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StartseiteSportgespräch"Wir waren körperlich und geistig am Ende"31.10.2019

30 Jahre Mauerfall"Wir waren körperlich und geistig am Ende"

Ständige Beobachtung, regelmäßige Berichterstattung und bloß keine Kritik am DDR-Leistungssport - die Methoden der Stasi haben bei Spitzen- und Breitensportlern der ehemaligen DDR tiefe Spuren hinterlassen. "Zum Verzeihen bin ich noch nicht reif", sagte der Diskuswerfer Günter Schaumburg 1992 im Dlf.

Günter Schaumburg, Jörg Weise und Manfred Kruczek im Gespräch mit Herbert Fischer-Solms

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Diskus-Werfer Günter Schaumburg bei der Leichtathletik-EM in Athen (imago / WEREK)
Diskus-Werfer Günter Schaumburg bei der Leichtathletik-EM in Athen (imago / WEREK)
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Auch drei Jahre nach der Wende war längst nicht alles aufgearbeitet, was sich in der ehemaligen DDR abgespielt hatte. Günter Schaumburg, Diskuswerfer und Olympiateilnehmer 1968, sowie späterer Trainer erinnerte sich im Dlf-Sportgespräch vom 10. Mai 1992 genau: "Besonders wenn es um Reisen ins nicht-sozialistische Ausland ging, war man unter ständiger Beobachtung und musste regelmäßig Berichte abgeben."

Als er seine Ausreise beantragt hatte, kam er in regelmäßigen Kontakt mit der Stasi - von 1984 bis wenige Woche vor dem Fall der Mauer. Auf die zermürbenden Methoden wollte er nicht im Detail eingehen. "Nach fünfeinhalb Jahren Ausreisezeit waren meine Familie und ich körperlich und geistig am Ende. Zum Verzeihen bin ich noch nicht reif."

Von eigenen Athleten bespitzelt

Früh ahnte er, dass er unter Beobachtung stand: Mitte der 70er-Jahre hatte ich eine Kugelstoßerin, die war Weltklasse. Sie leitete ein Restaurant. Ich hatte Plätze für eine Familienfeier bestellt. Mein Schwiegervater war Bayer. Der wohnte aber schon seit dem Krieg in Erfurt, sprach aber einen sehr starken bayerischen Akzent. Am nächsten Tag wurde ich zum Staatsicherheits-Beauftragten bestellt. Man brüllte mich an, warum ich meine Westkontakte nicht zugegeben hätte."

Schaumburg blieb cool und klärte die Situation. Man habe sich entschuldigt und gebeten, nicht über diesen Vorfall zu berichten. "Ich will damit nur sagen, dass sogar in meinen eigenen Athletenkreisen Spitzel gewesen sind, die Informationen über mich weitergegeben haben."

Dossier: 30 Jahre Mauerfall (imago / photothek / Thomas Imox) (imago / photothek / Thomas Imox)

Man müsse sich vor Augen führen, was dieser riesige Apparat Staatssicherheit gewesen sei, so Schaumburg. "Er hat sich selbst genannt als Schild und Schwert der Partei. Die Rolle der sozialistischen Einheitspartei SED darf auf keinen Fall unter den Tisch gekehrt werden. Über allem hat die Partei gestanden."

Kruczek kritisierte das Staatsheiligtum, den Leistungssport

Manfred Kruczek aus Potsdam, Sportsprecher Bündnis 90 in Brandenburg, gab Einblick in seine Stasi-Akte. Dort stand: "Kruczek unterstellt den DDR-Sportlern, gegen den Amateur-Status zu verstoßen und er unterstellt grundsätzlich den DDR-Sportlern die Einnahme von Dopingmitteln." Es sei ihm klar geworden, welchen Stellenwert der Leistungssport hatte. "Man war quasi an ein Heiligtum geraten, wenn man diesen Bereich kritisierte und das habe ich in meiner Akte so belegt gefunden."

Aus Anlass von 30 Jahren Mauerfall bietet der Deutschlandfunk das Sportgespräch mit Günter Schaumburg, Jörg Weise und Manfred Kruczek vom 10. Mai 1992 noch einmal zum Anhören an.

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