Kommentar
Der 8. Mai ist kein Tag der "Befreiung" mehr

Wie sprechen wir über die Kapitulation Deutschlands und das Kriegsende vor 81 Jahren? Das Wort von der "Befreiung" passt nicht mehr, denn es verschleiert, dass Hitler durch Wahlen an die Macht kam und der deutsche Faschismus eine Massenbewegung war.

Ein Kommentar von Milan Procyk |
Eine Menschenmenge auf dem Potsdamer Platz in Berlin während der Rede von Adolf Hitler zur sudetendeutschen Frage am 26.09.1938.
Menschenmenge auf dem Potsdamer Platz 1938 während einer Hitler-Rede: Der Nationalsozialismus war eine Massenbewegung (picture alliance / SZ Photo / Scherl)
Die Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 ist ein historisches Glück. Die „Befreiung“, zu der sie oft gemacht wird, war sie aber nicht: Denn viele Deutsche haben damals bei Krieg, Völkermord und Faschismus bis zum letzten Tag mitgemacht.
Trotzdem ist auch heute noch oft vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“ die Rede. Vergangenes Jahr, zum 80. Jahrestag, hatte das Land Berlin den 8. Mai zum Feiertag erklärt: als "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs". Im Bundestag wurde unter derselben Überschrift eine Gedenkstunde abgehalten.

Die historische Schuld anerkannt

Richard von Weizsäcker hatte das Wort einst in die bundesrepublikanische Debatte eingeführt – am 8. Mai 1985. Damals war das richtig: Der Bundespräsident stellt sich in jenem Jahr auf die Seite derer, die das Ende des deutschen Faschismus als Glück empfinden, nicht als Niederlage. Er zeigt sich als deutscher Demokrat, der die historische Schuld seines Landes anerkennt, sie nicht unter den Teppich kehrt.
Im Jahr 2026 aber ist „Befreiung“ nicht mehr das richtige Wort. Denn anders als in den 1980er-Jahren macht sich heute vielerorts eine Demokratiemüdigkeit breit. Anders als in den 1980er-Jahren geht es heute darum, den scheinbar einfachen Lösungen der Rechtspopulisten zu widerstehen.

Wahlen ebneten Hitler den Weg

Da macht das Wort von der Befreiung es denen zu leicht, die gerne davor die Augen verschließen, dass es demokratische Wahlen waren, die Hitler den Weg geebnet hatten. „Befreiung“ klingt, als hätten die Alliierten ein Land eingenommen, dessen Gesamtbevölkerung von einer kleinen Minderheit unterdrückt worden war. Doch die NSDAP hatte 1945 acht Millionen Mitglieder.
Von "Befreiung" zu sprechen, erschwert eine echte Beschäftigung mit historischer Schuld. So wie in der DDR: Dort wurde schon vor Weizsäckers Rede der 8. Mai als "Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus" begangen.
Doch der Faschismus wurde den Deutschen nicht übergestülpt. Die Deutschen haben sich für den Faschismus entschieden. Wenn sich Politik und Gesellschaft ernsthaft mit der deutschen Geschichte beschäftigen wollen, dürfen sie nicht weiter von „Befreiung“ sprechen. Es waren unsere Vorfahren, die Hitler, den Völkermord an den europäischen Juden und Tod und Verwüstung in Europa ermöglicht haben. Sie waren Menschen wie Du und ich.

Parallelen zwischen 1933 und 2026

Auch wenn sich 1933 nicht mit 2026 gleichsetzen lässt, so muss man doch wachen Auges auf mögliche Parallelen schauen: Wie damals die NSDAP profitiert heute die AfD von einer Unzufriedenheit mit der deutschen Demokratie. Wie damals die NSDAP bietet heute die AfD radikale Veränderung.
Heute und in Zukunft ist es angesagt, aus der deutschen Geschichte Lehren zu ziehen. Anzuerkennen, dass der Nationalsozialismus eine Massenbewegung war. Wer vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“ spricht, verschließt davor die Augen.