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Startseite@mediasresMit weniger Personal in die Zukunft05.10.2020

75 Jahre "Süddeutsche Zeitung"Mit weniger Personal in die Zukunft

Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung". 75 Jahre später feiert die Tageszeitung ihr Jubiläum - blickt aber auch in eine ungewisse Zukunft. Zwar gilt die "SZ" noch heute als Leit- und Qualitätsmedium, doch auch an ihr ist der Medienwandel nicht spurlos vorüber gegangen.

Von Michael Borgers

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Eine Ausgabe der Süddeutschen Zeitung liegt in einem Zeitungsständer aus (imago stock&people / Sven Simon)
Die "Süddeutsche Zeitung" gehört seit 75 Jahren zu den führenden deutschen Printmedien (imago stock&people / Sven Simon)
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Das Hochhaus des Süddeutschen Verlags an der Hultschiner Straße im Münchner Osten ist ein spektakulärer Bau: Mehr als 100 Meter hoch, die Fassade vollständig aus Glas, ausgezeichnet für seine nachhaltige Architektur. Geplant und gebaut wurde Mitte der Nullerjahre. Platz für unter anderem gut 570 Arbeitsplätze der Redaktion, wie damals die "SZ" selbst verkündete.

Doch das wird sich bald wohl ändern: Bis zu 50 Redakteursstellen sollen wegfallen, fast jede zehnte. Das hat die Südwestdeutsche Medien Holding, kurz SWMH, gerade bekannt gegeben; dem Medienunternehmen gehört – etwa seit der Zeit des Umzugs 2008 – die Mehrheit am Verlag.

Das Gebäude des Süddeutschen Verlags  in München, AUfnahme vom 05.11.2008  (imago images / argum / Thomas Einberger)Das Gebäude des Süddeutschen Verlags in München beherbergt die Verlagszentrale, die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" und die Deutsche Journalistenschule (imago images / argum / Thomas Einberger)

"Personalabbau ist frustrierend, ja, und ist verstörend und schafft Unmut, das betrifft, glaube ich, die gesamte Redaktion", sagt Wolfgang Krach, Chefredakteur der "Süddeutschen" und verweist darauf, dass auch andere Verlage sparen müssen - Stichwort zurückgehende Auflagen und Anzeigenerlöse.

In diesem Umfeld stehe die "SZ" noch vergleichsweise gut da, findet Krach: "Bei uns, wir sind in der Situation, wo wir zumindest einen Bereich haben, wo wir wachsen, nämlich die Zahl der Digitalabonnenten."

150.000 – so viele würden inzwischen für ihr digitales "SZ"-Abo zahlen, das hat der Verlag jüngst stolz erklärt.

Eine undatiertes  schwaz-weiß Bild zeigt den Haupteingang zum Verlagshaus der "Süddeutschen Zeitung" in München, die als erste bayerische Zeitung nach dem Zweiten Weltkrieg lizenziert wurde.  (dpa) (dpa)Vor 75 Jahren: erste Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung"
Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Ausgabe der Münchner Tageszeitung, mit der die amerikanische Militärregierung NS-Ungeist vertreiben wollte. 

Qualitätsjournalismus "mit einer gewissen Tiefe"

Ein Anruf bei einem dieser Online-Leser: Maximilian Gotz, dem Oberbürgermeister von Erding, einer Kleinstadt nordöstlich von München. Gotz' Großvater war einer der ersten Abonnenten der Printausgabe, damals, in den Anfängen.

"Der Großvater hat deshalb, weil ja auch kein Fernsehen da war, das hat er oft erzählt, dass er dadurch einfach Informationen oder Nachrichten bekommen hat mit einer gewissen Tiefe."

Und bis heute steht die "Süddeutsche" für Gotz für Qualitätsjournalismus: "Ich sehe schon viele Nachrichten, die nicht nur schnell aufgemacht sind, sondern auch mit dem Versuch des Hintergrundes aufgemacht sind, und die man schon braucht, um sich ein Bild zu machen."

Doch eines stört den CSU-Politiker dann doch: Die "Süddeutsche" übertreibt es seiner Ansicht nach damit, eigene Meinung an die Leserschaft zu bringen.

Das findet auch sein Parteikollege Günther Beckstein, ehemals bayerischer Ministerpräsident: "Die politische Grundrichtung der allermeisten Journalisten der 'SZ' ist sicher nicht konservativ, sondern sie haben eine Überzeugung, dass sie einen erzieherischen Auftrag für die Bürger haben."

Teile seiner Partei – einst Strauß und später dann Stoiber – hätten die "SZ" deshalb auch als "gegnerisches Medium" empfunden.

"Und auch wenn sie uns kritisiert haben, habe ich das zum Anlass genommen, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Ich habe mich nicht immer der Meinung der 'SZ', oder der einzelnen Redakteure, angeschlossen, aber ich habe das als Anfrage an mich verstanden."

Erste "Internet-Ausgabe" vor 25 Jahren

Zu viel subjektive Meinung und zu wenig objektive Berichterstattung? Judith Wittwer kennt diese Diskussion auch aus der Schweiz. Dort war sie, beim "Tagesanzeiger", bis das Angebot kam, an der Seite von Wolfgang Krach zu arbeiten – als erste Frau an der Spitze der "SZ"-Redaktion.

Ihr Eindruck aus den wenigen Wochen, die sie nun in München ist: "Wenn man an den Redaktionskonferenzen teilnimmt, stellt man fest, dass hier, in diesem Haus, sehr kontrovers auch diskutiert wird, dass die Summe der Stimme zu immer wieder neuen Meinungen führt."

Und der Platz für diese Meinungen ist Seite vier im Heft, unterstreicht Wittwer. Seit die 42-Jährige dabei ist, sind bei der "SZ" die Bereiche Print und Online noch näherzusammengerückt. Fragen, die sich seitdem in der Redaktion stellen: "Wie arbeiten wir zusammen? Wann müssen die Geschichten wie gespielt werden? Also ein Thema ist, das große Thema Digital First, das hier diskutiert wird, das wir auch in dieser Redaktion nicht erst seit gestern diskutieren."

Am 6. Oktober 2020 wird nicht nur die Süddeutsche 75: Am gleichen Tag, vor 25 Jahren, ist die Internet-Ausgabe der Zeitung unter dem Namen "SZonNet" an den Start gegangen.

Eine Erfolgsgeschichte, sagt Wolfgang Krach. Genau wie die Entscheidung, noch mehr ins investigative Arbeiten zu investieren: "Dass wir dann die Panama Papers machen konnten, die Paradise Papers oder im vergangenen Jahr so etwas wie das Ibiza-Video ist nicht Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Ich würde sagen, dass wir heute den Spiegel, der früher das investigative Medium in Deutschland gewesen ist, abgelöst haben. Und den Weg wollen wir weitergehen."

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So werde es seiner Redaktion gelingen, sich weiterhin von "nahezu allen anderen Medien" in Deutschland zu unterscheiden – und Leitmedium zu bleiben, erklärt Krach selbstbewusst. Auf einem hart umkämpften Markt, wo Redaktionen kommen und wieder gehen – oder: sparen müssen. Sogar wenn sie "Süddeutsche Zeitung" heißen.

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