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StartseiteCorsoDer Mythos des DDR-Labels21.10.2017

70 Jahre AmigaDer Mythos des DDR-Labels

Es wurde zum Synonym für "Platten aus der DDR": Das 1947 gegründete Label Amiga vertrieb einheimische Produktionen und Lizenzpressungen von ausgewählten Bands aus dem Westen. Zum 70. Geburtstag zeigt das Schloss Bernburg in Sachsen eine groß angelegte Werkschau - leider ohne zeitkritische Analyse.

Von Christoph Richter

Die erste Schallplatte des VEB Deutsche Schallplatten Berlin "Amiga", "Amiga Express 1953/54" (picture-alliance / dpa / Peter Endig )
Die erste Schallplatte des VEB Deutsche Schallplatten Berlin "Amiga", "Amiga Express 1953/54" (picture-alliance / dpa / Peter Endig )
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Ich steige Dir aufs Dach, heißt die Nummer von Bärbel Wachholz. In den 60er Jahren ist sie der ostdeutsche Schlagerstar. Lieblingssängerin des früheren SED-Chefs Walter Ulbricht, nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen hat sie sich 1984 das Leben genommen. Veröffentlicht wurden ihre Hits auf dem DDR-Plattenlabel Amiga. Monopolist, wenn es um Rock- und Popmusik ging.

"Wurde von Ernst Busch 1947 gegründet …" 

…erzählt der Bernburger Torsten Sielmon, der Kurator einer Ausstellung zur Geschichte des DDR-Plattenlabels Amiga. Dieses Jahr feiert es sein 70-jähriges Jubiläum.

"Ernst Busch war ja Spanien-Kämpfer, Komponist und Texter vieler Arbeiterlieder. Hatte eine gute Lobby bei der sowjetischen Besatzungsmacht. Und hatte daher die Möglichkeit dieses Label zu gründen…"

Kurz nach der Gründung, im Mai 1947, erschien bei Amiga die erste Schellackplatte von Kurt Reimann mit dem Titel Capri Fischer.

 "Das ist auch ein Exponat das bei uns in der Ausstellung gesondert in einer Vitrine gezeigt wird."

Die Monotonie des yeah, yeah

Als im Westen die Beatles die Massen elektrisierten, ist es auch bei Amiga mit der heilen Schlagerwelt vorbei. Es erscheinen Beat-Platten mit schrammeligen Gitarrensounds, bis es den Genossen 1965 um SED-Machthaber Walter Ulbricht zu viel wird.

 "Ist es denn wirklich so, das wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke Genossen, mit der Monotonie des 'yeah, yeah' und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen."

Die Ausstellung: "Amiga - Mythos und Kult des ersten deutschen Plattenlabels" ist im Museum des Renaissance-Schloss Bernburg zu sehen. Die Wände sind vollgehängt mit Plattencovern, meist aus dem Besitz des Ausstellungsmachers. Aber auch Leihgaben aus dem Privat-Besitz ehemaliger Amiga-Künstler sind zu sehen. 70 Schautafeln erklären grob die Geschichte des Plattenlabels.

Allzu buntes Allerlei

Letztlich eine Schau, die eher ein buntes Allerlei ist. Kaum erwähnt werden die Bedingungen von Rockmusik in der DDR. Wer eine Platte produzieren wollte, kam an der Amiga bzw. an dessen Chefredakteur René Büttner nicht vorbei. Denn Amiga ist immer auch eine Geschichte von Einflussnahme, Anpassung und Zensur. Nur wer den ideologischen und ästhetischen Anforderungen gefiel, hatte eine Chance. Weshalb viele Bands in der DDR auch nie die Möglichkeit bekamen, eine Platte zu machen, erzählt Birgit Jank. Musikwissenschaftlerin an der Universität Potsdam.

"Mitte der 80er Jahre sprechen wir von 2000 Amateurbands und von 170 Profibands. Schon allein diese Relation macht klar, dass es da eine große Basis gab, die nie bei Amiga war, die nie in den Studios war."

Erst kurz vor dem Zusammenbruch der DDR dürfen bei Amiga, die anderen Bands wie Feeling B, Sandow, Die Art oder Müllstation erscheinen.

Die wundersame Geschichte von Gabi, aus dem Jahr 1983, auch bei der Amiga veröffentlicht. Eine Nummer der DDR-Punkband Pankow. Pankow war keine der etablierten angepassten, stromlinienförmigen Ostrock-Bands wie Puhdys oder Karat. Immer wieder ist Pankow mit den Verantwortlichen von Amiga in Streit geraten, musste Texte ändern.

 "Es ist auf meinem Herzen, es belastet mich auch immer noch …"

… erzählte kürzlich der frühere Sänger André Herzberg in einer Sendung des rbb. So durfte die Platte Paule Panke erst kurz vor dem Ende der DDR erscheinen.

"Im Grunde genommen mit der Gründung der Band sind wir zur Amiga gegangen und wollten dieses Programm Paule Panke aufnehmen. Wir hatten es konzipiert als Langspielplatte, wir wären am Liebsten damit um die Welt gezogen. Das war so ein Theater-Rock Ding. Die Pläne waren hoch, die Träume gingen bis sonst wo hin. Es ist mit einer Handbewegung gecancelt worden. Die Begründung war: Das machen wir jetzt nicht, das machen wir vielleicht in zehn Jahren, wenn sich die Kulturpolitik geändert hat."

Von Geschichten, die fehlen

Ein Schmerz, der bei André Herzberg noch heute tief sitzt. Weshalb er 1997 - zum 50. Amiga-Geburtstag - dem früheren Chef René Büttner voller Schmackes eine Torte ins Gesicht klatschte.

Geschichten, die in der Bernburger Ausstellung zur Geschichte des DDR-Plattenlabels Amiga nicht vorkommen.

Amiga: Das war aber auch die Chiffre für Lizenzplatten, also Scheiben mit Westmusik, wie etwa Deep Purple, Pink Floyd oder AC/DC. Sie waren heiß begehrt, da die Auflagen sehr klein waren. Bückware nannte man sowas früher. Weshalb heute noch jeder seine Geschichten erzählen kann, wie man an die Platten gelangt ist. Auch Kurator Torsten Sielmon - ein Beatles-Fan - kann dazu etwas beitragen.

"Naja, ich hab mir die besorgen müssen. Die Platten kamen über meinen großen Bruder."

… der als Arzt arbeitete und gute Beziehungen hatte. Sielmon lacht.

Der Kutte-Blues von Angelika Mann. 1976 protestierte sie gegen die Biermann-Ausbürgerung, bekam Auftrittsverbot. 1985 ging sie in die Bundesrepublik.

Heute wird das Erbe der Amiga in München bei Sony verwaltet. 1993 soll man es für geschätzt vier Millionen Mark erworben haben.

Wer nochmal in alten Erinnerungen schwelgen will, dem sei die Ausstellung in Bernburg ans Herz gelegt. Wer jedoch hintergründige Informationen zum DDR-Plattenlabel Amiga, eine zeitkritische Analyse erwartet, den dürfte die Schau enttäuschen.

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