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50 Jahre elektrischBob Dylans Aufstieg zur Rocklegende

Im Mai 1966 gab Bob Dylan, der bald 75 Jahre alt wird, ein legendäres Konzert in der Free Trade Hall in Manchester: Er wurde gefeiert, für seinen neuen, harten elektrischen Bandsound aber auch heftig angegriffen. Dieser Auftritt vor 50 Jahren markiert den Beginn des modernen Rock'n'Rolls - und Bob Dylans Aufstieg zur Rocklegende.

Von Udo Vieth | 22.05.2016

Der US-amerikanische Folk- und Rockmusiker und Lyriker Bob Dylan während einer Studiosession in New York im Jahr 1966
Bob Dylan während einer Studiosession in New York im Jahr 1966 (picture-alliance / dpa / CBS / Landov)
Als der damals gerade 22- jährige Bob Dylan im Januar 1964 den Song "The Times Thek arge a changing" veröffentlicht, wird er von seinen Bewunderern als Prophet und Führer in eine neue, bessere Welt gefeiert. Eine Rolle, die ihm überhaupt nicht behagt. Er selbst sieht sich bestenfalls als unabhängiger Beobachter und Kommentator der turbulenten Sechziger. Begabt darin, diesen tiefgreifenden Wandel der Zeiten in Musik und poetische Worte zu fassen. Besser als Dylan jedenfalls hat niemand die Stimmung dieser Jahre beschreiben können.
Vom Folk-Newcomer zum Weltstar
Und so rapide, wie sich die westlichen Gesellschaften ändern, so verändert sich auch Bob Dylan. Aus dem eher leisen Folk-Newcomer wird der Weltstar einer neuen Art von Rockmusik. Den Wendepunkt markiert eine Aufsehen erregende Tournee, in der Bob Dylan sein neues musikalisches Konzept vorstellt - Folk trifft Rock. Im Mai 66, vor fünfzig Jahren, wird dabei das Konzert in der Free Trade Hall in Manchester mitgeschnitten. Die Aufnahme kursiert danach jahrelang als Raubkopie und wird dabei fälschlicherweise als Konzert in der Londoner Royal Albert Hall bezeichnet. Jahre später, bei der offiziellen Veröffentlichung des Albums, belässt man es dann bei diesem Titel. Mit diesem Auftritt dokumentiert Dylan seine musikalische Metamorphose. Und nebenbei holt er den Rock 'n' Roll aus der Pubertät, lässt ihn erwachsen werden.
Musik: "Leopard-skin pill-box hat"
Sommer 1963 - für Bob Dylan beginnen drei arbeitsreiche, turbulente Jahre - voller Erfolge, aber auch voller Krisen, Fehler und Zweifel. Drei Jahre, die seine Musik und seine Sicht auf die Welt entscheidend verändern sollen. Die erste Etappe seines Aufstiegs - vom Geheimtipp zum landesweit bekannten Aushängeschild der amerikanischen Folkszene - beginnt beim Newport Musik Festival. Das Festival ist das wichtigste Forum der amerikanischen Folkbewegung und wird von Musikern selbst organisiert. Zu ihnen gehört auch Joan Baez, der strahlende Star der Szene. Die junge Musikerin nimmt Bob Dylan beruflich wie privat unter ihre Fittiche und ermöglicht dem Newcomer aufsehenerregende Auftritte während des Festivals.
"Newport 1963 war ein Wendepunkt für den Folksong als neue populäre Musik und für Dylan. Mit seinen schäbigen Kleidern, scharfsinnigen Liedern, seiner Anti-Showbusiness-Haltung, der Identifikation mit den Rechten der Schwarzen und dem Frieden und seiner Demontage historischer Mythen wurde er zum Emblem des Festivals". Robert Shelton, Bob Dylan Biograph. Joan Baez, Folksängerin und zeitweilige Partnerin von Bob Dylan drückt es so aus: "Die Mehrzahl der Protestsongs sind dümmlich. Ihnen fehlt jede Schönheit. Im Gegensatz dazu sind Bob Dylans Songs voller Kraft, als Lyrik und als Musik. Bob drückt aus, was all die Kids sagen wollen. O mein Gott wie der Junge singen kann. Er kann einen so furchtbar anrühren."
"Hauklotz-Gitarre, Keuchhusten"
Dylan verlässt das Newport-Festival 63 als neuer Star und Identitätsfigur. Über die Folkbewegung wird er schnell auch landesweit bekannt. Wie nah ihm dabei die künstlerischen Ideale und die politischen Überzeugungen der Folktraditionalisten wirklich sind, - darüber sind sich selbst damalige enge Wegbegleiter unklar. So schreibt das amerikanische Time-Magazine im Sommer 1963: "Wer kann ihm glauben? Hauklotz-Gitarre, Keuchhusten -Harmonika, ein dünnes Stimmchen. Er ist ein Philosoph der Groschenware, ein Drugstore-Cowboy…Im allerbesten Fall klingt seine Stimme, als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre- aber das ist ein Teil des Reizes. Er hat etwas Neues zu sagen, und er sagt es".
In den Monaten nach dem Newport-Festival erlebt der Folk einen stürmischen Aufschwung. Er wird populär und für die Massenmedien attraktiv. Dylan-songs erobern die Hitparaden, - er wird zum Idol, zum Vorbild. Heerscharen von Epigonen tauchen auf, und ins Publikum der Folk-Protestler mischen sich mehr und mehr jüngere Leute. Folk wird zu Popmusik.
Musik: "It´s all over now baby blue"
Auch 1964 fährt Bob Dylan permanent auf der Überholspur. "Eine wahnwitzige Roadshow" nennt es sein Biograph Robert Shelton. Es geht zu Bergleuten in Kentucky, Bürgerrechts-Kämpfern im Süden der USA, zu Liveauftritten Interviews und natürlich zu Plattenaufnahmen. Im Februar 1964 erscheint das Album "The times they are a-changin", und bereits ein halbes Jahr später die nächste LP-Produktion "Another side of Bob Dylan". Er schreibt einen guten Song nach dem anderen. Zu den Alben veröffentlicht Bob Dylan noch Gedichte. Er fährt nach England, von dort geht es kurz nach Paris und Griechenland. Dazwischen erwägt er zu heiraten, um sich dann doch von seiner Partnerin Suze Rotolo zu trennen. Auch seine Affäre mit Joan Baez endet in Turbulenzen. Sie beschreibt ihren Ex-Partner so:
Joan Baez: "sehe ihn mit angesplitterten Diamanten im Kopf"
"Er ist eine komplizierte und problematische Person. Ich sehe Bobby mit einem leicht angesplitterten Diamanten im Kopf. Viel zerbrechlicher als der Durchschnitt. Wie leicht ist er außer Fassung geraten, wenn er spielte und vielleicht etwas völlig Nebensächliches passierte! Aber man weiß nie, was er wirklich fühlt. Er kann alles sehr gut verstecken. Meiner Meinung nach will er sich aus irgendeinem Grund von jeglicher Verantwortung befreien, für wen auch immer."
"Haltet die Klappe und lasst ihn singen."
Johnny Cash sagt das beim Newport Folk-Festival 1964. Ein Jahr nach seinem Triumph ist auch Bob Dylan hier, an den Ort seines Durchbruchs zurückgekehrt. Aber diesmal gibt er ein über längere Strecken enttäuschendes, uninspiriertes Konzert. Die Hetze, der Ruhm und seine Verpflichtungen sind ihm deutlich anzusehen. Und auch seine Unlust sich weiter mit den Traditionalisten des Newport-Folklagers auseinanderzusetzen. Sie werfen ihm vor zu unpolitisch zu werden, sich Anleihen beim Blues zu holen, - der aber gehöre doch den Schwarzen. Dylan windet sich in einer misslichen Lage. Es ist klar, dass er seinen Erfolg dem Folk verdankt, aber er will nicht länger die Rolle einer Galionsfigur spielen und schon gar nicht der wegweisende Heilsbringer für eine aufbegehrende Jugend.
Der Prophet verweigert sich
"Die Traditionalisten hatten in Dylan einen Propheten für ihre Sache gefunden. Bobby war damals 22 Jahre alt. Wie in Gottes Namen konnte er denn auf alles eine Antwort haben? Aber, die, die ihn zum Messias machen wollten, haben ihm gesagt, er hätte die Antworten, und bald begannen sie das selbst zu glauben. Das war der Wendepunkt für Dylan. Da wurde er der Harte, Wissende und Verbitterte". So Carla Rotolo - Folksängerin und Förderin von Bob Dylan. Er selbst sagt in einem Interview mit dem Toronto Star: "Nein, ich bin nicht desillusioniert. Ich bin aber auch nicht illusioniert. Die Bürgerrechts- und Protestsongs, die habe ich geschrieben, als sonst keiner sie schrieb. Jetzt schreibt jeder sowas. Aber ich habe ein paar Dinge herausgefunden. Die Gruppen, die hinter diesen Bewegungen stehen, die wollten, das ich mich bei ihnen engagiere, ihr singender Sprecher bin - und diese Gruppen, mit all ihren Präsidenten-Vizepräsidenten-Sekretärskram, entsprechen denen der Politik. Mit ihren kleinen Schäbigkeiten sind sie genauso mies wie alle anderen. Ich will nicht einmal einen Fanclub, der müsste nämlich einen Präsidenten haben, und schon hätte man wieder eine Gruppe". Seinem Biographen Robert Shelton diktiert Dylan: "Alles was ich mache, ist Lieder schreiben und sie singen. Ich kann keinen Graben buddeln. Ich kann kein Stromkabel spleißen. Ich bin kein Schreiner. Ich bin jetzt im Showgeschäft. Ich bin nicht im Folkmusik-Geschäft. So einfach ist das"
Bei einer Pressekonferenz an der amerikanischen Westküste bohren Journalisten nach: "Bob Dylan, man hat Ihnen vorgeworfen, Sie hätten sich kommerziellen Interessen verkauft! Wollen Sie das kommentieren?" - " Kein Kommentar, keine Argumente - Ich fühle mich nicht schuldig". - "Versuchen Sie in ihren Songs etwas auszusagen, oder ist das nur Unterhaltung?" - "Ich unterhalte, das ist alles!"
Musik: "Tell me, Momma/ one too many mornings"
Während einer Pressekonferenz in Los Angeles wird Bob Dylan gefragt: "Stimmt es, dass sie ihren Namen geändert haben? Wenn ja, wie lautete ihr Name vorher?" Dylan antwortet: "Kunezevitch. Den habe ich geändert, damit nicht in allen Teilen des Landes angebliche Verwandte zu mir kommen und Freikarten für Konzerte und ähnlichen Kram haben wollen. Kunezevitch, ja".
Bob Dylans rare Pressekonferenzen Mitte der sechziger Jahre können für Momente unterhaltsam und sein. Oft ist es aber auch eine für beide Seiten frustrierende, ermüdende Farce. Die Reporter müssen sich mit Dylans Ironie, Sarkasmus und Antihaltung gegenüber den oft gleichen Fragen herumschlagen, er beschwert sich über die dreisten Manipulationen mancher Journalisten. Auf die Frage: "Haben Sie den Eindruck, dass ihre Interviewaussagen anschließend im Text exakt wiedergegeben werden?" antwortet er: "Nein, das ist einer der Gründe, warum ich nur ungern Interviews gebe. Pressekonferenzen sind ok, da gibt es genügend beteiligte Zeugen, aber wenn Du nur einen Interviewer hast oder zwei, - die nehmen Aussagen aus dem Kontext, sie teilen sie, nehmen sich, was sie gebrauchen können. Es ist schon passiert, dass Aussagen mit anderen Fragen versehen wurden. Das ist nicht ehrlich."
Dylan und die Presse
Bob Dylan misstraut der Presse, aber er provoziert und verwirrt sie auch bewusst. Er liebt es sich zu widersprechen oder Fragen absichtlich miss zu verstehen. Besonders gerne spielt er mit seiner Biographie. So wirft ihm die amerikanische Zeitschrift Newsweek 1965 vor, selbst ein großer Manipulator zu sein.
"Sein Händchen dafür, sein Publikum zu manipulieren, ist unübersehbar. Dylan ist praktisch eine Religion. …Er hat gelitten, er war ganz am Boden. Ein Mann, ohne Knete, ohne Mädel, durchgedreht und durcheinander. Seine Zuhörer teilen seinen Schmerz und wirken fast neidisch, weil sie in einem ordentlichen Zuhause und konventionellen Schulen aufgewachsen sind. Die Ironie bei der Sache ist, dass auch Bob Dylan in einem ordentlichen Zuhause aufgewachsen ist. Er vernebelt seine Vergangenheit mit Widersprüchen".
Musik: "Visions of Joanna"
1965 scheinen Terminhetze und Produktionsverpflichtungen Bob Dylan zu immer neuen kreativen Höchstleistungen anzustacheln. Es sind die entscheidenden Monate in seiner musikalischen Entwicklung. Er holt sich befreundete Musiker ins Studio und formiert eine Rockband. Die ersten Plattenproduktionen mit Bandsound werden von den allermeisten Fans begeistert aufgenommen. Sie bleiben wochenlang in den Hitparaden. Und doch ist es dann für die Macher des Newport-Festivals 1965 überraschend, als er auch dort in Rockbesetzung einige Songs spielt. Muddy Waters hatte dies bereits ein Jahr zuvor getan - und war gefeiert worden. Von Bob Dylan aber fühlen sich die Traditionalisten bewusst provoziert. Ihr Sturm der Entrüstung wird allerdings auch von der sehr schlechten Soundqualität des Auftritts befeuert.
Dylan wird "elektrisch"
Während der gesamten anschließenden Welttournee kommt es im "elektrischen" Teil der Konzerte zu Unmutsäußerungen von Seiten der Folkpuristen. Dylan hat lautstarke Gegner - aber es sind wenige. Die Allermeisten kann er von seiner Musik überzeugen und auf seine Seite ziehen. Sie feiern den neuen Dylan-Sound und die Konzerte als die "Geburtsstunde" eines modernen, erwachsenen Rock´n´Roll.
"Bob Dylan - gefeiert von allen, die die alten Ideale aufgegeben haben und eigene Wege gehen - angegriffen von allen, die von den Dividenden ihrer Bequemlichkeit noch recht lange leben möchten".
So die Kölnische Rundschau am 20.1.66. Der britische Daily Telegraph schreibt kurz zuvor:
"Es gibt bessere Sänger, bessere Gitarristen, bessere Harmonikaspieler und bessere Lyriker. Aber es gibt keinen anderen 23jährigen, der all dies gleichzeitig und auch nur mit einer Andeutung dieser Wucht, Originalität und dieses Feuers täte".
Aufstieg zum Weltstar begleitet von "Judas"-Rufen
In Großbritannien beendet Bob Dylan seine Welttournee einige Monate später. Vor 50 Jahren, im Mai 1966 wird dabei in Manchester ein denkwürdiges Konzert mitgeschnitten. Es dokumentiert erstmals den modernen Rock, so, wie wir ihn kennen und den Aufstieg Bob Dylans zum Weltstar. Berühmt wurde der Mitschnitt auch deshalb, weil man deutlich die Unmutsäußerung eines Zuhörers mitbekommt, der Dylan vorwirft ein Judas zu sein. Dylan kontert mit einer extra laut gespielten Version des Songs "Like a rolling stone."
Musik: "Like a rolling stone"
Mit dem Ende der Welttournee im Mai 1966 endet auch die dreijährige Zeitspanne, die oft als Dylans ergiebigste, poetischste und experimentierfreudigste betrachtet wird. Die Zeit, in der Bob Dylan den Rock zu einer anderen, neuen Kunstform macht. Nach dem letzten Konzert fliegt er völlig erschöpft und ausgebrannt nach Hause in die Vereinigten Staaten. Um dort zu erfahren, dass sein Manager für die unmittelbare Zukunft 64 weitere Konzerte geplant hat. Am 29. Juli dann kommt die Nachricht von Bob Dylans Motorradunfall. Wie schwer dieser Unfall ist, darüber bewahrt der seit einigen Monaten verheiratete Dylan Stillschweigen. Aber er begreift, dass dies die Gelegenheit ist zur Ruhe zu kommen und sein Leben neu zu organisieren. Der Unfall leitet zwei Jahre des völligen Rückzugs aus der Öffentlichkeit ein. Erst sieben Jahre später geht er auf seine nächste, im Grunde bis heute andauernde Konzertreise.
Musik: "Baby, let me follow you down"
Diese Sendung können Sie nach Ausstrahlung sieben Tage online nachhören.