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StartseiteCorsoGroßer Verstörer mit kleinem Lächeln24.04.2020

Al Pacino wird 80Großer Verstörer mit kleinem Lächeln

80 Jahre alt wird der große, aus New York stammende Schauspieler Al Pacino am Samstag. Nach seinem Auftritt im ersten Teil des „Paten“ ein Weltstar, der auf eine 50-jährige Karriere zurückblicken kann - und immer noch weiter und weiter spielt.

Von Hartwig Tegeler

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Al Pacino im Anzug bei einem Interviewtermin (www.imago-images.de (Armando Gallo))
Al Pacino wird 80 Jahre (www.imago-images.de (Armando Gallo))
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Seine Spezialität: Mafioso

Der Film, mit dem er zum Weltstar wurde 1972, beruhte auf einem Missverständnis. Produzent Robert Evans hielt – im Gegensatz zu Regisseur Coppola - die Besetzung des Michael Corleone mit Al Pacino für einen Fehlgriff. Zwei Filme hatte der Schauspieler bis dahin nur vorzuweisen: 1969 "Ich, Natalie" und zwei Jahre später "Panik im Needle Park".

Während der Dreharbeiten zum "Paten" stand ein Ersatz-Schauspieler immer bereit. Aber als die Szene im Kasten war, in der Pacino den Mafia-Konkurrenten im Restaurant tötet, waren alle Zweifel ausgeräumt, dass dies der richtige Schauspieler war für diese Höllenfahrt eines Mafioso, der am Ende gar seinen Bruder tötet:

"Fredo, du bist nichts wert. Du existierst nicht mehr für mich. Ich will dich in den Hotels nicht mehr sehen. Und auch nicht mehr in meinem Haus. Hast du mich verstanden?"

"Bigger than life"

Der damals 32-jährige New Yorker, Al Pacino, wurde mit "Der Pate" berühmt. Es folgte eine Karriere, die immer noch andauert. Die Geheimnisse seiner Kunst, seiner Schauspielkunst? Das bedeutet, sagt Al Pacino ...

"To move on from a life you know to a life you may not know. And find out about it."

... von deinem eigenem Leben in eines treten, das du möglicherweise nicht kennst. Und das Gefühl zu bekommen, mit etwas verbunden zu sein, das größer ist als dein Leben.

"And get a sense that you involved in something that is bigger than your life."

Schauspielkunst, Film, Kino: "bigger than life". Al Pacino wurde zu einem der wichtigsten Charakterdarsteller seiner Generation – übrigens auch im Theater, auf dessen Bühnen er auch noch spielte, als er schon Kino-Star war.

Alle wollten mit ihm arbeiten

Die Arbeit mit William Friedkin, Sidney Lumet, Sydney Pollack, Norman Jewison oder Brian de Palma oder einem der anderen großen Regisseure der 1970er-, 80er- oder 90er-Jahre – alle wollten sie mit ihm arbeiten – brachte große, komplexe Figuren auf die Leinwand. Und doch gab es einen Wermutstropfen, den weniger das Publikum, aber die Kritik interessierte: Al Pacino verfiel immer mehr in ein exaltiertes Spiel. Drehte unheimlich auf. Betrieb Overacting. Das war in Brian de Palmas Gangsterepos "Scarface" so, in Michael Manns "Heat" und lief quasi aus dem Ruder in Taylor Hackfords Mystery-Thriller "Im Auftrag des Teufels". Al Pacino wirkte wie auf Speed.

Doch spätestens "Engel in Amerika" gewinnt der Charakter der Figur in Al Pacinos Spiel wieder die Überhand vor der durchgedrehten Dynamik. Manchmal sind es eben die wie zufällig in der Erinnerung aufflackernden Momente eines Films - sehr subjektiv erinnert -, durch die sich die ganze Wucht eines Schauspielers vermittelt. Beispiel: die Szene, in der Al Pacino in "Engel in Amerika" als Roy Cohn bei seinem Arzt die tödliche Diagnose erhält. Mike Nichols Miniserie von 2003 handelt vom Aufkommen von AIDS und der Reagan-Ära. Im Mittelpunkt der Anwalt Cohn, ehemaliger Mitarbeiter von Joe McCarthy, schwuler Schwulenhasser und AIDS-krank.

Große Kinofiguren mit minimalistischen Mitteln schaffen

"Roy Cohn ist ein heterosexueller Mann, Henry, der mit Kerlen vögelt."
"Okay, Roy!"
"Und wie lautet meine Diagnose, Henry?"
"Sie haben AIDS, Roy!"
"Nein, Roy! Ich habe Leberkrebs."

Wenn Roy Cohn mit seinem Arzt über Macht und Sex diskutiert, lächelt Al Pacino die ganze Zeit. Aber dieses Lächeln lässt uns erstarren, weil in ihm skrupellose Macht wie bei Michael Corleone im "Paten" aufscheint, die darin besteht, Realität zu definieren. In "Engel in Amerika" ist Al Pacino wieder ganz am Kern seiner Kunst, die große Kinofiguren mit minimalistischen Mitteln erschafft, die aber eine verstörende Wirkung entfachen. Dieser grandiose Schauspieler kann, nur auf einem Stuhl, an einem Tisch sitzend ein ganzes Epos über einen Menschen erzählen. 

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