Samstag, 03. Dezember 2022

Einigung auf 49-Euro-Ticket
Was bringt das Deutschlandticket?

Bund und Länder haben sich geeinigt: Erst ab April 2023 soll es ein monatliches Abo für alle Nahverkehrszüge und –busse in Deutschland geben. Kosten soll es zunächst 49 Euro. Wer profitiert, wer kritisiert und was es fürs Klima bringen kann - ein Überblick.

30.11.2022

    Fotomontage: Menschen und einfahrende U-Bahn in München, im Vordergrund ein Ticket mit Aufschrift 49-Euro-Ticket
    Wird das 49-Euro-Ticket auch so ein Publikumserfolg wie der Vorgänger für neun Euro? Experten rechnen mit einer deutlich geringeren Nachfrage (picture alliance / SvenSimon / Frank Hoermann)
    Lange hat die Politik um einen Nachfolger für das befristete Neun-Euro-Ticket gerungen - jetzt gibt es eine Einigung: Das Deutschlandticket für einen Einführungspreis von 49 Euro im Monat. Preiserhöhungen oder -senkungen bleiben also möglich. Das Ticket soll ab April 2023 digital erhältlich und monatlich kündbar sein. Auch über die Finanzierung konnten Bund und Länder sich einigen. Kommunen und Verkehrsverbände bleiben kritisch.

    Wofür soll das 49-Euro-Ticket gelten?

    Inhaberinnen und Inhaber sollen mit dem Ticket bundesweit den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr nutzen können. Züge des Fernverkehrs wie Intercity, Intercity-Express und Eurocity sind ausgenommen..

    Wer finanziert das 49-Euro-Ticket?

    Bund und Länder werden das sogenannte Deutschlandticket mit jährlich drei Milliarden Euro bezuschussen. Diese Kosten werden zu gleichen Teilen zwischen Bund Ländern aufgeteilt. Darüber hinaus stellt der Bund in diesem Jahr zusätzliche Regionalisierungsmittel für den ÖPNV in Höhe von einer Milliarde Euro jährlich zur Verfügung. Diese werden jährlich um drei Prozent erhöht (bisher 1,8 Prozent). Mit diesem Geld vom Bund - für das Jahr 2022 sind es 9,4 Milliarden Euro - bestellen die Länder Busse und Bahnen bei den verschiedenen Verkehrsunternehmen.
    Unklar ist jedoch, wie man mit möglichen Mehrkosten umgehen will. Der Präsident des Deutschen Landkreistags, Reinhard Sager, sagte im Deutschlandfunk, er erwarte, dass Bund und Länder finanzielle Defizite, die durch Einführung des Deutschlandtickets bei den Verkehrsunternehemen entstehen können, ausgeglichen werden.

    Wie erfolgreich war der Vorgänger, das Neun-Euro-Ticket?

    Über die drei Monate im Sommer 2022 haben die Verkehrsverbünde in Deutschland insgesamt 52 Millionen Neun-Euro-Tickets verkauft. Bei einer repräsentativen Studie im Auftrag des VdV gaben 49 Prozent der Befragten an, sie hätten im Juli ein Neun-Euro-Ticket gekauft. Top-Kaufgrund war demnach der günstige Preis.
    Allerdings war die Nachfrage auf dem Land, wo Angebot und Taktung von Bussen und Bahnen meist geringer sind, nur halb so groß wie in dichter besiedelten Gegenden Deutschlands. Häufigste Gründe, sich das Ticket nicht zuzulegen, waren kein Bedarf (37 Prozent), Präferenz fürs Auto (35 Prozent) und umständliche Verbindungen (33 Prozent).

    Macht ein 49-Euro-Ticket den ÖPNV attraktiver?

    Davon gehen Experten und Politik aus. Vor allem der günstige Preis und das einfach zu verstehende System dürften eine Nutzung des ÖPNV attraktiver machen - gerade für Gelegenheitsfahrer und -fahrerinnen. Für diese sei es ein großes Hemmnis, das komplizierte System der Tarife und einzelnen Verkehrsverbünde zu verstehen, sagte Thorsten Koska, Co-Leiter des Forschungsbereichs Mobilität und Verkehrspolitik beim Think Tank Wuppertal Institut. Bereits das einheitliche Ticket im Sommer schaffte hier Abhilfe.
    Allerdings gibt es weiterhin viel Verbesserungsbedarf im öffentlichen Personennahverkehr. Es hapere im ÖPNV auch an der Zuverlässigkeit, meint Koska. Ein weiterer wichtiger Baustein seien dichtere Netze, vor allem auf dem Land, aber nicht nur dort: „Der ÖPNV muss in der Fläche besser werden, und der Takt muss dichter werden.“ Ein Ziel wäre für den Mobilitätsexperten, dass in Großstädten alle fünf Minuten ein Bus oder eine Bahn komme, auf dem Land müsse „öfter als nur mehrmals täglich was fahren“.

    Mit welcher Nachfrage rechnen Experten beim 49-Euro-Ticket?

    Der Think Tank Agora Verkehrswende erwartet durch ein 49-Euro-Ticket eine gestiegene ÖPNV-Nachfrage vor allem in großen Städten. Thorsten Koskas Wuppertal Institut erwartet allerdings, dass die Nachfrage nach einem Ticket für 49 Euro im Monat mit Abstand kleiner ausfallen wird als bei der Neun-Euro-Variante. Studien zur Kaufbereitschaft gingen von etwa einem Viertel der Nachfrage aus.
    Bei einem 29-Euro-Ticket wie etwa von der Verbraucherzentrale Bundesverband gefordert, läge die Kaufbereitschaft laut Koska dagegen doppelt so hoch. Eine solche Variante kündigte etwa Berlins Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) an. "In Berlin gibt es viele Menschen, die 49 Euro im Monat nicht aufbringen können", sagte sie nach der Grundsatzeinigung mit dem Bund.

    Wer profitiert von einem 49-Euro-Ticket, wer nicht?

    „Für Pendlerinnen und Pendler ist es sicher interessant“, meint Mobilitätsexperte Thorsten Koska vom Think Tank Wuppertal Institut. Auch bei regelmäßigen Wochenend-Ausflügen würde sich ein 49-Euro-Ticket schnell rechnen. Koska gibt aber auch zu bedenken: „Vermutlich weniger erreicht werden einkommensschwache Menschen."
    Das kritisierte unter anderem die Verbraucherzentrale Bundesverband. Deren Vorständin Jutta Gurkmann sagte: "Insbesondere Empfängerinnen und Empfängern von Transferleistungen, aber auch Geringverdienenden ohne staatliche Leistungen hilft ein 49-Euro-Ticket wenig." Auch die Linken-Parteichefin Janine Wissler kritisierte das geplante Ticket als zu teuer: "Leider wird es weiter viele Menschen geben, die sich dieses Ticket nicht leisten können." Wissler forderte perspektivisch einen kostenlosen und ausgebauten Nahverkehr für alle.
    Rabatte für Einkommensschwache sind beim 49-Euro-Ticket laut Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) nicht geplant. Auch Fernverkehrspendlerinnen und –pendler werden nichts davon haben, da es nur für den Nah- und Regionalverkehr gelten soll.

    Was bringt ein 49-Euro-Ticket für den Klimaschutz?

    Die Verkehrsverbünde schätzen in ihrer Bilanzstudie, das Neun-Euro-Ticket habe pro Monat etwa 600.000 Tonnen CO2-Emissionen verhindert; hochgerechnet aufs Jahr wären das rund sieben Millionen Tonnen. „Das wäre schon ein deutlich spürbarer Effekt“, allerdings "noch nicht das, was wir brauchen, um die Klimaziele zu erreichen", stellt Thorsten Koska vom Think Tank Wuppertal Institut fest. Insgesamt verursache der Verkehrsbereich in Deutschland jährlich CO2-Emissionen von mehr als 160 Millionen Tonnen. Die Klimabilanz des 49-Euro-Tickets dürfte allerdings schlechter ausfallen als beim Neun-Euro-Ticket, da es wahrscheinlich deutlicher weniger Menschen dazu bewegen wird, auf den ÖPNV umzusteigen.
    Quellen: DLF, dpa, ZDF, rbb, VdV, cc, fm, mg