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Adipositas
Letzter Ausweg Schlauchmagen

Für adipöse Menschen wird der Körper im wahrsten Sinne des Wortes irgendwann zur unerträglichen Last. Seit einigen Jahren gibt es nun die Adipositas-Chirurgie: Durch eine Magenverkleinerung oder einen Magenbypass soll dem krankhafte Essverhalten ein Ende gesetzt werden.

Von Thomas Liesen | 24.05.2016

OP-Saal: Ärzteteam arbeitet an der Magenverkleinerung einer stark übergewichtigen Patientin (Leipzig, April 2011)
Ärzteteam arbeitet an der Magenverkleinerung einer stark übergewichtigen Patientin (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Sie ist 49 Jahre alt, sehr schlank, hat eine fast mädchenhaft sportliche Figur. Dass Petra Kirsch mal so aussehen würde, hätte sie noch vor vier Jahren nie für möglich gehalten. Denn sie wog 120 Kilo.
"Wenn ich mit meinen Freundinnen in die Diskothek gegangen, war ich immer diejenige, die am Tisch sitzen blieb, weil Männer tanzen in der Öffentlichkeit nicht mit dicken Frauen. War ich also immer die Tolle, Lustige, die alles überspielt hat und die immer auf die Handtaschen aufgepasst hat."
Auch der Alltag wird zu dieser Zeit immer schwieriger.
"Ganz normale Alltagsgeschichten, die dann einfach passieren: ins tiefe Auto einsteigen und dann mit einem Schwung nicht rauskommen. Ein Sitzplatz, wo man denkt: Hält der mich? Egal, was man isst – in der Eisdiele zum Beispiel: Jeder guckt dir auf den Teller und sagt: Ist ja kein Wunder, dass die fett ist."
Knochenbruch führt zu Umdenken
Diäten probiert sie reihenweise – ohne Erfolg. Sie ist süchtig nach Essen. Der Verstand, der sagt zwar: Du musst abnehmen, iss weniger – aber der hat keine Chance gegen ihren Essdrang. Doch eines Tages bricht sie sich ein Sprunggelenk, ein komplizierter Bruch. Der Heilungsprozess verläuft nicht gut, ihr droht sogar der Rollstuhl. Denn die eigentlich notwendige Zusatz-OP lehnt der Arzt aufgrund ihres Gewichts ab. Im Nachhinein sagt sie: Das war der Wendepunkt. Sie lässt sich beraten, entschließt sie sich am Ende zu einer Operation. Sie will sich den Magen verkleinern lassen.
"Ich wollte mein Leben wiederhaben."
Die OP verläuft erfolgreich. Ihr Magen kann von einem Tag auf den anderen nur noch ein Zehntel der Essensmenge aufnehmen. Es beginnt zunächst eine harte Zeit für sie.
"Das Schlimme ist, dass der Kopf nicht mit operiert wird. Nach der OP möchte der eine Currywurst und dann isst du zwei Stücke, der Bauch sagt "ich bin satt" und du isst noch ein drittes Stück, ja, und das bleibt einfach in der Speiseröhre hängen, dann bekommt man so Schweißausbrüche, einem wird schlecht..."
Die Ärzte haben ihr zwar gesagt, dass die Magen-OP das Essproblem nur zu einem Teil lösen kann. Dass unbedingt eine Ernährungsumstellung und mehr Sport dazu gehöre. Doch es dauert, bis ihr das alles klar wird.
Von 120 auf 57 Kilo
"Man muss dann wirklich überlegen: So, das war ja jetzt meine letzte Chance, die ich eigentlich habe, habe dann mit Sport angefangen, habe mich vernünftig ernährt, ich esse tagsüber, was ich möchte, weil meine Portionen sehr klein sind. Es stellt sich sofort ein Sättigungsgefühl ein. Wenn ich zwei Kaffee trinke, bin ich satt."
Sie verliert drastisch an Gewicht. Heute wiegt sie statt 120 nur noch um die 57 Kilo. Ihr geht es körperlich sehr gut. Und sie fühlt sich wieder attraktiv.
"Man verändert sich total vom Typ, das Bewusstsein geht hoch, das Selbstbewusstsein ist so groß, man geht wieder tanzen, man nimmt am Leben teil man fühlt sich einfach total frei."