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StartseiteInformation und MusikGedenken an die Vertreibung der Ukrainer 30.04.2017

70 Jahre nach der "Aktion Weichsel"Gedenken an die Vertreibung der Ukrainer

Vor 70 Jahren wurden über 100.000 Ukrainer aus Südostpolen zwangsumgesiedelt. An der sogenannten Aktion Weichsel wurde nun im südostpolnischen Przemyśl gedacht. Doch die nationalkonservative Regierung will die Erinnerung nicht unterstützen.

Von Martin Sander

Der Marktplatz von Przemysl. (imago/Brockes)
Viele Familien wurden aus dem polnischen Südosten vertrieben, auch aus Przemyśl. Im Bild ist der Marktplatz zu sehen. (imago/Brockes)
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Die Kathedrale der griechisch-katholischen Kirche in der Altstadt von Przemyśl ist die Kirche der ukrainischen Minderheit. Sie sind dem Papst unterstellt, doch vom Ritus orthodox. Erst seit 1991 gehört die Kathedrale wieder den Ukrainern. Damals, kurz nach der Wende, wurde sie ihnen auf Geheiß von Johannes Paul II. zurückgegeben - unter heftigem Protest nationalkatholischer Polen, die sie für sich behalten wollten.

Die Geschichte der Ukrainer hier im Südosten Polens ist wechselvoll. Viele hunderttausende Angehörige zählte die griechisch-katholische Diözese der Ukrainer von Przemyśl vor dem Zweiten Weltkrieg. Auf ihrem Terrain lagen hunderte von ukrainischen Kirchen und Schulen. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Das kommunistische Polen duldete keine Minderheiten. Polen und die Sowjetukraine betrieben einen Bevölkerungsaustausch, die politischen Grenzen sollten ethnische Grenzen werden. Viele Ukrainer wollten ihre polnische Heimat allerdings nicht verlassen. So starteten polnische Politiker und Militärs Ende April 1947, vor 70 Jahren, die Aktion Weichsel.

"In der Aktion Weichsel wurden 140.000 Menschen in die neuen Westgebiete, die ehemals deutschen Gebiete, zwangsumgesiedelt. Nur eine Handvoll Leute konnten bleiben."

Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte der polnischen Ukrainer 

Der Historiker Marian Bogdan Biłyj weiß, wovon er spricht. Auch seine ukrainische Familie wurde 1947 aus dem polnischen Südosten vertrieben. Er kam bei Danzig zur Welt. Biłyjs Familie gehörte zu den wenigen, die nach dem Tod Stalins, als sich das politische Klima etwas entspannte, in die Gegend von Przemysł zurückkehrten. Wegen seiner ukrainischen Herkunft hatte der Historiker Biłyj im Kommunismus Berufsverbot, er durfte sich nur als Stadtführer betätigen.

Nach der Wende arbeitete man die Nachkriegsgeschichte der polnischen Ukrainer auf. Der Staat versuchte, die Diskriminierung dieser Minderheit rückgängig zu machen – nicht ohne Erfolg. Doch aktuell gibt es Rückschläge. 

"Es gibt in den polnisch-ukrainischen Beziehungen eine Krise, denn nach dem Wahlsieg der Nationalkonservativen 2015 hat sich der Nationalismus in Polen deutlich verstärkt. Das, was es am Rande immer gab, wurde zur Hauptströmung. Ich sehe das in den Debatten mit unserer Regierung und versuche deutlich zu machen, wie gefährlich es ist."

Erinnerung an das Wolhynien-Massaker

Sagt Bogdan Borusewicz, Urgestein der antikommunistischen Solidarność-Opposition und Kritiker der derzeitigen polnischen Regierung. Demonstrativ ist Borusewicz nach Przemyśl gekommen, um der Vertreibung der Ukrainer vor 70 Jahren zu gedenken. Die nationalkonservative Regierung unterstützt diese Erinnerung an die Aktion Weichsel aber nicht. Staatspräsident Duda hat eine Schirmherrschaft abgelehnt und die PiS-Regierung jede finanzielle Unterstützung verweigert, anders als es nach der Wende üblich war. Adam Bodnar, der polnische Sprecher für Bürgerrechte, selbst Sohn eines vertriebenen Ukrainers, gehörte zu den Podiumsteilnehmern in Przemyśl. Bodnar kritisiert die Regierung für ihre Haltung in Sachen Aktion Weichsel:

"Wir haben ein Problem mit dem Gedenken an die Aktion Weichsel. Dass die Regierung eine finanzielle Unterstützung ablehnt, ist symbolisch. Es geht aber auch um die Form wie Regierungsvertreter über das Problem sprechen - dass Polen sich nicht für die Vertreibung der ukrainischen Bevölkerung entschuldigen werde, solange sich die Ukraine nicht für ukrainische Massaker an Polen in Wolhynien entschuldigt."

In Wolhynien, bis 1939 polnisch, hatte die nationalistische ukrainische Partisanenarmee UPA im Zweiten Weltkrieg polnische Dörfer niedergebrannt und 100.000 Menschen getötet. Wolhynien gehört seit 1945 zur Ukraine. Führende ukrainische Politiker glorifizieren heute die UPA. Das sollte aber kein Grund sein, die Vertreibung der Ukrainer in Polen nach dem Krieg zu ignorieren oder zu rechtfertigen. Die Publizistin und Mitveranstalterin Izabella Chruślińska sieht es so:

"Es geht um unsere Mitbürger, und wir als Staat und Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass sich niemand ausgeschlossen oder diskriminiert fühlt. Ansonsten kehren wir in die Zeit der kommunistischen Volksrepublik zurück."

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