Aktuelle politische Bildbände164 Präsidenten, zwölf Geflüchtete und die stolzen Briten

Bildbände werden oft als "Coffeetable Book" auf schön anzusehende Unterhaltung reduziert. Anspruchsvolle Fotobände wollen mehr sein. Zum Glück: Gerade sind drei Bücher dieser Gattung erschienen, die sich mit ganz aktuellen politischen Themen befassen.

Von Stefan Koldehoff | 20.01.2021

Foto von einem Handy am Fenster aus der Serie „Holzbachtal, nothing, nothing“ von Sibylle Fendt
Dieses Foto von Sibylle Fendt ist entstanden, als sie zwölf aus ihrer Heimat geflüchteten Männer mit der Kamera begleitet hat (Sibylle Fendt/Ostkreuz)
Die Darstellung des US-Präsidenten in Film und Fernsehen ist das Thema eines hoch amüsanten Bildbandes, den die Grafikdesignerin Lea Michel herausgegeben hat. Die Dozentin an der Zürcher Universität der Künste hat in unzähligen Produktionen insgesamt 164 fiktive Präsidenten – und sogar einige wenige Präsidentinnen – gefunden und nach bestimmten, stereoptypen Situationen gesucht, in denen sie immer wieder dargestellt wurden: im Flugzeug und im privaten Badezimmer, bei der Umarmung mit der Ehefrau und beim Kuss mit der Geliebten, beim Blick in den Spiegel, am Schreibtisch im Oval Office und beim Verlassen der Regierungsmaschine "Air Force One".
Entstanden ist auf diese Weise eine Typologie in 240 Kategorien mit insgesamt 1877 Aufnahmen, die vor allem zwei Schlüsse zulassen: Wohl kein Amt auf der Welt unterliegt so vielen Klischeevorstellungen wie das des US-Präsidenten. Und: Der gerade abgewählte, scheidende Amtsinhaber Donald Trump scheint Hollywood nicht nur zum Vorbild seiner Amtsführung gemacht zu haben – er hat selbst die übertriebensten Darstellungen noch übertroffen.

Asyl in der Einöde

In einer völlig anderen Welt sind die Aufnahmen der Fotografin Sibylle Fendt entstanden. Sie hat eine Zeitlang die letzten zwölf aus ihrer Heimat geflüchteten Männer mit der Kamera begleitet, die in einer ehemaligen Pension in einem völlig abgelegenen Tal im Schwarzwald untergebracht waren. Ihre nur von einem ganz knappen Text begleiteten Aufnahmen zeigen Menschen, die fast ohne Kontakt zu ihrer neuen Umwelt völlig auf sich selbst zurückgeworfen sind. Einzig das Mobiltelefon stellt die Verbindung zur Welt jenseits des heruntergekommenen, inzwischen aufgelösten Quartiers dar. Der Umgang einer reichen Gesellschaft mit geflüchteten Menschen ist das Thema dieses Bildbandes, der ganz ohne moralisierende Elendsbilder oder den erhobenen Zeigefinger auskommt. Die Normalität des eigentlich Unfassbaren macht ihre Kraft aus.

Gespaltenes Land

Der in Bremen lehrende Fotograf Peter Bialobrzeski ist berühmt für seine Darstellung wachsender und meist menschenleerer Megacities auf der ganzen Welt. Kurz vor dem Brexit hat er nun mit "Give my regards to Elizabeth" seinen ersten, in nur einem handgebundenen Exemplar veröffentlichten Bildband in der originalen Aufmachung neu herausgegeben. Anfang der 1990er-Jahre kam er als Stipendiat nach Großbritannien und traf dort auf eine durch Thatchers neoliberale Politik tief gespaltenes Land. Er fotografierte mit großartigem Blick für Ausschnitt und Moment jugendliche Reiter, an denen eine tief gebeugte alte Frau vorübergeht, arbeitslose Jugendliche und junge Mütter mit Kindern auf dem Arm in ärmlichen Wohngegenden, Damen beim Pferderennen und auf Cocktailparties. Bialobrzeskis 30 Jahre altes Buch ist heute eine brennend aktuelle Hommage an ein großes, schönes, manchmal etwas verschrobenes Land, das natürlich immer zu Europa gehört hat und immer gehören wird. Was damals vor allem für die jungen Menschen die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit war, könnte ihnen heute wieder durch den Brexit drohen.
Zur Corona-Pandemie übrigens sind bislang nur wenige Bildbände erschienen. Jener des Hamburger Fotografen Tim Oehler zum Beispiel, der in melancholischen Aufnahmen die menschenleeren Straßen seiner Heimatstadt eingefangen hat – Aufnahmen, die noch vor einem Jahr nicht hätten entstehen können.
Lea N. Michel: "The President of the United States on Screen. 164 Presidents, 1877 Illustrations, 240 Categories"
Herausgegeben von Ludovic Balland und Julia Blume
Mit einem Beitrag von Teresa Rudolf
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich. 464 Seiten, 38 Euro.
Peter Bialobrzeski: "Give my Regards to Elizabeth"
48 Abbildungen in Farbe
Texte von Mick Brown und Peter Bialobrzeski
Verlag Hartmann Books, Stuttgart. 96 Seiten, 34 Euro.
Sibylle Fendt: "Holzbachtal, nothing, nothing"
78 Farbabbildungen
Kehrer Verlag, Heidelberg. 168 Seiten, 38 Euro.
Tim Oehler: "Corona Nights Hamburg"
Junius Verlag, Hamburg. 208 Seiten, 39,90 Euro.