Dienstag, 09. August 2022

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Aktionstheater um Stuttgart 21

Volker Lösch ist fest davon überzeugt, dass das Projekt Stuttgart21 nicht umgesetzt wird. Der Widerstand gegen das Bauvorhaben sei "zu groß und zu flächendeckend".

Volker Lösch im Gespräch mit Mascha Drost | 06.08.2010

    Mascha Drost: Ein Gegner dieses Projektes ist der Regisseur Volker Lösch. Er ist bekannt durch Inszenierungen, in denen er mit Laiensprechchören arbeitet, und auch jetzt hat er einen Chor gegründet, einen Bürgerchor, der schon einen ersten Auftritt hatte bei einer der Demonstrationen. Volker Lösch, was kann ein solcher Bürgerchor ausrichten gegen politisch festgefahrene Entscheidungen?

    Volker Lösch: Ja, er kann zunächst mal eine Sammlung bewirken von Kräften – also da finden sich Leute aus allen Altersschichten, aus allen sozialen Schichten wieder, die ihre Gedanken bündeln und die öffentlich vortragen können, also ist eine Frage von Intensivierung eines Dialogs, der innerhalb der Gegner von "Stuttgart 21" stattfindet, und das sind ja immerhin jetzt fast 70 Prozent hier in der Stadt.

    Drost: Was bekommen die Stuttgarter denn vom Bürgerchor zu hören: Auf der Schwäbsche Eisenbahn?

    Lösch: Auf der Schwäbsche Eisenbahn wäre ja ein Gesangschor, wir machen ja Sprechchöre oder arbeiten mit Sprechchören. Man kann eben mit einem Sprechchor, das ist ja das Schöne, alles Mögliche umsetzen, da geht es um literarische Texte, die sich im weitesten Sinne mit diesem skandalösen Gebaren hier der Projektplaner auseinandersetzt.

    Drost: Was sind das für Texte zum Beispiel?

    Lösch: Das sind Texte zum Beispiel aus einer Rede von Jean Paul Marat, die er im Nationalkonvent vier Jahre nach der Französischen Revolution gehalten hat, ist zum Beispiel eine Rede, die assoziativ passt zu der Situation hier, die dann wiederum angefüllt wird mit Statements von "Stuttgart 21"-Gegnern. Also da wird unheimlich viel geschrieben derzeit, auch im Internet kursiert da extrem viel, also die Leute haben großes Bedürfnis derzeit sich zu artikulieren. Und das ist dann teilweise sehr persönlich und teilweise auch sehr informativ, und man kann sich mit einer Anzeige auseinandersetzen, die derzeit gegen Leute aus der Politik und aus Wirtschaft mehrfach bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart eingereicht wurde wegen Untreue und Veruntreuung von öffentlichen Geldern. All das kann man sprechen, dem sind eigentlich gar keine Grenzen gesetzt, also man auch ganz kurze Flashmobs einsetzen. Ich habe das initiiert und mit denen begonnen, die arbeiten jetzt auch teilweise selbstständig weiter.

    Drost: Und das Engagement der Kunstszene, beschränkt sich das auf Leute wie Sie, für die Kunst und Theater ohne die Verbindung zur Realität ohnehin nicht existiert, oder verlassen da auch andere vielleicht mal den Elfenbeinturm und gehen auf die Straße?

    Lösch: Ja, nicht so viele, was ich mitbekommen habe. Also aus der Offszene mehr Leute als aus der Staatstheaterszene, da halten sich die Leute sehr zurück.

    Drost: Woran liegt das?

    Lösch: Das weiß ich nicht. Also ich denke, das ist das alte Lied. Man beschäftigt sich mit dem, was man so im Theater macht, aber das ist ja jetzt nichts Spezifisches von Stuttgart, sondern das ist ja die grundsätzliche Situation von Künstlern, glaube ich. Die Wenigsten haben Lust, sich in konkrete Dinge einzumischen. Es ist ja auch immer umweht dann oder umgeben von diesem Anrüchigen, das ist mir nicht künstlerisch wertvoll genug, das hat keine Ästhetik, ich bin doch ein Künstler, ich muss mich doch in abgewandelter, verfremdeter Form mit diesen Dingen auseinandersetzen. Und all diese Dinge, die man dann so auch vorschiebt, um da dann nicht tätig zu werden. Walter Sittler, der Schauspieler, macht viel mit mir zusammen jetzt konkret hier in der Stadt, das ist jemand, der sich sehr engagiert hier gegen "Stuttgart 21", und ansonsten, finde ich, halten sich die Künstler auffallend zurück hier.

    Drost: Glauben Sie denn daran, noch etwas zu erreichen? Immerhin, die Bauzäune sind schon aufgestellt.

    Lösch: Ja, ich bin mir ganz sicher, dass wir was erreichen. Also Cem Özdemir hat das am Montag eindrucksvoll beschrieben, also wenn alle, die gegen Atomkraftwerke demonstriert hätten, zu Hause geblieben wären, wenn Bauzäune aufgestellt worden wären, dann gäbe es jetzt keinen Atomausstieg und keine Debatte um Atomausstieg. Also man kann, glaube ich, bis zu dem Punkt, bis zu dem wirklich ein Riesenloch gegraben wird und alle Bäume gefällt sind, natürlich noch was ausrichten und muss es auch, denke ich. Also ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Vorhaben nicht umgesetzt wird, der Widerstand ist zu groß und zu flächendeckend in Stuttgart.

    Drost: Aber hätte man sich nicht auch früher engagieren können? In dem Beitrag, den wir eben gehört haben, da war ja schon die Rede davon, jahrzehntelang hat der Bahnhof vor sich hingegammelt und niemand hat sich darum geschert.

    Lösch: Nein, das ist nicht richtig. Das ist also eine Falschdarstellung. Die Macher von "Stuttgart 21" haben ja selber große Pausen eingelegt in ihren Vorhaben, also da gab es ja auch bei der Bahn große Kontroversen. Von Chef zu Chef wurde das Thema unterschiedlich behandelt, und es gab richtige Lücken in den letzten 15 Jahren, in denen dieses Thema gar nicht mehr hochkam und gar nicht weiterdiskutiert wurde. Dann wurden bestimmte Gutachten absichtlich nicht preisgegeben, es wurden Dinge dem Gemeinderat vorenthalten – die wichtigste Studie, die das Ganze sehr stark infrage stellt, die schon vor zwei Jahren in Auftrag gegeben wurde und danach dann 2009 rauskam, ist jetzt erst aufgetaucht, und das ist natürlich eine Täuschung der Öffentlichkeit und auch eine Täuschung der Politiker, die darüber befunden haben, dass das Ganze gebaut werden soll. Und dagegen gehen jetzt Tausende auf die Straße.

    Drost: Und den Bürgerchor unter der Leitung von Volker Lösch können Sie morgen hören in Stuttgart bei einer der Demonstrationen.