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StartseiteInterview"Russland hat sehr große Angst"22.07.2014

Absturz von Flug MH17"Russland hat sehr große Angst"

Der russische Journalist Alexander Sambuk gibt Wladimir Putin eine Mitschuld am mutmaßlichen Abschuss des Fluges MH17 in der Ukraine. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass der Abschuss vom Kreml geplant gewesen sei. "Das stand nicht im Drehbuch seines abenteuerlichen Spiels in der Ostukraine," sagte er im DLF. Vielmehr fürchte Russland sich nun vor den Konsequenzen der Tragödie.

Alexander Sambuk im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Russlands Präsident Wladimir Putin legt seine Stirn in Falten und senkt nachdenklich den Blick während einer Pressekonferenz nach dem Treffen mit dem Schweizer Präsidenten Didier Burkhalter im Kreml in Moskau, Russland, am 07.05.2014. (dpa picture alliance / Sergei Karpukhin / Pool)
Putin sei in den ersten Stunden nach dem Absturz sehr nervös gewesen, meint Alexander Sambuk. (dpa picture alliance / Sergei Karpukhin / Pool)

Dirk-Oliver Heckmann: Blicken wir, wie so häufig in diesen Tagen, zunächst in die Ukraine. Nicht nur in den Niederlanden war die Empörung ja groß über die Art und Weise, wie die Separatisten agierten. Die sterblichen Überreste der Opfer des Flugzeugabschusses wurden mit wenig Würde behandelt. Tagelang hatten die OSZE-Mitarbeiter, die vor Ort sind, keinen direkten Zugang zur Absturzstelle. Mittlerweile haben die Separatisten aber die beiden Flugschreiber übergeben und zugestimmt, die Leichen nach Charkow, also aus dem umkämpften Gebiet, schaffen zu lassen.

Der UNO-Sicherheitsrat, der hatte in der Nacht in New York getagt und über eine Resolution beraten, der schließlich auch Russland zustimmte. Ein Zeichen, das Hoffnung machen könnte?
In Brüssel, da sind die Außenminister der Europäischen Union inzwischen zusammengetreten. Im Zentrum dabei die Frage: Muss es weitere scharfe Sanktionen gegen Russland geben? Die meisten europäischen Regierungen sehen den russischen Präsidenten Wladimir Putin mitverantwortlich für den Abschuss der Passagiermaschine, denn ohne russische Hilfe, so die Vermutung, wären die Separatisten nicht dazu in der Lage gewesen.

Wir schalten nach Moskau zum freien Journalisten Alexander Sambuk. Er war zuvor beim russischen Staatsfernsehen "Russia Today" beschäftigt und er ist dort wegen Differenzen gegangen. Schönen guten Tag, Herr Sambuk.

Alexander Sambuk: Guten Tag, Herr Heckmann.

Heckmann: Herr Sambuk, die britische "Times", die kommentierte dieser Tage, Wladimir Putin müsse aufpassen, nicht so zu enden wie Muammar al-Gaddafi, der Langzeit-Diktator Libyens, der ja ebenfalls für den Abschuss einer Passagiermaschine verantwortlich gemacht wurde und der schließlich als Paria endete. Ist dieser Vergleich maßlos übertrieben, oder ist da was dran?

Sambuk: Da ist bestimmt was dran, obwohl wir nichts wissen über das reale Ausmaß der Mitverantwortung von Putin für den Abschuss. Klar ist jedoch, der Abschuss der malaysischen Boeing, eines Passagierflugzeuges, stand nicht im Drehbuch seines abenteuerlichen Spiels in der Ostukraine. Aber so oder so ist er Schuld daran, dass die sogenannten Separatisten oder ihre Söldner aus Russland überwiegend mit russischen Waffen versorgt werden und mit anderem Nachschub, der letztendlich auch dazu führen kann, dass man verfehlt oder quasi gezielt auch auf Passagierflugzeuge schießt.

"Ratlosigkeiten russischer Medien"

Heckmann: Aber genau das bestreitet ja der Kreml, dass die Separatisten von russischer Seite aus mit schweren Waffen beliefert worden sind.

Sambuk: Ja, daran ist nichts Neues. Natürlich, wir haben noch keine hundertprozentigen Beweise, aber ich würde die Aufmerksamkeit lenken auf die Nervosität von Putin selbst, auf eine Ratlosigkeit russischer Medien, der vom Staat gelenkten Medien in den ersten Stunden, in den ersten Tagen nach dem Abschuss des malaysischen Flugzeuges. Das deutet meiner Ansicht nach darauf hin, dass Russland sehr, sehr große Angst hat über die Folgen von diesem tragischen Ereignis.

Heckmann: Woran hat man das gemerkt? Wo hat man das gespürt, diese Ratlosigkeit, von der Sie sprechen?

Sambuk: Ich denke, die letzte Stellungnahme, die Putin aufgezeichnet hat in der Nacht, war gezielt auf amerikanisches Auditorium. Das war nachts in Moskau und das war die Zeit, wo man in Washington solche Signale wahrnehmen sollte. Auffällig war auch, dass es keine Argumente gab, außer dem einen, wir hätten damit nichts zu tun. Wenn man tatsächlich damit nichts zu tun hat, woher dann diese Aufregung, woher diese Ratlosigkeit, frage ich mich.

Heckmann: Wobei Moskau ja auch gestern vermeintliche oder angebliche Belege für die These präsentiert hat, dass das ukrainische Militär hinter dem Abschuss stecken soll.

Sambuk: Mag sein. Wir überlassen es lieber Militärexperten auf beiden Seiten, oder in einem internationalen Format, diese Beweise gegeneinander abzuwägen. Aber natürlich geht es um Informationskrieg und da ist es natürlich gefährlich, so ganz schnell die Schlussfolgerungen zu ziehen und etwas hundertprozentig zu behaupten. Eins ist für mich klar: Man muss natürlich unabhängig darüber urteilen, wer wo war. Andererseits, wir wissen: Solche Raketenabwehr-, Luftabwehrsysteme wurden registriert, wurden dokumentiert auf der Seite von Separatisten, und mit solchen Tatsachen muss man auch irgendwie umgehen.

"Russlands Bereitschaft gegenüber der UNO nicht überschätzen"

Heckmann: Hat Putin jetzt möglicherweise gemerkt, dass er sich mit den falschen Leuten gemein gemacht hat?

Sambuk: Ich denke, er hat es gemerkt, und die schnellstens einberufene Sitzung des Sicherheitsrates in Russland heute ist ein Zeichen dafür. Allein das Thema von dieser Sitzung, die territoriale Integrität Russlands, kann zweierlei bedeuten: Entweder wird eine noch härtere Politik verkündet, oder man wird gewisse Zeichen zur Einlenkung senden.

Heckmann: Da werden wir sehen, was da für Signale aus Moskau heute noch kommen werden. Das Signal gestern in New York aus Moskau war: Ja, wir stimmen der UNO-Resolution zu, die ja eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls fordert und einen ungehinderten Zugang zu den Experten. Jetzt ist die Frage: Ist das ein Kurswechsel, der da vollzogen wurde in Moskau, oder ist es reine Taktik, weil am Ende niemand wird beweisen können, wer den Knopf zum Abschuss der Rakete gedrückt hat?

Sambuk: Ja, ich denke, man soll nicht überschätzen, dass Moskau gestern bei der UNO seine Bereitschaft zum Einlenken demonstriert hatte. Das waren unter Umständen eher Nebensachen, zu denen Moskau sich bereit erklärt hatte. Viel wichtiger ist, wie Russland auf die Forderung des Westens reagiert, einen Nachschub, eine Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine zu beseitigen. Ich denke, das ist das Zeichen, was wir erwarten, wenn wir auf etwas Optimistischeres hoffen.

Kritik an westlichen Medien vom Kreml gesteuert?

Heckmann: Das heißt, Sie können sich vorstellen, dass Moskau jetzt beschließt, die Grenzen werden jetzt geschlossen, es wird dafür gesorgt, dass keine Waffen mehr geliefert werden?

Sambuk: Da kann ich leider nicht so deutlich drauf hoffen. Bisher hat Putin in solchen Situationen immer in eine Gegenrichtung reagiert. Er wurde immer aggressiver und er hat schon mehrere ähnliche Krisen ganz glücklich überlebt. Aber ich denke, kleinlaut kann man schon dafür sorgen, unter dem Druck des Westens, unter dem Druck der zu verhängenden Sanktionen, dass man diesen Nachschubweg abreißt und vielleicht mit einer härteren Rhetorik für Russland, für russische Bürger nach der Sitzung herauskommt.

Heckmann: Die Bitte um eine ganz kurze Antwort, Herr Sambuk. Die westlichen Medien werden derzeit überschwemmt mit E-Mails und Anrufen, die eine angeblich einseitige Berichterstattung monieren. Es gibt Hinweise darauf, dass das möglicherweise vom Kreml aus gesteuert sein könnte. Können Sie sich das vorstellen?

Sambuk: Ja, das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich bin sehr gut vertraut mit solchen Praktiken und das kann ich nur bestätigen, rein persönlich aus meinen eigenen Erfahrungen und Quellen.

Heckmann: Der freie Journalist Alexander Sambuk war das. Wir können dieses Thema möglicherweise an anderer Stelle vertiefen. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Sambuk: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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