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StartseiteForschung aktuellAffen in der Krise20.11.2012

Affen in der Krise

Auch Orang-Utans bekommen die Midlife Crisis

Die sogenannte Midlife Crisis galt bisher als typisch menschliches Phänomen. Doch nun wollen Forscher einen solchen "Gute-Laune-Knick" auch im Leben von Schimpansen und Orang-Utans nachgewiesen haben. Darüber berichten sie im Fachmagazin "PNAS".

Von Christine Westerhaus

Etwa mit 30 Jahren bekommen Orang-Utans hin und wieder eine Midlife Crisis.  (AP)
Etwa mit 30 Jahren bekommen Orang-Utans hin und wieder eine Midlife Crisis. (AP)
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Effiziente Orang-Utans
Training im Affencamp

Nicht erreichte Ziele, keine Erfüllung im Beruf oder finanzielle Nöte - über die Gründe für eine Krise in der Mitte des menschlichen Lebens wird viel spekuliert. Klar ist aber, dass dieses Phänomen recht universell ist: Wissenschaftler konnten es bei Menschen in mehr als 50 Nationen beobachten, darunter auch Entwicklungsländer. Alexander Weiss, der an der Universität in Edinburgh die Psyche von Primaten erforscht, hat sich gefragt, ob dieser Gute-Laune-Knick auch unsere nächsten Verwandten heimsucht. Er hat deshalb Tierpfleger und Wissenschaftler gebeten, den Gemütszustand von Schimpansen und Orang-Utans einzuschätzen.

"Unsere Befragung zeigte das gleiche Ergebnis, wie ähnliche Untersuchungen beim Menschen. Auch die Schimpansen und Orang-Utans haben offenbar eine Phase ungefähr in der Mitte ihres Lebens, in der es ihnen schlechter geht, als am Anfang und am Ende des Lebens. Bei diesen Schimpansen trat dieses Phänomen etwa mit Ende 20 auf, bei Orang -Utans ungefähr mit 30 Jahren."

Die Forscher erkundeten das Befinden von mehr als 330 Schimpansen und 170 Orang-Utans, die in Zoos, Forschungseinrichtungen oder Tierheimen untergebracht waren. Dies geschah durch Fragebögen, die auch benutzt werden, um die menschliche Psyche zu erkunden. Tierpfleger und Wissenschaftler sollten diese ausfüllen und beurteilen, wie es den untersuchten Affen in bestimmten Situationen geht. Die befragten Personen arbeiteten jeweils schon seit längerem mit den einzelnen Tieren und waren diesen vertraut. Dennoch stößt die Untersuchungsmethode bei Primatenforschern auf Kritik. Das Befinden von Affen zu deuten, sei extrem schwierig, sagt Gottfried Hohmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

"Gemütszustände sind ja was außerordentlich heikles. Wir Menschen wissen, wie sehr wir uns oft täuschen und sagen: Das habe ich jetzt gar nicht gemerkt, dass ich dir auf die Nerven gehe. Also ich glaube einfach, dass das kein objektives Urteil ist. Dass man zufällig zu einem Ergebnis gelangt ist, was man zufällig auch bei Menschenstudien gefunden hat. Naja, das könnte Zufall sein."

Alexander Weiss ist sich dennoch sicher, dass die Pfleger ihre Schützlinge gut genug kennen, um eindeutige Aussagen über ihre Psyche und ihren Gemütszustand treffen zu können.

"Wir benutzen Standard-Fragebögen und die Tierpfleger haben keinerlei Schwierigkeiten, die Persönlichkeit der Individuen zu einzuschätzen. Unterschiedliche Pfleger beurteilten das Persönlichkeitsprofil der gleichen Tiere zudem recht ähnlich. Ich habe bisher auch noch nie erlebt, dass ein Mitarbeiter im Zoo über unsere Fragebögen gesagt hat: Das macht überhaupt keinen Sinn."

Warum sich Schimpansen und Orang-Utans in der Mitte des Lebens nach Angaben ihrer Pfleger schlechter fühlen, als zu Beginn und am Ende kann Alexander Weiss nicht erklären. Er vermutet aber, dass die Ursachen in unserer gemeinsamen Vergangenheit mit Schimpanse und Orang-Utan verborgen liegen könnten.

"Die meisten Untersuchungen haben bisher nur nach sozialpsychologischen oder ökonomischen Erklärungen gesucht. Niemand hat daran gedacht, dass die Midlife-Krise vielleicht auch biologische oder evolutionäre Ursachen haben könnte. Doch unsere Studie zeigt, dass dieses Phänomen irgendwann im Laufe unserer gemeinsamen Evolution mit diesen Affen entstanden ist. Aus irgendwelchen Gründen."

Alexander Weiss hält es auch für möglich, dass die Wurzeln der Midlife-Krise noch viel weiter in den Stammbaum des Menschen zurückreichen, als bis zu unseren nächsten Verwandten. Auch bei anderen Tierarten könnte es diesen typischen Knick in der Lebenskurve geben, so der Forscher.

"Es wäre interessant, auch andere Primaten oder Säugetiere zu untersuchen. Dann könnte man vielleicht Fragen beantworten wie: Gibt es dieses Phänomen nur bei sozial lebenden Arten oder nur bei Tieren mit einem bestimmten Paarungsverhalten? Ich hoffe deshalb, dass unsere Untersuchung den Anstoß gibt für weitere Studien in diese Richtung."

Doch dazu müsste zunächst geklärt werden, wie aussagekräftig solche Untersuchungen sind. Denn das Wohlbefinden von Rhesusaffen oder Katzen lässt sich wohl noch schwieriger beurteilen, als bei Schimpanse oder Orang-Utan.

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