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StartseiteEssay und DiskursDer Sound der DDR und seine Rolle für Ost und West06.09.2020

30 Jahre WiedervereinigungDer Sound der DDR und seine Rolle für Ost und West

Edward Larkey ist Professor an der University of Maryland für Deutsch und Interkulturelle Studien. Er verbrachte die Wendezeit an Universitäten und Akademien in Deutschland und Österreich. Der Sound des Ost-Pops hat auch auch die Musikproduktion im Westen beeinflusst, sagte er im Dlf.

Edward Larkey im Gespräch mit Raphael Smarzoch

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V.l.n.r.: Dieter Hertrampf, Peter Meyer, Dieter Birr, Klaus Scharfschwerdt und Harry Jeske (GDR/Die Puhdys) spielen auf dem Berliner Alexanderplatz zu den 10. Weltfestspielen (15.06.1973) (imago images / Gueffroy)
Der bunte Osten: Die DDR-Band "Die Puhdys" spielt auf dem Berliner Alexanderplatz, 1973 (imago images / Gueffroy)
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Die Ost-West-Rolle - eine Gesprächsreihe in sechs Teilen


Der Sound der DDR und seine Rolle für die Wiedervereinigung

Raphael Smarzoch: Karat, Puhdys, Silly, City, diese großen ostdeutschen Popbands, deren Musik auch über die Grenzen der DDR hinaus bekannt wurde, haben Sie vielleicht noch in Erinnerung. Und vielleicht ist Amiga ihnen auch ein Begriff, das staatliche Schallplattenlabel der ehemaligen DDR. Die Platten, die dort veröffentlicht wurden, genießen heute stellenweise Kultcharakter. Mit dem Sound der DDR, den Bands und ihren Vertriebswegen hat sich in den 1990er-Jahren der US-amerikanische Professor Edward Larkey befasst, den wir heute in Essay und Diskurs zu Gast haben – leider nur per Leitung, was technisch hier und da nicht durchgehend ausgereift klingt. Edward Larkey lehrt an der Universität Maryland Germanistik und interkulturelle Studien. Er ist Experte für deutschsprachige Popkultur. Zu seinen Hauptveröffentlichungen zählt das Buch "Rotes Rockradio – Populäre Musik und die Kommerzialisierung des DDR Rundfunks. Ich grüße Sie, Herr Larkey. Ich möchte mit Ihnen heute über den Sound der DDR und seine Rolle für die Wiedervereinigung sprechen, doch vorab gefragt: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie als US-amerikanischer Professor sich für deutsche, deutschsprachige Popkultur zu interessieren begannen?

Larkey: Ich hatte damals in Ohio studiert an der staatlichen Universität, und ich studierte Deutsch und Geschichte und entschied mich nach drei Jahren, nach Deutschland zu gehen und zwar nach Marburg. Ich hatte keine Ahnung von Marburg, aber ich war politisch interessiert natürlich wegen des Vietnamkriegs und habe mich in der Antikriegsbewegung engagiert. Die Antikriegsbewegung war sehr stark musikalisch untermalt. Also es hat natürlich oppositionelle Gruppen gegeben wie The Thugs, David Peel and the Lower East Side, auch spätere Motown-Lieder von Marvin Gaye, Temptations, James Brown, O‘Jays. Also die Antikriegsbewegung und die Bürgerrechtsbewegung waren sehr, sehr wichtig für die Überwindung von, will ich mal sagen, so Herzschmerz-Lyrik in der Popmusik. Das fand ich wirklich ziemlich schön, dass man also über zwischenmenschliche Beziehungen hinaus auch so wichtige gesellschaftskritische Standpunkte in der Musik finden konnte.

Keine Kulturbeziehungen zwischen der DDR und den USA

Smarzoch: Sie haben ja zunächst in Marburg studiert, wie Sie gerade erzählt haben, und haben dann Ihr Studium in Ostdeutschland, also der DDR, fortgesetzt. Wie wurden Sie denn dort als Amerikaner aufgenommen, und wie haben Sie das akademische Leben und die akademische Forschung dort wahrgenommen?

Larkey: Ich wurde ziemlich als Exot betrachtet, denn die Studierenden in dem Studienjahr, wo ich war, ich war ja ein sogenannter Zusatzstudent, die waren etwas verunsichert, weil sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Die waren ja natürlich bislang keinem echten Amerikaner begegnet und waren offensichtlich sehr von ihrer Schulpropaganda beeinflusst, die sie natürlich nicht auf eine solche Begegnung vorbereitet hatte. Manche waren neugierig und aufgeschlossen, andere hielten sich sehr zurück.

Smarzoch: Und wie war das an der Universität, also konnten Sie frei forschen?

Larkey: Ja, ich war eigentlich ziemlich vogelfrei im Grunde genommen. Also der Unibetrieb an DDR-Universitäten ähnelte ziemlich dem verschulten amerikanischen Unibetrieb, und deswegen war das so relativ vertraut, sagen wir so, aber die Hochschullehrer waren sehr skeptisch mir gegenüber und hatten so eine ziemliche Hands-off-Haltung und hatten eigentlich wenig Interesse an einem Umgang mit mir. Das bezog sich auch auf mein Dissertationsthema später, aber …

Smarzoch: Was war das?

Larkey: Das sollte sich um die Kulturbeziehung zwischen der DDR und den USA befassen, aber es gab eigentlich keine offiziellen Kulturbeziehungen, und das war offenbar der Grund für das Desinteresse, aber die inoffiziellen Kulturbeziehungen haben mich sehr interessiert. Ich durfte zwar irgendwie versuchen, mich in das Thema einzuarbeiten, aber niemand hatte mir zum Beispiel mitgeteilt, dass die Forschungsgruppe, an der ich teilnehmen wollte, vor meiner zweiten Ankunft im Jahr 1980 aufgelöst wurde. Deswegen durfte ich quasi ungehindert an dem Thema weiterarbeiten, ohne dass sich jemand sehr stark dafür interessierte.

Smarzoch: Wie haben Sie denn vor dem Hintergrund des amerikanischen Freiheitsverständnisses die ostdeutsche Musikszene erlebt?

Larkey: Das war eine ziemlich reglementierte Geschichte, denn ich hatte in Marburg schon irgendwie die Rundfunksendung gehört, denn Marburg war ja nahe der Grenze. Ich fand die Musik schon interessant, aber damit natürlich bekommt man keine richtige Einsicht in die Bedingungen, unter denen die Musik produziert wird, also zum Beispiel die staatliche Förderung, die Kontrolle durch die Kulturbehörden, die Auftrittsgenehmigungen in den Medien vor einem Live-Publikum, das Verbot der englischen Sprache in Liedtexten von DDR-Gruppen, also all sowas habe ich nach und nach erfahren, also unter welchen Bedingungen da eigentlich Musik gemacht werden musste. Trotzdem fand ich die Produktionen selber sehr interessant, weil das wirklich eine Mischung war und eine Aufarbeitung dieser westlichen Einflüsse darstellte, die man entweder mitbekommen hatte oder versucht hatte zu verarbeiten.

Smarzoch: Wie sah denn diese Verarbeitung westlicher Einflüsse konkret aus? Haben Sie da ein Beispiel?

Larkey: Also die Puhdys zum Beispiel oder diese offiziellen Gruppen, die zunächst einmal, wie übrigens in allen anderen deutschsprachigen Ländern, also natürlich haben sie zuerst die Lieder so soundmäßig nachgemacht und haben so eigene Texte dazu gemacht. Die sogenannte Krautrock-Richtung in Westdeutschland war nicht unbedingt das Vorbild dafür, weil sie ja größtenteils englischsprachige Texte benutzten, aber andere Gruppen in anderen Ländern, also vor allem Österreich, war da ziemlich führend mit ihrem Austropop, und auch in der Schweiz hat man ja Dialekttexte eingesetzt, so um die gleiche Zeit, wo in der DDR auch die Gruppen anfingen, deutschsprachige Texte zu machen. Das war so in etwa um 1971. Natürlich haben sie nicht nur den Sound nachgemacht, sondern auch teilweise die Texte, aber das war am Anfang ziemlich holprig. Es galt ja die Haltung, dass Englisch quasi die Rockmusik-Textart sei. Also man konnte sich nicht unbedingt darüber hinwegsetzen.

DDR- Alternativen zum englischsprachigen westlichen Pop

Smarzoch: Sie schreiben in Ihrem Essay "Das schwere Vergnügen mit der leichten Musik" von einer modernen DDR-Popmusik, die in den späten 70er- und 80er-Jahren entwickelt wurde, um der DDR-Jugend eine Alternative zum westlichen Pop zu geben. War dieser Wunsch nach einer Alternative zum westlichen Pop auch Ausdruck eines Konkurrenzdenkens mit dem Westen, also so das Bestreben, auch eine eigene nationale Musik zu entwickeln?

Larkey: Ja, auf jeden Fall. Also die DDR hatte am Anfang der 70er-Jahre schon sich als Alternative, sogar als Rockalternative hingestellt. Das einzige Problem war, dass also nicht die politische Führung das bestimmt, was gerade populär ist, sondern die Jugendlichen selber. Weil es mal immer wieder gelungen war, den einen oder den anderen Song irgendwie in die Popularität zu hieven, also zum Beispiel Citys "Am Fenster" oder Puhdys "Geh zu ihr", also viele in der ersten Generation, die wirklich punktuell immer populäre Songs gemacht hatten, aber es war nicht möglich, eine kontinuierliche Entwicklung aufrechtzuerhalten unter den gegebenen Bedingungen. Diese Bedingungen waren ja ziemlich drastisch. Es hat ja nur zwei richtige Produzenten bei der Schallplatte gegeben und zwei oder drei beim Rundfunk, und Rundfunk und Schallplatte zu koordinieren in irgendeine mediale Publizität zu bringen war ziemlich anstrengend und eine Herausforderung für die DDR-Kulturverantwortlichen.

Smarzoch: Wie wurde denn diese DDR-Popmusik in der DDR selbst rezipiert, und welchen Stand hatte sie denn in diesem politischen System dort?

Larkey: Das war ja ziemlich wichtig, weil je populärer ein Lied oder eine Produktion war desto mehr konnte man sich daran klammern, dass das eine echte, authentische und populäre DDR-Rockmusik sei. Also gerade bei den größeren Gruppen wie Puhdys und Karat und später City und Silly war es immer wieder punktuell möglich. Also die hatten auch ganz interessante Sachen gemacht. Also Karats "Über sieben Brücken musst du gehen" und die Puhdys konnten also sehr populäre Lieder machen, die da in dem Film "Die Legende von Paul und Paula" kamen. Da konnte man ja schon sehen, dass da ein Erfindungsreichtum und eine Kreativität geherrscht hatte in der DDR, die immer wieder mal zum Vorschein kam, auch mit oder ohne staatliche Förderung.

Ost-Pop als Politikum im Westen

Smarzoch: Und die der im Westen in nichts nachstand.

Larkey: Ja, das hatte sich ja später herausgestellt. Also die westliche Rezeption von DDR-Musik war ja immer sehr, sehr politisch geprägt. Also ich denke, viele DDR-Gruppen wurden einfach nach politischen Gesichtspunkten beurteilt, ob sie affirmativ oder nicht waren, und wenn sie affirmativ eingeschätzt wurden, dann waren sie für viele im Westen nicht mehr interessant.

Smarzoch: Warum?

Larkey: Im Westen war das ein Politikum, dass auch in Ostdeutschland eine Rockmusik gemacht werden konnte, die auf echte Lebensprobleme eine Antwort oder zumindest ein Diskussionsbeitrag sein konnte, selbst unter den Bedingungen der Vereinnahmung durch die Regierung.

Smarzoch: Welche Rolle spielte denn das Radio für die Popmusik der DDR? Also entzog sich das Radio den staatlichen Angeboten und hatte dann vielleicht eher subversiven Charakter, oder ging es mit dem politischen System einher, um eine, so wie Sie schreiben, nationale Popgemeinschaft heranzuziehen?

Larkey: Das Radio war ganz, ganz wichtig, weil im Gegensatz zur Bundesrepublik das Radio als Produktionsstätte funktionierte neben der Funktion als Diskussionsinstanz. Also das Radio hatte ja eigene Produktionsstudios. Die Bands, die zuerst eine öffentliche Auftrittsgenehmigung bekommen hatten, die konnten ja zu jeweils vierstündigen Auftritten verpflichtet werden, die durften dann in den Rundfunkstudios produzieren und auch im Rundfunk dann gespielt werden. Der Rundfunk war damit auch als Distributionsinstanz wichtig für die Rockbands, weshalb der Rundfunk sehr … also zumindest am Anfang bis in die Mitte der 80er-Jahre war der Rundfunk sehr, sehr wichtig für diesen Übergang von Auftritt zu Medienpräsenz, auch das Rundfunklektorat, was ein Extralektorat war neben Schallplatte und Fernsehen für die Veröffentlichung von den Erstaufnahmen der Bands.

Populäre Musik hieß "jugendwirksame Musik" in der DDR

Smarzoch: Also ein subversiver Charakter war da aber nicht zu verspüren, sondern mehr staatskonform.

Larkey: Weitgehend staatskonform, später, wie ein Spartenrundfunksender wie Jugendradio DT64 aufgebaut wurde, da konnte man das eine oder das andere subversivere Lied irgendwie in den Spezialsendungen unterbringen, aber am Anfang war das wirklich so, dass also nur Middle-of-the-road-Veröffentlichungen nach eingehender Prüfung in den Lektoraten hinsichtlich der Liedtexte vor allen Dingen …, aber später konnte der Rundfunk also zum Beispiel diese Paula-Panke-Produktion von Pankow, also das konnten sie natürlich ungehindert live spielen, aber es wurde ein einziges Mal, glaube ich, im Rundfunk gespielt, und die Schallplatte war nicht möglich. So konnte man ein bisschen differenzierter die Medienpräsenz von solchen rebellischeren Gruppen ein bisschen bedienen.

Smarzoch: Wie wurde denn über populäre Musik gesprochen in der DDR, also soweit ich weiß entwickelte sich auch ein ganz eigener Jargon rund um die DDR Musik. Populäre Musik hieß da etwa "jugendwirksame Musik" oder die "Neue Deutsche Welle" war die "neue Tanzmusik". Warum war das so?

Larkey: Na ja, das war auf die Abgrenzungsintention zurückzuführen, denn wenn man den Anspruch hat, eine Alternative zur westlichen Musik aufzubauen, muss man natürlich ein unterschiedliches Diskursmodell entwickeln, und das war ja mit diesen neuen Bezeichnungen, also Neue Deutsche Welle, neue Tanzmusik, jugendwirksame oder populäre Musik, bla bla bla. Aber niemand hat sich an diesen offiziellen Sprachgebrauch gehalten und auch im Rundfunk.

Smarzoch: Das ist ja auch absurd.

Larkey: Ja, ist es auch, und das wussten sie ja auch, aber sie mussten ja aus politischen Gründen so tun, als würden sie diesen Sprachgebrauch bedienen, aber eigentlich hat sich niemand so richtig daran gehalten, weil ja die Maßstäbe für die Beurteilung der Musik aus dem Westen kam und auch mit der Sprachgebrauch, und deswegen konnte sich dieser Jargon nicht so richtig durchsetzen.

Smarzoch: Ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, wohin meine nächste Frage führt, nämlich zu den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und der daraus resultierenden Wiedervereinigung. Sie sprechen auch in Ihrem Buch "Rotes Rockradio" von einem "permanenten Legitimationsdefizit der DDR-Partei- und Staatsführung, das im Verlauf der 80er zu einer Legitimationskrise ausartete". Welche Rolle spielte denn die DDR-Popmusik für diese Krise und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandlungsprozess?

Der Aufbau der DDR-Rockindustrie

Larkey: Tja, also die Staats- und Parteiführung hatte immer den Anspruch vertreten, dass sie die Kulturprozesse kontrollieren und lenken. Das kann man aber angesichts einer kommerziellen und transnationalen Popmusikproduktion nicht aufrechterhalten. Das heißt also, die Partei war immer gezwungen, auf die ausländischen Einflüsse zu reagieren, ohne dass sie die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Mittel hatte, einfach irgendeine entsprechende Antwort aus eigener Kraft aufzubauen. Deswegen war sie ja auch letzten Endes gezwungen, überhaupt eine eigene DDR-Rockindustrie aufzubauen, aber diese eigene Rockproduktion war nicht zu kontrollieren. Es gab also riesige Privatisierungstendenzen. Also zunächst einmal unter dem Eindruck der Medienkoordinierung musste ein Manager herkommen. Das heißt, es hat einen Beruf des Managers herausgebildet, ohne dass es dafür irgendwelche Richtlinien oder offizielle Handlungsmöglichkeiten gegeben hatte, aber das war auf jeden Fall nötig, um Auftritt, Rundfunkpräsenz und sogar Fernsehpräsenz zu koordinieren und sowas wie eine Medienentwicklung da aufzubauen unter spezifischen DDR-Verhältnissen. Dann hat es also ab Mitte der 80er-Jahre zwölf Privatstudios gegeben von Bands, die in den Westen reisen durften, die sogenannten reisefähigen Bands wie Karat, Puhdys, Silly, City und ich glaube auch noch ein paar andere. Die haben natürlich ihre bisherigen Instrumente entweder dort gelassen oder anderen DDR-Bands gegeben, die nicht sogenannt reisefähig waren, und haben im Westen neue Ausrüstungen gekauft, die sie mit zurückbrachten. Das führte dazu, dass diese reisefähigen Bands ihre eigenen Studios aufbauen konnten, und diese Studios waren frei von irgendwelchen Lektoratseinflüssen der Medien. Sie konnten natürlich längere Aufnahmesessions einbauen, sie konnten ihre Texte bringen, wie sie wollten, und konnten inoffizielle Distributionswege aufbauen, die natürlich frei von irgendwelchen äußeren Einflüssen der Kulturverantwortlichen waren. So hat es dazu geführt, dass es sowas wie eine zweite Kultur gegeben hatte in Bezug auf diese sogenannten Untergrundbands, die wirklich eine Alternative tatsächlich darstellten, selbst bei flächendeckendem Einsatz von IMs.

Smarzoch: Und auf diese zweite Kultur konnte die DDR-Führung nicht mit einem sozialistischen Modell agieren, reagieren, meine ich. Das führte dann letztendlich auch zu dem Zusammenbruch?

Larkey: Nein, aber ich meine, in dem Moment, wo man diesen Anspruch hat, dass die Kulturentwicklung gelenkt wird und tagtäglich erfahren wird, dass die Lenkung absurd sei, das kann nur zu einer Legitimationskrise führen, denn jeder versuchte, die Lenkung zu unterlaufen, indem die neuen Instrumente also quasi illegal auch eingeführt wurden, damit neue Texte gemacht wurden, die nicht durch die Lektorate gingen, neue Produktionen gemacht wurden, die also mitnichten irgendwie verboten werden konnten. Die Kassettenproduktion ist da in dieser Zeit aufgeblüht. Deswegen hat es zu einer unglaublichen Blüte von sehr erfindungsreichen Liedern in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre gegeben. Ich finde, das führte auch dazu, dass die Partei- und Staatsführung auch darauf reagieren musste, und zwar bislang konnten die Zulassungen zu Auftritten nur für ein Jahr erworben werden, aber in dieser Zeit haben sie die Auftrittsgenehmigungen teilweise für eine Woche oder für zwei Wochen oder für Monate erteilt. Damit konnten auch diese Bands in den Jugendclubs auftreten, natürlich unter erschwerten Bedingungen, aber zumindest konnten sie eine größere Publikumsresonanz erfahren, also in der Art und Weise, wie die DDR-Führung irgendwie sich gezwungen sah, auf diese neuen Einflüsse zu reagieren.

Smarzoch: Also kann man zusammenfassend sagen, dass schon die DDR-Popmusik auch eine wichtige Rolle für sozusagen diesen Wandlungsprozess, der dann später zur Wiedervereinigung führte, spielte.

Larkey: Auf jeden Fall würde ich das so sehen, denn das war ja erstens ein unglaubliches Aufblühen der Popmusik neben der offiziellen Musik, und man muss auch nicht vergessen, dass die offizielle Musik in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre absolut an Popularität eingebüßt hat. Also viele Bands beschwerten sich, als ich sie interviewte, dass ihre Musik nicht mehr ankommen würde und dass sie also sehr gezwungen waren, den neuen Bands zu helfen. Also es war nämlich so, die alten Bands hatten ja die Studiotechnik auf der einen Seite und betreute so quasi die neueren Bands wie Rockhaus und andere und ließen sie für sie produzieren. Also das war schon eine Verzahnung der alten mit der neuen Garde, wenn man so will. Also die haben miteinander eigentlich kooperiert.

Smarzoch: Gibt es denn einen spezifisch amerikanischen Blick auf die deutsche Wiedervereinigung?

Larkey: Ja, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die Amerikaner haben die Wiedervereinigung weitgehend positiv gesehen. Das heißt also, Deutschland ist wieder ganz und sollte im Leben der Völker einen entsprechenden führenden Platz einnehmen, vor allem aus wirtschaftlichen, aber auch vielleicht aus politischen Gründen, weil es ja die richtigen Lehren aus der Niederlage im Zweiten Weltkrieg gezogen zu haben schien. Natürlich gibt es unverbesserliche Alt- und Neonazis, aber sie sind eine Minderheit, die von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden, aber auch die Deutschen sind für die gegenwärtig sich ausbreitende Tendenz zu nationalistischen, faschistoiden und autoritären Regierungen anfällig und auch antimuslimische und antisemitische Ausschreitungen und Bewegungen, damit auch besorgniserregend. Natürlich kann man das gleiche bei entsprechenden Neonazi-Gruppierungen in den USA sagen. Also insofern haben die Deutschen keine Ausnahmesituation in dem Sinne, außer dass in der Geschichte die Vergangenheitsbewältigung mehr oder weniger gelungen zu sein scheint, sagen wir mal so.

Smarzoch: Man hört ja immer wieder von DDR-Bürgern, die Popmusik aus dem Westen zu beschaffen versuchten und von ihr inspiriert waren. Gab es denn auch so ein Interesse an popkulturellen Produkten von amerikanischer Seite, also zum Beispiel so eine amerikanische Faszination mit Songs aus der DDR?

Larkey: Das ist wirklich schwierig, weil es geht ja um die Quellen für diese Musik. Also wie sollte man in den USA an die DDR-Musik rankommen, wenn man davon keine Ahnung hat.

Smarzoch: Sie hätten ja welche mitbringen können.

Larkey: Ja, sicher, aber Amiga-Schallplatten. Also erstens hat es die Amiga-Musik nur auf Schallplatte gegeben zu einem Zeitpunkt, wo CDs populärer waren, und insofern hatte man viel weniger Interesse an Schallplatten als an CDs, und diese Musik war schwer erhältlich, auf CD sogar. Also erst nach der Vereinigung gab es eine etwas verstärkte Produktion von CDs vonseiten von DDR-Gruppen, also nicht nur die größeren Gruppen wie Karat, Puhdys, Silly, City et cetera, sondern auch von den weniger bekannten Gruppen wie Keimzeit oder andere, die Prinzen. Selbst die Prinzen waren ja hier kein Diskussionsthema. Deswegen war das wirklich weitgehend auf Privatinitiative zurückzuführen, ob der eine oder der andere daran Interesse hatte an DDR-Musik.

Der Mauerfall wird gefeiert an den amerikanischen Universitäten

Smarzoch: Aber hatte man ein Bewusstsein für die DDR überhaupt damals, als sie noch existierte, in den USA?

Larkey: Also ich würde sagen, höchstens als Land hinter der Mauer. Die Mauer übt heute eine unglaubliche Faszination aus. Also jedes Jahr, wenn man so quasi den Abriss der Mauer feiert an amerikanischen Universitäten, gibt es einen ziemlich großen Zulauf an studentischer Beteiligung. Also das ist wirklich erstaunlich.

Smarzoch: Wie erklären Sie sich das?

Larkey: Na ja, die Mauer war einfach so eingeprägt in das amerikanische Bewusstsein von Deutschland, deutsche Geschichte und vor allen Dingen Kalter Krieg, dass es wirklich nach wie vor ein sehr großes Interesse erregt, aber ansonsten, also die Musik dazu kaum. Also höchstens Rammstein hat eine größere Popularität erlangt.

Smarzoch: Aber vermutlich nicht wegen ihrer ostdeutschen Vergangenheit.

Larkey: Nein, gar nicht.

Smarzoch: Sondern wegen ihres Deutschseins vielleicht, als Faszinosum in den USA.

Larkey: Genau so ist das.

Smarzoch: Wie wurde denn – wir sprachen gerade über den Mauerfall –, wie wurde denn der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung in Amerika auf popkultureller Ebene wahrgenommen? Also ich meine, immerhin soll ja angeblich David Hasselhoff mit seinem Song "Looking for Freedom" in diesem Kontext ja auch keine unwichtige Rolle gespielt haben.

Larkey: David Hasselhoff tritt ja hier hauptsächlich als Schauspieler auf. Also da ist er zum größten Teil bekannt als Schauspieler bei "Baywatch" oder "Knight Rider" oder in sehr vielen anderen Fernsehsendungen, auch Theaterproduktionen. Die Amerikaner mussten erst mal davon in Kenntnis gesetzt werden anlässlich der Wiedervereinigung, dass David Hasselhoff auch irgendwie Musik gespielt hatte.

Smarzoch: Ach, das war gar nicht bekannt, dass er dort aufgetreten ist?

Larkey: Nein, eigentlich nicht. Ich meine, ich glaube, er hatte irgendwie so eine karibische Reggae-Geschichte irgendwann mal gemacht, und das war, glaube ich, in den 80er-Jahren auch etwas populär, aber ansonsten, Hasselhoff war weitgehend als Schauspieler wahrgenommen.

Ostpop heute: nostalgische Verklärung oder tiefergehende Reflexion?

Smarzoch: Also das wundert mich jetzt tatsächlich sehr, also dass dieser … Das sind ja ikonische Bilder hier in Deutschland, David Hasselhoff an der Mauer, die ja auch zu Memen verarbeiten werden, zu memes. Das hat in Amerika überhaupt keinen … das hat niemanden interessiert.

Larkey: Na ja, punktuell vielleicht, aber ich glaube, das hat … Ich meine, ich kann mich natürlich irren, aber ich glaube, es hatte keine richtig größere Wirkung so gehabt, aber das kann sein, dass dieses Bild natürlich am ausgeprägtesten ist in Bezug auf Amerikaner, die sich für deutsche Wiedervereinigung interessieren. Aber viel wichtiger für diese Wiedervereinigung waren die Bilder der Massen von Deutschen, die hin- und hergingen, als die Mauer aufgemacht wurde.

Smarzoch: Warum waren die wichtig?

Larkey: Na ja, weil erstens also sehr viele Amerikaner dahingegangen sind. Also es hat ja ganz viele gegeben, die natürlich sehen wollten mit eigenen Augen, wie die Mauer herunterkam und wie man ungehindert von West nach Ost und wieder zurückkommen konnte und so. Also das war wirklich ein großes Ereignis auch in der amerikanischen Bevölkerung, dass man irgendwie dabei gewesen sein musste.

Smarzoch: Heutzutage arbeiten sich viele deutsche Musiker an ihrer DDR-Vergangenheit ab, die Rapper Felix Kummer oder Trettmann zum Beispiel. In ihrer Musik, die sehr beliebt ist hierzulande, da geht es immer wieder um die DDR. Ist das bloß nostalgische Verklärung oder eine tiefergehende Reflexion der eigenen Identität?

Larkey: Ja, ich musste mich erst mit dieser Musik befassen, denn ich bin ja seit einiger Zeit nicht so damit beschäftigt, aber Felix, seine Lieder fand ich wirklich sehr, sehr interessant, sowohl bei der Bewältigung der Widersprüche im gegenwärtigen Alltag, zum Beispiel in der Produktion "9010". Da konnte man auf jeden Fall sehen, dass es also die größeren Probleme der Menschheit …, dass es darum ging eigentlich, aber auch um die zerrissenen menschlichen Beziehungen, die ihre Wurzeln in der DDR-Vergangenheit und besonders der Elterngeneration hatten. Bei ihm gibt es, glaube ich, weniger eine nostalgische Verklärung als bei Trettmann beispielsweise. Da merke ich mehr eine tiefergehende Nostalgie in den Produktionen, die aber auch als Desillusionierung gegenüber dem heutigen Alltag erscheint.

Smarzoch: Also so eine Sehnsucht nach den alten Tagen.

Larkey: Ja, aber die … Also ich glaube, beide würden schon zugeben, dass die alten Tage wohl nicht so gut waren und dass es wirklich sehr, sehr problematische Aspekte dazu gab. Ich weiß nicht, ob es viele ehemalige DDR-Bürger geben würde, die sozusagen eine Rückkehr in die alten Verhältnisse wollten. Also das vermute ich nicht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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