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StartseiteHintergrundDie Partei, die keine sein wollte28.06.2015

70 Jahre CDUDie Partei, die keine sein wollte

Die Christliche Demokratische Union (CDU) wollte sich bei Ihrer Gründung nicht als Partei im klassischen Sinne sehen. Das spiegelte sich auch in der Namensgebung und den Mitgliedern wider: Sie war ein Zusammenschluss des politischen Katholizismus und der protestantisch konservativen Vereine und Parteien, die es vor 1933 gab. Experten sprechen von der Gründung einer Partei neuen Typs.

Von Stephan Detjen, Hauptstadtstudio Berlin

Fraktionsbesprechung von CDU/CSU während der außenpolitischen Debatte im Bundestag in Bonn am 20.03.1958 mit Richard Jäger (l), Will Rasner (Mitte unten), Heinrich Krone (M) und Bundeskanzler Konrad Adenauer (Mitte hinten). (picture-alliance/dpa/Kurt Rohwedder)
Fraktionsbesprechung von CDU/CSU während der außenpolitischen Debatte im Bundestag in Bonn am 20.03.1958 mit Richard Jäger (l), Will Rasner (Mitte unten), Heinrich Krone (M) und Bundeskanzler Konrad Adenauer (Mitte hinten). (picture-alliance/dpa/Kurt Rohwedder)
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Konrad Adenauer:
"Ich der Katholik, habe vor wenigen Wochen zusammengesessen mit Bischöfen der evangelischen Kirche, in vollster Einigkeit und in vollster Übereinstimmung! "(Applaus)

Politische Zusammenführung zweier Konfessionen

Was für eine Nachricht! Was für eine Ungeheuerlichkeit! Der rheinische Katholik Konrad Adenauer und protestantische Bischöfe an einem Tisch! Von Ökumene war damals noch nirgendwo die Rede. Auch politisch markierten die unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse der Deutschen bis weit in die Nachkriegszeit hinein noch eine scharfe Trennlinie zwischen Milieus, weltanschaulichen Prägungen und daraus traditionell gewachsenen Parteien.

Konrad Adenauer:
"Und nun, meine Freunde, lassen Sie mich ein Wort noch sagen, das vielleicht im ersten Augenblick Sie etwas befremden wird, und ich sage es doch und ich hoffe, Sie werden mich verstehen: Wir müssen stolz sein auf unsere Partei!"
(Bravo-Rufe, Applaus)

"Wir haben ein Recht darauf, stolz zu sein, denn wir haben in Wahrheit etwas Neues geschaffen in unserer Partei: Wir haben die beiden christlichen Konfessionen zusammengeführt!"
(Applaus)

CDU bricht mit Muster der Parteiorganisation

In der Weimarer Republik war vor allem das Zentrum eine klar konfessionell ausgerichtete Partei gewesen, die über 60 Prozent der katholischen Wähler fest an sich gebunden hatte. Die Protestanten verteilten ihre Stimmen zwar auf verschiedene Gruppierungen, waren sich aber zumindest negativ in der Ablehnung des Zentrums einig, das für evangelische Christen als schlichtweg unwählbar galt.

Frank Bösch, Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung, hat eine als wissenschaftliches Standardwerk anerkannte Geschichte CDU veröffentlicht. Bösch beschreibt gerade die Gründung der Partei als entschiedenen Bruch mit dem Muster, nach dem sich politische Interessenverbände bis dahin organisiert hatten:

Frank Bösch:
"Die CDU in der Ära Adenauer wird ja oft als Partei der Restauration bezeichnet. Tatsächlich war sie aber etwas gänzlich Neues. Sie war ein neuer Zusammenschluss von dem politischen Katholizismus und den protestantisch konservativen Vereinen, Parteien, die es vor 1933 gab. Und dieser Zusammenschluss verstand sich am Anfang weniger als eine stark und gut organisierte Partei, als ein Dach für unterschiedliche Gruppen und Strömungen. Und das große Verdienst der CDU ist, diese verschiedenen Gruppen austariert zu haben, hier eine gemeinsame Basis gefunden zu haben."

Eine Partei, die keine Partei im klassischen Sinne sein wollte. Deshalb auch nannte man sich nicht CDP - Christlich Demokratische Partei - sondern Union. Traditionelle Parteien wie die Sozialdemokraten, Liberale, oder die alte Zentrumspartei hatten ihre Stärke stets in der Bündelung gleichgerichteter Interessen gesucht. Die Union dagegen verstand sich eher als Sammlungsbewegung, die ihre Kraft gerade aus dem Willen zur Integration einer Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Milieus, Interessen und Konfessionen schöpfen wollte.

An der amerikanischen Princeton University hat der deutschstämmige Politikwissenschaftler Jan Werner Müller die Gründung der CDU aus einer erweiterten Perspektive – im Vergleich mit der Entstehung christdemokratischer Parteien in anderen Ländern Europas untersucht.

Jan Werner Müller:
"Die Christdemokratie war in Europa unter zumindest zwei Gesichtspunkten enorm wichtig. Zum einen hat sie es geschafft, die Katholiken und im deutschen Kontext auch die Protestanten mit der modernen Demokratie zu versöhnen. Es wird ja häufig heute vergessen, dass vieles von dem, was heute über den Islam gesagt wird, dass der Islam inkompatibel sei mit der Demokratie, bis weit ins 20. Jahrhundert über den Katholizismus gesagt wurde, dass es Kulturkämpfe gab, dass es eine direkte Frontstellung gab zwischen dem Vatikan und der Demokratie, dass der Vatikan lange auch Diktatoren wie Franco in Spanien unterstütze. Diese Episode der antidemokratischen Einstellung der Katholiken hat die Christdemokratie in Europa weitgehend beendet."

In Italien hatte der Papst den Katholiken immerhin noch bis nach dem Ersten Weltkrieg die Teilnahme an Wahlen verboten. So wurden neu gegründete christdemokratische Parteien in mehreren Ländern Europas besonders für die Katholiken zu einer Brücke auf dem Weg in die parlamentarische Demokratie.

Unionsgedanke über die Konfession hinaus

Die Fassade der CDU-Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)Das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin ist die Parteizentrale der CDU. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)Der mit dem Unionsgedanken verbundene Anspruch der deutschen Christdemokraten bezog sich indes nicht nur auf die beiden Konfessionen (denen damals noch fast die ganze deutsche Bevölkerung angehörte). Mit einem solchen Einigungsgedanken sollten alle sozialen Gruppen angesprochen und für ein gemeinsames Engagement in der neuen Demokratie gewonnen werden.

Auch deshalb lässt sich die Gründung der CDU keineswegs so punktgenau datieren, wie es die Partei in diesen Tagen insinuiert. Ein offizieller Festakt in Berlin erinnert morgen an einen Aufruf zur Gründung einer überkonfessionellen "Reichspartei", der Ende Juni 1945 in Berlin veröffentlicht wurde. Ähnliche Gründungsakte gab es in den verschiedenen Besatzungszonen. Erst fünf Jahre später aber, 1950, kam es zur Gründung der CDU als Bundespartei. Zu den Unterzeichnern des Berliner Gründungsaufrufs gehörten vor 70 Jahren Hochschullehrer, frühere Zentrumspolitiker, ehemalige Mitglieder christlicher Widerstandsgruppen im Nationalsozialismus und christliche Gewerkschaftler wie Robert Tillmanns, der zugleich den evangelischen Flügel der Partei repräsentierte:

Robert Tillmans:
"Schon die Geschichte unserer Partei, die Geschichte unserer Partei zeigt, dass sie aus den verschiedensten Anfängen, aus spontanen Zusammenschlüssen von Angehörigen früherer Parteien in den einzelnen Gebieten ohne Fühlung untereinander zustande kam und sich so selbst gebildet hat. Bei uns jedenfalls stand die lebendige politische und geistige Bewegung vor der Organisation!"

Jenseits aller konfessionellen Prägungen griff die CDU der Gründerjahre vor allem in ihrer Sozial- und Wirtschaftspolitik Forderungen auf, die man heute eher dem linken Flügel der SPD oder gar der Linkspartei zuschreiben würde. 1947 verabschiedete die nordrhein-westfälische CDU ihr "Ahlener Programm", in dem die Christdemokraten ein Scheitern des Kapitalismus konstatierten und eine umfassende Staatswirtschaft forderten. Auch in anderen Landesverbänden setzten sich CDU-Politiker wie der Ökonom Joachim Tiburtius für die Verstaatlichung von zentralen Wirtschaftsbereichen ein:

Joachim Tiburtius:
"Ist die Christlich Demokratische Union eindeutig dafür, alle Betriebe der grundstofferzeugenden gewerblichen Wirtschaft in Staatseigentum zu überführen, zum Zweiten dafür, alle Kartelle, die sich auf die Produkte dieser Industrie beziehen, zu zerschlagen."

Volkspartei neuen Tpys

Solche bis an den Rand eines christlichen Sozialismus reichenden Forderungen wurden mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der wachsenden Popularität Ludwig Erhardts innerhalb der CDU bald marginalisiert. Doch das Ziel, traditionell als unvereinbar geltende Wählergruppen und Positionen zu vereinen, blieb von Beginn an in der politischen DNA der Union bestimmend. Während sich andere Parteien erst später aus ihren partikularen Klassen- und Interessenbindungen lösten – die SPD mit dem Godesberger Programm von 1959 – wurde die CDU ausdrücklich als Volkspartei neuen Typs gegründet, wie Eugen Gerstenmeiner, ein anderer der aus dem christlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus kommenden Gründer der CDU, sie definierte:

Eugen Gerstenmeier:
"Praktisch heißt das für die CDU eben: Die Tore immer wieder weit aufmachen! Und das gilt nicht nur gegenüber allen soziologischen Gruppen. Wir brauchen einen wachsenden Anteil von Arbeitern! Wir müssen die Bauern hier weiter bei der Stange halten! Wir brauchen selbstverständlich den Mittelstand! Und wir werden uns erlauben, natürlich auch die Unternehmer einzuladen, uns zu wählen, selbstverständlich! Meine Damen und Herren, wir können sagen. Wir sind für alle da!"

Die Tore weit für alle öffnen - Gerstenmeier beschrieb mit seiner Zielstellung ziemlich genau das Problem, vor dem die Partei bis heute immer wieder steht.

Peter Tauber, Generalsekretär der CDU. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)Peter Tauber, Generalsekretär der CDU sieht das "C" im Parteinamen als dynamische "Erzählung". (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)

Peter Tauber, seit zwei Jahren Generalsekretär im Konrad-Adenauer-Haus und promovierter Historiker, bemüht sich deshalb, das C – die Berufung auf die christlichen Wurzeln – im Namen der Partei neu zu definieren: nicht mehr als statische Identitätsbestimmung, sondern als dynamische "Erzählung", die von der Überwindung sozialer Grenzen handelt und sich gerade in einer konfessionell heterogenen Gesellschaft aktualisieren lässt:

Peter Tauber:
"Darüber hinaus merken wir, dass wir gerade auch Zuspruch haben von Menschen, die Muslime sind, sehr gläubig, und die sagen: 'Wir wissen, bei euch wird Religion in der Partei wertgeschätzt und damit eine gewisse Werteorientierung wertgeschätzt. Und deswegen können wir das C durchaus annehmen in dem Sinne, dass es eine Einladung ist.'. Und dann hat das C natürlich eine neue Erzählung und kann auch in einer Gesellschaft, die nicht so klar christlich geprägt ist, weiterleben."

Tauber streift für seine Partei durch türkische Markthallen in Berlin Kreuzberg und öffnet die CDU-Zentrale am Tiergarten für die Treffen der Lesben- und Schwulenunion. Wenn es allein nach ihm ginge, könnte die LSU schon bei der nächsten Parteireform, die Anfang Dezember in Karlsruhe beschlossen werden soll, den Status einer offiziellen Parteivereinigung erhalten. Schwulen- und Lesben stünden unionsintern dann auf einer Ebene mit mächtigen Gliederungen wie der Mittelstandsvereinigung, der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerorganisation CDA, der Jungen- oder der Frauenunion.

Peter Tauber:
"Wir sind nicht in alle Gruppen anschlussfähig als CDU. Und interessanterweise auch nicht in alle Gruppen, die uns in großer Zahl wählen. Wenn man zu Beispiel weiß, dass 55 Prozent unserer Wähler Frauen sind, aber bei unseren Mitgliedern sind es nur 27,5 Prozent, dann kann man ja nicht sagen, die CDU wäre für Frauen unattraktiv, sondern man muss fragen: Warum finden so wenige Frauen, die uns wählen, den Weg in unsere Partei und sagen, ich engagiere mich, je nach den Möglichkeiten, die ich habe, zeitlich – und da müssen wir besser werden."

Institutionalisierter Identitätskonflikt

Die Partei als politische Integrationsmaschine: Ein Apparat, der immer wieder aufs Neue in die sich wandelnde Gesellschaft ausgreift und den sozialen Humus wie ein Radbagger in sich hineinschaufelt und verdaut. Die Kehrseite der Medaille ist ein institutionalisierter Identitätskonflikt: Ständig behauptet eine der innerparteilichen Gruppen, entweder die verkannte Speerspitze des unvermeidlichen Wandels - oder die für den Fortschritt verkaufte Seele des Parteiestablishments zu sein. Unter der Führung Angela Merkels sind es vor allem Konservative wie der ehemalige Bundeswehrgeneral und brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm oder die Gründer eines sogenannten "Berliner Kreises" in der CDU, die fürchten, die Partei verhökere ihr "konservatives Tafelsilber", um sich von den launischen Strömungen des Zeitgeistes treiben zu lassen.

Frank Bösch:
"Die CDU hat sich explizit nie als konservative Partei verstanden. Adenauer schon hat den Begriff immer wieder zurückgewiesen, wenn etwa norddeutsch protestantische Landesvorsitzende von einer konservativen Partei sprachen. Der Begriff war diskreditiert durch den Nationalsozialismus, und die CDU hat immer wieder davon gesprochen, dass sie auch konservative Gruppen vereint, aber nie die Partei des Konservatismus gewesen sei. Und das war sie in der Tat auch nicht.

CDU hat sich nie als konservativ verstanden

Konrad Adenauer:
"Meine verehrten Damen und Herren: Wir sind die Partei des konservativen Fortschritts!"

Zwang Adenauer die auseinanderstrebenden Pole seiner Partei in gewagter Rhetorik zusammen. 70 Jahre später lehnt sich auch die nüchterne Pragmatikerin Angela Merkel gerne an den Gründervater an:

Angela Merkel:
"Was heißt denn konservativ? Das kommt von conservare, dass heißt bewahre das Gute, das, was sich bewährt hat und erschrecke trotzdem nicht, wenn es notwendig ist, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, sondern ziehe daraus die Schlussfolgerungen. Gerade ich, die ja oft als vorsichtig und nicht gerade sprunghaft jede neue Mode mitmachend beschreiben bin muss sagen, wahrscheinlich bin ich überhaupt ziemlich konservativ in der Richtung."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist im Jahr des 70. Bestehens der Partei Kanzlerin und Parteivorsitzender der CDU. (dpa / Picture Alliance / Rainer Jensen)Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist im Jahr des 70. Bestehens der Partei Kanzlerin und Parteivorsitzender der CDU. (dpa / Picture Alliance / Rainer Jensen)

Eher noch als eine konservative Grundhaltung, war es bis zum Ende des Kalten Krieges vor allem der Antikommunismus, der die Unionsanhänger ideell zusammenschweißte – und mit Blick auf die nationalsozialistische Vergangenheit zuweilen auch das historische Maß verlieren ließ.

Konrad Adenauer:
"Ich wollte, meine Freunde, die Bewohner der Ostzone könnten einmal offen uns schildern, wie es bei ihnen aussieht. Unsere Leute würden hören und sehen, dass der Druck, den der Nationalsozialismus durch Gestapo, durch Konzentrationslager ausgeübt hat, mäßig war gegenüber dem, was jetzt in der Ostzone geschieht."

Es waren nicht zuletzt solche Sätze aus dem Munde Adenauers, die weiten Teilen einer zunehmend liberalen Nachkriegsgeneration eine Annäherung an die CDU auf lange Sicht versperrten.

Konrad Adenauer:
"Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt."

Dem schalen Frieden, den Adenauer den Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit anbot, wollten sich viele nicht anschließen.

Für eine Rückwendung zu nationalkonservativen Werten indes waren die ideellen Räume in der CDU zugleich eng. Jan Werner Müller von der amerikanischen Princeton University erklärt das mit den Ausschlusserfahrungen, die vor allem die Katholiken mit der Geschichte der liberal-demokratischen Nationalstaaten verbanden.

Jan Werner Müller:
"Der Nationalismus ist nicht christdemokratisch. Die Idee, dass sozusagen das souveräne Volk alles bestimmen kann, beziehungsweise dass der Nationalstaat ein Wert an sich ist, das sind genau die Vorstellungen, gegen die Christdemokraten angegangen sind."

Die Christdemokraten der Nachkriegszeit hatten daher auch wenig Probleme damit, die westdeutsche Staatsgründung als Provisorium anzunehmen. Während die Sozialdemokraten lange Zeit vor allem die Wiederherstellung des demokratisch konstituierten Nationalstaats als Ziel verfolgten, hatten die Christdemokraten von Beginn an eine Überwindung der nationalstaatlichen Ordnung auf einer höheren Ebene vor Augen.

Konrad Adenauer:
"Dieses Europa wird niemals zu einer Gefahr für die anderen großen Mächte werden und werden können! Weil es nicht diese Macht darstellt und weil es kraft seiner föderativen Konstitution nicht aggressiv werden kann. Aber dieses föderative Europa, dass meine Damen und Herren, wird ein entscheidendes Gewicht in die Waagschale des Friedens in der Welt legen können!"

Bundeskanzler und Außenminister Konrad Adenauer (2. v. r.) 1953 in Rom zur Konferenz der sechs Außenminister der europäischen Montanunion-Staaten. (picture-alliance/dpa/UPI INP)Bundeskanzler und Außenminister Konrad Adenauer (2. v. r.) 1953 in Rom zur Konferenz der sechs Außenminister der europäischen Montanunion-Staaten. (picture-alliance/dpa/UPI INP)

Eigenes Verständnis als Europapartei

Bis heute, in der krisenhaften Gegenwart Europas, ist es diese aus ihrem Gründungsimpuls stammende Tradition, der sich die CDU verpflichtet fühlt. Immer wieder in der Geschichte der Partei – etwa in den Auseinandersetzungen um Staatsbürgerschafts- und Asylrecht – gab es Versuche, sich an rechtspopulistische Strömungen anzuschmiegen. Wenn es aber um Europa geht, sind die Christdemokraten standhaft, beteuert Generalsekretär Tauber.

Peter Tauber:
"Deswegen gibt es da eine Grenze und deswegen wird sich die CDU nach rechts nicht anbiedern. Und dann muss man natürlich auch sagen, aus unserer Geschichte heraus, von Adenauer über Helmut Kohl und jetzt auch Angela Merkel, wir sagen das auch immer wieder in Wahlkämpfen, verstehen wir uns als Europapartei. Wir glauben fest daran, dass Europa für die Zukunft unseres Landes eine der essenziellen Säulen ist, die wir nicht preisgeben können. Ohne Europa hat Deutschland keine gute Zukunft. Und deshalb wird Deutschland ohne Europa – bei allen Schwierigkeiten in Europa – diese grundsätzlich positive Haltung gegenüber Europa nie preisgeben. Davon bin ich überzeugt."

Jan Werner Müller, der wissenschaftliche Beobachter aus Princeton, dagegen zeichnet ein ambivalentes Bild. Einerseits, sagt Müller, sei die gesamte politische Architektur der Europäischen Union von ihren Anfängen bis in die Gegenwart zutiefst von der europäischen Christdemokratie geprägt:

Jan Werner Müller:
"Vor allem auch die Europäische Integration, also die Europäische Union, so wie wir sie heute kennen, ist eindeutig die Leistung von Christdemokraten oder zumindest christdemokratisch inspirierten Politikern."

Zugleich aber diagnostiziert der Politikwissenschaftler gerade in der Europapolitik eine Krise der Christdemokratie. In seinen wissenschaftlichen Aufsätzen spricht Müller gar von einem Ende der Christdemokratie: In Italien ist die einst mächtige Democrazia Cristiana implodiert und von der politischen Landkarte verschwunden. Kritisch blickt Müller besonders auf die Vereinigung christdemokratischer Parteien im Europaparlament, die Europäische Volkspartei, die sich für den neuen Nationalkonservatismus des Ungarn Victor Orban und seiner Fidesz-Partei ebenso geöffnet hat wie für Silvio Berlusconi aus Italien. Und Angela Merkel als mächtigste Christdemokratin des Kontinents vermöge es auch nicht, der Europäischen Union das visionäre Ziel zu vermitteln, nach dem die Gemeinschaft dürste:

Jan Werner Müller:
"Also man kann in der Hinsicht sicher sagen, dass die Christdemokraten, die an der Macht sind, sowohl in den Nationalstaaten als auch in Europa, eigentlich ihren "Glauben" verloren haben."

Tatsächlich war die Europäische Idee in der Gründerzeit der CDU zu einem zivilreligiösen Glaubenssatz geworden, den kein anderer so verkörperte wie einst Helmut Kohl.

Jan Werner Müller:
"Da war vielleicht Helmut Kohl der letzte überzeugte Europäer, für den Christdemokratie, aber natürlich auch andere Gründe, auch historische Erfahrungen eine wichtige Rolle gespielt haben, dass er etwas so Riskantes - wie wir heute wissen - wie den Euro noch gewagt hat. Solche Risiken gehen die Christdemokraten heute nicht mehr ein. Sie haben sich in vieler Hinsicht mit dem Nationalstaat versöhnt oder vielleicht sogar angefreundet."

Helmut Kohl wird beim Geburtstagsfestakt seiner Partei morgen nicht dabei sein. Sein politisches Vermächtnis hat er seinen Parteifreunden schon bei seinen letzten öffentlichen Auftritten immer wieder mit jener Kraft vermittelt, mit der sich ein Gläubiger gegen den sicht- und hörbaren Verfall des Körpers auflehnt.
Helmut Kohl:
"Ich war immer ein überzeugter Europäer. Ich habe immer an Europa geglaubt."

Es ist eine besondere Laune der Geschichte, dass das Jubiläum der Partei Adenauers, Kohls und Merkels mit einer dramatischen Zuspitzung einer Krise zusammenfällt, in der die Zukunft Europas auf dem Spiel steht. Man wird die CDU daran messen dürfen, welche Antworten auf die drängenden Fragen dieser Tage und Stunden sie aus der Besinnung auf die eigene Geschichte zu geben vermag.

Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl weigert sich bis heute die Namen der Spender aus der CDU-Spendenaffäre zu nennen. (picture-alliance/dpa/Rolf Haid)Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl weigert sich bis heute die Namen der Spender aus der CDU-Spendenaffäre zu nennen. (picture-alliance/dpa/Rolf Haid)

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