Thema 11.10.2019

Abiy AhmedFriedensnobelpreis für Äthiopiens HoffnungsträgerVon Marius Gerads

Abiy Ahmed, der äthiopische Ministerpräsident, während eines Besuchs in Brüssel im EU-Parlament. (picture alliance / AP Photo/Francisco Seco)Der äthiopische Ministerpäsidente Abiy Ahmed erhält den Friedensnobelpreis 2019 (picture alliance / AP Photo/Francisco Seco)

Der Friedensnobelpreis 2019 geht an den äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed. Er werde für den Friedensschluss mit dem Nachbarland Eritrea sowie für seinen Einsatz für Bürgerrechte ausgezeichnet, teilte das norwegische Nobelkomitee in Oslo mit.

Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed erhält den Friedensnobelpreis 2019. Der 43-Jährige werde für den Friedensschluss mit dem Nachbarland Eritrea ausgezeichnet, teilte das norwegische Nobelkomitee in Oslo mit.

Im September war Abiy bereits mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet worden.

Im Sommer 2018 hatte Abiy überraschend verkündet, er würde mit Erzfeind Eritrea bedingungslos Frieden schließen. Dies war zuvor fast undenkbar: Die beiden Staaten führten von 1998 bis 2000 einen blutigen Grenzkrieg und blieben danach verfeindet.

Seit dem Friedensschluss 2018 haben die beiden Staaten zwar wenig Fortschritt gemacht: Kaum Gespräche wurden geführt, große Streitpunkte sind noch immer offen. Doch die Symbolkraft des Friedensschlusses in den Ländern und der Region war enorm.

Auch aus bürgerrechtlicher Sicht gab es seit Abiys Amtsantritt im April 2018 Fortschritte. Er stärkte Frauenrechte und das ostafrikanische Land ist in der Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" um 40 Plätze aufgestiegen und ist diesbezüglich nun vergleichbar mit dem EU-Land Bulgarien.

Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed reckt die Arme in die Luft. (imago images/epd) (imago images/epd)Friedensnobelpreis / "Abiy Ahmed ist eine gute Wahl"
Mit dem Friedensnobelpreis für den äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed habe das Nobelkomitee alles richtig gemacht, sagte der Friedensforscher Ulrich Schneckener im Dlf.

"Abiy Ahmed hat den Friedensnobelpreis verdient", meint Dlf-Journalist Kolja Unger, der in diesem Jahr mehrere Wochen in Äthiopien als Reporter recherchierte:

"Er wird vor allem im Westen als der 'Obama Afrikas' gehandelt, weil er den historischen Friedensschluss mit Eritrea herbeigeführt und zu einem enormen Anstieg von bürgerlichen Rechten, wie Pressefreiheit im Land beigetragen hat."

Dabei müsse man die Auszeichnung, wie einst bei Obama, als Vorschusslorbeeren sehen, so Unger. Denn die Putschversuche im vergangenen Juni, etwa das tödliche Attentat auf den Präsidenten der Amhara-Region und auch die sehr zurückhaltende Bewertung Abiys dieser Geschehnisse, zeigten eines ganz deutlich: Er stehe vor komplexen multiethnischen Konflikten innerhalb des Vielvölkerstaates Äthiopien.

Auch der äthiopische Journalist Laeke Demessie sagte dem Deutschlandfunk im September: "Für eine politische Wende braucht es mehr als nur einen Mann. Ich traue der Freiheit nur, wenn es Wahlen gibt und eine andere Regierung an die Macht kommt."

Denn auch Abiy machte einst im Militär und im Geheimdienst Karriere und ist Vertreter der äthiopischen Einheitspartei, die seit den 1990er-Jahren teils diktatorisch regierte.

Der Äthiopische Premierminister Abiy Ahmed steht an einem Rednerpult. (imago/ Mohamed Khidir) (imago/ Mohamed Khidir)Pressefreiheit in Äthiopien / Hoffnungsträger unter Vorbehalt
Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed ist mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet worden. Seine Politik hat dafür gesorgt, dass Äthiopien in der Rangliste der Pressfreiheit um 40 Plätze aufgestiegen ist.

Laut Unger würde spannend, wie die im nächsten Jahr anstehenden Parlamentswahlen verlaufen werden: "Sie werden zeigen, ob Äthiopien unter Abiy Ahmed sich wirklich eines Aufbruchs in die Demokratie rühmen darf."

Zunächst ist die Vergabe des Friedensnobelpreises an Abiy in seiner Heimat aber mit Jubel aufgenommen worden. "Das ist eine wohlverdiente Anerkennung für den Ministerpräsidenten", erklärte der prominente Aktivist Jawar Mohamed.

"Das ist ein Preis, der Afrika verliehen wird"

Abiy selbst sagte in einem Telefonat mit dem Sekretär des norwegischen Nobelkomitees: "Das ist ein Preis, der Afrika verliehen wird, der Äthiopien verliehen wird." Er sei sehr froh über die Ehrung. "Ich danke Ihnen vielmals. Ich bin so glücklich und so begeistert über die Nachricht", so Abiy weiter.

Selbst von Abiys Kritikern gab es Respekt und Anerkennung."Trotz unserer großen politischen Differenzen gratuliere ich Ministerpräsident Abiy Ahmed", gab sein politischer Gegner Desta Haileselassie in den sozialen Medien bekannt.

Kebene Edosa und Filehiwot Ebesa, Health-Extension-Worker in Äthiopien (Deutschlandradio / Volkart Wildermuth) (Deutschlandradio / Volkart Wildermuth)Äthiopien / Gesundheit für alle
Äthiopien ist arm. Dennoch konnte das ostafrikanische Land die Kindersterblichkeit halbieren, Krankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose deutlich zurückdrängen. Wie erklärt sich dieser Erfolg?

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dem frisch gekürten Friedensnobelpreisträger seinen "tiefen Respekt" und seine Anerkennung ausgesprochen. Steinmeier schickte Abiy ein Glückwunschschreiben und würdigte dabei Abiys "entscheidende Rolle beim historischen Friedensschluss mit Eritrea". Abiy habe durch sein "mutiges und tatkräftiges Engagement" gezeigt, "dass alte und tiefe Gräben zwischen Menschen und Völkern doch überwunden werden können". 

Ähnlich äußerte sich auch UN-Generalsekretär António Guterres, der Abiys  Leistung als "wunderbares Beispiel" für die Möglichkeit zur Überwindung historischer Konflikte gewürdigte.

Äthiopische Zugbegleiter bei der Eröffnung der Eisenbahnlinie Addis Abeba-Dschibuti (imago/Xinhua) (imago/Xinhua)Afrikas neues Vorzeigeland / Fragiler Aufbruch in Äthiopien
Die Einheitspartei führte Äthiopien lange mit harter Hand, auch als Proteste junger Äthiopier in den vergangenen Jahren zunahmen. Doch mit der Wahl des einstigen Apparatschiks Abiy Ahmed zum neuen Ministerpräsidenten kam die überraschende Wende.

Der Friedendnobelpreis gilt als die renommierteste politische Auszeichnung der Welt und ist mit umgerechnet rund 830.000 Euro dotiert.

Anders als die anderen Nobelpreise, wird der Friedensnobelpreis nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen. Der schwedische Chemiker und Industrielle Alfred Nobel (1833-1896) hatte die Nobelpreise gestiftet. Der Erfinder des Dynamits widmete den Friedensnobelpreis Verdiensten um Völkerverständigung, Abrüstung und Frieden.

Im vergangenen Jahr wurde die Auszeichnung der Jesidin Nadia Murad und dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege verliehen. Sie wurden für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt in Konflikten geehrt.

 Münze mit dem Profil von Alfred Nobel

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