Montag, 06. Februar 2023

Archiv


"Oben bleiben"

"Ein unsinniges und überteuertes Projekt" - in Stuttgart regt sich immer stärkerer Bürgerprotest gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Zahlreiche Künstler und Kulturschaffende haben sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt.

Von Karin Gramling | 08.08.2010

    "Hiermit erstatte ich Strafanzeige wegen Untreue gegen Wolfgang Schuster, Oberbürgermeister"

    Theaterregisseur Volker Lösch steht vor der Bühne und dirigiert den Bürgerchor gegen Stuttgart 21. Laienchöre setzt er sonst vor allem in seinen Theaterstücken ein. Aber seit einigen Wochen dirigiert er sie vor allem auf den Kundgebungen gegen das milliardenschwere Bahnprojekt. Dem Protest der Stuttgarter Bürger verleiht er so eine besondere Stimme. Er gehört zu den prominentesten Köpfen, die sich gegen Stuttgart 21 engagieren. Gemeinsam mit dem Schauspieler Walter Sittler:

    "Wir versprechen uns davon, dass ein offensichtlich unserer Meinung nach, nicht notwendiges, unsinniges und überteuertes Projekt, nicht gemacht wird. Und dass die Stadt Stuttgart und das Land das Geld, was sie dann nicht dafür ausgeben müssen, wenigstens zum Teil in die Stadt und das Land zurückgeben, wo gespart wird an Stellen, die sehr schmerzhaft sind für alle Beteiligten, dass man nicht ein weiteres Kulturdenkmal in Stuttgart opfert. Für ein Projekt was in einer Zeit entstand, als man dachte uns gehört die Welt."

    Der Abriss der denkmalgeschützten Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs steht wohl kurz bevor. Gerichtlich ist er bereits genehmigt, der Bauzaun steht seit wenigen Tagen. Doch zahlreiche bekannte Architekten und Kunsthistoriker fordern weiter unverdrossen den Erhalt. Sie wollen den Bau des Architekten Paul Bonatz aus den 1920er Jahren vollständig als Kulturdenkmal bewahren. In einer Stadt, in der viele historische Bauten im Krieg zerstört wurden und in der zahlreiche Bausünden begangen wurden. Mit Stuttgart 21 soll zudem ein neuer ebenfalls umstrittener Stadtteil entstehen, auch das treibt den Architekten Roland Ostertag um:

    "Ich bin der Meinung der Bahnhof ist nur ein Stück unter anderen, sondern so diesen ganzen nördlichen Stadtbereich, ich habe kürzlich gesagt, das ist auch ein Stück der Seele, der Stadt Stuttgart, die da in Frage gestellt wird."

    "Oben bleiben, Oben bleiben, oben bleiben…"

    Oben bleiben soll er deshalb der Bahnhof und nicht unter die Erde gelegt werden. So fordern es Tausende an diesem Abend. Rentner, Hausfrauen, Lehrer, Schüler, Alt68er, Umwelt und Denkmalschützer, Angestellte. Mit dabei immer mehr Künstler und Kulturschaffende – viele treten regelmäßig bei den Kundgebungen auf. Sie halten Reden, spielen Hip-Hop oder klassische Musik. Protestieren mit Slam-Poetry, genauso wie mit kleinen Lesungen – wie kürzlich der Autor Heinrich Steinfest, der gerade an einem Krimi über Stuttgart 21 schreibt. Der Leiter des württembergischen Kunstvereins Hans Christ, sieht ihre Rolle so:

    "Insofern ist es eigentlich überdeutlich, sie bringen die Kreativität, sie bringen aber auch etwas, was Kultur sowieso leistet, sie bringen den gesellschaftlichen Kitt, das heißt sie stellen eine Verbindung her, zwischen den unterschiedlichen Generationen, zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Das ist ein ganz angestammter Platz von Kultur innerhalb der Gesellschaft."

    Auch wenn das Projekt Stuttgart 21 demokratisch abgesegnet wurde, fordern die Gegner jetzt wiederholt einen Bürgerentscheid in letzter Minute. Denn das Großprojekt Stuttgart 21 droht die Stadt zu spalten. Das ist auch eine Frage der politischen Kultur, betont auch Hans Christ.

    "Das wir natürlich schon merken, das sich die repräsentative Demokratie, sich auch selber isoliert hat, indem es sich in der Repräsentation ausschließlich in der politischen und wirtschaftlichen Lobby wiederfindet, und das sind wieder elementare Fragen, die zurückwirken welche Kultur bekommen wir und welche hätten wir gern, um diese Sachen geht’s hier auch. Also bei Stuttgart 21, es geht nicht nur um den Bahnhof, sondern es geht tatsächlich darum, wie ne Gesamtstadt entwickelt wird."