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StartseiteInterview"Wenn gehetzt wird, gibt es kein Podium"29.10.2016

AfD bei Kirchen-Veranstaltungen"Wenn gehetzt wird, gibt es kein Podium"

Bei Kirchenveranstaltungen könne man einen Ausschluss von Populisten nicht an Parteilinien festmachen, sagte Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, im DLF. Das gelte auch für die AfD. Aber wenn Menschengruppen herabgesetzt würden, dann gebe es dafür kein Podium bei kirchlichen Veranstaltungen. Auch Pegida passe nicht zu Martin Luther.

Heinrich Bedford-Strohm im Gespräch mit Martin Zagatta

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. (imago / Christian Ditsch )
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm (imago / Christian Ditsch )
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Martin Zagatta: Übermorgen wird das Luther-Jahr eröffnet. Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation, denn am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther – so zumindest die Legende – seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben. 95 Thesen gegen die Missstände der Kirche, die als Ausgangspunkt der Reformation gelten und damit auch der Spaltung in evangelische und katholische Kirche.

- Heinrich Bedford-Strohm ist der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, guten Morgen, Herr Bedford-Strohm!

Heinrich Bedford-Strohm: Guten Morgen, Herr Zagatta!

Zagatta: Herr Bedford-Strohm, Sie freuen sich, dass dieses Luther-Jahr jetzt endlich losgeht, so haben Sie gestern gesagt. Aber ist das nicht auch ein ziemlich schwieriges Jubiläum, denn Martin Luther, der steht ja für die Spaltung der Kirche bis heute?

Bedford-Strohm: Ja, es ist in der Tat so, dass ich mich freue. Ich kann aber auch sagen, dass sich auch katholische Schwestern und Brüder mitfreuen. Und gleichzeitig sage ich, das Freuen ist auch mit dem Gedenken an den Schmerz verbunden, der mit der Trennung in der Tat auch verbunden war. Ich freue mich riesig darüber, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte der runden Reformationsjubiläen dieses Reformationsjubiläum in ökumenischer Gemeinsamkeit feiern können. Der Papst wird in Lund mit den Spitzen des Lutherischen Weltbundes am Montag ein ökumenisches Gebet abhalten, auch das gab es so noch nie. Wir werden in unserer Eröffnung am Montag Kardinal Lehmann, zum ersten Mal einem Katholiken, die Luther-Medaille überreichen. Wir werden dieses Jubiläum international feiern, ökumenisch international. Wir waren mit den katholischen Bischöfen auf Pilgerreise ins Heilige Land und haben uns von Christus selbst her Kraft geben lassen, um gemeinsam und auf Einheit hin orientiert in dieses Jahr zu gehen. Insofern ist, glaube ich, der Grundton sehr gut gesetzt.

Zagatta: Aber wenn katholische und evangelische Kirche sich so nahestehen, wie Sie jetzt sagen, wieso kommt dann der Papst nicht nach Wittenberg?

Bedford-Strohm: Das kann man doch nicht an Örtlichkeiten festmachen. Die katholische Kirche ebenso wie die evangelische Kirche ist eine Weltkirche. In Lund ist der Lutherische Weltbund gegründet worden. Und deswegen hat es Sinn gemacht, dass dieses ökumenische Gebet eben dort stattfindet. Das ist nicht an Orte gebunden. Jetzt warten wir Lund ab. Und dann sehen wir, was kommt.

Zagatta: Aber ist das nicht so ein bisschen wie – der Papst hat sich ja nach tausend Jahren zu einem ersten Treffen bereit gefunden mit den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, das hat man dann auf neutralem Boden gemacht, auf Kuba. Jetzt, dass da Schweden ausgewählt wurde, ist ja auch vielleicht neutraler Boden. Also Wittenberg war da nicht infrage gekommen?

Bedford-Strohm: Man sollte wirklich nicht jetzt über Orte spekulieren. Das viel Wichtigere ist, dass der Geist stimmt. Und dieser Geist stimmt. Ich hab selber Papst Franziskus ja besucht, wir haben auch darüber gesprochen. Und da ist ganz deutlich geworden, dass wir uns zutiefst verbunden fühlen, in Christus, also Christus neu entdecken wollen, so wie Martin Luther es ja damals wollte. Und genau das wollen wir heute tun.

Zagatta: Herr Bedford-Strohm, stimmt denn der Geist? Also wenn ich jetzt lese, dass Kardinal Gerhard Müller, der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, sagt oder so zumindest zitiert wird, für Katholiken sind 500 Jahre Reformation jetzt kein Grund zum Feiern. Ist da Martin Luther nicht doch immer noch irgendwie eine Belastung?

Den ökumenischen Geist vorantreiben

Bedford-Strohm: Es gibt natürlich in den beiden großen Kirchen etwas unterschiedliche Bewertungen. Und diesen ökumenischen Geist, den müssen wir gemeinsam in unseren jeweiligen Kirchen auch vorantreiben. Da liegen auch noch Diskussionen vor uns, aber ich kann, glaube ich, wirklich guten Gewissens sagen, dass dieser ökumenische Geist des Reformationsjubiläums gerade in den Gemeinden an der Basis von ganzem Herzen mitgetragen wird. Viele Menschen fragen sich, warum sind die Kirchen getrennt. Und verstehen sich ganz selbstverständlich als Schwestern und Brüder. Und dass wir jetzt diese gemeinsame Pilgerreise gemacht haben, an der Kirchenspitze sozusagen, eröffnet jetzt die Möglichkeit, dass wir von der Basis und von der Spitze her genau diesen ökumenischen Geist vertiefen.

Zagatta: Evangelische und katholische Kirche haben ja eines gemeinsam, nämlich dass ihnen das Gläubigen davonlaufen. Kann so ein Luther-Jahr da vielleicht etwas ändern?

Bedford-Strohm: Natürlich ist es so, dass unter den heutigen Bedingungen der Individualisierung, wo die Menschen selbst frei wählen, welchen Gemeinschaften sie angehören wollen, ganz anders als vor 50, 60 Jahren, wo das sozusagen zum guten Ton gehörte – natürlich gibt es da Menschen, die sich auch anders entscheiden. Und für uns muss es darum gehen, in dieser Situation, wo Menschen sich aus Freiheit entscheiden, möglichst überzeugungsstark unsere Botschaft – und das ist eine starke Botschaft –, diese Botschaft heute in die Zeit hinein zu sprechen, also auszustrahlen, wovon wir sprechen. Und die Liebe Gottes, von der wir sprechen, eben auch im praktischen Handeln zu zeigen. Und die vielen, vielen Menschen, die sich für Flüchtlinge engagiert haben und nach wie vor engagieren, die sind, glaube ich, das beste Beispiel dafür.

Zagatta: Besonders aus den Reihen jüdischer Gemeinden wird jetzt aber auch darauf hingewiesen, welcher Antisemit, welcher Judenhasser Martin Luther war. Geht das unter, wenn man ihn mit diesem Luther-Jahr jetzt derart feiert?

Bedford-Strohm: Das geht nicht unter. Wir wollen kein Heldengedenken machen. Wir wollen die Grenzen, die Irrtümer Martin Luthers genauso deutlich ansprechen. Die Synode der EKD hat bei ihrer letzten Tagung dazu schon eine deutliche Erklärung verabschiedet. Wir werden auch im Rahmen der Brüderlichkeit noch mal da ein klares Zeichen setzen. Ich glaube, Luther selbst hätte, wenn er heute leben würde und zurückschauen würde, würde er mit Scham auf das schauen, was er an antijudaistischen Reden in den letzten Jahren seines Lebens gehalten hat. Er hat am Ende seines Lebens gesagt, die letzten Worte waren: Ich bin Bettler, das ist wahr. Diese Demut zeichnet Martin Luther aus. Und ich glaube, er wäre der Erste, der selbstkritisch auf diese Schriften gucken würde.

Zagatta: Herr Bedford-Strohm, Martin Luther war ja auch ein entschiedener Islamgegner, Sie haben es angesprochen, die aktuelle Diskussion um Flüchtlinge, die wir derzeit haben. Wie erleben Sie jetzt im Moment diese Diskussion um den Umgang mit dem Islam, mit Muslimen? Da wird Ihnen persönlich ja auch vorgeworfen, sich der Konkurrenz, wenn man so will, viel zu weit zu öffnen.

Bedford-Strohm: Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern es geht darum, dass wir authentisch für unsere Religion einstehen. Und natürlich erzähle ich, wenn ich mit Muslimen spreche, begeistert von meiner Religion. Und so muss es auch sein. Und gleichzeitig möchte ich wissen, was sie an ihrer Religion lieben. Und möchte ihre Religion erklärt bekommen. Also man muss schon ganz klar und authentisch von seiner Religion reden, die Unterschiede auch nicht einfach harmonisieren und verwischen, aber man muss das tun im Geist der wechselseitigen Wertschätzung. Das ist, was wir jetzt brauchen. Und deswegen ist es falsch und auch für unser Land schädlich, wenn eine ganze Religion und damit ja auch die Menschen, denen sie zutiefst wichtig ist, pauschal diffamiert und herabgesetzt werden. Wir müssen uns einsetzen dafür, dass wir als Religionen selbstkritisch mit unseren eigenen heiligen Schriften umgehen, auch die Quellen von Missbrauch für Gewalt aufspüren, uns damit auseinandersetzen und alles dafür tun, dass wir als Religionen Kräfte des Friedens und der Versöhnung in der Gesellschaft werden.

Zagatta: Aber ganz konkretes Beispiel: Sie sollen ja auch einem Moschee-Bauverein angehören oder angehört haben. Und jetzt macht gerade eine Kleinstadt von sich reden, die Muslimen fast eine Million Euro zur Verfügung stellt für den Bau einer Moschee, also Steuergelder. Verstehen Sie, dass es da auch Aufregung oder Vorbehalte gibt?

Bedford-Strohm: Also ich hab nie einem Moschee-Bauverein angehört, das amüsiert mich jetzt fast.

Zagatta: So einem Förderverein, oder habe ich das falsch gelesen?

Bedford-Strohm: Ich habe meinen Rat dem Münchner Forum für Islam gerne angeboten, die sich bemühen, einen Ort zu schaffen, an dem ein Diskurs zwischen den Religionen stattfindet und eine Religion entwickelt werden kann, der Islam so entwickelt werden kann, dass er sich auf die demokratischen Grundsätze einlässt. Das unterstütze ich überall, wo ich kann. Aber der Moscheebau ist eine Sache der Muslime natürlich. Und wenn öffentliche Gelder dafür verwendet werden, dann hab ich das nicht zu kommentieren. Das ist jedenfalls eine Sache, dass Moscheen gebaut werden, die, ebenso wie wir Kirchen bauen, selbstverständlich ist, wenn Menschen ihre Religion hier leben können.

Zagatta: Das ist klar, die Frage war ja nur, ob man dafür deutsche Steuergelder verwendet und dass es darüber Aufregung gibt, ob Sie diese Aufregung da nachvollziehen können.

Bedford-Strohm: Ich kenne den Fall, den Sie schildern, jetzt nicht, und deswegen will ich mich auch nicht dazu äußern. Da muss ich erst die Hintergründe kennen, warum man das macht.

Zagatta: Herr Bedford-Strohm, der "Spiegel", der titelt heute in seiner neuen Ausgabe: "Luther, der erste Wutbürger". Wäre Luther, wenn er heute leben würde, bei Pegida mit dabei?

Martin Luther passt nicht zu Pegida

Bedford-Strohm: Ganz bestimmt nicht. Martin Luther hat von der Freiheit eines Christenmenschen gesprochen, in der Tat ein sehr authentischer, leidenschaftlicher Mensch, aber Wutbürger passt ganz bestimmt nicht. Denn Freiheit eines Christenmenschen heißt für Luther, die Liebe Gottes, die uns in unserem Leben zuteil wird, die im Herzen zu erfahren und sie weiterzugeben. Er sagt, das Herz fließt über von Liebe dem Nächsten gegenüber. Und deswegen hat sich Luther immer für die Schwachen eingesetzt. Er hat sich übrigens auch gegen die Wirtschaftspraktiken seinerzeit für die Armen eingesetzt, die in dem Frühkapitalismus unter die Räder gekommen sind. Er war immer ein Mann, der die Liebe dem Nächsten gegenüber ins Zentrum gestellt hat. Und das passt nun wirklich nicht zu Pegida, nämlich einer Organisation, die Menschen und Menschengruppen systematisch diffamiert und herabsetzt.

Zagatta: Dürfen denn AfD-Politiker oder AfD-Vertreter jetzt bei Veranstaltungen im Luther-Jahr mit auftreten? Bei Kirchentagen ist das ja entweder nicht zugelassen oder höchst umstritten.

Bedford-Strohm: Man kann das nicht an Parteilinien festmachen, denn auch die AfD ist eine sehr unterschiedliche Gruppe, aber man kann es sehr wohl festmachen an den Inhalten. Und wenn gehetzt wird, wenn Menschengruppen herabgesetzt werden, dann gibt es dafür kein Podium bei kirchlichen Veranstaltungen. Wenn Menschen sich sachlich auseinandersetzen wollen, wenn Ängste geäußert werden und man mit diesen Ängsten konstruktiv umzugehen versucht und darüber ins Gespräch kommt, dann muss in den Kirchen immer ein Ort dafür sein.

Zagatta: Letzte Frage: Dieser Reformationstag, der 31. Oktober, das soll im nächsten Jahr wegen des Luther-Jahres ein bundesweiter Feiertag werden. Gehen Sie davon aus, dass das eine einmalige Sache bleibt, nur in diesem Luther-Jahr. Oder kann es eine Dauereinrichtung werden?

Bedford-Strohm: Das werden wir sehen. Ich hab in der Tat in die Diskussion gebracht die Überlegung, dass wir einen Feiertag – ob es jetzt der Reformationstag oder der Buß- und Bettag ist – neu wieder einführen. Und damit ein Zeichen setzen gegen die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft, damit auch deutlich mal sagen, wir brauchen vielleicht in Deutschland jetzt nicht mehr materiell Wohlstand, obwohl die Schwachen ihn brauchen, also die Verteilung thematisiert werden muss, aber grundsätzlich als Land vielleicht nicht mehr materiellen Wohlstand, sondern mehr Beziehungswohlstand. Und dass wir da mal ein Zeichen setzen, dass die Ökonomisierung nicht weiter voranschreitet, sondern wir dagegen sagen, wir wollen jetzt hier bewusst mal einen Tag neu oder wieder einführen, der für die Beziehung da ist, der für die Familien da ist. Und der die Freundschaftsnetzwerke begünstigt. Und damit auch deutlich sagen, Ökonomie ist nicht alles, die Beziehungen sind wichtiger.

Zagatta: Ein Feiertag mehr, da wären viele Martin Luther dankbar. Heinrich Bedford-Strohm war das, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Herr Bedford-Strohm, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch heute Morgen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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