Dienstag, 07. Dezember 2021

500 Jahre Philippe de Monte Musik für "feine Geschmäcker"

Zu Lebzeiten war der franko-flämische Komponist Philippe de Monte in ganz Europa berühmt und seine Madrigale galten als meisterhaft. Die Musikgeschichtsschreibung hat ihn etwas vernachlässigt. Anlässlich der Wiederkehr seines 500. Geburtstages widmet ihm das Ensemble Ratas del Viejo Mundo seine neue CD.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk | 18.07.2021

Sieben Musikerinnen und Musiker in legerer Kleidung sitzen nebeneinander vor einer Wand, sie haben alle fröhliche Gesichter.
Das internationale Vokal- und Instrumental-Ensemble Ratas del Viejo Mundo ist in Antwerpen beheimatet. (Christoff Busschots/Aiki Photography)
Wir stellen Madrigale und Chansons von Philippe de Monte vor, einem zu seiner Zeit berühmten franko-flämischen Renaissance-Komponisten, der eine Unmenge an Werken hinterlassen hat, von denen die meisten in Vergessenheit geraten sind.
Das Label Ramée im Verbund von Outhere hat die Wiederkehr des 500. Geburtstags des Musikers zum Anlass genommen, eine Auswahl an überwiegend weltlichen Vokalkompositionen aus verschiedenen Sammlungen von 1554 bis 1612 mit dem jungen Ensemble "Ratas del Viejo Mundo" aufzunehmen.
Musik: Philippe de Monte – Alma ben nata se mi duol e dolse
Das ist eines der wenigen Madrigale von Philippe de Monte, das das Ensemble "Ratas del Viejo Mundo" auf ihrer neuen CD 'a Capella' aufgenommen hat, wie so viele andere, handelt auch dieser Text von Liebe, Leiden und Abschied.

International besetztes Ensemble mit Sitz in Belgien

Die "Ratten der Alten Welt", so heißt der Name des internationalen, solistischen Gesangsensembles übersetzt. Die Assoziation löst vielleicht zunächst etwas Ekel aus, oder erinnert wiederum an das "Rat Pack" um Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. aus der Neuen Welt. Auf jeden Fall vermutet man unter dem Titel zunächst etwas eher Martialisches und nicht wie hier höfische, kammermusikalische Musik für "feine Geschmäcker".
2017 vom flämischen Gitarristen und Lautenisten Floris de Rycker gegründet, und in Antwerpen beheimatet, hat sich das Ensemble ein ganz spezielles Repertoire erarbeitet. Es ist die dritte bei Ramée erschienene CD, aufgenommen unter Pandemie-Bedingungen im September 2020 in der Jesuitenkirche im belgischen Lier.
Wie in der Renaissance üblich, existieren von vielen Madrigalen und Chansons auch instrumentale Versionen in Bearbeitungen verschiedener Komponisten, hier wurden dafür zwei Gamben, Laute und Gitarre eingesetzt.
Musik: Philippe de Monte – Domine Jesu Christe, Arr. G.C. Barbetta, instr. (Ausschnitt)

Abwechselnde Besetzung und Instrumentales

Die Besetzung der Madrigale und Chansons von Philippe de Monte ist ganz unterschiedlich, mal sind es nur Frauenstimmen, mal eine Männerstimme allein, mal alle vier Stimmen zusammen. Meist umspielen sie Gamben, Laute oder Gitarre, mal ergänzen die Instrumentalstimmen die Melodielinien. Leider ist die Besetzung im Booklet nicht einzeln verzeichnet.
Das Ensemble zeigt einen wunderbaren Zusammenklang, wobei die individuelle Stimmfärbung erhalten bleiben darf, die auch eine Nähe zur Volksmusik aufzeigt. Die Intonation ist extrem sauber, und auch wenn die Stücke auf den ersten Blick nicht kompliziert erscheinen mögen, so haben es die harmonischen und rhythmischen Wendungen doch in sich.
Aufgenommen ist es auf eine sehr puristische Art, die mehr Nähe als Kirchenraum-Akustik vermittelt. Das ist eine spezielle Klang-Ästhetik, die zur Philosophie des Labels gehört und die man mögen muss.
Musik: Philippe de Monte – Giunto m’à Amor fra belle et crude braccia
Die Texte der Madrigale von de Monte sind in Italienisch, die Chansons in Französisch abgefasst, im Booklet wurden sie ins Englische, wenn auch nicht ins Deutsche übersetzt.
Hier hat de Monte ein Sonett aus Francesco Petrarcas "Canzoniere" 5-stimmig vertont. In dieser Sammlung geht es um die Liebe zu Laura und seine Trauer über ihren Tod 1348. Petrarcas ausdrucksvolle Liebeslyrik beeinflusste die Dichtung bis weit ins 16. Jahrhundert hinein.
Philippe de Monte war ein überaus kreativer Musiker, Sänger und Komponist, der zu den bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehörte und von allen Seiten Wertschätzung erfahren hat. Wenn er sich auch zunächst nicht selbst darum bemüht hatte, dass seine Werke auch verlegt und vertrieben wurden, so führte man sie doch von Lissabon bis Danzig und von Neapel bis Dublin auf. 35 Jahre lang wirkte er als Kapellmeister am kaiserlichen Hof in Wien und danach in Prag.

Mehr als 1000 Madrigale und geistliche Werke

De Monte hat viele Hundert weltliche und geistliche Madrigale, Chansons, Messen und Parodie-Messen sowie Motetten hinterlassen und noch einige weitere geistliche Werke. Die meisten seiner Messen sind zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht geblieben, die Madrigale erschienen in 34 Büchern bei angesehenen venezianischen Verlegern. Doch vieles gibt es immer noch nicht in einer modernen Ausgabe und ein Werkverzeichnis konnte erst 2016 veröffentlicht werden.
Den Booklet-Text schrieb der Musiker und Wissenschaftler Peter van Heyghen, der selbst schon beispielsweise mit "Les Mufatti" bei Ramée veröffentlicht hat. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie informativ und doch verständlich solche Texte sein können, wie man ein Stück Zeitgeschichte auf fünf Seiten lebendig werden lassen kann.

Warum geriet Philippe de Monte in Vergessenheit?

Van Heyghen versucht darin auch zu erklären, warum der viel geehrte Philippe de Monte bei der Nachwelt so wenig Beachtung fand, im Vergleich zu seinen Zeitgenossen Orlando di Lasso, Cipriano di Rore, Giaches de Wert und anderen Vertretern der fünften Generation flämischer Polyphonisten. Ein Grund lag vielleicht zum einen darin, dass es wenig Spektakuläres über ihn zu berichten gab, zum anderen an der Ernsthaftigkeit und formalen Strenge seiner Texte und Kompositionen.
De Monte war schon früh nach Italien gereist und vermochte sich ein weitverzweigtes Netzwerk aufzubauen. Das Italienisch des in Mechelen geborenen Musikers muss vorzüglich gewesen sein und er vertrat die ästhetischen und ethischen Ideale der italienischen aristokratischen Zirkel. So entwickelte er das ernste italienische Madrigal zu seiner Vollkommenheit.
Musik: Philippe de Monte – Didí in dí vo cangiando il viso e 'l pelo (Ausschnitt)
Eine weitere Vertonung eines Petrarca Textes war das, Tod und Liebe standen auch hier im Mittelpunkt.
Für den Flamen Philippe de Monte war eine subtile Textvertonung wichtig, - übertriebene Chromatik, rhythmische oder metrische Kontraste, Wortmalerei oder andere Ausdrucksmittel für mehr Dramatik vermied er zugunsten strenger Textausdeutung. Dabei experimentierte er schon auch mit neuen zeitgenössischen Stilmitteln, aber es blieb alles im Rahmen.

Stilgefühl und individuelle Stimmfärbung

Man merkt dem Ensemble Ratas del viejo Mundo an, dass es mit der Musik dieser Zeit sehr vertraut ist und de Montes Musik und die Texte mit großem Stilgefühl interpretiert. Durch die abwechslungsreiche Besetzung von Stimmen und Instrumenten entsteht keine Langeweile, man muss sich nur auf die Entschleunigung einlassen.
Gerne hätte man im Booklet noch etwas über die Interpretinnen und Interpreten erfahren, die aus Österreich, Belgien, Norwegen und Spanien stammen und zum Teil ganz unterschiedliche musikalische Hintergründe haben. Der individuelle Ausdruck ist nicht so radikal, wie zum Beispiel beim auch in Belgien beheimateten Ensemble Graindelavoix, aber man hört heraus, dass es Erfahrungen mit dieser Art von kraftvollem Gesang gibt.
Ramée ist eines dieser One Man-Label, die sich bevorzugt einem Nischenprogramm zuwenden und sich jeweils einer persönlichen Ästhetik verschrieben haben.
Philippe de Montes Madrigale und Chansons mit ihren wunderschönen Melodien sind eine Entdeckung zu seinem 500. Geburtstag, man kann nur hoffen, das es nicht die einzige bleibt.
Musik: Philippe de Monte – S’io odo alcun felice, e lieto amante/Amor, che sol de i cor leggiadri ha cura/S’io odo alcun felice, e lieto amante (Ausschnitt)
Wir stellten Ihnen heute Madrigale und Chansons von Philippe de Monte vor, eine Produktion des Labels Ramée im Verbund mit Outhere und im Vertrieb von Note 1.
Das Ensemble "Ratas del viejo Mundo" setzt sich zusammen aus Michaela Riener – Sopran, Soetkin Baptist - Mezzo-Sopran, Anne Rindahl Karlsen – Alt, Tomàs Maxé - Bass-Bariton, Salomé Gasselin und Garance Boizot – Viola da gamba und Floris de Rycker – Laute und Gitarre.
Philippe de Monte (1521-1603)
Madrigale & Chansons
Ratas del viejo Mundo
RAMÉE 2004 / Outhere Music
LC-13819 //4250128520041