Mittwoch, 25.11.2020
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteInterview"Ängstlichkeit im Handeln"14.09.2006

"Ängstlichkeit im Handeln"

"Wir sind Kirche" vermisst deutliche Worte des Papstes

Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" hat sich enttäuscht über den Papstbesuch in Bayern geäußert. Benedikt XVI. habe zu drängenden Problemen wie der Beteiligung der Laien in der Kirche, den Priestermangel und der Rolle der Frauen zu wenig gesagt. Auch gebe es keinen Fortschritt in der Ökumene, sagte Weisner.

Moderation: Stefan Heinlein

Papst Bendedikt XVI. winkt der Menschenmenge im Marien-Wallfahrtsort Altötting zu. (AP)
Papst Bendedikt XVI. winkt der Menschenmenge im Marien-Wallfahrtsort Altötting zu. (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Papst spricht Priestern Mut zu

Stefan Heinlein: Die Reise in die eigene Vergangenheit geht zu Ende. Heute Mittag fliegt Benedikt XVI. zurück nach Rom. Sechs Tage war der Papst in seiner bayerischen Heimat. Die Rückbesinnung auf den wahren Glauben, die Betonung christlicher Werte und Traditionen, leise, aber bestimmt ermahnte der Papst die Menschen zu mehr Rückbesinnung auf Gott - eine klare Botschaft.

Wer dagegen auf handfeste Fortschritte etwa in Fragen der Ökumene oder bei weiteren Reformen der katholischen Amtskirche gehofft hatte, wurde enttäuscht. Dennoch wird der Besuch des Heiligen Vaters Spuren hinterlassen.

Am Telefon ist jetzt der Sprecher der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner. Guten Morgen!

Christian Weisner: Guten Morgen, Herr Heinlein!

Heinlein: Herr Weisner, wir haben es gehört: viel Jubel, viel Euphorie bei den Menschen. Teilen Sie diese Begeisterung über den Besuch des Papstes in seiner Heimat?

Weisner: Natürlich, und wenn man hier in München lebt, dann kriegt man diese Begeisterung mit, und das ist natürlich erst mal eine große Freude. Es ist ein Heimatbesuch, aber es ist eben auch ein Pastoral- und Staatsbesuch. Und so vielschichtig, wie dieser Besuch ist, denke ich, so vielschichtig muss auch die Bewertung ausfallen. Denn es ging ja nun nicht nur um Folklore, und ich meine da wurde doch erst mal auch viel Folklore, heimatverbundene Religiösität geboten und so ein Rückgriff auf das alte katholische Milieu. Selbst das gibt es aber, so wie der Papst damals aufgewachsen ist, selbst das gibt es heute in Bayern nicht mehr.

Auf der anderen Seite war das natürlich auch ein sehr politischer Besuch, denn der Papst hat ja in seiner Regensburger Vorlesung in dieser Betonung an den Gottesglauben auch die Beziehung zwischen Glaube und Vernunft, das große Lebensthema des Papstes, ja eigentlich auch die Grundlagen für die Auseinandersetzung und den Umgang mit dem Islam geliefert.

Heinlein: Hat das Christentum denn insgesamt neue Impulse erhalten? War diese Reise wichtig für die Christen in Deutschland? Das schien ja ein Hauptanliegen seines Besuches zu sein.

Weisner: Ich denke, das kann man natürlich noch heute - er ist ja noch hier im Lande - noch nicht abschließend so bewerten. Er ist ja noch im Lande. Man könnte natürlich auch sagen, in gewisser Weise die Schwerhörigkeit, die der Papst angemahnt hat bei den Menschen, die Schwerhörigkeit gegenüber Gott, diese Schwerhörigkeit hat es leider auch beim Papst selber gegeben, denn zu den pastoralen drängenden Problemen, ich will mal sagen die Beteiligung der Laien in der Kirche, den Priestermangel und zum Umgang der Frauen in der Kirche, da hat er eigentlich zu wenig gesagt. Insofern hat man da vielleicht ein bisschen daran vorbeigeredet. Bei aller Milde, die dieser Papst nun ausgestrahlt hat, was die Menschen auch wirklich angerührt hat, ich sage mal, die Gebote der katholischen Kirche die sind nach wie vor unverändert: das Kondom-Verbot, es gibt keine Möglichkeit für Geschiedene, die wieder geheiratet haben, zur Kommunion zu gehen. Es gibt absolut keinen Fortschritt in der Ökumene, gerade auch mit den Kirchen der Reformation. Ich denke mal, wenn der Papst als Sprecher des Christentums sich insgesamt verstehen will, dann hat gerade hier in der Ökumene ein Zeichen gefehlt. In den ethischen Fragen, da sollten die Kirchen wirklich mehr zusammenarbeiten. Das wäre viel überzeugender. Da hat dieser Schritt des Papstes auf die Kirchen der Reformation, die evangelischen Kirchen gerade in Deutschland gefehlt.

Heinlein: Haben Sie tatsächlich erhofft, dass dieser Papst während seines Besuches in den vergangenen Tagen deutliche, handfeste Signale geben wird, etwa in Richtung Ökumene?

Weisner: Ich glaube, das ist so eine Schwierigkeit dieses Papstes. Der hat ja nun leider nur eine sehr kurze Zeit als Bischof gewirkt und kennt diese pastoralen Nöte, Sorgen und Anfragen der Gemeinden, ich will mal sagen, doch zu wenig. Er ist einfach doch der große Religionsphilosoph. Er versucht jetzt eher im großen philosophischen Wurf, den Weg einzuweisen gerade in diesem Verhältnis von Glaube und Vernunft. Aber diese praktischen Dinge: Die Menschen erwarten eben auch praktische Hinweise und da fehlt etwas. Ich denke, man hat das sehr konkret sehen können. Er ist auf den Wunsch von Horst Köhler, dem Bundespräsidenten beim Empfang, dass es in der Ökumene endlich doch Fortschritte geben solle, spontan eingegangen, aber er hat das nicht wieder aufgenommen. Aber diese spontane Ankündigung, mit Herz und Verstand sich darum zu bemühen, das hat bei den Menschen wieder Hoffnungen und Erwartungen geweckt. Bloß wenn es immer nur um Hoffnungen und Erwartungen geht und nie etwas von Rom, vom Papst kommt, dann sind die Menschen auf Dauer doch enttäuscht.

Es ist ja gerade die Besonderheit der römisch-katholischen Kirche. Die ist ja gar nicht unbeweglich, denn in der Person des Papstes können ja sehr wohl Richtungen vorgegeben werden, neue Wege aufgezeigt werden. Also eigentlich kann ja die katholische Kirche mit einer Person an der Spitze viel schneller reagieren als zum Beispiel die evangelischen Kirchen, wo Synoden erst lange diskutieren und beschließen müssen. Aber da hat es einfach zu sehr gefehlt, und ich finde es schade, dass dieser Papst bei allem Respekt vor ihm doch da eine gewisse Ängstlichkeit im Handeln hat und eigentlich nichts weitergehen will, sondern nur auf diesem geistigen Fundament arbeitet und baut.

Heinlein: In einem Punkt, Herr Weisner, ist der Papst ja sehr konkret geworden: ein deutlicher Appell für mehr missionarische Aktivitäten der Kirche anstelle sozialen Engagements in der Dritten Welt. Wie interpretieren Sie diesen Appell?

Weisner: Ich habe das jetzt doch sehr merkwürdig gefunden, gerade in der ersten Predigt, auf die Sie ansprechen, am Sonntag. Denn Deutschland ist natürlich ein reiches Land, was nun insgesamt sehr viel tut. Die katholischen Werke Missio, Adveniat und Renovabis, das sind Werke, die genau missionarisch arbeiten. Ich denke, man kann auch eines von dem anderen nicht trennen. Das hat ja sogar der Papst in seiner Enzyklika, die so viel gelobt ist, "Deus Caritas Est", selber gesagt, und seine Vorgängerpäpste in ihren sozialen Enzykliken haben auch gesagt, Entwicklung ist ein anderes Wort für Frieden. Also das sollte man wirklich nicht kleinreden.

Heinlein: Haben Sie den Eindruck, Herr Weisner, dass Benedikt XVI. mittlerweile angekommen ist in seinem schwierigen Amt? Sie haben das Stichwort Milde genannt. Als Chef der Glaubenskongregation war er ja sehr hart und hat gewacht über die Reinheit der Lehre und des Glaubens. Ist er inzwischen milder geworden in seinem Urteil und in seinen Aussagen?

Weisner: Ich denke, er ist milder geworden in seinem Erscheinungsbild, und das ist natürlich ein sehr großes, seltsames Phänomen, was man sicher noch mal weiter untersuchen sollte. Denn in seinem Kern und in seiner Botschaft da ist es unveränderlich. Und ich sagte ja schon, die strengen Regeln in der Sexualmoral, Stichwort Kondom-Verbot, aber auch vieles andere in der Kirche, das ist ja unverändert. Er spricht es im Augenblick jetzt vielleicht mit sanfteren Worten aus. Er sagt nicht, es gilt nicht das Sonntagsgebot, sondern er sagt, bitte, bitte, geht zur Kirche. Die Botschaft ist genau die gleiche. Er bringt sie jetzt freundlich lächelnd herüber. Es kann ja sein, dass es bei den Menschen mehr wirkt, aber ich sage es mal ganz kurz: Die Liebe, von der er in seiner Enzyklika spricht, diese Liebe ist glaube ich in der Kirchenadministration, in der Verwaltung noch nicht angekommen. Das kann man einfach an so harten Entscheidungen wie Lehrbefugnisse, die entzogen werden dem Professor Hasenhüttl, der evangelische Christen zur Kommunion eingeladen hat, sehen. Das ist alles jetzt auch in seiner Zeit als Papst passiert. Oder auch die Ausgrenzung der Laien im Bistum Regensburg, wo so großer Unfriede herrscht. Da hat er als Papst, als Brückenbauer - das ist ja auch ein Titel des Papstes - nicht sichtbar zumindest diesen Streit geschlichtet. Also da sind bei aller Begeisterung auch Defizite, und da muss man einfach noch mal genauer hinschauen. Milde kommt es im Augenblick herüber, aber die Botschaft ist unverändert.

Heinlein: Zum heutigen Abschluss des Papstbesuches war das heute Morgen hier im Deutschlandfunk Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche". Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören.

Weisner: Auf Wiederhören.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk