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StartseiteEuropa heuteAufräumen in der Nordsee27.09.2018

Aberdeen und das Öl (4/5)Aufräumen in der Nordsee

Was passiert mit Bohrinseln, wenn das Öl versiegt ist? Dann muss die gigantische Infrastruktur wieder abgebaut werden. Die schottische Nordsee dürfte eine der ersten Ölförderregionen sein, die abgewickelt wird. Ob das die Jobs bringt, die sich die krisengeschüttelte Hafenstadt Aberdeen erhofft, ist offen.

Von Erik Albrecht

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Ölplattformen in der Nordsee (picture alliance /Andrew Milligan/PA Wire)
Der Branchenverband UK Oil & Gas rechnet damit, dass alleine bis 2025 zweieinhalbtausend Bohrlöcher in der Nordsee für immer verschlossen werden. Bohrinseln müssen zerlegt, Pipelines vom Meeresgrund entfernt werden (picture alliance /Andrew Milligan/PA Wire)
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"Jetzt verlassen wir den bestehenden Hafen und fahren zu Aberdeens Südhafen, der sich im Bau befindet."

Während die Sea Herald am Leuchtturm vorbei fährt und Aberdeens Hafen hinter sich lässt, breitet Marlene Mitchell im Innenraum des kleinen Boots eine Karte der Anlage und ihrer Umgebung aus. Mitchell arbeitet für die Hafengesellschaft. Umgerechnet etwa 390 Millionen Euro investiert "Aberdeen Harbour" derzeit in eine Erweiterung.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Aberdeen in Schottland - Das Ende vom Öl" in der Sendung "Gesichter Europas".

Am Hafentower steuert der Kapitän die Sea Herald nach Süden. Nach kurzer Fahrt gibt eine Klippe den Blick auf die nächste Bucht frei. Bis 2020 soll hier ein zweites Hafenbecken entstehen.

"Hier sehen sie einen der Wellenbrecher. Das wird ein Tiefseehafen mit einer Wassertiefe von 10,50 Meter, je nachdem, ob wir Ebbe oder Flut haben. Dann können wir Schiffe von bis zu 300 Metern Länge abfertigen."

Blick aus der Steuerkabine eines Schiffs auf den Hafen von Aberdeen, Schottland (Deutschlandradio/ Erik Albrecht)Bis 2020 soll im Hafen von Aberdeen ein zweites Hafenbecken entstehen, sodass auch größere Schiff abgefertigt werden können (Deutschlandradio/ Erik Albrecht)

Der Hafen hofft auf das Geschäft nach dem Öl

Hinter der Kaimauer bringen Baggerschiffe das neue Hafenbecken auf die notwendige Tiefe. Bald sollen auch die großen Kreuzfahrtschiffe Aberdeen ansteuern, damit Touristen beim Besuch des königlichen Sommersitzes Balmoral oder in einer der Gin-Destillerien ihr Geld lassen.

Doch vor allem hofft der Hafen auf das Geschäft nach dem Öl: Dann muss die gigantische Infrastruktur in der Nordsee wieder abgebaut werden. Bislang fehlte der Platz für große Schiffe, sagt Marlene Mitchell und zeigt auf einen grünen Hügel, an den sich einer der neuen Piere schmiegen soll.

"Hier können wir größere Schiffe entladen. Beim Abwracken braucht es ja große Boote, die die Aufbauten, Plattformen aus Stahl und ähnliches transportieren können. Bislang fehlen uns da die Kapazitäten."

Die Ölindustrie darf nichts auf dem Meeresboden zurücklassen. Alles muss zurückgebaut werden. Der Branchenverband UK Oil & Gas rechnet damit, dass alleine bis 2025 zweieinhalbtausend Bohrlöcher in der Nordsee für immer verschlossen werden. Bohrinseln müssen in ihre Einzelteile zerlegt, Tausende von Pipeline-Kilometern vom Meeresgrund entfernt werden.

Ein halbes Jahrhundert lang hat Aberdeen seinen Wohlstand auf Öl gebaut. In Zukunft soll die Abwicklung der Industrieanlagen der Stadt Arbeit geben – zumindest für den Übergang.

60 Milliarden Euro kostet das Aufräumen in der Nordsee

"Oil and Gas Technology Centre, how may I help?"

In einer schicken Stadtvilla an der Queens Road hat das Zentrum für Öl- und Gastechnologie seinen Sitz. Die Einrichtung soll helfen, die Stadt zum Innovationszentrum zu machen, etwa beim Abbau der Öl-Infrastruktur oder bei neuen Fördermethoden. Auf umgerechnet über 60 Milliarden Euro schätzt man hier die Aufräumkosten in der Nordsee. Doch wenn Roger Esson über die Mammutaufgabe referiert, spricht er vor allem von "Chancen":

"Um unsere Chancen in der gesamten Region zu erhöhen und die Chance auf Öl im Wert von einer weiteren Billion Pfund zu realisieren, brauchen wir neue Technologien und neue Herangehensweisen."

Esson ist am Forschungs-Zentrum für Decommissioning zuständig, wie die Stilllegung der Öl-Infrastruktur auf Englisch heißt. Selbst hofft er, dass Aberdeen noch 15 bis 20 Jahre vom Öl leben kann. Aber die "Zeit danach" haben sie jetzt schon im Blick.

Technologien entwicklen, Expertise verkaufen

Im Herbst legen Industrie und die Universität der Stadt ihre Anstrengungen zusammen, neue Technologien für die Stilllegung der Bohrinseln zu entwickeln. Auch die schottische Regierung schießt Geld zu. Das Ziel: Die Kosten um ein Drittel zu drücken, etwa beim Verschließen der Bohrlöcher oder dem Abbau der Plattformen.

Vor Kurzem habe er die Brent Delta besichtigt, die gerade an der Küste Nordenglands demontiert wird, erzählt Esson und zückt sein Handy. Auf dem Foto erscheint die Bohrinsel wie ein gewaltiges Ungetüm aus Stahl.

"Sie zerlegen den Aufbau der Bohrinsel, der 24.500 Tonnen wiegt, gerade in seine Einzelteile, recyceln den Stahl und schauen, welche Komponenten wiederverwendet werden können."

Die schottische Nordsee dürfte eine der ersten Ölförderregionen sein, die abgewickelt wird. Aberdeen könnte seine Expertise später weltweit verkaufen, so die Hoffnung. Doch es ist noch längst nicht klar, ob die alte Infrastruktur auch wirklich in Aberdeen abgewrackt wird. Um das Geschäft ist ein internationaler Konkurrenzkampf entbrannt. Großprojekte wie das Abwracken der Brent Delta könnten ein Einzelfall bleiben, fürchtet auch der Gewerkschafter Jake Molloy:

"Es gibt keinen Mechanismus, der garantiert, dass die 200 Anlagen, die in den nächsten 30 Jahren aus der Nordsee weg müssen, ins Vereinigte Königreich kommen. Die Murchison-Bohrinsel ist nach Norwegen gegangen, die Miller-Plattform wird auch aufgeschnitten und nach Norwegen gezogen."

Das Bild zeigt die Ölbohrplattform Brent Delta in der Nordsee (dpa/ Ross Johnston ARPS/Shell)Ölbohrplattform Brent Delta - ihre Entsorgung ist eine Herkulesaufgabe (dpa/ Ross Johnston ARPS/Shell)

Wer verdient an der Deindustrialisierung?

Auf den Schiffen, die die Bohrinseln abbauen, arbeiteten zudem oft philippinische Arbeiter für umgerechnet vier Euro pro Stunde, sagt Molloy. Dabei trage der britische Staat die Hälfte der 60 Milliarden Euro, die an Stilllegungskosten anfallen. Es bestehe die Gefahr, dass an der Deindustrialisierung andere verdienten.

"Wo bleibt der wirtschaftliche Aufschwung für das Vereinigte Königreich? Ich sehe ihn nicht. Für Arbeiter aus Großbritannien oder Europa gibt es keine Chance bei diesen Projekten mitzumischen. Keine."

Marlene Mitchell von der Hafengesellschaft ist nicht so skeptisch. In zwei Jahren wird das neue Hafenbecken von Aberdeen Bohrinseln und andere große Bauteile der Ölwelt aufnehmen können, sagt Mitchell .

"Bislang waren es immer nur kleine Teile. Die richtige Arbeit hat noch gar nicht begonnen. Aber der Decommissioning-Sektor wird in den kommenden Jahren stark wachsen und unser Hafen wird darauf vorbereitet sein."

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