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StartseiteInterview"Ein Produkt des populärkulturellen Mainstreams"28.11.2020

50 Jahre Tatort"Ein Produkt des populärkulturellen Mainstreams"

Der Tatort wird 50 - und sei mittlerweile ein Gefangener seines Erfolgs, sagte der Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl im Dlf. Bereits existierende Werte und Ideologien würden im eher linksliberalen Weltbild der Reihe weiter fortgeführt. Buhl wünscht sich hingegen mehr Mut zu Provokation und Reibung.

Hendrik Buhl im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Maria Furtwängler und Florence Kasumba bei der Preview des Tatorts "Das verschwundene Kind". Kasumba ist die erste schwarze Ermittlerin in der Geschichte des ARD-Krimis. (imago stock&people)
Mehr Wunschgedanke als Realität: "Wir haben sehr viele Frauen, die ermitteln, aber ist das auch die Realität?", fragt der Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl. (imago stock&people)
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Der ARD-Tatort kann auf 50 erfolgreiche Jahre zurückblicken. Für Millionen Menschen gehört er fest zum Sonntagabend. In der Thematisierung von gesellschaftspolitischen Konflikten habe sich in den vergangenen Jahren einiges getan, meint der Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl. Aber klar sei auch, dass der Krimi dabei ein eher linksliberales Weltbild vermittele. Es wäre verwunderlich, wenn sich die Reihe mit Blick auf das Wertesystem Abweichungen größerer Art erlauben würde, meit Buhl. An vielen Stellen zeige sich auch ein Wunschbild und nicht ein reales Abbild der Gesellschaft. Ein Beispiel dafür: Die hohe Quote an weiblichen Ermittlerinnen in der Tatort-Reihe. "Hier wird im Grunde genommen auch was konstruiert, wie es sein sollte, von der ARD. "

Das "Tatort"-Logo und Absperrbanderolen bei Dreharbeiten zum Freiburg-"Tatort" mit Heike Makatsch (picture alliance / dpa / Winfried Rothermel) (picture alliance / dpa / Winfried Rothermel)Tatort - Das letzte TV-Lagerfeuer lodert noch
Im November 1970 wurde der erste ARD-"Tatort" gesendet und ist heute immer noch beliebt. Die Ermittlerteams, Regionen und Erzählweisen sind vielfältiger geworden – wichtig für einen guten "Tatort" seien "gute Drehbücher und spannende Geschichten", so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek.


Das Interview im Wortlaut:

Stephanie Rohde: Amerikanische Serien sind allerorten, warum ist der "Tatort" weiterhin so erfolgreich?
 
Hendrik Buhl: Das liegt an dem ganz eigenen Rezept des "Tatorts", der hat ja eine lange Tradition seit 1970, und da sind die Ingredienzen zum einen eine Realitätsbezogenheit der Spielhandlung, dann ein gewisser Aktualitätsbezug, das heißt, die Folgen spielen immer im jeweiligen Hier und Jetzt. Dann ist noch ganz wichtig die Regionalität, das heißt das sogenannte Lokalkolorit – die Folgen spielen in Köln oder aber auch in der niedersächsischen Provinz oder an der Waterkant. Und dann natürlich ist der Genrebezug ganz, ganz wichtig, das heißt, es handelt sich hier um einen Krimi, und zwar in der Regel um einen Polizeikrimi, das heißt, die Aufklärung von Verbrechen steht hier im Vordergrund. Aber das ist nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist sicher der, dass der "Tatort" ja schon so lange am Sonntagabend um 20:15 Uhr erstausgestrahlt wird und damit für viele Menschen ein fester Punkt am Ende des Wochenendes ist und damit so ein gewisser Ritualcharakter verbunden ist.
 
Rohde: Der "Tatort" hat sich ja durchaus auch gewandelt in den vergangenen 50 Jahren. Wenn wir jetzt schauen auf die gesundheitspolitische Relevanz vom "Tatort", was würden Sie sagen, ist der politischer geworden mit den Jahren, vor allen Dingen jetzt in den vergangenen Jahren?

Kaum politisch in den 70ern

Buhl: Ja, in den vergangenen Jahren – wir müssen, denke ich, ein bisschen ausholen: In den 70ern war er weitestgehend apolitisch, das gilt als das themenlose Jahrzehnt. Wenn Sie nach einem "Tatort" zum Beispiel mit RAF-Thematik suchen, dann werden Sie keinen finden in den 70ern. Das geht erst zaghaft in den 80ern dann los, wird dann in den 90ern richtig stark und gehört heute zum festen Repertoire der Reihe dazu, aber diese gesundheitspolitisch aufgeladenen Folgen sind eben nicht immer da, die wechseln sich ab mit komödiantischen Folgen, mit experimentellen Folgen, und so ist es ein Aspekt, aber nicht der einzige Aspekt, der die Reihe zurzeit prägt. Wir haben natürlich Themenkonjunkturen auch gehabt in den letzten Jahren zu Migration, Integration zum Beispiel, da gab es ungefähr zehn Folgen dazu immerhin in den letzten Jahren.
 
Rohde: Und wie parteiisch, würden Sie sagen, ist die Darstellung dann?
 
Buhl: Na ja, dem "Tatort" wird ja nachgesagt, dass er letztlich so ein linksliberales Weltbild transportiert oder dafür steht, und ja, das sehe ich auch so. Es ist die Frage, ob das gut ist oder ob das schlecht ist. Letztlich, wenn Sie sich so die Verbrechen angucken und diejenigen, die sie begehen, wenn Sie das analysieren, dann kommen Sie schon zu dem Schluss …
 
Rohde: Können Sie das belegen?
 
Buhl: Ja, das kann ich belegen, und zwar, wenn Sie sich anschauen, dass Leute aus Milieus, die zum Beispiel migrantisch sind oder so, wenn Sie die haben, da werden Sie selten Mörder finden. Vielleicht ist ja auch eine gewisse Angst auf der Seite der Produzierenden, so eine Figur auch in Verbindung mit einem Verbrechen darzustellen, das können wir schon hier und da sehen. Rechtsradikalismus ist ein absolutes Unding, und da wären wir ja auch schon bei der Konsonanzbildung: So was wird ganz klar moralisch negativ evaluiert, und zwar vonseiten der Trägerinnen und Träger der Ermittlungen, also der Kommissarinnen und Kommissare, und da geht die moralische Evaluation sehr weit. Sie haben da in dem "Tatort – Bildersturm" in den 90ern zum Beispiel, 1998 war das, da war es die Wehrmachtsausstellung, die sogenannte, von Reemtsma, die da Teil der fiktionalen Spielhandlungen wurde, und da tauchten natürlich auch rechtsradikale Figuren auf. Da ging die moralische Evaluation so weit, dass da einem mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde von einem Kommissar, so einer Figur. Das Spektrum reicht von dieser Faust, von der Anwendung von Gewalt, bis zur hochgezogenen Augenbraue oder von einer hochgezogenen Augenbraue bis zu dieser Faust. Das heißt also, diese Ermittlerinnen und Ermittler, die stehen für gewisse Werthaltungen und stehen auch dafür ein und führen diese Werthaltungen in den Spielhandlungen vor. Das ist auch zum Beispiel im Supermarkt-Tatort "Kassensturz" der Fall gewesen, wo Sie praktisch eine Parteinahme sehen können für die Frauen, die in diesem fiktiven Supermarkt Billy arbeiten. Da wird die eiskalte Managerin negativ evaluiert durch Odenthal und Kopper. Das ist ja auch noch so ein schönes Beispiel, hier schlagen die sich auf die Seite der hart Arbeitenden.

Tatort-Kommissare Christoph Scholz (Charly Hübner), Martina Bönisch (Anna Schudt), Franz Mitschowksi (Nicholas Ofczarek), Peter Faber (Jörg Hartmann), Marcus Rettenbach (Ben Becker), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Nadine Möller (Elena Uhlig), Sascha Ziesing (Friedrich Mücke), Martin Scholz (Bjarne Mädel) (WDR/Tom Trambow)Wo bitte geht's hier zum Fall? „Das Team“ vom Tatort (WDR/Tom Trambow)

Stabiles Wertesystem

Rohde: Wenn ich Sie richtig verstehe, heißt das also, dass die Kommissarinnen und Kommissare Werthaltungen reproduzieren oder Werte, die im Zweifel dann linksliberal sind, also irgendwie zum Mainstream gehören. Führt das dann dazu, dass da ein Konsens suggeriert wird, also dass eigentlich allen, die diesen "Tatort" gucken, jetzt klar sein sollte, was richtig und was falsch ist? Man kann sich ja auch daran reiben im Zweifel, oder?
 
Buhl: Ja, da arbeitet der "Tatort" durchaus an einer Konsonanzbildung und Reflexion auch mit, und Sie nannten den …
 
Rohde: Was meinen Sie mit Konsonanzbildung?
 
Buhl: Die Bildung von konsensuellen Positionen und deren Reflexion. Sie nannten den Begriff Mainstream ja, und zwar vollkommen zu Recht, denn der "Tatort" erreicht ja Millionen an Zuschauerinnen und Zuschauern, immer noch. Insofern ist er ein Produkt des populärkulturellen Mainstreams, und hier wäre es auch verwunderlich, wenn er sich, was dieses Wertesystem angeht, Abweichungen größerer Art erlauben würde. Und das tut er nicht, da ist er im Grunde genommen auch ein Gefangener seines Erfolgs. Das heißt also, hier werden existierende zentrale Sinnmuster, Werte und Ideologien bestärkt und gegenläufige dagegen eher ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt, kann man sagen. Insofern ist er ein Paradebeispiel für eine Form der medienkulturellen Konsonanzbildung.

Kein eigenes "Agenda Setting"

Rohde: Und würden Sie sagen, "Tatorte" befördern politische Debatten oder bilden die "Tatorte" die nur unterhaltsam ab?
 
Buhl: Nee, Letzteres ist der Fall.
 
Rohde: Also sie haben keinen Mehrwert im Diskurs, sie bilden tatsächlich nur ab, würden Sie sagen.
 
Buhl: Na ja, der Mehrwert im Diskurs, der besteht insofern, als sie einzelne Diskurskomplexe verstärken und popularisieren. Das tut die Reihe, aber selbst Agenda-Setting betreiben, das tut sie nicht. Gansel und Gast sprechen da eher vom Agenda-Pushing, das heißt, der "Tatort" findet keine ganz neuen Themen- und Problemkomplexe, sondern er greift Vorhandenes auf und verstärkt das im Grunde genommen und führt Problembereiche einer breiten Öffentlichkeit zu.
 
Rohde: Aber gibt es dann auch Punkte, wo der "Tatort" Normen hinterfragt oder das, was besteht, als Wert hinterfragt?
 
Buhl: Selten, da wüsste ich gar kein wirkliches Beispiel, wo mal eine Provokation eine wirkliche Hinterfragung von Mehrheitsfähigem gegeben wäre, das sehe ich nicht. Das wird dem "Tatort" ja zugeschrieben, dieser seismografische Charakter für Werte und Normen, und das ist eigentlich immer mit einer Verzögerung. Im "Tatort" ist abzulesen, was eigentlich schon sag- und wissbar ist und zustimmungsfähig und auch zustimmungspflichtig. Denken Sie mal an den bisexuellen Ermittler Karow in Berlin: Nicht erst seit diese Figur in der "Tatort" ermittelt, ist dieses Lebensmodell gangbar, das war vorher auch schon so, aber mit einer zeitlichen Verzögerung können Sie dann am "Tatort" einiges dann ablesen über das, was konsensuell ist.

"Tatort behauptet das Vorhandensein einer weltoffenen, toleranten Gesellschaft"

Rohde: Und Kritikerinnen und Kritiker setzen genau da an und sagen, der "Tatort" suggeriere eine offene und tolerante Kultur in der Bundesrepublik, aber eben mit sehr stereotypen Weltbildern, die dann quasi sich im Mainstream festsetzen. Würden Sie da auch zustimmen?
 
Buhl: Ja, der behauptet das Vorhandensein einer solchen weltoffenen, toleranten Gesellschaft. Das ist im Grunde genommen ja dann weniger auch ein Abbild von Gesellschaft, sondern ein Wunschbild zum Teil, und da nenne ich ein schönes Beispiel: diese Feminisierung des Aufklärungsgeschehens. Wir haben sehr viele Frauen, die ermitteln, das ist natürlich wünschenswert, ja, natürlich, aber ist das auch die Realität? Hier wird im Grunde genommen auch was konstruiert, wie es sein sollte, von der ARD.
 
Rohde: Sie kritisieren also, dass "Tatorte" nichts anstoßen, was sollten "Tatorte" denn tun Ihrer Meinung nach, wo sollte man ansetzen?
 
Buhl: Ich kann mir vorstellen, dass es auch mal provokative Positionen geben könnte im "Tatort", zum Beispiel eine Figur, die eben vielleicht eine deutlichere politische Position vertritt, etwas mehr links oder etwas mehr rechts, und erste Ansätze sind ja auch vorhanden in der Richtung. Denken Sie mal an diesen Vorgesetzten in Dresden, diese Figur, Schnabel heißt die, glaube ich, verkörpert vom wunderbaren Martin Brambach, der ist ja eher so rechtskonservativ und äußert sich auch dementsprechend. Diese Position, die müssen ja die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht gut finden, aber können sich vielleicht daran abarbeiten. Und da kommt dann vielleicht durch solche Positionen innerhalb der Fiktion auch eine Diskussion in Gang. So was würde ich mir mehr wünschen, dieser Wille auch zur Provokation und zur Reibung.
 
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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