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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenZeugnisse einer untergegangenen Kultur14.04.2016

4.000 Jahre PfahlbautenZeugnisse einer untergegangenen Kultur

Gut erhaltene Werkzeuge, Textilien und Waffen aus der Jungsteinzeit gelten in der Forschung als Sensation. Bei den Ausgrabungen der Pfahlbauten in Süddeutschland sind solche Funde Alltag. Nun werden sie in den Räumen des oberschwäbischen Klosters Bad Schussenried ausgestellt.

Von Thomas Wagner

Eine Ausstellungs-Mitarbeiterin posiert im Kloster in Bad Schussenried (Baden-Württemberg) an einem Keramik-Gefäß mit Brustapplikationen (4000 bis 3750 vor Christus). (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Der Fundort von diesem Keramik-Gefäß mit Brustapplikationen (4.000 bis 3.750 vor Christus) ist unbekannt. Zu sehen ist es in der Ausstellung "4.000 Jahre Pfahlbauten". (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
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Das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee: Tag für Tag laufen hier Hunderte von Menschen über einen kleinen Steg zu jenen Häusern, die auf hölzernen Pfählen im Wasser stehen:

"Mit diesem Kleber da, mit diesem Steinzeit-Uhu, hat man doch auch solche Pfeilspitzen festgemacht? Pfeilspitzen hat man damit geklebt, auch Speerspitzen. Das war jetzt unsere Zeitreise von der Bronzezeit in die Jungsteinzeit."

Und genau in jener Periode, von der Bronzezeit bis zur Jungsteinzeit, haben viele Menschen am Bodensee tatsächlich in solchen Gebäuden, in den sagenumwobenen Pfahlbauten, gelebt.

"Die Phase der Pfahlbauten hier am Bodensee und in all den anderen Ländern hier am Bodensee beginnt etwa 4.300 vor Christus. Und die Phase endet etwa 850 vor Christus. Es sind Dörfer, die diese Uferposition genutzt haben, um teilzuhaben an einem europaweiten Handel. Wir befinden uns hier gewissermaßen an den Autobahnen der Stein- und Bronzezeit."

Die Installation hat den Test bestanden

Doch das, glaubt Museumsdirektor Gunter Schöbel, war wohl nicht der einzige Grunde, weswegen die Menschen einst auf die kühne Idee verfielen, ihre Häuser auf Pfählen direkt im Seeufer zu gründen.

"Der Bodensee wie auch andere große Voralpenseen unterliegt jährlich großen Schwankungen. Wenn man in Häusern, die auf Pfählen gesetzt sind, wohnt, dann kann man diesen Schwankungen ausweichen."

Das wäre eine mögliche Erklärung für die Entstehung der Pfahlbauten. Bewiesen ist die allerdings nicht.

Ein abgedunkelter Raum im oberschwäbischen Kloster Bad Schussenried: Auf einer Rundum-Panoramaleinwand erkennen die Besucher aufs Neue – Pfahlbauten.

"Wir haben hier eine Animation von fünf unterschiedlichen Landschaften, vom Federsee bis zum Bodensee. Und hier kann man die unterschiedlichen Pfahlbauhaussiedlungen sehen. Und Sie stehen mittendrin in einer Siedlung."

Barbara Theune-Grosskopf, stellvertretende Direktorin des archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg, lächelt zufrieden: Die Installation hat den Test bestanden – eines von vielen hundert Elementen der baden-württembergischen Landesausstellung "4:000 Jahre Pfahlbauten" im Kloster Bad Schussenried und im Federsee-Museum der Nachbargemeinde Bad Buchau. Ein großer, schlanker Mann, Anfang 60, betritt den Raum: Helmut Schlichtherle hat als Unterwasserarchäologe über 30 Jahre lang im Auftrag des Landesdenkmalamtes die Pfahlbauten beforscht. Immer wieder beschäftigt auch ihn die Frage nach der Entstehung. Die Nähe zu den Handelswegen, die Anpassung an schwankende Wasserstände – mag sein, sagt Schlichtherle. Aber:

"Es ist uns immer noch ein Stück weit ein Rätsel, weshalb man ausgerechnet in den Seen der Alpen und nicht auch in anderen Seenplatten Europas begonnen hat, zahlreiche Siedlungen, nicht nur einzelne Häuser, in diesen Wasserwechselbereich zu errichten. Das war mit Schwierigkeiten verbunden. Die Häuser hielten nur etwa zehn Jahre, 15 Jahre. Und warum die Leute die Entscheidung getroffen haben, dass so zu machen, ist bis heute eine wichtige Forschungsfrage."

Höchst unterschiedlich, so Helmut Schlichtherle, auch die Größen der Pfahlbaudörfer durch die Jahrtausende – für ihn ein weiteres bislang ungelöstes Rätsel:

"Es gibt Dörfer, die bestehen aus nur zwei Gebäuden. Und es gibt Dörfer, de bestehen aus 150 Häusern. Da kann man fast schon 'Megapfahlbaudorf-Siedlungen' dazu sagen. Die Siedlungen spiegeln auch ein Stück weit die gesellschaftlichen Verhältnisse."

Aus den Siedlungsüberresten ergibt sich das Bild einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern – mit der Option zu Mehr:

"Ein weiteres wichtiges Standbein war die Fischerei und die Jagd. Hat die Landwirtschaft nicht so gut funktioniert, sagen wir ein zu nasser Sommer, konnte man ausweichen. Diese Standbeine blieben bis zur Bronzezeit wesentlich. Also man hat das Risiko verteilt auf verschiedene Erwerbszweige."

Ein Puzzle aus 2.500 jahrtausendalten Keramik-Scherben

Hinzu kam die Leistung beim Bau der hölzernen Gebäude auf ihren Pfählen. Für Ausstellungskurator Fabian Haack vom Archäologischen Landesmuseum waren die Bewohner der Pfahlbausiedlungen wahre Meister der Holzbaukunst:

"Hier haben wir mal zusammengestellt die unterschiedlichen Holzbearbeitungsgeräte: Verschiedene Beile, Fäll-Beile, mit denen tatsächlich die Bäume gefällt worden sind. Unten sehen Sie noch einen Pfahl mit Holzkeilen darin, um zu sehen, wie das Holz dann weiter zerlegt worden ist und dann eben Bauholz daraus gewonnen wurde oder eben Schäftungsholz."

Unterwasser-Archäologe Helmut Schlichtherle ist unterdessen einen Raum weitergegangen, zeigt auf eine Vitrine voll mit Scherben. Die stammen von der Wand eines steinzeitlichen "Kulthauses", dessen Überreste im Bodensee vor Ludwigshafen mehrere Jahrtausende überdauert haben.

"Und wir haben jetzt diese über 2.000 Fragmente gesichtet, die wir in jahrelanger Arbeit von dieser Wand geborgen haben. Und haben im Wesentlichen wieder zusammengebracht, was da war."

Ein Puzzle aus 2.500 jahrtausendalten Keramik-Scherben zusammenfügen – das alleine wäre schon eine Meisterleistung an sich. Doch die Wissenschaftler staunten nicht schlecht, als sie erkannten, was bei diesem Steinzeit-Puzzle herauskam.

"Es sind mindestens sieben weibliche Gestalten aus lebensgroß geformten Brüsten, also eine Verbindung von Malerei und Relief auf dieser Wand. Und die Frauengestalten haben sonnenförmige Köpfe. Sie haben vielleicht auch etwas mit einem Schöpfungsmythos zu tun. Das ist Welterklärung, woher die einzelnen Familienlinien kommen."

Eine erste Interpretation des Fundes ergab: Es gibt keine sichtbaren Unterschiede zwischen den Frauengestalten mit ihren Sonnenköpfen. Die Schlussfolgerung daraus:

"Die Familienlinien sind in dieser Gesellschaft relativ gleichrangig. Und so stellen wir uns heute diese Gesellschaften vor: Gleichrangig und organisiert in Familiengruppen."

Und so liefern die Pfahlbaufunde wichtige Erkenntnisse über die Gesellschaftsstrukturen vergangener Jahrtausende. Und gleichzeitig muss nach den jüngsten Funden möglicherweise auch ein Stück Technikgeschichte umgeschrieben werden.

"Hier geht’s um die Geschichte von Mobilität und Transport."

Ein paar Räume weiter: Barbara Theune-Grosskopf deutet auf ein rundes Etwas in einer Glasvitrine, das unschwer als gut erhaltenes Holzrad erkennbar ist. Die Forscher haben es erst kürzlich im Moorgebiet des benachbarten Federsees gefunden. Es dürfte nach ersten Untersuchungen im Jahre 3.000 vor Christus entstanden sein. Will heißen: Schon vor 5.000 Jahren haben die Oberschwaben das Rad neu erfunden.

"Unter Umständen. Das Rad kann auch an verschiedenen Stellen erfunden worden sein. So sieht es zumindest im Augenblick aus. Die ältesten Radfunde, die wir hier in den Pfahlbausiedlungen haben, sind genau so alt wie die frühesten nachweise in Mesopotamien und auch in Südosteuropa."

Möglicherweise, so Taucharchäologe Schlichtherle, wurde das Rad fast zeitgleich in Oberschwaben, in Mesopotamien und im heutigen Südosteuropa erfunden, wobei er eine gegenseitige Beeinflussung nicht ausschließt. Hier werden die Wissenschaftler noch einiges zu forschen haben. Daneben beschäftigt sie noch eine weitere drängende Frage: Das Ende der Pfahlbauten etwa im Jahr 850 vor Christus ist nicht minder rätselhaft wie deren Entstehung über 3.000 Jahre zuvor.

"Auch das wissen wir nicht genau. Es muss etwas ganz Generelles passiert sein. Man hat früher gerne auch von einem Klimasturz gesprochen, von sich verändernden klimatischen Verhältnissen, der Wasserspiegelanstieg der Seen. Aber das kann es nach meiner Ansicht nicht gewesen sein. Denn bei höheren Wasserständen hat der See auch wieder ein Ufer, wo man wieder eine Pfahlbausiedlung hinstellen könnte Ich denke eher, dass hier gesellschaftliche Umbrüche gewaltiger Art mitspielten – zwischen Bronzezeit und früher Eisenzeit."

Damit bleibt das Geschäft der Pfahlbau-Forscher auch in Zukunft spannend – genauso wie ein Rundgang durch die Landesausstellung "4.000 Jahre Pfahlbauten."

 

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