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StartseiteEssay und Diskurs50 Jahre kubanische Revolution01.01.2009

50 Jahre kubanische Revolution

Teil 2: Gespräch mit Leonardo Padura

Vor 50 Jahren fand unter Fidel Castro die Revolution in Kuba statt. Diesem Anlass ist unsere dreiteilige Serie gewidmet, in der in Gesprächen mit Schriftstellern eine kritische Bilanz gezogen und nach den Zukunftsperspektiven Kubas gefragt werden soll. Im zweiten Gespräch unterhält sich Peter B. Schumann mit dem Schriftsteller Leonardo Padura.

Peter B. Schumann im Gespräch mit dem Schriftsteller Leonardo Padura

Fidel Castro spricht 1959 vor Anhängern in der kubanischen Hauptstadt Havanna. (AP)
Fidel Castro spricht 1959 vor Anhängern in der kubanischen Hauptstadt Havanna. (AP)
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Der Krimiautor blieb trotz aller Beschränkungen im Land und lässt seine Bücher hauptsächlich im Ausland verlegen. Padura, geboren 1955, schildert die Phasen der kubanischen Entwicklung von der stalinistischen Epoche in den 70er Jahren über die Wende in der kubanischen Literatur in den 80ern bis zum wirtschaftlichen Stillstand nach dem Epochenbruch.

Peter B. Schumann: Im 1. Teil der Gesprächsreihe über 50 Jahre der Kubanischen Revolution sprach ich mit dem Verleger Pio Serrano. Er gehört zu jener älteren Generation von Intellektuellen, die für den Sieg der Revolution gekämpft und das daraus entstandene System zunächst mitgetragen haben, bis sie später zu Dissidenten wurden.

In diesem 2. Teil werden wir Leonardo Padura kennenlernen. Er ist kurz vor der Revolution geboren, hat ihre Errungenschaften, ihre Höhen und Tiefen erlebt, hat als Journalist gearbeitet, bis er sich als Schriftsteller etablieren konnte. Er gehört heute zu den wenigen namhaften Kubanischen Autoren, die trotz der schwierigen Verhältnisse weiterhin in Kuba leben wollen. Bekannt wurde er durch ungewöhnliche Kriminalromane. Aber sein jüngst auf deutsch erschienener Roman Der Nebel von gestern reicht weit über dieses Genre hinaus und ist außerdem eine der kritischsten Innensichten der Revolution, die bisher publiziert wurden.

Leonardo Padura, woher nehmen Sie den Mut zu dieser profunden Kritik an einem System, das eine solche Haltung nicht gerade schätzt?

Leonardo Padura: Das hat überhaupt nichts mit Mut zu tun. Wenn ich ein Buch fertig habe, dann bin ich immer sehr ängstlich, denn man weiß ja nie, welche Reaktionen es hervorruft. Aber als Schriftsteller, Intellektueller, Bürger, der all diese Jahre hindurch in Kuba gelebt hat, habe ich die Verantwortung, so zu schreiben. Außerdem habe ich das Recht dazu. Ich habe oft Zuckerrohr geschlagen, schon als 15jähriger Schüler, und erinnere mich mit Schrecken daran, wie meine Hände vom Machete-halten zu bluten begannen. Ich habe ein Jahr lang als Korrespondent vom Krieg in Angola berichtet. Ich habe alle Entbehrungen und Beschränkungen in Kuba erlebt. Und das gibt mir irgendwie das Recht dazu, eine kritische Vision von meinen Lebensbedingungen zu verbreiten. Denn nur wenn wir uns dieser Probleme bewusst sind, sind wir auch in der Lage, sie zu lösen.

Schumann: In Der Nebel von gestern geht es um Ihren längst berühmten Kriminalkommissar Mario Conde. Sie haben ihn aber aus dem Verkehr gezogen, ihn feststellen lassen, dass selbst viele Kubanische Hüter der Ordnung inzwischen von Korruption durchdrungen sind. Der Ex-Kommissar findet immerhin ein bescheidenes Einkommen durch den Verkauf von antiquarischen Büchern und stößt dabei auf einen Mordfall und auf eine Art Goldmine: eine Bibliothek der Kubanischen Literatur, für die Ausländer viele Dollar bezahlen. Der Ausverkauf der Kultur hat längst begonnen. So beginnt diese Geschichte der Ernüchterung.

Padura: Es ist gewiss ein Roman der Enttäuschung, eine reichlich traurige Sicht auf bestimmte Teile der Kubanischen Gesellschaft. Er besteht aus mehreren Ebenen: der Hochkultur – die Kubanische Literatur des 19. Jahrhunderts – und den Randbezirken im heutigen Havanna, eine Art Abstieg in die Hölle. Ich wollte zeigen, was aus diesem Leben nach der Krise Anfang der 90er Jahre wurde, nachdem auch der Traum vom Sozialismus geplatzt ist.

Schumann: Sie sind 1955 geboren, dürften also kaum eine Erinnerung an den Sieg der Revolution besitzen. Wie haben Sie Ihre Jugend in den 60er Jahren erlebt, bevor Sie in die Zuckerrohr-Ernte gingen?

Padura: Meine Kindheit verlief sehr heiter in einem Stadtviertel, wo wir problemlos spielen konnten. Ich erinnere mich an einen Jungen mit Tennisschuhen und Shorts, ohne Hemd, der ständig Baseball spielte. Ich merkte erst etwas von den Ereignissen in Kuba, als eine meiner Tanten und zwei Vettern 1961 emigrierten und die bis dahin vereinte Familie väterlicherseits sich aufzulösen begann.

Schumann: Welche Werte der Revolution haben Sie damals am stärksten beeinflusst?

Padura: Dazu muss ich noch einmal auf meine Familie zu sprechen kommen. Mein Vater gehört zu einer Freimaurer-Loge, meine Mutter ist eine typisch Kubanische Katholikin: sie glaubt auch an die afrikanischen Heiligen. Zu Hause habe ich zweierlei gelernt: bescheiden zu bleiben und brüderlich zu sein. Die Revolution erlaubte mir, diese beiden Prinzipien angemessen zu leben. Ich bin in einem einfachen Stadtviertel unter normalen Menschen aufgewachsen. Zu uns kamen Leute aus besser gestellten Schichten und ganz arme Leute, Schwarze, Weiße, Chinesen – wir lebten das Prinzip der Gleichheit, das in den 60er Jahren nicht nur bei uns zu Hause praktiziert wurde, sondern in der gesamten Kubanischen ‚Gesellschaft.

Schumann: Später haben sie dann in den 70er Jahren Hispanistik, hispano-amerikanische Literatur an der Universität von Havanna studiert.

Padura: Und zwar ohne einen Cent dafür zu bezahlen, in einer damals wunderbaren Universität mit sehr guten Professoren und einigen Beschränkungen. Damals durfte man beispielsweise einen Borges offiziell nicht lesen, was wir dennoch getan haben wie all die übrigen verbotenen Autoren: Cabrera Infante, Vargas Llosa, was immer wir wollten.

Schumann: Es war die Zeit des sog. grauen Jahrfünfts, die stalinistische Zeit der Revolution, und Sie machten damals gerade Abitur. Was haben Sie von dieser finsteren Periode mitbekommen?

Padura: Nicht sehr viel. Erst an der Universität haben wir mehr von den Ereignissen erfahren und eigentlich erst später die Tragweite begriffen. Es muss eine schreckliche, frustrierende, auch schmerzhafte Zeit gewesen sein, für die Literatur und die Kultur ganz allgemein. Eine Reihe von Schriftstellern hat damals ihre schöpferischen Fähigkeiten eingebüßt. Ihre Marginalisierung war so groß, dass sie diese nie mehr überwunden haben. Aber es traf auch Maler und Filmemacher. Selbst Autoren, die weiterhin schreiben durften, wie der große, alte Alejo Carpentier. Zwischen dem Schriftsteller des grandiosen Romans Das Jahrhundert der Aufklärung von 1962 und seinem letzten Roman Le Sacre du Printemps von 1978 liegen derartige Qualitätsunterschiede wie zwischen zwei verschiedenen Autoren.

Schumann: Waren auch Sie von dieser Zeit stärkster Repression betroffen?

Padura: Nein damals nicht. 1980 hab ich meinen Abschluss an der Universität gemacht und habe dann bei der Zeitschrift Caimán Barbudo angefangen zu arbeiten. Da blieb ich 3 Jahre, bis ich wegen "ideologischer Probleme" versetzt wurde und zwar zu Juventud Rebelde, dem Zentralorgan der Kommunistischen Jugend. Man wollte mich damit bestrafen, aber es war ein großes Privileg, denn auf diese Weise musste der bis dahin ganz auf seine akademische Welt konzentrierte Student von heute auf morgen das Handwerk des Journalisten lernen. Ich erhielt aber so auch eine tiefere Einsicht in die Kultur und vor allem in die nicht offizielle Kultur, die nicht in den Geschichtsbüchern steht.

Schumann: Und was war der Grund für Ihre Strafversetzung?

Padura: Sie konnten einen damals für jegliche Sache bestrafen. Es herrschte eine Hysterie, die überall Feinde und nicht adäquate Verhaltensweisen ausmachte. Damals hat der Versuch, einen Beitrag über den Tod von John Lennon zu publizieren, einen Wirbelsturm in der Zeitschrift verursacht, obwohl er von niemand Geringerem als García Márquez stammte. Der Vorfall diente nur dazu, die gesamte Redaktion auszuwechseln. Meine große Sünde bestand darin, dass ich in einem Interview mit einer Tänzerin des Nationalballetts eine Person erwähnte, den Lehrer dieser Tänzerin, bei dem der Zoll auf dem Flughafen 40 oder 50 Dollar Devisen gefunden hatte, was ein sehr schweres Vergehen war.

Schumann: Wie würden Sie den Unterschied charakterisieren zwischen den Verhältnissen in den 70er/ 80er Jahren und der Zeit danach?

Padura: Dazu bräuchten wir aber mehrere Kassetten dieses Aufnahmegeräts, wenn ich das wirklich erklären soll, denn das ist sehr kompliziert. Damals konnten wir von unserem Verdienst leben und zwar ziemlich gut. Ich konnte damals 1980 nach der Universität von meinem ersten Gehalt so viel sparen, dass ich das Haus meiner Eltern aufstocken und eine Wohnung bauen konnte. Ich konnte Ferien machen, essen gehen, normal leben. Später hat der Verdienst in Kuba für solche Vergnügen nie mehr gereicht.

Schumann: Sie sprechen noch immer von den 80er Jahren. Wie haben sich die Gegensätze im ideologischen Bereich ausgewirkt?

Padura: Es waren Jahre ideologischer Borniertheit, in denen alles verdächtig war und man schuldig blieb, bis man das Gegenteil bewiesen hatte, was meist unmöglich war. In dieser Zeit war eine schöpferische Arbeit schwierig. Trotzdem hat meine Generation damals angefangen zu schreiben und zu publizieren: Abilio Estévez, Senel Paz, auch Abel Prieto, der heutige Kulturminister. Wir waren damals 30, 35 Jahre alt und haben unsere ersten Bücher veröffentlicht.

Schumann: Ihr Buch hieß Fiebre de caballo. Sie haben es 1983 geschrieben, und es ist ein ungewöhnlicher Liebesroman.

Padura: Wir haben damals versucht, eine Wende in der Kubanischen Literatur herbeizuführen, denn wir wollten nicht so weiterschreiben wie in den 70er Jahren. Wir wollten ganz persönliche, dramatische Geschichten erzählen, in denen es nicht mehr um eine große gesellschaftliche Vision ging, sondern um den existentiellen Konflikt des Individuums.

Schumann: In dieser Zeit einer gewissen wirtschaftlichen Sicherheit begann also die literarische Rückbesinnung auf das individuelle Schicksal. Welche Folgen hatten denn der große Umbruch, die Abnabelung von der Sowjetunion, der wirtschaftliche Zusammenbruch Anfang der 90er Jahre für die Literatur.

Padura: Da entstand eine Literatur, eine Kunst, die viel aggressiver, kritischer war und sich auf die realen Probleme konzentrierte. Unabhängig von einander wurden drei Erzählungen über Homosexualität geschrieben. Der Jäger hieß mein Beitrag. Da es kein Papier für eine Buchausgabe gab, wurden sie in Heftform aus Papier-Abschnitten gedruckt, eine damals häufig praktizierte Publikationsform in Kuba. Zum ersten Mal stand ein Homosexueller im Mittelpunkt einer Geschichte. Seltsamerweise erschienen die drei Erzählungen gleichzeitig im Jahr 1990.

Schumann: 30 Jahre brauchte die Revolution, um dies zu ermöglichen, 25 Jahre nach der ersten und gut 20 Jahre nach der zweiten Verfolgung von Schwulen in Kuba. Immerhin drehte Tomás Gutiérrez Alea 1993 auch den inzwischen weltberühmten Spielfilm Erdbeer und Schokolade über dieses jahrzehntelang tabuisierte Thema. War das ein politischer Durchbruch für die Kulturschaffenden?

Padura: Damals wurden Freiräume geöffnet, die nur schwer wieder geschlossen werden können. In der bildenden Kunst gab es zeitweise kleine Skandale, die aber weniger mit den Werken selbst als mit ihrem Kontext zu tun hatten. Diese abstrakten Arbeiten, Konzeptkunst und Installationen haben sich längst als eine Form der bildenden Kunst in Kuba durchgesetzt. In der Literatur gibt es seither sehr viel experimentellere oder dunklere Texte. Gegenwärtig fällt eine Gruppe von jüngeren Dokumentarfilmmachern auf, die sich mit Themen völlig abseits der offiziellen Informationspolitik beschäftigen.

Schumann: 1991 – Kuba erlebte eine der schlimmsten Versorgungskrisen seiner Geschichte – schrieben Sie, Leonardo Padura, den Roman Perfekte Vergangenheit.

Padura: Dieser Titel enthält eine recht große ironische Komponente. Der Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen Vergangenheit offiziell ganz perfekt erscheint, der aber tatsächlich stets ein Opportunist, ein Karrierist war und schließlich zu einem Korrupten der übelsten Sorte wird. Im Kapitalismus sind die Spielregeln ganz klar: wer es versteht, kommt zu Geld. Im Sozialismus geht man davon aus, dass du zum Wohl der ganzen Gemeinschaft arbeitest. Und wenn ein Hurensohn klaut, beklaut er alle. Das ist der Fall dieses Typs mit der angeblich perfekten Vergangenheit.

Schumann: Der Mann ist immerhin ein Vizeminister. Und es gibt, glaube ich, keinen anderen Kubanischen Roman, in dem die Korruption bis in diese Höhe der Nomenklatura reicht. Haben Sie mit dieser Darstellung Schwierigkeiten bekommen?

Padura: Nicht wirklich Schwierigkeiten. Ich habe das Buch bei einem Wettbewerb in Kuba eingereicht. Die Jury wollte ihm den Preis für den besten Roman geben, aber die Organisatoren entschieden sich nach der Lektüre dagegen. Vier Jahre später, 1995, meinte Abel Prieto, damals noch Präsident des Schriftsteller-Verbands, dass man den Roman veröffentlichen und wo auch immer Papier hierfür finden müsste. Das zeigt, dass sich die Situation in den 90er Jahren verändert hat. Und das war wirklich das erste Mal, dass das Thema der Korruption auf solche Weise in einem Kubanischen Roman und gar in einem Kriminalroman behandelt wurde. Denn bis dahin waren unsere Krimis reine Schwarz-weiß-Malerei. Ich habe versucht, diese Grenze aufzubrechen: der Böse ist ein kubanischer Vizeminister, der sich eigentlich auf der Seite der Guten befinden müsste.

Schumann: Eine solche Krise wie die 90er Jahre in Kuba – "Sonderperiode in Friedenszeiten" hieß diese Etappe euphemistisch, in der das Regime beinahe kollabierte – eine solche Krise kann ja auch positive Auswirkungen haben. Ich erinnere mich noch sehr gut, welche Phantasie und Energie die Bevölkerung damals entfaltete und jede Möglichkeit, kleine Geschäfte zu betreiben, nutzte, als die Regierung das erlaubte. Dann stellte Fidel Castro aber fest, dass sich einige dabei angeblich bereicherten, und verbot vieler dieser Aktivitäten wieder. Wie haben Sie diese dramatischen Jahre überstanden?

Padura: Sie gaben mir eine Freiheit, die ich früher nicht besaß. Es war für meine Frau und mich damals in den 90er Jahren wirklich eine harte Zeit. Es gab kein Essen, keine Transportmittel, keinen Strom, kein Papier, kein Geld. Es war so schwierig, dass wir einen Moment lang daran dachten, im Ausland zu leben. Aber wir haben uns entschieden, auszuharren, weil wir daran glaubten, dass wir in unserem Familieverbund eine solche Zeit überstehen könnten. Meine Frau, von Beruf Philologin wie ich, musste das Friseurhandwerk erlernen, um etwas Geld zu verdienen. Ich habe Wein fabriziert –

Schumann: In Kuba?

Sprecher: Ja, aus einigen kleinen Trauben, die es hier gibt, und habe ihn an die Trinker in meinem Viertel verkauft, die Flasche zu 30 Peso, und er hat ihnen geschmeckt. Aber dann hatte ich das Glück, das ich verschiedene Arbeiten hier in Europa erhielt, beim spanischen Fernsehen, das mir zwar keine Honorare zahlte, aber sehr großzügige Diäten. Damit konnte ich meinen ersten Computer kaufen, Lebensmittel für die Familie. Und wir besaßen etwas sehr Wichtiges: die Wohnung, die ich in den 80er Jahren von meinen ersten Einkünften gebaut hatte.
Schumann: Aber sie sprachen eben von einer großen Freiheit, die Sie damals spürten.

Padura: Diese Periode besaß deshalb eine große Freiheit für mich, weil ich zu der Überzeugung kam, dass ich vor allem schreiben wollte. Und ich habe wie wahnsinnig zu schreiben begonnen. Ich glaube, das hat mich vor dem Verrücktwerden und der Verzweiflung gerettet.

Schumann: Sie haben zwischen 1990 und 1995 drei Romane, einen Band mit journalistischen Beiträgen und einen 600-seitigen Essay über Alejo Carpentier verfasst. Aber haben Sie nie an dem System gezweifelt, das zu solchen existentiellen Problemen geführt hat, die Sie als nahezu hoffnungslos beschreiben?

Padura: Ich war immer sehr kritisch angesichts bestimmter politischer Entscheidungen, die in diesen Jahren in Kuba gefällt wurden. Es gab mal ein Problem und eine Diskussion mit Abel Prieto, inzwischen Kulturminister. Dem habe ich gesagt: "Abel, Du kannst davon überzeugt sein: ich bin völlig transparent. Alle wissen, was ich denke, und ich sage und schreibe innerhalb und außerhalb Kubas das gleiche. Ich vertrete keine doppelte Meinung." Ich will nur Eines: Dass diese Gesellschaft, in der ich als Kind glücklich war, in der ich Brüderlichkeit und Solidarität erfahren habe, das Wichtigste nicht verliert, das sie erreicht hat und das sich in der Vielzahl meiner Leser ausdrückt, der Menschen, die in diesen Jahren, lesen und schreiben lernen konnten: das Bildungswesen, das auch für mich so wichtig war und das mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Und dass auch die sozialen Werte nicht verloren gehen. Und dass jetzt, bevor es zu spät ist, die notwendigen Veränderungen durchgeführt werden, damit das alles nicht den Bach runter geht.

Schumann: Was für Veränderungen halten Sie für die drängendsten, Herr Padura?

Padura: Kuba braucht vor allem grundsätzliche wirtschaftliche Veränderungen. Sie sind am dringendsten, denn die Kubanische Wirtschaft hat in den 50 Jahren ihre völlige Unfähigkeit bewiesen. Es gibt Elemente, die einfach nicht funktionieren und auch in der Sowjetunion nicht funktioniert haben. Durch die Recherchen, die ich für meinen Trotzki-Roman gemacht habe, sehe ich heute vieles ganz anders.

Schumann: Sie haben einen Trotzki-Roman geschrieben?

Padura: Ich war im Oktober 1989 zu einem Literatur-Festival in Mexico-Stadt eingeladen und wollte das Haus von Trotzki, der dort im Exil ermordet worden war, kennenlernen. Denn von dem gesamten Geschehen um Trotzki haben wir in Kuba nie etwas erfahren. Ich habe also dieses Haus aufgesucht und muss sagen: es hat bei mir einen schrecklichen Eindruck hinterlassen, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Ich spürte die Angst, die einen Menschen bis zu seinem Ende verfolgt hat, und erlebte, wie eine Idee zur Perversion eines Mordes wird. 12 oder 15 Jahre später habe ich den Roman über die Ermordung Trotzkis begonnen, den ich gerade fertig stelle. Erst jetzt hatte ich die ausreichende Distanz und Information, um mir meine emotionale Erschütterung von damals zu erklären. Die schaurige Geschichte von Trotzki zeigt, wie Menschen in eine der schlimmsten ideologischen Fallen der Menschheit geraten.

Schumann: In wieweit hat die Arbeit an diesem Trotzki-Roman Ihre Einschätzung von vielen Dingen verändert?

Padura: Ich glaube, dass es noch nie eine sozialistische Wirtschaftsordnung gegeben hat, weshalb das alles gescheitert ist, denn eine wirklich sozialistische Wirtschaft wäre erfolgreicher gewesen. Es gab immer nur eine stalinistische Wirtschaft. Das Modell Stalins wurde aller Welt eingepflanzt.

Schumann: In Kuba wird viel über das chinesische Wirtschaftsmodell als dem Vorbild für ökonomische Veränderungen diskutiert. Ist das auch Ihre Alternative?

Padura: Dieses chinesische Modell halte ich für nahezu unmoralisch, denn die Mehrheit der Chinesen arbeitet wie Sklaven in einem Land, das sich sozialistisch nennt. In Kuba sollte es ökonomische Veränderungen geben, damit die Menschen ein bisschen besser leben, so wie es ihnen gebührt.

Schumann: Raúl Castro, der neue Regierungschef, hat ja eine Reihe von vorsichtigen Reformen eingeleitet. Ist seine Politik durch die drei Wirbelstürme beeinflusst worden?

Padura: In den letzten Monaten ist die Situation dadurch viel komplizierter geworden, weil diese schrecklichen Wirbelstürme die Möglichkeiten zur Veränderung torpediert haben. Sie haben die Provinz Pinar del Rio in der Nähe von Havanna praktisch zerstört und auch einen großen Teil von Oriente, im Osten Kubas. Der zweite Orkan ist über die ganze Länge Kubas hinweggezogen, was höchst selten vorkommt. Normalerweise durchqueren sie nur die Insel. Und das alles geschieht in einer der größten finanziellen und ökonomischen Krisen der Welt und während Kuba sich in der schlimmsten Wirtschaftslage befindet. Aber mit Hilfe des Überlebenswillens der Kubaner werden wir auch diese äußerst schwierige Situation meistern.

Schumann: Herr Padura, was halten Sie überhaupt von den Reformmaßnahmen von Raúl Castro?

Padura: Das waren nur Veränderungen im Überbau. Sie erlauben den Kubanern, ein Handy zu besitzen, aber die meisten haben sich eines schon irgendwie beschafft. Es ist allerdings das erste Mal in den 50 Jahren, dass jemand, der ein Telefon haben will, es ganz unabhängig vom Staat erhalten kann, denn bisher wurde es vom Staat zugeteilt. Es gab auch Erleichterungen für die Bauern, die Land besitzen und bebauen wollen, aber das wird erst längerfristig Erfolge zeitigen. Außerdem wurde ein Tag der Schwulen vor einigen Monaten mit einem großen Umzug begangen. Auch sind die Operationen von Transsexuellen erlaubt worden. Es gibt also Veränderungen, aber noch nicht die, welche die Bevölkerung erwartet und am dringendsten nötig sind. Möglicherweise haben sich durch die Orkane die weiteren Maßnahmen verzögert, die Raúl Castro als strukturelle und konzeptionelle Veränderungen bezeichnet hat.

Schumann: Sind darunter politische Reformen zu verstehen?

Padura: Sie werden kommen zusammen mit diesen Veränderungen. Es gab in Kuba bereits sehr offene Diskussionen über unsere Realität. Auf dem letzten Kongress des Schriftsteller- und Künstler-Verbandes war kaum von Film, Literatur und Kunst die Rede, wohl aber von der Kubanischen Gesellschaft. Wir haben sehr heftig über die Krise des öffentlichen Bildungssystems diskutiert. Alle Diskussionen auf diesem Kongress besaßen diese soziale Ausrichtung. Ich bin sicher, dass es künftig mehr Raum für Diskussionen geben wird. Manchmal wird er wieder eingeschränkt, aber dann versuchen wir ihn eben wieder zu öffnen.

Schumann: Ist diese neue Diskussionsfreudigkeit auch auf die Vorfälle von Anfang 2007 zurückzuführen? Damals war vom staatlichen Fernsehen eine Hommage auf Luis Pavón, dem Hauptexekutor der Repression in den 70er Jahren, ausgestrahlt worden. Und dagegen gab es massiven Protest.

Padura: Wenn etwas die Möglichkeiten eines offeneren Dialogs beeinflusst hat, dann war es dieser Protest von Kubanischen Intellektuellen, hauptsächlich von Schriftstellern. Er wurde als ‚Krieg der eMails’ bezeichnet, weil er sich zunächst vor allem im Internet per eMail abspielte, als diese und andere Figuren unserer stalinistischen Vergangenheit im Fernsehen auftauchten. Niemals mehr sollte Ähnliches geschehen. Es gab Briefe, dann Versammlungen, denn die Freiräume, die wir uns eröffnet haben, dürfen wir nicht mehr verlieren.

Schumann: Was erwarten denn die Kubaner von der Zukunft?

Padura: Sie erwarten vor allem, dass jeder von seiner Arbeit würdig leben kann. Diese Aussicht ging in den 90er Jahren verloren. Die spanische Ausgabe eines meiner Bücher würde in Kuba heute 20 € kosten. So viel verdient umgerechnet ein Arzt im Monat. Das reicht nicht zum Leben. Deshalb hat dieser Arzt ein besonderes Verhältnis zu seinen Patienten. Wenn sie ihn konsultieren, dann bringen sie ihm eine Tüte Kartoffeln mit oder eine Flasche Öl oder Parfüm oder ein Halstuch, das sie ihm schenken, denn sie wissen, dass ihr Arzt, von dem ihr Leben abhängt, von der Bezahlung allein nicht existieren kann. Und diese Form von Handel, von gegenseitiger Hilfe gibt es in allen Bereichen. Doch hier ist sie besonders augenfällig.

Schumann: Hoffen die Kubaner auch auf demokratische Verhältnisse, die von der inneren Opposition immer an erster Stelle genannt werden?

Padura: Ich glaube schon. Aber die Wirtschaft ist so wichtig für die Bevölkerung, dass alle immer nur davon reden. Nur wenige Leute erwähnen die Möglichkeit von politischen Veränderungen. Die meisten erwarten erstmal eine Lösung der Wirtschaftsprobleme, bevor sie an andere Änderungen denken. Hinzu kommt etwas ganz Wesentliches für Kuba: die nächste Regierung in den USA. Das Embargo ist nach wie vor eine harte Realität und keine Propaganda der Kubanischen Regierung. Kuba hat die USA beispielsweise um ein Moratorium von 6 Monaten nach den Wirbelstürmen gebeten, um Lebensmittel und Baumaterial in den USA zu kaufen. Doch die nordamerikanische Regierung hat darauf noch nicht einmal geantwortet.

Schumann: Sie hat schon geantwortet, aber zunächst politische, demokratische Veränderungen gefordert.

Padura: Aber erst viele Tage später, das zeugt doch von Mangel an Respekt. Wir hoffen deshalb auf Obama. Vielleicht gibt es dann wenigstens Veränderungen in der Sprache, im Stil, im Umgang in dieser traumatischen Beziehung zwischen Kuba und den USA.

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