Sonntag, 20.01.2019
 
Seit 13:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteCampus & KarriereLähmende Angst an türkischen Universitäten08.01.2019

Akademiker unter DruckLähmende Angst an türkischen Universitäten

Reisepass entzogen, Rente verloren - und vor allem keine Arbeit mehr: Viele Akademiker in der Türkei sind in einer schwierigen Lage. Nach dem Putschversuch 2016 wurden Tausende von ihnen entlassen. Als Staatsfeinde gebrandmarkt finden betroffene Wissenschaftler nur schwer eine neue Arbeit.

Von Susanne Güsten

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Wegweiser zur Universität und zum Universitätsklinikum in Istanbul, aufgenommen am 31.12.2006. (dpa/Lars Halbauer)
Die vermeintliche ideologische Nähe zu Fethullah Gülen ist an türkischen Universitäten häufigster Grund für eine Entlassung (dpa/Lars Halbauer)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Das Leben der Kreativen in der Türkei Erlaubt ist, was gefällt?

Konferenz in Berlin Förderung für bedrohte Wissenschaftler

Freiheit der Wissenschaft Türkische Akademiker suchen Exil in Deutschland

Germanistin Dilek Dizdar: "Das Leben der Wissenschaftler hat sich maßgeblich verändert"

Mehr als 6.000 Akademiker sind in der Türkei in den letzten zweieinhalb Jahren auf die Straße gesetzt worden, hunderte wurden vor Gericht gestellt. Per Dekret ordnete die Regierung nach dem Putschversuch im Sommer 2016 wahre Massenentlassungen von Professoren und Dozenten an, gut ein Dutzend Universitäten wurden zudem komplett geschlossen. Den meisten entlassenen Akademikern wird ideologische Nähe zur Bewegung des Erdogan-Rivalen Fethullah Gülen vorgeworfen, ohne dass dies im Einzelfall belegt wurde - mitunter reichte schon ein Konto bei der falschen Bank für die Entlassung.

Entlassen - und vor Gericht gestellt

Ein Einspruch bei der Hochschule ist nicht möglich, und auch gerichtlich sind die Entlassungen nicht anfechtbar. Die Betroffenen haben ihre Rentenansprüche verloren und dürfen nie wieder im staatlichen Sektor beschäftigt werden. Auch im privaten Sektor finden sie nur schwer neue Arbeit, weil sie als Staatsfeinde gebrandmarkt sind: Ihre namentliche Nennung in den Entlassungsdekreten ist im Staatsanzeiger nachlesbar.

Vielen ist zudem der Pass entzogen worden, so dass sie das Land nicht verlassen können. Hunderte Akademiker wurden außerdem gefeuert und vor Gericht gestellt, weil sie in einem Friedensappell die Kurdenpolitik der Regierung kritisiert hatten. Viele wurden bereits verurteilt, andere Prozesse laufen noch. Wegen angeblicher Terrorpropaganda kamen letztes Jahr auch Dutzende Studenten in Haft.

Selbstzensur und zunehmende Isolation

Über den türkischen Universitäten liegt inzwischen eine lähmende Angst, die zur verbreiteten Selbstzensur führt. Immer öfter bleiben die Plätze türkischer Wissenschaftler bei internationalen Tagungen leer, weil sie keine Genehmigung zur Ausreise bekommen haben oder weil sie es nicht mehr wagen, sich an kritischen Diskussionen zu beteiligen. Die türkische Regierung stellte kürzlich finanzielle Anreize für rückkehrwillige Akademiker in Aussicht, um den Braindrain zu stoppen, doch ohne Schutz vor Verfolgung dürfte das Angebot wenige Abnehmer finden. Türkische Akademiker im Ausland berichten, dass sie von daheim gebliebenen Kollegen und Studenten angefleht werden, ihnen zu einer Stelle außerhalb der Türkei zu verhelfen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk