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StartseiteCampus & KarriereÄgyptisches Militär auf deutschem Hochschul-Campus29.12.2011

Ägyptisches Militär auf deutschem Hochschul-Campus

Die deutsche Universität in Kairo und der "Arabische Frühling"

Die "German University of Cairo" gilt als Musterbeispiel deutschen Bildungsexports. Da will es so gar nicht ins Bild passen, was sich im Zuge des "Arabischen Frühlings"’ ereignete: Offenbar, um aufmüpfige Studierende einzuschüchtern, rief die Hochschulleitung Militär auf den Campus.

Von Thomas Wagner

Blick auf das Auditorium der Deutschen Universität in Kairo (picture alliance / dpa)
Blick auf das Auditorium der Deutschen Universität in Kairo (picture alliance / dpa)

Sie ist gerade mal 28 Jahre alt, stammt aus dem baden-württembergischen Ehingen, lebt derzeit in Kairo :Die Politikwissenschaftlerin Sahra Gemeinder hat sich für ihre Doktorarbeit ein Thema gewählt, das in diesen Monaten spannender kaum sein könnte: Es geht um die Hochschulbildung in Ägypten. Da sind die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz, die Umwälzungen auch an den Hochschulen, insbesondere an der mit deutscher Unterstützung gegründeten privaten "German University of Cairo". Dort spüren die Studierenden plötzlich den Geist der Freiheit.

"Na, die Studenten wollten einfach eine Studentenvertretung haben. Sie wollten das Recht eines jeden Studenten haben, einfach mitzusprechen in der Administration der Universität. Denn das gab es seit Entstehen der Universität noch nicht. Das wurde mit der Begründung, man möchte keine Opposition gegen Mubarak, immer abgewiegelt."

Kaum wurde Mubarak aus dem Amt gejagt, agieren die Studierenden immer selbstbewusster. Sahra Gemeinder hält mit einer ganzen Reihe von ihnen Kontakt. Viele sind jetzt bereit, für eine unabhängige Studierendenvertretung zu demonstrieren. Denn die Hochschulleitung hatte zuvor nicht eben begeistert auf ihre Forderungen reagiert.

"Man hat sie als Unruhestifter dargestellt. Man hat behauptet, sie hätten randaliert. Die Studenten haben sich dann auf das Campus-Gelände verzogen, haben demonstriert, wollten dann auch übernachten, es dem Tahrir gleichtun, einfach ein ‘Sit in’ über mehrere Tage abhalten. Und dann hat man dann tatsächlich das Militär gerufen, um den Protest aufzulösen."

Dass die Hochschulleitung inmitten des Aufbruchs in Richtung Demokratie Soldaten auf den Campus rief, um mit aufmüpfigen Studierenden fertig zu werden, mutet bizarr an. Schließlich ist die "German University of Cairo" eng mit den beiden baden-württembergischen Partner-Unis Stuttgart und Ulm verzahnt. Beide Hochschulen entsenden regelmäßig Dozenten nach Kairo und sind auch im Aufsichtsrat der "German University" vertreten. Zudem wird diese Art der Zusammenarbeit vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Professor Hans Wolff, bis 2003 Rektor der Uni Ulm und entscheidender Wegbereiter der Partnerschaft, ist an der "German University of Cairo" immer noch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Er streitet den Militäreinsatz gar nicht ab, stellt aber gleichzeitig fest, dass die Hochschulleitung nur ein einziges Mal Soldaten auf den Campus gerufen habe - in einer angeblich besonders verzwickten Situation.

"Es gab da diese Ausgangssperre. Und es war die Zeit, als diese Ausgangssperre sehr früh griff, so ab neun Uhr abends. Und die Studenten, also eine kleine Gruppe, wollte den Campus nicht verlassen. Unter anderem waren auch Mädchen dabei. Und das machte es uns von der Leitung außerordentlich schwierig..naja, Missachtung der Ausgeh-Sperre, und wir machen da mit und missachten also sozusagen die damaligen Vorschriften. Da haben wir die mehrfach gebeten, und die sind einfach nicht gegangen. Und über Nacht die jungen Dame da zulassen, war ja unter diesen Umständen auch nicht angezeigt gegenüber deren Eltern. Das war diese eine Ausnahme. Aber ansonsten war das Militär nicht auf dem Gelände."

Hans Wolff bestätigt ebenso, dass es bis Frühjahr 2011 keine Studierendenvertretung an der "German University of Cairo" gab. Das habe aus seiner Sicht aber seinen guten Grund gehabt:

"Wir hatten tatsächlich keine bis dato, sind ganz stolz darauf, dass wir das nicht hatten. Denn dadurch haben wir vermieden, ein Büro der Nationalpartei bei uns auf dem Campus zu haben. Das wäre ein Automatismus gewesen, und das wollten wir nicht."

Nach der Wende in Ägypten und nach den studentischen Protesten habe die Hochschulleitung eine Studierendenvertretung nicht nur zugelassen, sondern sogar bei der Gründung mitgeholfen. Die Politologin und Bildungsforscherin Sarah Gemeinder hat die Vorgänge aber ganz anders in Erinnerung: Noch vor knapp über einem Monat, vor dem Hintergrund neuer aufkeimender Proteste, sei die "German University of Cairo" sogar für eine Woche geschlossen worden, um weitere Studierendenproteste bereits im Keim zu ersticken. Die Hochschulleitung habe Mails auf Arabisch an die Eltern verschickt ...

"... mit der Bitte an die Eltern, man soll sich doch die Woche Zeit nehmen und den Kindern ins Gewissen reden. Also es ist nun mal nicht die Rhetorik, die man an einen mündigen Bürger, an einen mündigen Studenten oder an einen mündigen Erwachsenen richtet, weil man immer wieder an die Eltern geht, statt sich an die Studenten zu richten, was man ja von einer Universität erwarten könnte."

Eine Taktik, die aus Sicht der Hochschulleitung aber Sinn macht: Denn die Eltern zahlen saftige Studiengebühren - in der Regel zwischen 2750 und 4350 Euro pro Semester. Bei 7500 Studierenden kommt da einiges zusammen - und das ist auch ein wichtiger Punkt, den die Studierenden immer wieder ansprechen: Sie wollen wissen, was mit diesen Geldern passiert. Sie wollen Einblick nehmen in die Finanzen und Strukturen ihrer Hochschule. Das aber ist der Studierendenvertretung, die im Frühjahr zugelassen wurde, verwehrt Sarah Gemeinder:

"Sie dürfen genau das, was ihnen die Administration erlaubt. Sie haben kein Mitspracherecht in administrativen Fragen. Und es gibt einfach ein paar Unklarheiten, die die Studenten beklagen. Sie möchten definitiv gerade finanzielle Transparenz haben. Das ist nicht existent.."

Noch nicht: Denn derzeit verhandeln Studierende und Hochschulleitung über eine Studierendenvertretung mit erweiterten Rechten. Ausgang: offen. Aufsichtratsmitglied Hans Wolff betont, dass Studierende immerhin bei der Berufung von Dozenten ein Mitspracherecht hätten, was nicht unterschätzt werden dürfe. Sarah Gemeinder sieht für das Anliegen der Studierenden und für die Verwirklichung einer Art "Studentischen Frühlings" an der "German University of Cairo" nur dann eine Chance, wenn die deutschen Partner in Zukunft mehr Druck ausübten als bisher.

"Also die deutsche Universität ist angewiesen auf die deutschen Finanzen, ist angewiesen auf das deutsche Label, dieses "German University". Insofern denke ich, dass der Druck aus Deutschland auch ein wenig die Köpfe erweicht, vielleicht."

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