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StartseiteUmwelt und VerbraucherAutoindustrie weiter in der Kritik30.01.2018

AbgasversucheAutoindustrie weiter in der Kritik

Die bekanntgewordenen Abgas-Experimente an Tieren und Menschen seitens der Automobilindustrie sorgen allgemein für Entsetzen. Man sei sprachlos, wenn man das höre, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in der ARD. Andere wiederum versuchen das Thema herunterzuspielen.

Von Mathias von Lieben

Rauch strömt aus dem Auspuff eines Autos (Imago)
Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, sagte, man brauche keine TIer- und Menschenversuche, im Straßenverkehr gebe es genug reale Tests mit Abgasen (Imago)
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Es ist ein Vorwurf, der die Autoindustrie auf ein Neues erschüttert: In den USA sollen an Affen die Auswirkungen von Dieselabgasen getestet worden sein, in Deutschland, an der RWTH Aachen hat man sogar untersucht, wie sich Stickstoffdioxid auf Menschen auswirkt. In Auftrag gegeben wurden die Tests von der "Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor", kurz EUGT. Sie war 2007 von den Konzernen Daimler, VW, BMW und dem Autozulieferer Bosch gegründet worden. Fast zehn Jahre lang sollen die Konzerne die Wissenschaftler eingespannt haben, um die Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen zu verharmlosen.

Zu den Vorwürfen sagte Umweltministerin Hendricks, SPD, in der ARD:

"Also eigentlich ist man sprachlos, wenn man das hört. Das muss man ehrlicherweise sagen."

Auch Regierungssprecher Steffen Seibert und ein Sprecher des Verkehrsministeriums verurteilten die Tests gestern aufs Schärfste. Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, sagte dazu heute Morgen im Deutschlandfunk:

"Da muss ich natürlich offen sagen, das finde ich absolut bigott, weil sicherlich ist es richtig, sich über diese Versuche zu empören, aber wir machen doch in Deutschland im Moment ein Realexperiment an 80 Millionen Bürgern mit Grenzwertüberschreitungen in zahllosen Innenstädten. Und die, die sich da gestern empört haben, die unternehmen nun gar nichts dafür, dass die Luft in den Städten besser wird."

Umweltministerin Barbara Hendricks muss heute in Brüssel also nicht nur erklären, warum die Luft in Deutschland weiterhin so schmutzig ist, sondern auch warum Tests an Menschen und Affen durchgeführt werden – sogar im Sinne der Autoindustrie? Das sagt zumindest die Initiative Lobby-Control. Ihre Kritik: Die Industrie finanziere Studien, um gesundheitliche Schäden ihrer Produkte zu bagatellisieren und die Gefahren schönzurechnen.

Informationen des Rechercheverbunds Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR unterstützen diese These: 2012 hatte die Weltgesundheitsorganisation, WHO, Dieselabgase als krebserregend eingestuft. Vor einer weiteren Untersuchung soll die EUGT versucht haben, die WHO von diesem Vorhaben abzubringen, so die Medienberichte.

Autokonzerne wieder unter Druck

Die Autokonzerne stehen also wieder unter Druck. Bei BMW heißt es, man habe an den Studien nicht mitgewirkt. Daimler verurteilte die Tests auf das Schärfste. VW-Chef Matthias Müller hat die Tierversuche als "falsch, unethisch und abstoßend" verurteilt. Heute hat der Konzern angekündigt, in Zukunft auf Tierversuche verzichten zu wollen. Auch der Zulieferer Bosch positionierte sich gestern Abend: Die Abgasversuche der Autoindustrie mit Affen untergraben nach Befürchtung von Bosch-Chef Volkmar Denner den Kampf um die Zukunft der Dieseltechnologie. Nur mit Transparenz und einer sachlichen Diskussion könne die Branche das mit dem Abgasskandal verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen.

RWTH Aachen äußert sich zu Vorwürfen

Auch der Studienleiter der RWTH Aachen, Thomas Krauss, reagierte in einer Videobotschaft auf die Vorwürfe:

"Wir haben ja keine Belastungen mit Diesel-Motor-Emissionen gemacht, sondern nur mit NO2. Das heißt, unsere Ergebnisse sind auch überhaupt nicht übertragbar."

Seine Argumentation: Man habe die Studie nur auf Belastungen am Arbeitsplatz angelegt, nicht auf den Straßenverkehr. Mit dem Ergebnis: Zumindest kurzfristig seien keine Schäden durch NO2 zu erkennen. Zu Langzeitfolgen kann keine Aussage getroffen werden.

Vor dem Hintergrund der Finanzierung der EUGT durch die Autoindustrie widersprach Krauss den Vorwurf der Einflussnahme:

"Mitarbeiter dieser genannten Automobilfirmen haben keinerlei Einfluss auf das Studiendesign, die Durchführung oder die Interpretation oder die Ergebnisse genommen."

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, fordert mehr Verantwortung von der Bundesregierung und mehr Investition in die Forschung zu Abgaswerten.

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