutsche übersetzt ist. Victoria Ocampos Persönlichkeit und Werk sind in Deutschland so gut wie unbekannt. Bereits von ihrem ersten Buch über Dante schrieb Ortega y Gasset, der sie bewunderte und umwarb:

Von Ariane Thomalla

In den meisten Bibliotheken fehlen die Werke von Victoria Ocampo (AP)
In den meisten Bibliotheken fehlen die Werke von Victoria Ocampo (AP)

Ihr außergewöhnlicher Stil ist weit und breit der einzige inmitten der schrecklichen literarischen Öde, der mich durch seine Suggestivität zu fesseln vermag.

Sie wurde l890 als älteste von sechs Schwestern in einer der mächtigsten Familien Argentiniens geboren. Schade, dass sie kein Junge ist, soll sich der Vater über die intelligenteste, schönste, vitalste, aber auch am meisten rebellische Tochter geäußert haben. Ein Mädchen der Oberschicht zu sein, hieß damals im goldenen Käfig leben. Erziehung und Ausbildung fanden privat durch Gouvernanten statt. Es gab keinen Ausgang ohne Begleitung. Nicht einmal zu den Vorlesungen des Philosophen Henri Bergson ins Pariser Collège de France durfte die Achtzehnjährige alleine gehen. Das war auf einer der mehrjährigen Europareisen der Familie mit Kind, Kegel und Dienerschaft und sogar Kühen und Hühnern für die Verpflegung auf dem Dampfer. Auch als Victoria Ocampo mit 32 Jahren endgültig die Ketten sprengte und die bereits in den Anfängen zerbrochene, aber zehn Jahre zum Schein aufrecht erhaltene Ehe aufgab, reiste sie mit zwei Zofen, Butler und Chauffeur nach Europa, wo sie mit interessanten Künstlern und Autoren Kontakt aufnahm. Vor allem in Frankreich. So kam es, dass sie sich zum Entsetzen der Oberschicht von einem Baumeister für Pferdeställe zwei Häuser im weißen Kubus-Stil bauen ließ. Le Corbusier, den sie l929 zu Vorträgen über neue Architektur nach Buenos Aires holte, war begeistert.

Sie haben einen mutigen Kampf geführt. Ich danke Ihnen mit meiner Achtung und mit Freundschaft.

Auch die Neue europäische Musik tat es ihr an, vor allem Strawinsky. Um sie in Argentinien hören sie zu können, überzeugte sie den befreundeten Präsidenten der Republik, ein nationales Symphonieorchester dauerhaft zu subventionieren. Strawinsky kam, dirigierte und übertrug ihr, ihr Talent erkennend, die Rezitation in "Persephone". Sie trat mit ihm in Buenos Aires auf, danach noch in Rio und in Florenz.

Den größten Ruhm jedoch erwarb sich Victoria Ocampo mit der literarischen Zeitschrift "SUR", die sie l930 ins Leben rief mit so hervorragenden Autoren in der Redaktion wie Jorge Louis Borges.

Zweifellos gibt es in Buenos Aires starke emotionale Strömungen gegen eine Frau Ihrer Stärke und Unabhängigkeit, vor allem gegen eine Frau Ihres Verstandes.

Warnten die Freunde. Doch "SUR" überlebte vierzig Jahre als Plattform für die internationale intellektuelle Elite. Alle großen Namen der Zeit finden sich hier. Parallel erschienen ihre Bücher im angeschlossenen gleichnamigen Verlag: James Joyce, Virginia Woolf, Nabokov, Huxley, Malraux, Sartre, Henry Miller, Thomas Mann. Lawrence, Camus, Graham Greene und Dylan Thomas übersetzte die Verlegerin selbst.

Nach der Besetzung Frankreichs rettete sie viele Freunde und lud sie auf ihren Landsitz an den Ufern des Rio de la Plata ein. Allen voran die Fotografin Gisele Freund und Roger Caillois, der nach seiner Rückkehr die Reihe "La Croix du Sud" bei Gallimard herausgab und damit die lateinamerikanische Literatur nach Europa brachte. Als in den dreißiger Jahren die Rechte der argentinischen Frauen massiv zurückgedreht werden sollten, wurde Victoria Ocampo zur Mitbegründerin der "argentinischen Frauenunion" und präsidierte, bis nach zwei Jahren die Gefahr gebannt war. Peron ließ sie l952 ins Gefängnis werfen. Der weltweite Protest erzwang jedoch rasch ihre Befreiung. Einen späten Triumph erlebte die Siebenundachtzigjährige zwei Jahre vor ihrem Tod: Sie wurde als erste Frau in die argentinische Akademie der Literatur aufgenommen.

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