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Afghanistan
Erster Diplomstudiengang für Grundschullehrer seit 40 Jahren

In Afghanistan werde sehr viel in Bildung investiert, erklärte Dieter Göpfert von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Dlf. Das Bewusstsein für Bildung sei in Politik und bei der Bevölkerung vorhanden. Das Kernproblem seien aber zu viele nicht qualifizierte Lehrer.

Dieter Göpfert im Gespräch mit Sandra Pfister | 24.10.2017
    Mädchen mit weißem Kopftuch sitzen in Schulbänken. Vor ihnen auf den Tischen liegen Taschen in Unicef-blau.
    Laut dem Unesco-Weltbildungsbericht schlossen weltweit nur 83 Prozent der Kinder die Grundschule ab. Im Bild: Schülerinnen in Lashkar Gah in der afghanischen Provinz Helmand. (AFP/NOOR MOHAMMAD)
    Sandra Pfister: Der Unesco-Weltbildungsbericht, mit einigen Lichtblicken, aber einer insgesamt recht pessimistischen Einschätzung der Perspektiven vieler Kinder weltweit auf Schulbildung. Woran Schulbildung scheitert und wie man zumindest etwas gegenhalten kann, das schauen wir uns jetzt am Beispiel von Afghanistan an. Afghanistan hat gerade ein paar besonders blutige Tage und Wochen hinter sich, es gab viele Anschläge der Taliban. Wie kann man in einem so instabilen Land, unter solchen Umständen noch Schule machen, wie kann die noch stattfinden? Darüber reden wir mit Dieter Goepfert, Leiter des Bildungsprogramms der GIZ, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Afghanistan. Herr Goepfert, was machen Sie konkret?
    Dieter Goepfert: Konkret arbeiten wir als GIZ in der Lehreraus- und -weiterbildung, wobei die Lehrerweiterbildung natürlich das wichtigere Thema, weil das Lehrer sind, die schon in den Schulen unterrichten. Das ist die Mehrzahl der Lehrer. Der Austausch von jungen Lehrern erfordert sehr lange Zeiträume, und wenn wir die Lehrer fortbilden, die schon im Unterricht sind, dann sind wir natürlich viel schneller an den Schülern dran, sage ich jetzt mal ganz profan.
    Das heißt ganz konkret zum Beispiel, dass die Lehrer erstmalig auch konkretes Unterrichtsmaterial einsetzen, zum Beispiel den Stromkreis kann man mit ganz einfachen Materialien machen. Und die Kinder werden aktiv in den Unterricht eingebunden, werden ermutigt, Fragen zu stellen. Und dadurch wird erreicht, dass die Themen und das Wissen einfach viel stärker verinnerlicht wird, als wenn das in der traditionellen Form des Unterrichts stattfindet, dass nämlich der Lehrer doziert und die Kinder sind einfach Empfänger von Information.
    "Es wird sehr viel in Bildung investiert"
    Pfister: Das heißt, so war die Lehrerausbildung bislang, dass die Afghanen das ihren Lehrern beigebracht haben? Oder ist Lehrer in Afghanistan auch gar kein prestigeträchtiger Beruf, in den irgendwie viel investiert wird?
    Goepfert: Es wird sehr viel in Bildung investiert, denn es ist nicht nur so, dass bei der afghanischen Regierung das Thema Bildung ganz oben auf der Agenda steht, sondern es ist auch für die Menschen in Afghanistan einfach eine der ganz wenigen Möglichkeiten, die eigene Lebenssituation zu verbessern.
    Es ist im Prinzip für einen Lehrer viel einfacher zu unterrichten, als das woanders der Fall sein kann. Aber die brauchen Unterstützung, die Lehrer, und das macht die deutsche Regierung über die GIZ in Afghanistan. Und wir sind da eigentlich auf einem guten Weg.
    Wenn ein Kind jetzt vier Jahre zur Schule geht, kann dann immer noch nicht lesen und schreiben, das passiert durchaus. Dann sagen die Eltern irgendwann, ja, das macht ja gar keinen Sinn, dass das Kind zur Schule geht. Und wenn das Kind dann aber nach vier Jahren vielleicht mal – ein ganz einfaches Beispiel - den Eltern einen Beipackzettel von einer Medikamentenschachtel vorlesen kann, dann verstehen die Eltern schon durchaus, dass es Sinn macht, dass das Kind in die Schule geht und dass das Kind dadurch auch einen Mehrwert erhält.
    "Es ist nicht das Schulgebäude, es ist nicht die Klassenzimmerausstattung"
    Pfister: Warum haben Sie sich auf die Lehreraus- und -weiterbildung fokussiert? War das das Kernproblem des afghanischen Schulsystems?
    Goepfert: Das ist jetzt meine persönliche Meinung, es ist das Kernproblem, ja. Es ist nicht das Schulgebäude, es ist nicht die Klassenzimmerausstattung, es ist auch zu einem gewissen Grad nicht die Klassengröße, sondern entscheidend ist die Person, ist der Lehrer. Und dann kommt noch dazu, dass nach dem Fall gerade dann in 2001 – ich hatte Ihnen ja geschildert, dass eine Million Kinder in den Schulen war, schulpflichtig waren elf Millionen –, man hat versucht, möglichst schnell möglichst viele Kinder in die Schule zu bringen, hat dann in relativ kurzer Zeit es geschafft, dass sieben, acht oder heute neun Millionen Kinder in den Schulen sind.
    Aber um den Bedarf an Lehrern zu decken, hat man einfach viele Lehrer eingestellt, die nicht qualifiziert waren. Das sind auch heute noch etwa 50 Prozent. Und wir sind jetzt mit unserem Programm dabei, einen Diplomstudiengang für Grundschullehrer zu entwickeln. Den gibt es erstmalig seit 40 Jahren wieder in Afghanistan, das war bisher nicht der Fall.
    "Es gibt Gegenden, da können wir nicht hin"
    Pfister: Ist es denn für Kinder nicht viel zu gefährlich, zur Schule zu gehen? Wir hören ja viel über Einschüchterung, Taliban schüchtern Familien ein, Taliban schüchtern auch Entwicklungshelfer ein. Beeinflusst das nicht Ihre Arbeit und auch den Schulbesuch der Kinder?
    Goepfert: Es gibt Gegenden, da können wir nicht hin, das ist so. Aber es gibt viele Gegenden, da können wir hin. Und wir erfahren auch die notwendige Akzeptanz.
    Pfister: Es gibt keinen großen Einbruch bei den Bildungsfortschritten und auch bei Ihrer Bildungsarbeit, zum Beispiel durch den Abzug der Bundeswehr und die neue prekäre Sicherheitslage?
    Goepfert: Für uns kann ich das verneinen. Wir implementieren weiterhin so, wie wir das vorgesehen hatten. Wir haben ein bisschen restrukturiert, anstatt dass wir Mitarbeiter in die einzelnen Provinzen schicken, holen wir die Partner aus den Provinzen nach Masar-i-Scharif oder nach Kabul und implementieren da. Aber wir können weiterhin so implementieren, wie wir das einfach bisher gemacht haben.
    Pfister: Sagt Dieter Goepfert, Leiter des Bildungsprogramms der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Afghanistan. Ich danke Ihnen herzlich, Herr Goepfert!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.