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StartseiteSonntagsspaziergangIm Inneren des Wals22.04.2019

Abenteuer OzeaneumIm Inneren des Wals

Vom Wattenmeer bis zum Tauchgang in den Tiefen des offenen Atlantiks – das Ozeaneum in Stralsund macht Unterwasserlebenswelten auf vielfältige Weise erlebbar. Gleichzeitig ist es mehr als nur ein Naturkundemuseum: Auch die Ausbeutung und Zerstörung der Meere wird eindrücklich thematisiert.

Von Jule Reiner

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Im Aquarium Helgoland im Ozeaneum Stralsund schwimmen Pollacks, Katzenhaie und Lippfische (imago/Volker Hohlfeld)
Spaziergang durch die faszinierende Unterwasserwelt des Atlantiks (imago/Volker Hohlfeld)
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Von Ferne muten sie an wie geblähte weiße Segel, diese vier über die Hafeninsel von Stralsund ragenden Kuben des Ozeaneums. Man könnte meinen, dass sie sich lautlos hinter den backsteingotischen Speicherhäusern und den Landepiers vorbeischieben - auf große Fahrt in die Nordmeere. Am langen Pier vorne liegt die Klassikerin der Dreimastbarken, die wunderschöne ‚Gorch Fock’, und wirkt vor der futuristischen Konstruktion des besten Meeresmuseums Europas fast filigran. Doch beide sind sie hochelegant.

Der Name Ozeaneum ist eine Zusammenziehung von Ozean und Mus-eum - abgeleitet aus den griechischen Worten ‚Okéanos’ und ‚Museíon’. Ein Museum also, das auf eine Sammlung mit musischem Charakter hinweist, verbunden mit dem urgewaltigen Ozean der Welt. Als leidenschaftliche Sammlerin von Meeresmuseen, wo immer ich sie unterwegs in der Welt besuchen konnte, stand es auf meiner Wunschliste schon seit seiner Eröffnung vor zehn Jahren ganz oben an. Und jetzt begleitet mich mein Freund, Professor Manfred Niekisch, selbst Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos, auf diese besondere Reise unter den Meeren. 

"Und plötzlich taucht man ein in die Unterwasserwelt"

Manfred Niekisch: "Das Faszinierende an dem Ozeaneum ist ja schon die Architektur, hinter der sich einiges verbirgt, was man von außen gar nicht ahnen kann. Das macht auf jeden Fall schon neugierig und dann kommt man da rein und wird zunächst konfrontiert mit ein paar Skeletten von riesigen Meereslebewesen, die da über einer langen Rolltreppe hängen. Und plötzlich taucht man ein in die Unterwasserwelt. Das ist nun wirklich faszinierend, weil man nicht den Eindruck hat, ich gehe jetzt in eine Halle wo viele Aquarien sind, sondern man hat wirklich über weite Strecken den Eindruck, ich bin unter Wasser und gucke ohne nass zu werden, was sich da so tut.

Ja, und wenn man sich eingesehen hat und dann auch schnell erkennt, was die Unterschiede bei diesen riesigen Skeletten sind, etwa zwischen einem Bartenwal, der eben keine Zähne hat und einem Zahnwal, nämlich einem Pottwal, dann ist das schon sehr sehr faszinierend. Man sieht das Skelett eines Orcas und dann wieder ein Blick, sozusagen in das Innere des Wals. Da ist ausgestellt unter Glas das Lungensystem und das Herz eines Finnwals.

Das hat nun wieder einen ganz starken Regionalbezug. Denn der ist irgendwann mal im Stralsunder Bodden gestrandet. Also, er ist sozusagen in unmittelbarer Nähe des Ozeaneums damals an Land gespült worden und man hat sein unglaublich beeindruckendes Lungensystem und Herz ausgestellt. Das Spannende dabei ist nicht nur die Größe dieser beiden Systeme, sondern auch wenn man sich anschaut, wie die gebaut sind. Denn die müssen ja riesige Druckunterschiede aushalten, wenn der Wal auftaucht oder wieder abtaucht. Das ist einfach faszinierend, ohne dass man jetzt überfrachtet wird durch Informationen, die man dann doch nicht so liest, weil nämlich die Organe viel spannender sind."

Der "eingefangene Augenblick"

Auf der überlangen und recht steilen Rolltreppe wird man über die Walskelette hinweg in die Höhe der Halle getragen. Und von dort oben sehen die Skelette aus als seien sie von lichtgekräuselten Wellenkronen umspült. Und wir tauchen ein in die Ausstellung der Weltmeere. Ein hinreißendes Aquarium empfängt uns und lockt in ein schwärmerisches Bild: In fluoreszierender Beleuchtung eine Elegie von kleinen Ukeleien. Sie gehören zu den karpfenartigen Fischen, nur 15 Zentimeter klein, ihre Schuppen wie von reinstem Silber mit zartgrünen Stromungen auf dem Rücken. Anglern dienen sie als gute Köderfische. Und für die Manufaktur von künstlichen Perlen liefern ihre silbrigen Schuppen die wertvolle Perlenessenz.

Blick auf Stralsund mit Hafen, Ozeaneum und Gorch Fock (imago/Westend61)"Wie geblähte weiße Segel": Blick auf das Ozeanum, davor die Gorch Fock (imago/Westend61) 

Dieses anmutige Bild erinnert mich an eines, das ich den "eingefangenen Augenblick" nenne. Ich fand ihn zum ersten Mal in einer Disneyfilmproduktion der 60er Jahre bei einer Sonntagsmatinee im Jugendkino. Gespielt wurde "20.000 Meilen unter dem Meer", die fantastische Abenteuerreise dreier Schiffbrüchiger, die an Bord des Unterseebootes Nautilus unter dem Kommando, oder man müsste sagen unter der Regie des geheimnisumwobenen Kapitäns Nemo als Gefangene aufgenommen werden. Unter ihnen der Wissenschaftler Professor Aronnax, hinter dem sich natürlich der Autor Jules Verne des gleichnamigen Romans verbirgt. Erschienen ist das futuristische Werk 1870 und wurde ein Weltklassiker.

Und hören wir daraus nur einmal wie sich der eingefangene Augenblick liest, wenn sich Professor Aronnax mit Kapitän Nemo und seinen Tauchern auf Expedition durch einen untermeerischen Garten Eden begib:

"Die Sonnenstrahlen trafen in schrägem Winkel auf das Wasser. Da das Licht wie durch ein Prisma gebrochen wurde, zeigten sich die Ränder von Blumen, Felsen, Pflänzchen, Muscheln und Polypen im Gewand der sieben Regenbogenfarben. Es war ein reines Wunder, das ich vor mir sah, eine Augenweide, eine vollendete Mischung, ein wahres Kaleidoskop von grünen, gelben, orangefarbenen, violetten, indigoblauen und blauen Farbtönen, mit einem Wort: die gesamte Palette eines leidenschaftlichen Malers.

Wie sehr wäre mir daran gelegen gewesen, Kapitän Nemo und seine Gefährten an meiner Faszination teilhaben zu lassen, ihnen meine Begeisterung zu bekunden! Doch in Ermangelung dieser Möglichkeit sprach ich mit mir selbst, rief in die Kupferkugel hinein, die meinen Kopf bedeckte, und vergeudete vielleicht mehr Sauerstoff als empfehlenswert war, um Worte von mir zu geben, die doch niemand hören konnte außer mir selbst!"

Tauchgang im Wattenmeer

Unser Tauchgang beginnt im Wattenmeerbecken der Nordsee, wo wir in eine herrliche zarte Komposition aus roten Algen und weißem Kies blicken. Knurrhahn, Seezunge, Haarbutt, Rotzunge und Petermännchen besiedeln den Lebensraum, der hier erscheint wie ein kühles von Künstlerhand inszeniertes Bild, da die Plattfische sich unbeweglich in den feinen Kies einschmiegen. Angehaltene Zeit der frühen Lebensformen.

In der offenen Nordsee zieht indessen ein Schwarm von Kabeljau elegante Bahnen. Lang gezogene kräftige Körper haben sie, weit vorgezogene Oberkiefer und merkwürdige Hautlappen, die Barteln, am Unterkiefer. Die sehr großen Exemplare zeigen runzlige Köpfe wie von Denkfalten gefurcht.

Manfred Niekisch: "Das ist ein ganz mächtiger Fisch mit einem ausgesprochen kräftigen Körper. Er sieht auch irgendwie urtümlich aus mit diesen Barteln am Unterkiefer. Und den in einem Schwarm zu sehen und sich vorzustellen, was das für eine interessante Biologie ist, die man überhaupt nicht erahnen kann, wenn man ihn mal auf dem Teller hat, - einfach faszinierend." 

Inzwischen ist Jules Vernes Professor Aronnax auf seiner Meereswanderung aus den durchleuchteten Fluten immer tiefer in ein ozeanisches Gebirgstal gewandert. Und nun ruhend in einem Algenbeet begegnet ihm der alte Schrecken der Meere, der sich bis weit ins 17. Jahrhundert erhalten hatte. Wo fester Boden aufhörte, lauerten in der Fantasie der Menschen schreckliche Gefahren: Seeungeheuer, Chimären, Stürme als Ausdruck göttlichen Zorns – all das verhieß Reisen ohne Wiederkehr. Erst mit dem Aufkommen des romantischen Ideals im 18. Jahrhundert begannen Dichter und Maler Westeuropas das Schreckliche der Küsten in Erhabenheit zu verwandeln.

Blick auf das Schwarmfischbecken im Ozeaneum von Stralsund  (imago/BildFunkMV)Blick auf das Schwarmfischbecken im Ozeaneum von Stralsund (imago/BildFunkMV)

Jules Vernes Werk vereint diesen alten Schrecken mit romantischer Utopie und der realistischen Wissenschaft seiner Zeit des 19. Jahrhunderts. Ich trage das Buch mit vielen Lesezeichen gespickt durch das Ozeaneum:

"Unter einem dichten Geflecht von Braunalgen liegend, hob ich den Kopf und entdeckte riesige, massive Leiber, die, laute Geräusche verursachend, an uns vorüberzogen und dabei phosphoreszierend schimmerten.

Mir stockte das Blut in den Adern, als ich erkannte, dass zwei furchterregende Blauhaie mit gewaltigem Schwanz und kalten, glasartigen Augen über uns kreisten. Aus den Löchern, die um ihre Mäuler herum angeordnet waren, sonderten sie eine phosphoreszierende Substanz ab. Ihre Mäuler ähnelten riesigen Fangeisen, mit denen sie einen Menschen ohne weiteres zermalmen konnten.

Was mich betraf, so betrachtete ich ihren silbrig glänzenden Bauch und ihren scheußlichen, von messerscharfen Zähnen starrenden Rachen gänzlich unwissenschaftlich und eher mit den Augen eines potenziellen Opfers als von der Warte eines Naturforschers aus."

Erkundung der Unterwasserwelt ohne den Schrecken des Meeres

Solcher Schrecken ist im Ozeaneum gänzlich gebannt. Die Meerestiere erscheinen hier in ihrer vollendeten Kreatürlichkeit. Wie Geschöpfe eines höheren Plans, den nur die Evolution bestimmt und nicht der Mensch. Man möchte mit seinen Gedanken spazieren und sich fallen lassen in die tieferen Meereszonen, die von Indigo und schwarzem Blau leuchtend getränkt sind.

Da treiben schwerelos Medusen durch ein dunkles All. Da flirren Rotbarsche über geschmirgeltem Kies und Algen hindurch. In eine andere Meerestiefe ist ein Schiff gesunken und sein Wrack ist besiedelt von Schlangenseesternen, Seeanemonen und Seeigeln in schillernder Farbenpracht. "Eigentlich wiederum überraschend", souffliert mir mein Professor. Solche Farben erwarte man nicht in diesem kalten Meer. Wir seien ja schon auf dem Weg in den Nordatlantik.

Und ich fühle es beim Anblick der zerfurchten Gesteine und der kühlen Farben der Seepflanzen. Wir kommen an den Kreidefelsen von Rügen vorbei, wo sich Dorsche und wunderbar glänzende Hornhechte tummeln - Silberpfeile in phosphoreszierendem Licht. Sie würden köstlich schmecken, weiß mein Begleiter, sie seien aber in der Gastronomie kaum zu vermarkten, da sie grüne Gräten haben. Und ich stelle mir für einen Moment den gegrillten, aufgeklappten Fisch auf einem Teller vor. Delikate weiße Filets mit zartgrünem Geäst. Farblich eine feine Komposition der Natur.

Manfred Niekisch: "Und dann kann man plötzlich einen Einblick bekommen in eine Unterseehöhle, bei Schottland nämlich, wo die Gesteinsfarben ganz besondere Reflexe erzeugen. Und so naturalistisch ist tatsächlich die Darstellung im Schärengebiet des Kattegat, wo es allmählich auch wieder lauter wird, weil wir in Brandungszonen kommen. Da sehen wir unter Wasser in den Kunstfelsen sogar Kratzspuren. Kratzspuren die herrühren von den Gletschern.

Und wir finden da die ganz merkwürdigen Tiere mit Namen wie Seehase, Seeskorpion und Aalmutter, wobei der Seehase kein Hase ist, der Seeskorpion kein Skorpion und die Aalmutter auch nicht die Mutter der Aale. Da hat die Fantasie derer, die den Tieren Namen geben, doch einiges an Überraschungen gezeitigt."

Zuletzt sind wir am Brandungsbecken des Ozeaneums angelandet. In dieser simulierten Brandungszone treiben vielleicht nur einige Fische in glasklarem Wasser vor kühlen türkis schimmernden Felsen. Eine Seespinne hat sich an den Fels geheftet. Alles ist ruhig und schön wie eine minimalistische Elegie. Doch mit einem Mal kracht schäumende Wellengischt herein und wirbelt die Wasseroberfläche mit ungeheurer Energie durcheinander. Darunter aber treiben die Fische ruhig weiter, weil sie gelernt haben, sich an die enorme Dynamik solcher Zonen anzupassen. Ein fantastisches Becken.

Blick auf die Ausbeutung der Meere

Manfred Niekisch: "Aus dieser größtenteils stillen Welt unter Wasser tauchen wir auf in die Wirklichkeit und blicken mal aus einer der Sitzecken, die da im Museum sind, durch einen gläsernen Durchlass nach Außen, sehen das Meer vor uns, den Blick auf den Stralsunder Hafen und haben sofort den Bezug zur Realität. Und den brauchen wir auch, denn jetzt tauchen wir ein in eine ganz andere Welt, wenn wir weitergehen. Jetzt geht es nämlich um die Ausbeutung der Meere." 

Denn die Nutzung der Meere ist eben im Lauf der Zeit, vor allem seit Beginn des letzten Jahrhunderts, so stark intensiviert worden, dass man schon über weite Strecken von einer Übernutzung sprechen muss. Da gibt es Massenfanggeräte, die Tonnen Fisch pro Sekunde in riesigen Schleppnetzen einfangen können. Und es geht ja nicht nur um die Fischerei, sondern es geht auch um die Tiere, die in den Netzen mitgefangen werden, nämlich den sogenannten Beifang.

Manfred Niekisch: "Besonders schlimm betroffen sind die Tiere, die auftauchen müssen, um Luft zu atmen, weil sie Lungenatmer sind, also wären das beispielsweise die Robben, die Kleinwale, die Meeresschildkröten, aber auch Seevögel. Es geht ja nicht nur um den Fang mit Netzen, sondern auch mit Fangleinen. Und die sind für eine ganze Reihe von Seevögeln in der Tat tödlich. Sie verheddern sich darin oder sie werden von den Haken aufgespießt – das sind alles keine sehr schönen Dinge."

Modelle von Walen und Rochen in einer Ausstellung des Ozeaneum, Hansestadt Stralsund (imago/McPHOTO)Modelle von Walen und Rochen in einer Ausstellung des Ozeaneums (imago/McPHOTO)

Jetzt, da wir an diesem Punkt der Reise angekommen sind, muss ich gestehen, dass es mir schwerfällt, weiter zu erzählen. Ich höre beim Schreiben dieser Passage unseres Ozeaneum-Abenteuers noch einmal in die Aufnahmen von geheimnisvollen Walgesängen hinein, die vor 20 Jahren auf einer CD erschienen sind unter dem französischen Titel: "Les Chants Secrets des Baleines". Der Toningenieur dieser mit Hydrophonen gewonnenen Aufnahmen, Christian Gence, schreibt im Begleitheft der CD:

"Wale haben keine Stimmbänder. Ihre Gesänge werden vom Kehlkopf produziert. Die Luft in ihren Lungen, den Luftröhren und im Rachen erzeugt die Laute, die von den Kiefern und der Kehle verstärkt werden. Und diese Gesänge schwingen weit durch den Ozean und können hunderte von Meilen entfernt empfangen werden, indem sie enorme Zeitspannen überdauern. Leider aber mag dies die letzte Walmusik sein, die wir werden hören können. Die Gedankenlosigkeit der Menschheit könnte zum Verschwinden dieser Spezies führen, welcher Teil unseres Erbes ist. Indem aber der Mensch sein kulturelles Erbe opfert, vernichtet er sich selbst."

Ganz Stralsund in einem Schleppnetz

Schweren Herzens also erzähle ich weiter über die Ausstellung zur Biodiversität – der Vielfalt des Lebens im Meer. Zu ihrer Darstellung werden die Meerestiere in schlichten Acrylglasvitrinen mit ganz sparsamer Beschilderung als "Kunstwerke der Natur" inszeniert. Muscheln und Schnecken, anmutige Vogelpräparate oder besonders ergreifend Pfeilschwanzkrebse. Trotz ihrer krebsähnlichen Gestalt gehören sie zu den Spinnentieren und sie existieren seit 300 Millionen Jahren in unveränderter Form. Man bezeichnet sie deshalb auch als lebende Fossilien.

Bald finden wir auch zu einem Architekturmodell vom Ozeanum mit dem Hafen und der umgebenden Altstadt von Stralsund. Nur ist das ganze Modell maßstabsgerecht von einem Schleppnetz jener Größe überspannt, wie sie die industriellen schwimmenden Fischfangfabriken über die Meeresböden ziehen. 2,5 Tonnen Fisch pro Sekunde werden in nur einem solcher Netze gefangen. Flächenmäßig würde das Netz dabei das alte Stralsund mitsamt Ozeaneum und Hafen einfach wegschleppen. Noch unfassbarer ist nur die Zahl von geschätzten 38 Millionen Tonnen Beifang, der pro Jahr von den Fangflotten der Welt über Bord gekippt wird.

"Wenn Beifangopfer schreien könnten", sagt mein Begleiter sehr leise, "müssten wir uns weltweit die Ohren zuhalten". Und dann bleiben wir eine ganze Weile einfach sprachlos. - Inzwischen lassen wir Kapitän Nemo mit Professor Aronnax in die Südsee reisen:

"Nachdem wir diese bezaubernden Inseln der Hawaii-Gruppe verlassen hatten, legte die Nautilus ungefähr dreitausendsiebenhundert Kilometer zurück. Unterwegs stießen wir auf einen riesigen Schwarm von Kalmaren, eigenartige Mollusken, die mit den Tintenfischen eng verwandt sind. Sie gehören zur Klasse der Kopffüßer. Diese Tiere wurden insbesondere von den Naturforschern der Antike untersucht. Daneben kamen sie in vielen Metaphern der Redner auf der Agora vor und wurden gleichzeitig als Delikatesse auf den Tafeln der reichen Bürger serviert, wenn man dem griechischen Arzt Arthenaias Glauben schenken will.

Am 11. Dezember dann hatten wir den Tuamotu-Archipel erreicht. Die Inseln bestehen aus Korallen. Ihre langsame aber ständige Anhebung, die auf die Polypen zurückzuführen ist, wird sie eines Tages miteinander verbinden. Die so entstehenden neuen Inseln werden später mit den benachbarten Archipelen zusammenwachsen, so dass von Neuseeland über Neukaledonien bis zu den Marquesasinseln ein neuer Kontinent entstehen wird. Als ich Kapitän Nemo eines Tages diese Theorie vortrug, reagierte er sehr kühl: ‚Die Erde braucht keine neuen Kontinente, sondern neue Menschen!‘" 

In die Tiefe des offenen Atlantiks

Wir steigen zuletzt nun in die größte Tiefe des Ozeaneums ab - in die Tiefe des offenen Atlantiks. Getrennt nur durch eine 22 Tonnen schwere, gekrümmte Panzerglasscheibe sitzen wir vor der Meeresweite auf einer Bank in der Dunkelheit und blicken ins kristallene Azurblau der irisierenden Meereswelt. Hier ist die oberste Liga der Knorpelfische im Schwarm vereint: Adlerrochen, Kuhrochen, Stachelrochen, Zebrarochen. Hinzu kommen Brassen, Drückerfische, Zackenbarsche, Nagelrochen, ein Sandtigerhai und ein Ammenhai - wie ein choreografiertes Wasserballett.

Manfred Niekisch: "Ein Blick in das große Atlantikbecken, das ist nun wirklich etwas ganz Besonderes. Und da sollte man nicht, sondern da muss man sich hinsetzen und einfach mal gucken.

Faszinierend wie die Fische in einem Schwarm sich koordiniert bewegen. Das ist wirkliche Schwarmintelligenz, die allerdings dadurch gesteigert wird, dass in dem Becken auch Haie sind. Denn Beutefische, wenn die keinen Hai sehen, dann würden die nicht unbedingt einen großen Schwarm bilden. Aber ein Schwarm bietet Sicherheit und sie formieren sich zum Schwarm, wenn ein solcher – in Anführungszeichen Feind – in der Nähe ist. Nun kann sich´s ein Aquarium natürlich nicht leisten, die Fische die ausgestellt sind auch zu verfüttern, die Haie die jagen da nicht ihre eigene Beute.

Waale in einer Halle des Ozeaneums in Stralsund (imago/ Schöning)Waale und ein Orka in einer Halle des Ozeaneums in Stralsund (imago/ Schöning)

Aber dieses funkelnde Licht, die glitzernden Fischkörper und dann die verschiedenen Rochen. Wer kann schon mal so viele Rochen auf einmal sehen, wenn nicht im Aquarium. Die vielen verschiedenen Fischarten, die Haie, das ist an sich schon ein wunderschönes Bild. Und dann liegt da auf dem Meeresboden noch das Skelett, das zerfallene Skelett eines Pottwals, das natürlich auch zum Leben im Meer gehört. Denn das Meer ist nicht nur lebendig, sondern da sterben auch Tiere und deren Überreste liegen dann da eben."

Staunend und fast ein wenig selbstversunken schaut man hier wie in ein Diorama voller magisch eingefangenen Augenblicken des Meeres. Überwältigend in ihrer schwebenden Ruhe: Die Mondfische, die grauen Eminenzen der Tiefsee, mit ihren gedrungenen Körpern, den winzigen Augen und kleinen Mäulchen, mit ihren zarten propellerartigen Flossen dahinsegelnd über dem Walskelett erscheinen sie wie Wesen aus einer anderen Galaxie. Das ist vielleicht der wundersamste eingefangene Augenblick dieser Reise.

In der "Halle der Riesen"

Noch einen Tauchgang haben wir vor uns - in die Tiefe der großen unerforschten Stille. Im Ozeaneum heißt sie "Halle der Riesen", wo die geheimen Gesänge der Wale zu hören sind. Wir liegen jetzt vielleicht in einem Algenbett, wenn es das in dieser Tiefe noch gibt. Aber das wissen wir nicht. Noch kein U-Boot, kein Sonar und schon gar kein Mensch ist je in diese Tiefe vorgedrungen.

Die Sänger dieser geheimnisvollen Verständigung durch die Meere hindurch schweben als Modelle lebensgroß nachgebaut über uns im ozeanischen Raum. Er ist dunkel bis Schwarz. Minimal nur das Licht, das wir brauchen, um auf einer der untermeerischen Liegeflächen zu ruhen und zu lauschen. Da zeigt der Blauwal, das größte Lebewesen, das je auf diesem Planeten gelebt hat, seine Ausmaße. Wir haben Buckelwal und Kalb, wir haben einen abtauchenden Pottwal im Kampf mit einem Riesenkalmar. Und wir nähern uns noch einmal der Fantasie von Jules Verne an.

Manfred Niekisch: "Riesenkalmare, das sind nun wirklich beängstigend große Tiere, nicht so groß, dass sie ein Schiff verschlingen könnten wie man das früher dachte. Aber die werden doch mehrere Meter lang, haben sehr lange Fangarme und acht kürzere Arme. Und von denen weiß man fast nichts. Ab und zu wird mal ein totes Tier angespült, aber unter Wasser gibt es fast keine Beobachtungen.

Und einiges was man über diese Riesenkalmare weiß, hat man nur indirekt ablesen können an den Pottwalen. Die Pottwale sind nämlich die einzigen Tiere, die mit diesen Kalmaren fertig werden und sie sogar aufessen. Und dann hat man im Magen von Pottwalen Augen gefunden von Kalmaren; Augen so groß wie Suppenteller. Und riesige Abdrücke auch auf der Haut der Pottwale von den Saugnäpfen der Arme. Daraus kann man dann schließen wie groß und wie gewaltig diese Tiere sind."

Dass in dem Buch von Jules Verne "20.000 Meilen unter dem Meer" ein U-Boot verwechselt wird mit Kalmaren, ein U-Boot, das auch Lichtblitze aussendet, das ist nun ganz plausibel. Denn auch diese Kalmare können Lichtblitze aussenden, um ihre Beute – man weiß nicht genau, ob zu orten oder auch irgendwie zu fangen, sie anzulocken mit dem Licht – man weiß es nicht. Sie bombardieren ihre Beute zuweilen mit Lichtblitzen. Eine Welt, die wir gerade erst mal im Ansatz zu erforschen, beginnen.

Jules Verne und die Zerstörung der Meere

Jetzt ist es an der Zeit, das Geheimnis um das U-Boot Nautilus und Kapitän Nemo zu lüften. Tatsächlich ist Jules Vernes Epoche geprägt von der Kolonialisierung der Welt und der Entdeckung der Meere als Expansionsraum. Der Walfang erreicht zu jener Zeit ein vorindustrielles Stadium und dezimiert die Populationen bis nahe an die Ausrottung.

Anfangs des Romans erreichen Nachrichten die Welt von einem in den Meeren gesichteten Seeungeheuer, das ähnlich einem Wal nur ungeheuerlich viel größer sei. Es versenke Schiffe und sende dabei Blitze und phosphoreszierende Schweife aus. Walfänger aber berichten von der Erscheinung eines Riesenkalmars ungeheuren Ausmaßes, der Schiffe in die Tiefe ziehe. Das ruft den Naturwissenschaftler Professor Aronnax auf den Plan, der das Ungeheuer eher für einen Narwal hält. Er begibt sich an Bord einer gerüsteten Fregatte, um das vermeintliche Meeresungeheuer zu jagen und zu studieren.

Doch die Fregatte wird bald selbst von einem Ungetüm gejagt und zum Kentern gebracht. Aronnax und seine beiden Begleiter werden ins aufgewühlte Meer gespült und stranden auf einem Wal ganz anderer Machart. Nämlich auf der aus Eisen und modernster Mechanik bestehenden Nautilus. Ihr Kapitän hat als selbst ernannter Meeresbiologe und Naturschützer der Menschenwelt den Rücken gekehrt und tritt mit dem Unterseeboot in Gestalt eines Meeresgeschöpfes auch Rachefeldzüge an.

Beide Männer aber – den Naturwissenschaftler Aronnax und den Technologen Nemo - verbindet etwas viel Größeres. Das ist die Liebe zu den Meeresgeschöpfen und ihrer stillen Welt. Der Roman endet mit den Worten des Erzählers Aronnax:

"‘Wer hat je die Tiefen ergründen können?‘ Nur zwei Menschen hatten jetzt das Recht, auf diese vor sechstausend Jahren im Buch der Prediger gestellte Frage zu antworten: Kapitän Nemo und ich."

Und wir verbringen noch lange Zeit unter den Walen in der "Halle der Riesen" - oder sollten wir sagen, im Inneren des Wals - und lauschen ihren Gesängen. 

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