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StartseiteBüchermarktIm Wandel unruhiger Zeiten19.09.2019

Alain C. Sulzer: "Unhaltbare Zustände"Im Wandel unruhiger Zeiten

Man schreibt das Jahr 1968. Die studentische Jugend rebelliert. Die Revolte mit ihrer radikalen Negation überkommender Traditionen erreicht in Alain Claude Sulzers Roman auch die Provinz. Ein alternder Schaufensterdekorateur versteht die Welt nicht mehr und gerät in eine veritable Identitätskrise.

Von Martin Grzimek

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Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer bei der Frankfurter Buchmesse 2012 (imago / Sven Simon)
Tradition gegen Rebellion - Sulzers grotesk-komischer Roman (imago / Sven Simon)
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Alain Claude Sulzer: "Die Jugend ist ein fremdes Land" Erinnerungsblitze aus der Vergangenheit

Alain Claude Sulzer über "Die Jugend ist ein fremdes Land" Das echte Leben in Worte gefasst

"Unhaltbare Zustände" – so heißt der neue Roman des Schweizer Schriftstellers und Essayisten Alain Claude Sulzer. Schon der Titel deutet auf die unruhigen Zeiten hin, in denen die Handlung spielt. Es geht historisch gesehen um das Jahr 1968 und die Ausläufer der Studentenbewegung, die auch in der abgelegenen Schweizer Kantonshauptstadt Bern zu spüren sind. Sulzer führt uns dieses Jahr der Umbrüche in einer eigenwilligen Perspektive vor Augen führt. Denn die Hauptfigur ist nicht etwa ein junger Revolutionär sondern ein 58-jähriger Mann namens Stettler. Er stellt den Prototyp eines Schweizer Bürgers dar, dessen konservativen und engstirnigen Charakter der Autor bis ins kleinste Detail nuanciert nachzeichnet. Interessant wird Stettler allerdings erst durch seinen Beruf. Er arbeitet nämlich seit Jahrzehnten als Chefdekorateur des großen Kaufhauses Quatre Saisons im Zentrum der Stadt und ist ein Künstler seines Fachs. Allvierteljährlich warten die Kunden zu Beginn einer neuen Jahreszeit auf die einer Theaterkulisse ähnlichen Dekoration der sieben Schaufenster des schon seit der Jahrhundertwende bestehenden Warenhauses. Besonders beliebt sind Stettlers Weihnachtsbilder. Wenn jeweils "am ersten Mittwoch" im Dezember die Schaufensterscheiben von der Verhängung befreit werden, geht ein bewunderndes Ach und Oh durch die Zuschauermenge. Denn was da zu sehen ist, sind Bilder wie aus einem Märchenparadies.

"Die spiegelnde Eisfläche, auf der drei kleine Mädchen auf Schlittschuhen dahinglitten, der Heuhaufen, auf dem eine Katze lag, die mit einem Garnknäuel spielte, die herbstlich gefärbten Ahornblätter, die den Boden des Schaufensters bedeckten, über dem ein bunter Reigen von Schals und Handschuhen an unsichtbaren Fäden schwebte."

Schaufenster in die Vergangenheit

Der Junggeselle Stettler, der seit dem Tod der Mutter noch immer in deren bescheidener Wohnung lebt, geht aber nicht nur in der Ausschmückung illusionärer Räume auf, sondern auch in den Sphären klassischer Musik. Geradezu vernarrt ist er in die Konzerte der Pianistin Lotte Zerbst, deren Aufnahmen er in seinen freien Abendstunden am Radioapparat lauscht. Lotte ist die zweite Hauptfigur des Romans, auch wenn sie in den für sie reservierten Kapiteln weniger intensiv beschrieben wird als Stettler. Sie bietet Sulzer aber die Gelegenheit, tiefer in das Repertoire der Vergangenheit zu greifen und den historischen Raum seines Romans zu vergrößern, da der Höhepunkt von Lottes Künstlerleben in die 1920er-Jahre fällt, als sie Schülerin eines damals berühmten Pianisten war. Zum anderen eröffnet dem Autor diese Figur die Möglichkeit, eines seiner Lieblingsthemen zur Sprache zu bringen: die Musik. So etwa, wenn er Stettler einem Klavierstück von Maurice Ravel zuhören lässt:

"Was die Pianistin – Lotte Zerbst – aus den Noten zauberte, verwandelte sich auf der Stelle in Bilder. Stettler glaubte, die Wassertropfen und Rinnsale, die den erhitzten Körper erfrischten, auf seiner Haut zu spüren, der Wind, der übers Wasser fuhr, kräuselte und glättete es. Die verschlungenen silbernen Läufe, das Flimmern und Leuchten der Töne zeichnete bewegte Wasserflächen, emporschießende und herabsackende Wasserfontänen und platzende Wasserblasen vor sein inneres Auge, bis sich das Wasser unter den Händen der unsichtbaren Pianistin wieder beruhigte."

Wie Stettler sich von der Musik zur Imagination manieristisch anmutender Bilder verführen lässt, verziert der Autor durch blumige Worte seine Erzählung so sehr, dass sie in ihrer Erlesenheit bisweilen jugendstilig und verschroben wirken. Doch es geht um die heile, schöne Welt Stettlers, in die plötzlich in der Person Werner Bleichers ein Störenfried und Widersacher gerät. Er wird zum Anlass eines verbitterten Zweikampfes, dem Stettler in einem tragisch-grotesken Ende zum Opfer fällt. Bleicher, ebenfalls Dekorateur, wurde ohne Stettlers Wissen vom Besitzer des Quatre Saisons als "unser neuer Mann" und "als Tribut an die neue Zeit" angestellt. Stettler ist entsetzt und sieht in der Person Bleichers

"ein[en] Vertreter derer, die auf die Straße gingen, der Hippies und Demonstranten, die Sit-ins veranstalteten, Warenhäuser in Brand steckten, Plakate mit dem Porträt Che Guevaras hochhielten, »Ho-Ho Ho-Chi-Min« skandierten und die Welt gewaltsam verändern wollten, bis anständige, pflichtbewusste und unauffällige Menschen wie er sie nicht wiedererkannten."

Unmoral und Selbstzerstörung

Für Stettler hat das Aufeinanderprallen mit Bleicher dramatische Folgen. Er muss mitansehen, wie etwa die Sommerschaufenster des Kaufhauses unter dem Beifall der Menge mit lebenden Menschen ausstaffiert zum Ort eines die Kunst herabwürdigenden Happenings werden. Für ihn ist ein solcher Verstoß gegen das Artifizielle der Dekoration wie ein persönlicher Angriff auf seine Identität. Er fürchtet nicht nur das Ende seiner beruflichen Laufbahn, sondern darüber hinaus den gesamten Zerfall sittlicher Werte. Aus ohnmächtiger Wut beginnt er Bleicher zu beobachten, will ihn in einem anonymen Schreiben denunzieren und gerät selbst in das zwielichtige Milieu, in dem er Bleichers Lebenswandel angesiedelt glaubt. Ohne zu ahnen, wohin ihn seine Verfolgungsjagden führen, befindet er sich eines Nachts im La petite voliére, einem Schwulenclub.

"Als er das Glas entgegennahm, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: Der junge Mann zwinkerte ihm zu und spitzte die Lippen, als wollte er ihm einen Kuss zuwerfen. [...] Als Nächstes fiel sein Blick auf einen der Polizisten, die ihm den Rücken zuwandten. Der Hosenboden seiner Uniform war herausgeschnitten worden, zwei blanke, behaarte Hinterbacken glänzten im Licht einer Tischlampe. Stettler war nicht irgendwo. Er war an einem Ort, für den er gar kein Wort hatte, an einem Ort, an den jemand wie er nicht gehörte."

Ungleichheit der Werte

Selbst in solchen, Stettler verstörenden, zugleich von Sulzer geschickt inszenierten Schlussszenen des Romans, dessen Pointe hier nicht verraten werden soll, bleibt sich der Autor seiner ästhetisierenden Erzählweise treu und verharrt in der Perspektive des Betrachters, dem im Blick auf die Geschichte jeweils nur Schaufensteransichten vorgeführt werden. Stettler, der archaisch anmutende Schöngeist und Musikliebhaber, bekommt trotz seiner Spießigkeit etwas Heldenhaftes und kann sich am Ende vor all diesen gesellschaftlichen Misstönen nur noch die Ohren zuhalten, um danach, wie es heißt, "alles nur noch aus weiter Ferne" zu hören. Wie in einem letzten filmischen Standbild friert Sulzer die teils groteske, teils tragische Geschichte des Schaufensterdekorateurs Stettler ein. Sie spielt zwar in einer Vergangenheit, die erst fünfzig Jahre hinter uns liegt und so manchem noch lebhaft und streitbar erinnerbar sein mag. Doch Alain Claude Sulzer bändigt sie in einem Stil und einer Dramaturgie, die sich an das klassische Erzählmodell des 19. Jahrhunderts halten. So bekommt sein neuer Roman, in dessen konservativer Eigengesetzlichkeit alles "stimmt", den Nimbus von etwas Überzeitlichem und Parabelhaftem.

Alain Claude Sulzer: "Unhaltbare Zustände"
Galiani Verlag, Berlin. 267 Seiten, 22 Euro.

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