Sonntag, 02. Oktober 2022

Afghanistan unter den Taliban
"Mädchen haben ihre Sportkleidung verbrannt"

Vor einem Jahr haben die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen. War es für Frauen und Mädchen schon vorher schwierig, Sport zu treiben, müssten sie nun mit Gefängnisstrafen und Steinigungen rechnen, sagte Journalist Tom Mustroph im Dlf. Dazu gebe es unaufgeklärte Missbrauchsvorwürfe.

Tom Mustroph im Gespräch mit Astrid Rawohl | 14.08.2022

Taliban-Kämpfer stehen Wache an einem Checkpoint in Kabul (AP Photo/Rahmat Gul)
Taliban-Kämpfer stehen Wache an einem Checkpoint in Kabul (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul)
Vor einem Jahr haben die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen und die Macht im Land übernommen. Seitdem bangen auch afghanische Sportlerinnen und Sportler um ihr Leben. Über sie gebe es nur rudimentäre Informationen, sagte DFL-Reporter Tom Mustroph, der Kontakt zu einigen Sportlerinnen und Sportlern hat, denen die Flucht aus Kabul gelungen ist.
"Das IOC selber spricht davon, für etwa 300 Sportlerinnen und Sportler Visa organisiert zu haben. Dabei sind allerdings auch einige Funktionäre. Kritiker sagen, mehr Funktionäre als Sportler", so Mustroph. "Mithilfe des Weltradsportverbandes UCI sind 125 Sportlerinnen und Sportlerrausgekommen. Aber auch da weiß man nicht genau, wie groß der Anteil der Funktionäre, Angehörige und Sportlerinnen und Sportler selbst ist."

Basketball-Mannschaften zahlen Albanien Gebühr

Die Basketball-Nationalmannschaften der Frauen und Männer halten sich laut Mustroph in Albanien auf und spielen dort auch Benefizspiele. "Was ist gehört habe ist allerdings, dass sie dort täglich eine Gebühr an den albanischen Staat zahlen müssen, damit sie weiter fort bleiben können." Die gesamte Frauenfußball-Nationalmannschaft sei in Australien. Einige Einzelsportlerinnen und -sportler sei auf Initiative der ehemaligen afghanischen Judoka und Olympia-Teilnehmerin Friba Razayee nach Kanada gekommen.
Für die Athletinnen und Athleten, die noch in Afghanistan sind, habe das IOC ein Hilfspaket aufgelegt, dass angeblich 2000 Sportlerinnen und Sportlern zugute kommen soll, berichtet Mustroph. "Wie die Situation da ist, ist aber schwierig einzuschätzen. Vor allen Dingen für Frauen und Mädchen ist es extrem schwierig, weil die Taliban Mädchen ja eigentlich den Sport verbieten. Wie man hört haben Mädchen ihre Sportkleidung versteckt oder verbrannt, weil sie befürchten, deswegen verurteilt zu werden. Das Recht der Taliban sieht vor, dass Frauen, die Sporttreiben, mit Gefängnisstrafen oder auch mit Auspeitschung oder Steinigung bestraft werden können. Die Angst ist groß."

Stipendien beste Hilfsmöglichkeit

Die beste Möglichkeit für den Westen zu helfen seien Stipendien für Universitäten, sagte Mustroph. "Weil über den Weg können Visa ausgestellt werden. Über den Weg können Sportlerinnen und Sportler offiziell ausreisen und können dann eben auch ihre sportlichen Aktivitäten weiterverfolgen, auch weiter studieren. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich um junge Leute handelt, die quasi die zukünftige Elite der Gesellschaft sind, wenn auch nicht unbedingt der Taliban-Gesellschaft. Aber Afghanistan ist größer als die Taliban und diese Menschen auf diese Art und Weise zu unterstützen, wäre sicher sinnvoll."
Doch auch schon vor dem Einmarsch der Taliban hätte es der Sport in Afghanistan schwer gehabt, sagte Mustroph. "Vor allen Dingen Frauen und Mädchen haben immer wieder darüber geklagt, dass sie sexuell missbraucht wurden. Dass es Übergriffe gab von Trainern, von Funktionären, von männlichen Sportlern. Das muss auf alle Fälle aufgeklärt werden. Wenn die Aktivistinnen, die diese Vorwürfe erheben, Recht haben, sind auch unter denen, die aus Aufghanistan ausgeflogen wurden, einige, die sich solcher Missbräuche schuldig gemacht haben."

Sportlerinnen meistens auch Aktivistinnen

In der Deutschlandfunk-Audiothek gibt es aktuell einen Podcast von Mustroph mit dem Titel "Flucht aus Afghanistan". Dort hat er Kontakt zu Aktivistinnen und Aktivisten, unter denen sich auch eine Radsportlerin befindet. "Es ist ein interessantes Zeichen dafür, dass vor allen Dingen Frauen, die in Afghanistan vor der Taliban Sport getrieben haben. meistens in Personalunion auch Menschenrechtsaktivistinnen waren. Weil Sport für Frauen auch vorher in Afghanistan sehr schwer war und die Frauen sich durchsetzen mussten und quasi im Rahmen der eigenen Sportausübung zur Frauenrechtlerin und Menschenrechtlerin wurden."