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StartseiteWirtschaftsgespräch"Das macht Thyssenkrupp zu einem Übernahmekandidaten"05.09.2019

Abstieg aus dem DAX"Das macht Thyssenkrupp zu einem Übernahmekandidaten"

Der Industrie Thyssenkrupp bringe nicht mehr das nötige Kampfgewicht auf die Waage, um im DAX gelistet zu werden, sagt Dlf-Wirtschaftsredakteur Klemens Kindermann. Dabei ist das nicht nur ein Imageschaden, zusätzlich zu den anderen Problemen, sondern könnte ernsthafte Konsequenzen haben.

Klemens Kindermann im Gespräch mit Dirk Müller

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Eine Fahne mit dem Firmenlogo von Thyssenkrupp weht im Wind. (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)
Der Essener Industrie- und Stahlkonzern Thyssenkrupp hat seit Jahren mit verschieden Problemen zu kämpfen (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)
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Dirk Müller: Seit gestern Abend nach Börsenschluss steht fest: Thyssenkrupp fliegt aus dem DAX. Klemens Kindermann, aus unserer Wirtschaftsredaktion – warum?

Klemens Kindermann: Weil Thyssenkrupp sozusagen nicht mehr das nötige Kampfgewicht auf die Waage bringt für den deutschen Leitindex DAX. Zwei Kriterien sind entscheidend: einmal der Börsenumsatz, das heißt, wie viel Geld haben Käufer in den letzten zwölf Monaten in den Kauf von Thyssenkrupp-Aktien gesteckt.

Zweites Kriterium: die sogenannte Marktkapitalisierung, das heißt wie viel ist ein Unternehmen wert – hier bei der DAX-Entscheidung in den letzten vier Wochen auf Basis der Aktien, die frei gehandelt werden können.

Bei Thyssenkrupp sieht es bei beiden Kriterien ziemlich düster aus: Der Börsenwert liegt bei nicht einmal mehr sieben Milliarden Euro – und der Kurs der Aktie ist in den letzten zwölf Monaten um fast die Hälfte abgestürzt.

"Schwerer Imageverlust"

Müller: Was bedeutet der Abstieg für das Unternehmen Thyssenkrupp?

Kindermann: Das ist ein schwerer Imageverlust. Der DAX ist immer noch das Schaufenster der deutschen Wirtschaft mit den 30 wichtigsten Unternehmen. Thyssenkrupp hat immer dazu gehört, als deutsche Industrie-Ikone - früher nur als Thyssen -, war Gründungsmitglied des DAX.

Vorstandschef Guido Kerkhoff reagiert auf diesen Abstieg heute Morgen entsprechend bedient:

"Auch ich bin nicht begeistert. Es ist natürlich nicht schön, aber es führt uns auch die Realität von Thyssenkrupp noch einmal vor Augen. Das zeigt, wo wir stehen und wie wir wahrgenommen werden und wie die Lage des Konzerns ist."

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Die Lage des Konzerns ist schlecht. Erst vor vier Wochen stellte Kerkhoff gleich drei Sparten von Thyssenkrupp praktisch zur Disposition in einer Telefonkonferenz: 

"Federn und Stabilisatoren, System Engineering und Grobblech. Entweder gelingt uns die Sanierung oder wir werden uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir diese Geschäfte überhaupt sinnvoll im Konzern weiterführen können."

Also die Geschäfte mit Federn für die Autoindustrie, der Bau von Produktionsanlagen und die Grobbleche für die Bauindustrie laufen so schlecht, dass sie möglicherweise sogar abgestoßen werden müssen.

Triebwerksbauer MTU folgt

Müller: Ein Image-Verlust für Thyssen-Krupp – hat der DAX-Abstieg denn auch handfeste Folgen für den Konzern?

Kindermann: Ja, es gibt wichtige Fonds, die bei den Aktien, die sie kaufen, den DAX sozusagen nachbauen: sogenannte Index-Fonds. Frank Wohlgemuth, Leiter des Researchs bei der National-Bank:

"Solche Index-Fonds müssen quasi zwangsweise Unternehmen kaufen, die im DAX sind und müssen dann natürlich auch zwangsweise Unternehmen verkaufen, die nicht mehr im DAX sind."

Das bedeutet, dass die Thyssenkrupp-Aktie weniger gefragt sein dürfte, ihr Kurs noch stärker sinken könnte und es damit leichter wird, Anteile an dem Konzern zu erwerben. Das macht Thyssenkrupp potenziell zu einem möglichen Übernahmekandidaten. 

Ganz kurz noch: Für Thyssenkrupp der Triebwerksbauer MTU steigt in den DAX auf - in jedem dritten Flugzeug weltweit steckt in den Triebwerken ein Stückchen MTU.

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