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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWer gehörte zum Widerstand gegen das NS-Regime?11.07.2019

75 Jahre nach Stauffenberg-AttentatWer gehörte zum Widerstand gegen das NS-Regime?

Volksverräter, Spione Moskaus, Kriminelle und Drückeberger: Die Diffamierungen durch die Nazis blieben an vielen Widerstandskämpfern kleben. Die Bundesrepublik verweigerte ihnen jahrzehntelang die Rehabilitation und ihren Witwen eine Entschädigung - die Gründe dafür sind vielfältig.

Von Peter Leusch

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Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst (v.l.n.r.) von der Münchner Widerstandsbewegung "Weiße Rose" (AP Archiv)
Nach dem Krieg gehörten staatsoffiziell nur Stauffenberg und die Weiße Rose zum Widerstand (AP Archiv)
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"Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus hatte nirgendwo eine breite Basis im deutschen Volk. Sondern es waren immer nur Wenige und Einzelne."

Johannes Tuchel, Politikwissenschaftler, Berlin.

"In der Widerstandsgeschichte, die ohnehin lange gebraucht hat, um richtig Fahrt aufzunehmen, sind die Frauen sehr lange gar nicht gesehen worden."

Frauke Geyken, Historikerin, Göttingen.

"Von Widerstand kann man erst sprechen, wenn es gefährlich wird. Wenn derjenige riskiert, dafür ins Konzentrationslager zu kommen. Wenn er Handlungen unternimmt, um dieses Regime zu schwächen oder gar zu beseitigen."

Wolfgang Benz, Zeithistoriker, Berlin.   

Drei Stimmen von Wissenschaftlern aus der Widerstandsforschung, 75 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

"Wir haben heute relativ gesichertes Wissen über das, was geschah am 20. Juli 1944: das so genannte Attentat im Führerhauptquartier um die Mittagszeit, dann kommt Stauffenberg hierher zurück nach Berlin, ist etwa ab 16 Uhr im Bendlerblock und versucht per Telefon und Fernschreiber den Umsturzversuch in Gang zu setzen. Zwischen 23 Uhr und Mitternacht ist der Umsturzversuch gescheitert, er und seine Freunde werden im heutigen Ehrenhof erschossen auf Befehl von General Oberst Friedrich From."

Die Ziele des 20. Juli 1944

Nachdem die Fakten und die Abläufe weitgehend rekonstruiert sind, so Professor Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, stehen für die Forschung weitergehende Fragen im Fokus, Fragen, die über die Hauptpersonen und spektakulären Ereignisse hinausreichen: Wie breit war der Widerstand verankert? Welche Gruppen waren in den Umsturzversuch einbezogen, was waren ihre Ziele?

Johannes Tuchel:

"Die Widerstandskämpferinnen und -kämpfer im Umfeld des 20. Juli einte, dass sie den Krieg beenden wollten, dass sie die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen beenden wollten und dass sie den Rechtsstaat wiederherstellen wollten."

Wie das politische System Deutschlands aussehen sollte, ob demokratisch und wenn ja in welcher Form, darüber hatte man sich noch nicht verständigt. Denn im Entschluss zum Umsturz  fanden sich Akteure ganz unterschiedlicher weltanschaulicher Gruppen zusammen: von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten über Konservative wie Carl Goerdeler bis hin zu Monarchisten. Eine Fotowand in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin zeigt 200 Beteiligte.

Tuchel: "Es gibt nach dem 20. Juli etwa 600 bis 700 Verhaftungen, davon sind allerdings bis zu 300 Festnahmen gegen Kinder und Frauen der am Umsturzversuch Beteiligten. Und wenn Sie die Bilanz ziehen wollen, dann haben Sie 150 Tote in der Folge des Umsturzversuches. Das ist der Personenkreis, über den wir reden,  wenn wir vom Umsturzversuch des 20. Juli 1944 sprechen."

Sippenhaft und Terror

Mit brutaler Gewalt  ging das NS-Regime gegen alle vor, die der Teilnahme verdächtig waren,  ließ seine Rachsucht auch an den Familien aus, erklärt die Göttinger Historikerin Dr. Frauke Geyken:

"Wenn man sich die Geschichte dieser Sippenhaft anguckt, die dann 1944 tatsächlich umgesetzt wurde nach dem Attentat: die Frauen kamen ins Gefängnis und die Kinder kamen in ein Kinderheim im Harz in Bad Sachsa, buchstäblich ins Nichts, und die Frauen wussten nicht, wo ihre Kinder geblieben sind, und sie wussten auch nicht, ob sie die jemals wieder sehen werden."

Was dem Widerstand nicht gelungen war, besorgten die Alliierten. 1945 wurde die nationalsozialistische Diktatur beseitigt.  Aber für diejenigen, die Widerstand geleistet hatten, und für Ihre Familien dauerte das Unrecht an. 1944 hatte Hitler Goerdeler und andere Beteiligte des 20. Juli in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof von seinem Blutrichter Roland Freisler als kleine Clique schmähen lassen, die Volk und  Vaterland verraten hätten. 

Tuchel: "Dieser Verratsvorwurf wirkt in der Tat noch lange Jahre nach 1945 nach. Er wirkt in breiten Teilen der Bevölkerung nach, der wirkt aber auch in der Publizistik und in der Presse nach und auch bei den Entschädigungen. Die Witwen und Waisen des 20. Juli sind nicht ins Bundesentschädigungsgesetz mit eingebunden worden, sondern es wurde für sie die Stiftung 20. Juli 1944 gegründet, um überhaupt einen Ausgleich zu schaffen. Kinder von Widerstandskämpfern wurden noch in der Schule als Verräterkinder beschimpft."

Vom Widerstand wollten die Deutschen nichts wissen

Der Widerstand gegen Hitler wurde im Nachkriegsdeutschland zunächst überhaupt nicht anerkannt, geschweige denn gewürdigt. Erst als mit dem 17. Juni 1953 ein Volksaufstand in der DDR gegen die SED-Diktatur ausbrach, – begann man sich mit der Idee des Widerstandes anzufreunden und den Widerstand gegen Hitler in der jungen Bundesrepublik zu rehabilitieren. Zunächst Stauffenberg und die  studentische Gruppe Weiße Rose in München. Aber die Willkürurteile des  Volksgerichtshofes bestanden weiterhin. Noch 1972 konnte der baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger erklären: Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein. Und auch in breiten Teilen der Bevölkerung, so Tuchel, wollte man vom Widerstand nichts wissen.

"Und es ist ja immer auch - sowohl in den fünfziger, sechziger als auch in den siebziger Jahren - in der Generation der Mitlebenden folgendermaßen erklärbar: Wenn ich selbst als Bürger der Bundesrepublik, der schon in der NS-Zeit gelebt hat, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus anerkenne, dann muss ich ja gleichzeitig möglicherweise mein eigenes Versagen anerkennen, denn ich habe die Handlungsoptionen, die es unter den Bedingungen der Diktatur auch gegeben hat, eben nicht genutzt."

Die Nazi-Diktatur überschattete beide deutsche Staaten, sie hatte eine lange Geschichte der Verdrängung zur Folge. Die Verdrängung von Widerstand ist dabei das Gegenstück zur Leugnung von Mitläufertum und Täterschaft. Vorherrschende Meinung war, dass die Deutschen nicht die Täter, sondern die eigentlichen Opfer des Krieges gewesen seien:  von den Nazis verführt und missbraucht, viele an der Front gefallen, im eigenen Land ausgebombt oder aus der Heimat vertrieben. Es gab solche leidvollen Erfahrungen. Aber sie wurden instrumentalisiert, um alle Mitverantwortung auszublenden und sich in einem reinen Opfernarrativ einzurichten. Dazu passend galten Menschen, die ins Exil geflohen, desertiert oder Widerstand geleistet hatten, nun als Verräter oder Drückeberger, die Deutschland im Stich gelassen hätten.  Erst langsam und in Schüben gelang es im Verlauf von zwei Generationen, den Widerstand zu rehabilitieren. - Doch das bleibt bis heute von politischen Interessen und Vorurteilen verzerrt, resümiert Professor Wolfgang Benz, bis zu seiner Emeritierung Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin.

Die neuere Forschung zeigt die Vielfalt des Widerstandes

"Die einen sehen nur den 20. Juli, die anderen verehren die Geschwister Scholl und denken an die Weiße Rose. Die Deserteure, die dadurch, dass sie sich dem Militärdienst verweigert haben,  auch Widerstand geleistet haben, blieben am längsten allein und sind wahrscheinlich auch heute noch nicht bei allen anerkannt und beliebt. Dass der kommunistische Widerstand der früheste war und dann mächtig nach 1945 politisch instrumentalisiert wurde, ist wieder eine andere Geschichte."

Wolfgang Benz unternimmt in seiner aktuellen Veröffentlichung mit dem Titel "Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler" den Versuch, das gesamte Spektrum von Widerstandskämpfern und gruppen darzustellen. Er zeichnet  ein pluralistisches Bild  des Widerstandes,  berücksichtigt alle  sozialen, politischen und weltanschaulichen Milieus, aus denen Widerstand gegen Hitlers Diktatur erwuchs.  

Sofort nach dem Hitler am  30. Januar 1933 von Hindenburg zum Kanzler ernannt wurde, begannen die Nationalsozialisten mit der Zerschlagung der Demokratie, mit der Gleichschaltung des gesamten politischen und gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Binnen eines halben Jahres wurden die gegnerischen Parteien verboten oder zur Selbstauflösung gezwungen; Gewerkschaften, Verbände und Vereine gleichgeschaltet; Oppositionelle verhaftet und in Gefängnisse und  KZs eingesperrt.  Die Kirchen, als Institutionen weiterhin intakt, gingen auf Harmoniekurs zu dem neuen Regime.

Benz: "Es waren einige wenige innerhalb der Kirchen, ein paar mutige Frauen wie Marga Meusel in Berlin, die die kirchlichen Oberen zum Handeln zwingen wollten durch Eingaben, durch Denkschriften, aber die kirchliche Obrigkeit hat sich weder zunächst um die getauften Christen mit jüdischen Wurzeln und noch weniger um die Juden jüdischen Bekenntnisses überhaupt gekümmert. Marga Meusel ist ein Beispiel für die vielen bislang ignorierten Frauen, die im Widerstand gegen Hitler aktiv waren. Wenn überhaupt wurden sie nur als Ehefrauen von Widerstandskämpfern angesehen, deren Rolle sich in einem Hausfrauendasein erschöpft hätte. Das las man noch 2011 über Freya von Moltke, die an der Seite ihres 1945 hingerichteten Mannes Helmuth von Moltke im Kreisauer Kreis gegen den Nationalsozialismus kämpfte."

Frauen im Widerstand – eine bis heute verdrängte Gruppe

Frauke Geyken: "Was es mit der Rolle der Frau im Widerstand auf sich hat, haben ihre Männer und Widerstandskämpfer sehr wohl begriffen. Hans von Dohnanyi hat an seine Frau aus dem Gefängnis geschrieben: "Du weißt nicht, wie viel Kraft du mir gibst." Und wenn man den Briefwechsel von Helmuth  und Freya von Moltke liest, dann wird auch auf vielen Seiten deutlich,  welch riesige Rolle Freya für Helmuth gespielt hat."

Frauen im Widerstand, das sei immer noch eine ignorierte oder marginalisierte Gruppe, der bis heute die gebührende Anerkennung versagt geblieben sei, erklärt die Göttinger Historikerin Frauke Geyken. Geyken hat 2014 eine umfassende Studie vorgelegt mit dem Titel ""Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler." Sie präsentiert ausgewählte Schicksale von Frauen wie zum Beispiel Annedore Leber, die in die Aktivitäten ihres Mannes Julius Leber zur Vorbereitung des Umsturzversuchs vom 20. Juli eingeweiht war. Es sind Beispiele von Frauen,  die nicht nur ihren Ehemännern moralisch beistanden, sondern die Entscheidung zum Widerstand mitgetragen oft auch zusammen mit ihrem Partner getroffen haben.

Ein anderes Beispiel ist Cato Bontjes van Beek, einer jungen Frau aus Fischerhude die in der so genannten Roten Kapelle aktiv Widerstand leistete. Geyken vergleicht sie mit Sophie Scholl.

"Man kann ganz wunderbar Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude  mit ihr kontrastieren. Sie war gleich alt, hat genau so Flugblätter verteilt, sie ist im selben Jahr hingerichtet worden 19 43,  sie muss auch wie Sophie Scholl eine sehr charismatische, lebensbejahende, fröhliche, aber auch nachdenkliche Frau gewesen sein. Die genau wie Sophie Scholl sich nicht opfern wollte - das ist das Narrativ der Fünfzigerjahre, was man über die Weiße Rose kennt, sie hätten sich für Deutschland opfern wollen -  das wollten sie ganz bestimmt nicht."

Aber während Sophie Scholl, als zunächst einzige Frau im Widerstand, durch das Buch ihrer Schwester Inge Aicher-Scholl über die Weiße Rose berühmt wurde und Anerkennung fand, wurde Cato Bontjes van Beek  verfemt, blieb ihrem Namen ein Platz in der Erinnerung versagt.

Frauke Geyken: "Diese vermeintlich unpolitische Weiße Rose auf der einen Seite - damit konnten sich die Zeitgenossen der Fünfziger Jahre anfreunden,  - Cato auf der anderen Seite gehörte der vermeintlich kommunistischen Roten Kapelle an und damit war sie in den fünfziger Jahren und zu Hochzeiten des Kalten Krieges eine Persona non grata."

Die Legenden der Nazis sind langlebig

Johannes Tuchel: "Wenn wir uns mit dem Widerstand befassen, dann befassen wir uns mit ganz langlebigen und hartnäckigen Konstruktionen, die in den letzten 20 Jahren als Konstruktionen erkannt worden sind."

Die sogenannte Rote Kapelle ist das Paradebeispiel, wie ein Widerstandsnetzwerk erst von den Nazis als Moskauer Spionagetrupp diskreditiert und  dann an diesem Zerrbild im Kalten Krieg von beiden Seiten kräftig weitergemalt wurde.

Ein anderes Beispiel für Ignoranz und Verleumdung, weit über seinen Tod hinaus, ist der Schreinergeselle Georg Elser. Elser, ein Einzelkämpfer,  hatte 1938 im Münchener Bürgerbräukeller ein Sprengstoffattentat akribisch vorbereitet. Hitler entkam dem Anschlag nur durch Zufall.

Goebbbels‘ Propaganda  jedoch machte Elser zu einem englischen Spion, während Nazi-Gegner, selbst Pastor Niemöller, der im selben KZ wie Elser eingesperrt war, ihn umgekehrt für ein von den Nazis abgerichtetes Werkzeug hielten. Erst heute, in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erhält Elser seinen gebührenden Platz, gleichsam auf Augenhöhe mit Stauffenberg. Wolfgang Benz:

"Für mich ist Georg Elsner eigentlich die einzige Lichtgestalt. Der war nie zuvor Nazi, der musste nicht zur Besinnung gebracht werden, sondern der hat mit seinem schlichten Menschenverstand - als spätere Widerstandskämpfer noch stolz in der Armee Hitlers marschierten, als viele andere Konservative noch nicht daran dachten, dass dieses Regime so böse ist,  dass man es beseitigen muss müsse, -  da war es für den schwäbischen Schreinergesellen Georg Elsner klar: dieses Regime bedeutet Krieg, das bedeutet äußerstes Unrecht, er sah es an seiner Lohntüte, während die anderen noch auf "Kraft durch Freude" und andere Propagandatricks der Nazis hereinfielen, da sah er,  es geht immer weiter bergab."

Wie wird jemand zum Widerstandskämpfer?

Wie wird jemand zum Widerstandskämpfer? Woher nimmt er die Courage, sich einem Regime entgegenzustellen, dem Millionen zujubeln, das seine Gegner mit Gefängnis, Folter und Vernichtung bedroht? Manche wie Stauffenberg, waren zunächst selber angetan von Hitler und der Idee der Volksgemeinschaft, von den militärischen Anfangserfolgen.

Tuchel: "Wenn man sich die verschiedenen Wege in den Widerstand anguckt der Menschen, die es gewagt haben, dann fällt auf, dass am Anfang immer bewusst eine individuelle Entscheidung steht. Und nach dieser individuellen Entscheidung kommt das Suchen, kommt das Tasten, findet man Menschen, mit denen man zusammen kommt. Vertrauen ist eine ganz wichtige Kategorie. Kann ich zu jemand anderem Vertrauen fassen? Und das ist natürlich unter den Bedingungen der Diktatur ein schwerer Weg. Wir haben einen Fall, wo ein Kommunist sich in einen Zahnarztstuhl begibt und plötzlich feststellt, er kann mit seinem Zahnarzt gut reden, und daraus entwickelt sich dann eine wirklich enge Zusammenarbeit in einer Widerstandsgruppe hier in Berlin."

Viele Deutsche waren mit Hitler und dem Regime nicht einverstanden. Sie zogen sich in eine innere Verweigerung zurück, ohne aber aktiv zu werden. Widerstand beginnt in den Augen von Benz dort, wo jemand aktiv wird, wo er Handlungsspielräume nutzt, auch wenn sie ihn persönlich gefährden. Dazu zählt der vielfach namenlos gebliebene Rettungswiderstand, wo Menschen ihren jüdischen Mitbürgern geholfen haben.

Wolfgang Benz: "Das waren nicht so wenige. Auch wenn es nur wenigen Juden gelang, in der Illegalität im Untergrund sich über die gefährlichsten drei letzten Jahre des NS-Regimes hinweg zu retten - mit vielen nichtjüdischen Helfern, ohne die sie keine Chance gehabt hätten."

Die AfD erklärt sich zum Erben des Widerstands

Bei einer Umfrage des Spiegels im Jahr 2004 erklärte zum ersten Mal eine repräsentative Mehrheit der Deutschen, das der Widerstand gegen Hitler für die demokratische Kultur der Bundesrepublik von Bedeutung sei. Zwei Generationen hat es gedauert, die ideologische Zurichtung und Verdrängung aufzubrechen. Aktuell erleben wir,  wie an die Stelle der Verdrängung plötzlich eine gefährliche Vereinnahmung des Widerstandes  tritt, und zwar ausgerechnet von Rechtsaußen.  Anfang 2017 warb ein Kreisverband der AFD auf Facebook mit dem Slogan "Sophie Scholl würde AFD wählen".  Die AFD geriert sich als Widerstand gegen die – so Alexander Gauland – "Kanzler-Diktatorin".

Tuchel: "Wenn mir heute jemand sagt, ich bin doch im Widerstand, jetzt etwa aus Kreisen der AFD, dann kann ich sagen:  Nein, Sie sind nicht in Widerstand, Sie gehören einer parlamentarischen Opposition an unter den Bedingungen eines Rechtsstaates, dies ist kein Widerstand, Sie können alle Möglichkeiten der Demokratie nutzen."

Ausgerechnet eine Partei, deren Fraktionsvorsitzender Alexander Gauland Hitler und den Nationalsozialismus mit den Worten verharmlost, das sei - Zitat "nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" gewesen. Ausgerechnet eine Partei, wo führende Vertreter immer wieder Rassismus und Hass gegen Migranten schüren, beansprucht das Erbe jener Widerstandskämpfer, die für das exakte Gegenteil - für Rechtsstaat, Humanität und Toleranz -  ihr Leben eingesetzt haben.

Benz: "Wenn eine Protagonistin dieser Partei im Bundestag Volksverhetzung treibt, dafür vom Bundestagspräsident gerügt wird, indem sie nämlich Muslime als Messerstecher abqualifiziert, dann muss ich kein Verständnis dafür haben, dann bin mindestens ich als Historiker, der weiß, dass Adolf Hitler 1919 nicht als Gewaltverbrecher angefangen hat, sondern als Populist mit Volksreden und mit Volksverhetzung, bin ich als Historiker doch gefragt, um zu sagen, das hatten wir schon einmal, das wird in diese Richtung laufen, dieser Ideologie muss der Boden entzogen werden."

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