Donnerstag, 06.08.2020
 
Seit 21:05 Uhr JazzFacts
StartseiteKulturfragenIntendant Lilienthal: "Für mich ist Theater immer politisch"21.06.2020

Abschied von den Münchner KammerspielenIntendant Lilienthal: "Für mich ist Theater immer politisch"

Matthias Lilienthal wurde als Intendant der Münchner Kammerspiele zuerst angefeindet und dann ausgezeichnet und gefeiert. Das Ende seiner fünfjährigen Intendanz fällt mitten in die Coronakrise, die er gefährlich findet: "Die Kulturellen Institutionen sind ins Herz getroffen", sagte er im Dlf.

Matthias Lilienthal im Gespräch mit Sven Ricklefs

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, sitzt hinter der Bühne seines Hauses auf einem Requisiten-Sofa. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)
Eine große Party wird es wegen Corona zum Abschied von Matthias Lilienthal von den Münchner Kammerspielen nicht geben (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)
Mehr zum Thema

Matthias Lilienthal zur Besetzung der Volksbühne "Eigentlich wollen beide Seiten dasselbe"

Diskussion um Intendant Lilienthal Münchner Kammerspiele in der Krise?

Theaterintendant Matthias Lilienthal "Man sollte immer eine Diskussion auf Augenhöhe führen"

Intendant Matthias Lilienthal Münchner Kammerspiele sind idyllisch

Für Matthias Lilienthal kommt die vorsichtige Öffnung der Theater nach dem Corona-Lockdown zu spät. Eigentlich hatte er zum Ende seiner Intendanz an den Münchner Kammerspielen einen fulminanten Premierenreigen geplant, dessen Höhepunkt eine 24-stündige Bustour durch München auf den Spuren von Roberto Bolaños Roman "2666" sein sollte. Nun konnte er gerade noch zwei kleine Premieren über die Bühne gehen lassen und musste sich ansonsten mit Internetformaten während des Lockdowns begnügen. Doch Matthias Lilienthal sieht die Experimente im Internet durchaus auch als Chance und sagt:

"Ich glaube, dass es richtig wäre, diese Internetpräsenz der Theater vollständig aufrechtzuerhalten und dadurch auch Akzente zu verlagern, sodass man Youtube- oder Zoom-Formate bestehender Produktionen in dem anderen Medium noch einmal neu entwirft."

Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, aufgenommen 2013 in München. (picture alliance/dpa/Foto: Tobias Hase) (picture alliance/dpa/Foto: Tobias Hase)Lilienthals Rambazambatheater endet 2020 Matthias Lilienthal hört als Intendant der Münchner Kammerspiele 2020 auf. Die CSU-Fraktion im Stadtrat war gegen eine Vertragsverlängerung. SPD-Vertreter hätten ihm mehr Zeit gewünscht für seine Experimente. Die kamen vor allem bei den Abonnenten nicht an.

Massive Bedrohung der Kultur

Doch bei aller Lust auf das Experiment und den Blick auf das kreative Potenzial der Krise sieht Matthias Lilienthal auch große Gefahren durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf Kunst und Kultur zukommen. In den "Kulturfragen" im Dlf sagte er:

"Ich halte Kunst und Kultur für extrem bedroht. Und das merkt man auch an der Spardebatte, die im Moment in einer Stadt wie München geführt wird, wo pro Jahr für die Kulturinstitutionen im Ganzen 6,5 Prozent Kürzungen anstehen und das Gesamtbudget des Theaters für disponible Mittel gehalten wird. Und das ist in ganz vielen Bereichen so, dass da kulturelle Institutionen ins Herz getroffen sind. Und wenn das zwei Jahre anhält, dann glaube ich, dass das die Kultur deutlich dezimiert."

Der beschleunigte Entwurf einer neuen Gesellschaft

Politisch wie ästhetisch zieht Matthias Lilienthal für die fünf Jahre seiner Intendanz an den Münchner Kammerspielen eine positive Bilanz. Sein Plan, das Theater als "hybridisierte Form von Internationalität, von freien Gruppen und von Ensemble- und Repertoiretheater in eine andere Modernität zu führen" sei total aufgegangen, sagt er. Während die Flüchtlingsfrage immer wieder durch Kongresse und Diskussionen oder auch durch die Integration von syrischen Schauspielern in das Kammerspiel-Ensemble thematisiert wurde, verhandelte etwa die Regisseurin Anta Helena Recke in ihrer sogenannten Schwarzkopie der bereits bestehenden Inszenierung von Joseph Bierbichlers "Mittelreich", die ausschließlich mit People of Color besetzt war, Rassismus ebenso in der Gesellschaft wie auch im Theater selbst.

Und auch, wenn etwa Themen wie die Klima- oder die Flüchtlingskrise durch die Pandemie in den vergangenen Monaten in den Hintergrund gedrängt wurden, so sieht Matthias Lilienthal hier keine wirkliche Gefahr: "Ich glaube, dass etwa die Bewältigung der Coronakrise und der Klimakrise Hand in Hand gehen werden. Zumindest hoffe ich das. Und was da passiert, ist: ein sehr beschleunigter Entwurf einer neuen Gesellschaft."

Ein Porträt des Intendanten Matthias Lilienthal. (Copyright: Julian Baumann) (Copyright: Julian Baumann)Matthias Lilienthal wurde 1959 in Berlin geboren, wo er auch Geschichte, Germanistik und Theaterwissenschaft studierte. Er begann als Journalist, bevor er dann als Dramaturg zunächst nach Basel und dann an die Volksbühne Berlin ging. Hier arbeitete er bis 1998 acht Jahre als Chefdramaturg von Frank Castorf. 2002 und 2014 leitete er das Festival "Theater der Welt". Von 2003 bis 2012 war er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Hebbel-Theater GmbH (HAU) in Berlin. 2015 übernahm er als Intendant die Münchner Kammerspiele.

In den nächsten Monaten will Matthias Lilienthal erst einmal eine Pause machen, doch die Theaterwelt sollte auch weiterhin mit dem 60-Jährigen rechnen:

"Wenn eine Stadt mir eine große Halle schenkt und sagt: Du hast zehn Millionen Budget im Jahr und denk dir doch Sachen aus, die zwischen den Genres bildender Kunst, Film und Theater sind und versuche, dort eine kulturelle Handschrift der Zukunft zu entwerfen. Dann gehe ich da hin, und mach das. Das ist das, wozu ich Lust hätte."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk