Samstag, 20.07.2019
 
Seit 13:10 Uhr Themen der Woche
StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Rückkehr zur Milchquote ist keine Lösung"31.08.2015

Agrarwirtschaft"Rückkehr zur Milchquote ist keine Lösung"

Der Berliner Agrarwissenschaftler Harald von Witzke hält die Diskussion um eine Wiedereinführung der Milchquote aufgrund des weltweiten Preisverfalls für den falschen Weg. Von einer Rückkehr halte er nichts, sagte er im Deutschlandfunk. Die Bauern müssten sich daran gewöhnen, dass sie jetzt für den Markt und nicht mehr für den Staat produzierten.

Harald von Witzke im Gespräch mit Birgid Becker

Kühe stehen auf einer Weide. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Agrarwissenschaftler Harald von Witzke: "Milchquote ist sicherlich keine Lösung." (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Mehr zum Thema

EU-Kommission Kein Comeback der Milchquote

Milchwirtschaft Von der Milchquote zur Freiluftmilch

Wegfall der Milchquote Zwischen Optimismus und Existenzangst

Birgid Becker: In Belgien, in Frankreich, in Großbritannien und auch hier protestieren Landwirte gegen den Preisverfall bei der Milch, und so weit immerhin sind sie schon: Am kommenden Montag wird es ein Sondertreffen der europäischen Agrarminister geben. Heute versuchten die zuständigen Ressortchefs aus Deutschland, Frankreich und Polen schon einmal ihre Positionen abzustimmen, was nicht ganz gelang.

Der deutsche, der französische und der polnische Landwirtschaftsminister versuchen, eine gemeinsame Position zu finden, um dem niedrigen Milchpreis zu begegnen. Mitgehört hat der Berliner Agrarwissenschaftler Harald von Witzke. Guten Tag.

Harald von Witzke: Guten Tag, Frau Becker.

Becker: Wir haben es gehört: Bauernverbände denken durchaus, dass eine Rückkehr zur Milchquote sinnvoll wäre. Frankreich scheint, dafür auch Sympathien zu haben. Was halten Sie davon?

von Witzke: Nichts. Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union ist im Zuge mehrerer Reformen liberalisiert worden. Das war eine wichtige und richtige Grundentscheidung.

Die Bauern produzieren heute auf fast allen Märkten zu Marktpreisen für den Markt und nicht mehr für den Staat und zu staatlich gestützten Mindestpreisen.

Es gibt zwei Ausnahmen: Zucker und Milch. Hier müssen sich die Bauern erst daran gewöhnen, dass sie jetzt zu Marktpreisen produzieren, und diese Marktpreise können im Zeitablauf teils erheblich schwanken. Das ist ja ein Charakteristikum der Agrarmärkte, dass kurzfristig sehr starke Preisschwankungen auftreten können.

Ich erinnere mal an die Schweinebauern. Die sind seit Jahrzehnten an schwankende Preise gewöhnt und sind damit sehr erfolgreich gefahren.

Becker: Dann teilen Sie die Kritik der Milchbauern nicht, die ja gar nicht von kurzfristigen Schwankungen ausgehen, sondern jetzt sagen, dass es Schwankungen sind, die sie an den Rand ihrer Existenz bringen.

von Witzke: Die deutsche Milchproduktion ist im Prinzip wettbewerbsfähig. Die Märkte wachsen weltweit, weil die Bevölkerung rasch wächst und weil der Pro-Kopf-Verbrauch in den Entwicklungs- und Schwellenländern ebenfalls rasch wächst. Der langfristige Trend sinkender Agrarpreise, den wir auch als fremdwirtschaftliche Tretmühle bezeichnen und der die Landwirtschaft wirklich 100 Jahre lang geplagt hat, dieser ist zu Ende gegangen. Seit der Jahrtausendwende steigen die Preise tendenziell mit starken Schwankungen, und diese Tendenz wird sich fortsetzen.

Es gibt Vorausschätzungen über die Entwicklung der Preise tierischer Produkte über einen Zehn-jahres-Zeitraum mit im Durchschnitt vier bis fünf Prozent. Das sind doch sehr positive Aussichten für die Landwirtschaft auch in der Europäischen Union.
Eine Rückkehr zur Quote ist sicherlich keine Lösung, denn die Quote war genau das, was die Entwicklung wettbewerbsfähiger Betriebe erschwert hat. Denn die Bauern, die wachsen wollten, die mehr produzieren wollten, mussten nicht nur Investitionen finanzieren und die neue Herde finanzieren, sie mussten auch noch Quoten zukaufen. Wir sind jetzt deutlich flexibler und das ist eine Errungenschaft, die sollten wir nicht aufgeben.

"Es geht nicht um Überschüsse"

Becker: Dann geht es Ihnen im Kern auch gar nicht darum, dass die Überschüsse sinken, dass letzten Endes weniger produziert werden muss?

von Witzke: Es geht nicht um Überschüsse, sondern es geht darum, dass für den Markt produziert wird, und der Markt zeichnet sich durch starke Preisschwankungen aus. Das ist in der Landwirtschaft so, weil kurzfristig Nachfrage und Angebot nicht sehr stark reagieren, wenn es mal zu Änderungen in der Nachfrage oder im Angebot kommt.

Liquiditätshilfen übergangsweise vorstellbar

Becker: Zur Problemlage jetzt: Zumindest momentan eine zu hohe Milchmenge, dann weniger Nachfrage aus China, dann das russische Einfuhrverbot. Das sind ja Faktoren, die man (zumindest die letzteren beiden) nicht als alltägliches Marktgeschehen definieren kann. Was wiegt besonders schwer und ist denn nicht mit Blick auf solche besonderen Einflüsse doch eine politische Intervention sinnvoll?

von Witzke: Solche Kombinationen haben wir immer wieder. Das geht ja nicht nur in die Richtung nach unten, sondern ging 2007/2008, 2010/2011 in die Richtung nach oben, dass mehrere Faktoren zusammengekommen waren, die dann zu sehr hohen Preisen geführt haben.

Wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Wir haben es mit einer Phase längerfristig steigender Agrarpreise zu tun. Wir müssen sicherlich berücksichtigen, dass es Liquiditätsprobleme geben kann bei dem einen oder anderen Betrieb jetzt in der Übergangsphase. Deshalb kann man sich irgendwelche Liquiditätshilfen vorstellen, aber als Übergangsmaßnahme, weil die Betriebe sich erst an den Markt gewöhnen müssen.

Becker: Und die längerfristige Perspektive von steigenden Preisen, wann ist dann längerfristig im Kalender?

von Witzke: Über zehn Jahre vier bis fünf Prozent, schätzen die meisten Voraussagen über die Preisentwicklung.

Becker: Nun sind zehn Jahre ja für einen Betrieb eine sehr, sehr lange Zeit. Vor dem Hintergrund des Gedankens, dass man kurzfristig intervenieren müsste, zum Beispiel an steuerliche Erleichterungen denkt, an frühere Auszahlungen von Agrarsubventionen, sind das Wege, auf denen Sie mitgehen können?

von Witzke: Das sind sicherlich Liquiditätshilfen, die man sich vorstellen kann in dieser Übergangsphase von der starren Preispolitik hin zu einer liberalen Milchmarktpolitik. Längerfristig halte ich davon aber auch nichts.

"Sicherlich ist es eine Krise"

Becker: Wenn nun gesagt wird, es handelt sich im Moment um eine Krise für die Milchbauern, teilen Sie diesen Begriff, oder wird da dramatisiert?

von Witzke: Sicherlich ist es eine Krise. Es ist nicht angenehm für die Produzenten, denn sie haben ja die Ausgaben fürs Futtermittel, für das Personal und ähnliche Dinge. Die müssen sie bezahlen und der Milchauszahlungspreis erlaubt es ihnen nicht. Deshalb sage ich ja: In dieser Übergangsphase zu einem freien Markt im Milchbereich kann man sich Liquiditätshilfen vorstellen, etwa das schnellere Auszahlen der Direktzahlung oder ähnliche Dinge.

"Rückkehr zur Quotenregelung ist nicht sinnvoll"

Becker: Kurz zum Schluss noch. Wir haben es erwähnt: Am kommenden Montag soll es ein Sondertreffen der EU-Agrarminister geben. Landwirte haben ja durchaus ihre Lobby. Wie könnte das ablaufen?

von Witzke: Ich vermute mal, dass man sich, wenn überhaupt, auf kurzfristige Maßnahmen einigen kann, und das wäre auch vertretbar.
Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, zu der Quotenregelung zurückzugehen, denn eine solche Quotenregelung müsste durch außenhandelspolitische Maßnahmen ergänzt werden. Denn wenn wir die Produktion zurückfahren, dann könnte es durchaus sein, dass ausländische Produzenten, Nicht-EU-Produzenten uns einen Teil des Marktes wegnehmen und damit nichts gewonnen wäre. Und diese außenhandelspolitischen Maßnahmen sind mit Buchstaben beziehungsweise Geist der neuen WTO-Regeln für den Agrarmarkt einfach nicht vereinbar.

Becker: Danke! - Harald von Witzke war das, Agrarwissenschaftler an der HU Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk