
Am 6. September 2026 wählen die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Wahlumfragen prognostizieren einen deutlichen Wahlsieg der AfD. Demnach dürfte die Partei, die der Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft hat, mit mehr als 40 Prozent stärkste Kraft werden.
Um zu verhindern, dass die AfD erstmals eine Landesregierung übernimmt, wirbt insbesondere die Initiative "Taktisch Wählen" dafür, die eigene Stimme nach taktischen Überlegungen abzugeben. Was bedeutet das und welche Risiken und Kritikpunkte gibt es?
Was es heißt, taktisch zu wählen
Wählerinnen und Wähler, die taktisch wählen, geben ihre Stimme nicht einer Partei oder einem Direktkandidaten, weil sie sie persönlich oder inhaltlich bevorzugen. Stattdessen entscheiden sie sich für eine andere Partei, um ein bestimmtes politisches Ergebnis wahrscheinlicher zu machen.
Dabei geht es um mögliche Koalitionen, Mehrheitsverhältnisse im Parlament oder die Frage, welche Parteien überhaupt ins Parlament einziehen. Taktische Wähler orientieren sich deshalb auch an Wahlumfragen.
Solche Entscheidungen sind nicht neu. Beispiele sind die sogenannten „Leihstimmen“ von CDU-Wählern für die FDP im Jahr 2009, um den Liberalen den Einzug in den Bundestag und dort eine schwarz-gelbe Regierungsmehrheit zu ermöglichen. Auch SPD-Anhänger stimmten schon für die Grünen, um die Chancen für rot-grüne Parlamentsmehrheiten zu erhöhen.
Warum in Sachsen-Anhalt zur taktischen Wahl aufgerufen wird
Ob die AfD in Sachsen-Anhalt die Regierung übernehmen kann, hängt nicht nur von ihrem Stimmenanteil ab. Entscheidend ist auch, wie viele andere Parteien den Einzug in den Landtag schaffen. Vier Parteien, SPD, Grüne, BSW und FDP, liegen in den aktuellen Umfragen in der Nähe der Fünf-Prozent-Hürde.
Die Kampagne "Taktisch Wählen" zielt darauf ab, einer oder mehreren dieser Parteien mithilfe der Zweitstimme von CDU- oder Linken-Wählern über die Fünf-Prozent-Hürde zu verhelfen. Dadurch würden sich die Sitze im Landtag auf mehr Parteien verteilen und eine absolute Mehrheit der AfD weniger wahrscheinlich.
Das ist neu am taktischen Wahlaufruf in Sachsen-Anhalt
Anders als bei den meisten taktischen Wahlaufrufen oder -entscheidungen in der Vergangenheit geht es in Sachsen-Anhalt nicht darum, einer gewünschten Koalition zur Regierungsmehrheit zu verhelfen. Primäres Ziel ist es, die Regierung einer bestimmten Partei zu verhindern. Neu ist auch, dass die taktischen Überlegungen nicht innerhalb eines politischen Spektrums bleiben, in dem sich die Parteien politisch eher näherstehen, also rot-grün oder schwarz-gelb.
In Sachsen-Anhalt wird vorgeschlagen, dass etwa CDU-Wähler für SPD oder Grüne stimmen sollen. Ungewöhnlich ist zudem die professionelle Form der Kampagne. Früher warben bei vereinzelten Wahlen Parteien oder Politiker dafür, taktisch abzustimmen. In Sachsen-Anhalt tut dies nun eine Kampagnenagentur mit erheblichem finanziellen Aufwand, Aktivisten und einem Online-Tool, das postleitzahlgenaue Wahlempfehlungen für Erst- und Zweitstimmen ausgibt.
Kritik an "Taktisch Wählen"
Im Vorfeld der Wahl in Sachsen-Anhalt bemängeln Kritiker, dass die Kampagne "Taktisch Wählen" unter dem Deckmantel der Überparteilichkeit in Wahrheit Wahlkampf für SPD und Grüne betreibe. Tatsächlich empfiehlt das Online-Tool die Stimmabgabe ausschließlich für SPD und Grüne. BSW und FDP sind systematisch ausgeschlossen.
"Taktisch Wählen" begründet dies unter anderem damit, dass beide Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht grundsätzlich ausschlössen. Eine Argumentation, die die Politikwissenschaftlerin Julia Rakers in Bezug auf die FDP für fragwürdig hält, da der Landesverband sehr deutlich auf Abstand zur AfD gehe.
Rakers kritisiert das Online-Tool zudem wegen mangelnder Transparenz. Erst auf den zweiten Blick werde deutlich, dass hinter dem Angebot die Kampagnen-Agentur The Goodforces GmbH stehe. Diese hat Ende Juli 2026 jeweils 38 150 Euro an SPD und Grüne gespendet.
Taktisches Wählen - undemokratisch oder sogar illegitim?
Aus der Sicht vieler Politikwissenschaftler ist taktisches Wählen weder undemokratisch noch illegitim. Wahlen haben in einer Demokratie mindestens zwei Funktionen, sagt der Politologe Thorsten Faas: inhaltliche Wünsche von Bürgerinnen und Bürgern zum Ausdruck zu bringen und Macht verteilen.
In einem demokratischen System, das auf Koalitionsregierungen ausgelegt ist, gehört taktisches Abwägen zu den legitimen Möglichkeiten, mit der Bürgerinnen und Bürger versuchen können, ihre Interessen bestmöglich durchzusetzen. Auch wenn Kampagnen und Wahlempfehlungen im Wahlkampf kritisiert werden, bewegen sie sich grundsätzlich im Rahmen des demokratischen Diskurses.
Risiken der taktischen Wahl
Da taktisches Wählen auf Umfragen beruht, die mit Unsicherheiten verbunden sind, besteht immer das Risiko falscher Annahmen. Die Wahl ähnelt damit einer Wette auf ein bestimmtes Wahlergebnis. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.
Geben Wähler ihre Stimme einer kleineren Partei, die am Ende trotzdem an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, gehen diese Stimmen bei der Sitzverteilung verloren. Das kann den Vorsprung der stärksten Partei, in Sachsen-Anhalt voraussichtlich der AfD, ungewollt sogar vergrößern. Aus diesem Grund brauche taktisches Wählen "eigentlich auch eine gewisse Koordination", so Politikwissenschaftler Faas.
In Sachsen-Anhalt bangen zudem gleich vier Parteien um den Einzug in den Landtag. Für Wählerinnen und Wähler ist deshalb schwer abzuschätzen, wo strategische Stimmen den größten Effekt hätten. Umgekehrt besteht auch die Gefahr, dass eine kleine Partei durch taktisches Wählen stärker wird als beabsichtigt, während die eigentlich bevorzugte Partei geschwächt wird.
Online-Text: Wulf Wilde/ Quellen: Deutschlandfunk, MDR, taktisch-waehlen.de


















