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StartseiteKultur heute„Das Hörspiel verschließt sich nicht der Gegenwart“04.05.2016

65. Hörspielpreis der Kriegsblinden„Das Hörspiel verschließt sich nicht der Gegenwart“

Zum 65. Mal wird in diesem Jahr der Hörspielpreis der Kriegsblinden vergeben. Die Vorsitzende der diesjährigen Jury, Anna Dünnebier, berichtet im Deutschlandfunk von einer "besonderen Ästhetik" und einem neuen Zugang des Hörspiels zu den Themen der Gegenwart und "allen Problemen, die uns auf den Seelen brennen".

Anna Dünnebier im Gespräch mit Karin Fischer

Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Der Hörspielpreis der Kriegsblinden ehrt in diesem Jahr "Und jetzt: Die Welt!" von der deutsch-schweizerischen Schriftstellerin Sibylle Berg. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
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Karin Fischer: Zuerst aber zum 65. Hörspielpreis der Kriegsblinden, dessen Gewinnerinnen heute, eine Woche vor der Verleihung, bekannt gegeben wurden. "Und jetzt die Welt" - das Stück von Sibylle Berg ist prämiert worden. Der Titel klingt ein bisschen nach "Hoppla, jetzt komm ich" und passt aber auch gut zur Bandbreite der diesjährigen Auswahl. Sehr welthaltig war die, sehr aktuell, aber auch wieder mit vielen spielerischen Formen gesegnet und natürlich mit großen Stimmen. Hier ein Ausschnitt aus dem Gewinnerstück:

Einspielung O-Ton

Fischer: Das ist die Stimme von Marina Frenk, und eine Besonderheit gleich vorweg: Mit der Autorin Sibylle Berg ist auch die Sprecherin dieses Hörspiels ausgezeichnet worden, weil die Jury - und das wurde so auch schon für die Vorauswahl betont - in ihr eine Miturheberin sah. Eine grandiose schauspielerische Leistung ist hier zu würdigen.

Anna Dünnebier, die Vorsitzende der Jury des Hörspielpreises, habe ich vor der Sendung gefragt, worum es in "Und jetzt die Welt" geht und warum das so besonders gelungen ist.

Anna Dünnebier: Ja es geht um vier junge Frauen, die versuchen, sich durch die Fallstricke und die Forderungen einer absurden Welt durchzubeißen, und dieses Stück springt immer zwischen den Extremen. Sie sind selbstbewusst und hoffnungslos, die Frauen. Sie sind abgeklärt, aber sie begehren auf, und es wird auch kein Klischee ausgelassen.

Shopping-Sucht, Mode-Blog, der Zwang, dabei zu sein, Yoga, Urban Knitting, Political Correctness, und es wird alles, natürlich auch die Hoffnung auf den perfekten Mann, ironisch gedreht und dann die bemühte Ironie wieder verspottet. Es ist wirklich ein Fallen von einem Extrem ins andere und es ist natürlich nicht sehr leicht, das sprachlich umzusetzen.

Marina Frenk spricht all diese Rollen, sie gibt diesen vier Frauen Stimmen, sie ist ein Instrument, sie ist eine röchelnde Trompete, sie singt, sie beherrscht alle Fassetten des Sprechens, und wir haben deswegen sie auch als Miturheberin benannt, weil das war ja ursprünglich ein Theaterstück und der Text hat eigentlich keine geschriebenen Rollen und keine Dialoge, und die Umsetzung ins Hörspiel, dafür sind nun Regie natürlich, Stefan Kanis, und Sprecherin zuständig. Und die Umsetzung ist ja nun fürs Hörspiel ebenso wichtig wie die Vorlage. Deswegen diese Einbeziehung der Sprecherin.

"Es geht um die Entgrenzung des Horrors"

Fischer: Interessant finde ich das, wie Sie es schon erwähnt haben, dass von drei Hörspielen gleich zwei auch Theaterstücke waren und sind. Das liegt bei den Autoren nahe. Sibylle Berg wie auch Wolfram Lotz schreiben fürs Theater. "Die lächerliche Finsternis" ist von Lotz aber tatsächlich als Hörspiel zuerst verfasst worden. Das Phänomen ist nicht ganz neu, dieses Cross Over der Künste auch. Aber in diesem Jahr sind auch die Themen hoch aktuell.

Dünnebier: Ja. Bei Lotz war es, glaube ich, auch so: Das ist ja als Hörspiel geschrieben und ist zunächst nirgendwo akzeptiert worden, weil es wirklich ein sehr, sehr großes und wüstes Stück ist. Es geht ja mehr oder minder um die Entgrenzung des Horrors. Er zeigt, wie schief die globalen Konflikte in den Medien gespiegelt werden, aus welchen absurden Details wir so uns unser Halbwissen zusammensetzen, und da mischen sich dann irgendwie Afghanistan und die somalischen Piraten, die Flüchtlinge und die Bundeswehreinsätze, aber auch sehr klug und sehr gekonnt und mit viel Wissen und auch mit sehr grimmigen Pointen und mit schwarzem Humor. Aber wie gesagt, das hat nur den Umweg übers Theater genommen, um dann wieder ins Radio zurückzukehren.

Fischer: Noch mal zu den Inhalten, Frau Dünnebier. Kriegen wir Realität im Hörspiel im Moment nur in ironisierter Form vorgesetzt?

Dünnebier: Ja. Diese ironisierte Form, die hat ja auch irgendwie einen tiefen Ernst dabei. Es ist natürlich eine Frage, wie man an den Ernst unserer Zeit herangeht. Wir hatten in diesem Jahrgang zum Beispiel auch ein Thema über die Computersucht oder Gewaltspiele, die in Gewalt ausarten. Das war sehr ernsthaft dargestellt. Das hieß "Der Krieg der Söhne", wo es auch von den Sorgen der Eltern und der Umwelt ausgeht, wie man damit umgeht.

Exil war Thema, auch durchaus unironisch. - Nein, nicht nur. Es scheint doch so, dass diese Art, die Wirklichkeit ein paar Mal umzudrehen und von verschiedenen Seiten zu betrachten, dass das doch noch mal ein anderes Verständnis auch ermöglicht.

"Die Kriegsblinden haben das neue Hörspiel unterstützt"

Fischer: Ein Wort zum Hörspielpreis der Kriegsblinden selbst vielleicht, der immerhin schon zum 65. Mal vergeben wird in der kommenden Woche, hoch renommiert ist und eine Kunst auszeichnet, die wiewohl schon öfter mal totgesagt gerade in diesen digitalen Zeiten höchst lebendig ist. Womit hat das eigentlich zu tun?

Dünnebier: Ja. Ich finde ja an dem Preis besonders schön, dass das ein Preis ist, den das Publikum verleiht. Die Kriegsblinden, die Zuhörer haben diesen Preis ja ins Leben gerufen und sind die Träger des Preises und haben ihm auch über die ganze Zeit die Treue gehalten. Sie haben auch die Veränderungen im Hörspiel mit begleitet, sie haben das neue Hörspiel unterstützt.

Und ja, ich fand damals auch diese Gründung so beachtlich, weil das war, stellen Sie sich vor, 1952. Da waren die Trümmer noch nicht ganz weggeräumt und die Lebensumstände waren erbärmlich und, ich glaube, über 10.000 blinde Soldaten waren aus dem Krieg zurückgekehrt, und da hatten sie dann doch die Großzügigkeit und die kulturelle Offenheit, diesen wunderbaren Preis ins Leben zu rufen.

Und das Hörspiel verschließt sich natürlich nicht der Gegenwart. Ich finde es schon erstaunlich, wie welthaltig nicht nur dieses Jahr, sondern auch die vergangenen Jahre das Hörspiel ist und wie es sich wirklich allen Problemen, die uns so auf den Seelen brennen, widmet, aber mit wirklich sehr besonderer Ästhetik und besonderem Zugang. Das ist, glaube ich, auch das Wichtige dabei, dass man doch einen neuen Zugang zu den Themen dieser Welt findet.

Fischer: Das war Anna Dünnebier, die Vorsitzende der Jury des 65. Preises der Kriegsblinden. Er ging an Sibylle Berg und Marina Frenk.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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