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40 Jahre türkische Zuwanderung nach Deutschland

    Lange: Am Telefon ist nun Hakki Keskin. Er ist der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Guten Morgen, Herr Keskin.

    Keskin: Guten Morgen, Herr Lange.

    Lange: Herr Keskin, 40 Jahre türkische Zuwanderung nach Deutschland, ist das unter dem Strich eine Erfolgsgeschichte oder auch eine Geschichte mit etwas bitterem Beigeschmack?

    Keskin: Also, ich glaube, es ist insgesamt positiv zu bewerten, wobei natürlich auch damit Probleme für beide Seiten verbunden sind, insbesondere für die Eingewanderten, die trotz ihres langen Aufenthalt in Deutschland immer noch nicht - in großer Mehrzahl - die gleichen Rechte errungen haben.

    Lange: Wenn man in Rechnung stellt, dass eine Integration lange Zeit gar nicht beabsichtigt war, dann muss man sich ja fast wundern, dass es so relativ glimpflich ausging.

    Keskin: In der Öffentlichkeit oder in den Medien werden natürlich Einzelfälle manchmal sehr dramatisiert oder herausgestellt, aber wenn man bedenkt, dass heute in Deutschland rund 2,5 Millionen Menschen aus der Türkei leben, so ist doch das Leben insgesamt nicht so konfliktbeladen bzw. konfliktreich, dass man irgendwie beängstigt sein müsste. Insgesamt gibt es, glaube ich, was das Arbeitsleben anbetrifft, was die vielen Kinder - das sind knapp eine halbe Million -, die in den Schulen unterrichtet werden, anbetrifft, was auch inzwischen rund 60 000 Selbständige anbetrifft, doch ein harmonisches Leben, könnte man sagen, wobei, wie ich eben sagte, ich mir ein gleichberechtigtes Leben gewünscht hätte, das wäre viel besser gewesen.

    Lange: Sie selbst sind seit 32 Jahren in der Bundesrepublik. Was hat Sie am Anfang am meisten irritiert am Alltag dieses fremden Landes?

    Keskin: Irritiert würde ich nicht sagen, sondern eher erstaunt oder beeindruckt, beides könnte man sagen. Ich kam an einem Weihnachtsabend nach Deutschland in den Norden, es lag Schnee und ich wusste nicht, dass Weihnachten ein solcher Festtag ist, wo alle Menschen Zuhause bleiben. Am nächsten Tag sah ich kaum jemand auf den Strassen. Ich war also völlig erstaunt, ich dachte, was ist hier eigentlich los? Erst später begriff ich, warum das so war. Ein anderer Punkt war, ich sah fast alle Leute damals - Mitte der 60er Jahre - mit Krawatte und Anzug, und das war auch so ein bisschen, als ob sie alle maschinell hergestellt waren, eine lockere Atmosphäre hat es in der Zeit noch nicht gegeben. Erst mit der Studentenbewegung hat sich einiges gewandelt.

    Lange: Gab es für Sie einen bestimmten, entscheidenden Moment, an dem für Sie und alle anderen klar war, dass das eine Auswanderung auf Dauer und nicht nur auf Zeit sein würde?

    Keskin: Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, das war für mich erst Anfang der 80er Jahre der Fall, als die Situation in der Türkei nicht mehr so war, dass man immer noch hoffen könnte, doch demnächst in die Türkei zurückzukehren, also, ich hatte selbst vor einigen Jahren eine Untersuchung unter älteren türkischen Einwanderern durchgeführt und da hatten 85 Prozent ausgesagt, dass sie nach 2 Jahren beabsichtigt hatten, in die Türkei zurückzukehren. Bei mir war es so, dass ich für Studienzwecke nach Deutschland kam und tatsächlich, nach meinem Studium, nach meiner Promotion auch in die Türkei zurückkehrte. Allerdings kam ich nach knapp 2 Jahren wieder zurück, weil die politischen Umstände damals nicht so waren, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und dann dachte ich wirklich, jetzt muss man sich klar entscheiden. Es ist eine Selbstlüge anzunehmen, dass man nach 2 oder 3 Jahren wieder zurückkehrt. Man muss sich auf ein Dauerleben hier in Deutschland einrichten, und deshalb habe ich damit angefangen, nicht nur mich, sondern auch die Türken zu informieren, zu orientieren, denen zu sagen, liebe Leute, es hat keinen Sinn, dass wir uns immer wieder selbst belügen und sagen, wir werden in die Türkei zurückkehren, das wird nicht der Fall sein. Es kann Ausnahmen geben, aber wir sind nunmehr seit Jahrzehnten hier, wir bleiben hier und demgemäss muss man sich orientieren.

    Lange: Inzwischen wächst hier die dritte Generation der Zuwanderer aus der Türkei auf. Was meinen sie, ist es heute schwerer oder leichter, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten?

    Keskin: Also, ich denke, die dritte Generation hat es sicherlich etwas leichter. Die zweite Generation war sehr problematisch; sie war in einer Weder-Noch-Position. Bei der dritten Generation haben - glaube ich - die Eltern definitiv geklärt, sie sind hier, und sie versuchen auch, den Kindern eine Ausbildung oder eine Schulbildung zu ermöglichen, die nicht als Vorbereitung auf die Türkei gedacht ist, sondern vor allem für Deutschland gedacht ist. Aber es gibt auch da einige Schwierigkeiten, und zwar Anfangsschwierigkeiten, weil die Kinder nicht in den Kindertagesstätten Plätze fanden und die deutsche Sprache nicht rechtzeitig bis zum Schulbeginn richtig gelernt hatten, und, als sie in die Schule kamen, sprach ein Teil dieser Kinder kaum die deutsche Sprache. Das ist wirklich beunruhigend gewesen.

    Lange: Also, die Mängel in der Integration von vornherein.

    Keskin: Genau. Und deshalb haben wir sogar, als türkische Gemeinde, eine Bundeskampagne durchgeführt, um die Eltern zu informieren, liebe Leute, um eine bessere Zukunft für Eure Kinder zu ermöglichen, müssen die Kinder bis zum Schulbeginn gute Deutschkenntnisse besitzen, schickt bitte Eure Kinder spätestens nach dem 3. Lebensjahr in die Kindertagesstätten, denn Kinder lernen ja die Sprache sehr schnell. Also, solche Schwierigkeiten gibt es oder gab es, aber trotz all dem, glaube ich, ist die Situation für die 3. Generation etwas klarer.

    Lange: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Keskin.

    Link: Interview als RealAudio