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Afghanisches Frauenfilmfestival
Wandel durch Kino

Filme können die afghanische Kultur beeinflussen, hoffen die Veranstalter des Frauenfilmfestivals in Herat. Denn Filme können den Blick öffnen und verändern - vor allem, wenn sie von Frauen aus aller Welt handeln.

Von Martin Gerner | 20.04.2014

Zwei afghanischen Frauen zeigen ihre Wahlkarten
In Afghanistan hat am Morgen die Präsidentschaftswahl begonnen (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)
Roya Sadat sitzt in Kabul, im Keller der hauseigenen Filmproduktion. Einem Studio- und einem Schneideraum, die sie zusammen mit ihrem Mann, einem Filmemacher und Dozenten an der Kabuler Universität, gegründet hat. Hier ist die Idee des Filmfestivals für Frauen in Herat, ihrer Heimatstadt, entstanden:
"Einst gab es ein Kino in Herat. Die Taliban haben es zu einer Moschee gemacht. Später wurde es zum Ministerium für Verkehr und Transport. Mit dem Frauenfilmfestival will ich an eine Filmvergangenheit anknüpfen, die es in der Stadt gegeben hat. Vieles davon ist verschüttet gegangen."
Letztes Jahr hatte das Festival Premiere. Veranstaltungen über vier Tage. Eine Begegnung über Film zu Frauen- und Menschenrechten und über Werke weiblicher Autoren. Treffpunkt: die historische Festung im Zentrum von Herat. Ein geschützter Ort, wo geschützte Begegnungen abseits des rumorenden Basars und seiner neugierig-argwöhnischen Blicke möglich sind.
"Es kamen Hunderte von Zuschauern: Frauen, ganze Familien, mehr noch sogar als in Kabul. Die Menschen in Afghanistan müssen Filme, vor allem ausländische, sehen, damit sich die Kultur verändern kann. Viele kennen nur indische Fernsehserien und halten dies für die Welt des Films. Wirkliche Filme aber können ihren Blick öffnen und verändern, vor allem wenn sie über Frauen aus aller Welt handeln."
Ein Film über das afghanische Militär
Einige internationale Partner, die wenig aber wichtiges Geld beisteuern, sind gefunden. Es ist der erste Versuch, ein Festival außerhalb von Kabul zu etablieren, wo für gewöhnlich der größte Teil der Hilfe hängen bleibt.
Royas Schwester Alka ist unabhängige Dokumentarfilmerin. Autodidaktin, für lange Zeit. Jetzt produziert sie ihren neuesten Film. Eine Arbeit über afghanische Spezialkräfte im Kampf gegen Taliban:
"Ich habe mir viele Dokumentarfilme über den Krieg in Afghanistan angeschaut. Die meisten handeln vom ausländischen Militär in Afghanistan. Ich wollte bewusst keinen Film darüber machen. Was es nicht gibt, ist ein Film über das afghanische Militär und wie es dort aussieht. Das erscheint mir wichtig, auch diesen Teil des Kriegs abzubilden. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Als afghanische Frau unter Soldaten – das war aber nicht einfach."
Der Film kann auf dem Festival Premiere haben, wenn Alka zeitig fertig wird. Eine zierliche Frau beim afghanischen Militär, dort wo es knallt – ungewöhnlich, gerade für afghanische Verhältnisse:
"Ich hatte zunächst kein Vertrauen in die Soldaten. Gibt es hier verkappte Taliban?, dachte ich. Oder sie würden mir nur Schlechtes wünschen, lauter solche Gedanken. Es gab Anschläge nicht weit von uns. Jeder Tag war wirklich sehr schwierig. Die ersten ein bis zwei Wochen haben die Soldaten nicht mit mir gesprochen. Anfangs kam ich mit Kopftuch und arabischer Kleidung, sehr konservativ. Ich vermutete, sie wollen das und keine Jeans oder moderne Kleider sehen."
Mehr Frauen im öffentlichen Leben
In Wirklichkeit hat sich viel verändert in den letzten Jahren für Frauen in Afghanistan. Viele arbeiten als Reporter mittlerweile, andere studieren Film an der Universität in Kabul. Roya Sadat hat einen zweijährigen Sohn. Während wir sprechen, drückt sie ihn ihrem Mann in die Hand:
"Es braucht mehr Frauen im öffentlichen Leben. Auch im Film. Der Krieg hat die Tür für Frauen lange zugemacht, auch für Frauen als Zuschauer in den Kinos. Wir müssen verstehen jetzt: Es geht! Es ist wieder möglich! Und es lohnt sich daran zu glauben. Da müssen wir weiter machen. Das ist eine Anstrengung, ein Kampf für die Frauen in der Gesellschaft."
Aus Sicherheitsgründen wird das Festival in diesem Jahr von März auf nach den Wahlen verlegt. Es könnte Sommer werden. Solange, bis ein neuer Präsident feststeht und die Angst vor Anschlägen wieder abnimmt.
"Wir haben auch ausländische Gäste eingeladen. Da gilt es, Vorkehrungen zu treffen. Deshalb die Verlegung auf nach der Wahl. Als Jemand, der hier zuhause ist, ist mir das Risiko jeden Tag bewusst. Wir leben damit. Aber wir können nicht erwarten, dass unsere Gäste das tun."